Rezension über:

Claudia von Kruedener: Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern (1676-1730). Und ihre Friedenspolitik in europäischen Dimensionen zwischen Papst und Kaiser, Regensburg: Friedrich Pustet 2020, 412 S., 10 s/w-Abb., ISBN 978-3-7917-3130-8, EUR 39,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Katrin Keller
Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Katrin Keller: Rezension von: Claudia von Kruedener: Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern (1676-1730). Und ihre Friedenspolitik in europäischen Dimensionen zwischen Papst und Kaiser, Regensburg: Friedrich Pustet 2020, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/09/34448.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Claudia von Kruedener: Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern (1676-1730)

Textgröße: A A A

Kurfürst Max II. Emanuel von Bayern, seit 1691 Statthalter der spanischen Niederlande, plante zweifellos, seine Wiederverheiratung nach dem Tod seiner ersten Gemahlin 1692 für seine Pläne zu nutzen, die auf eine Rangerhöhung für seine Person und sein Haus hinausliefen. Dieses Bestreben teilte er mit mehreren seiner kurfürstlichen Zeitgenossen, die alle nach königlichen Würden strebten. Bemühungen aus Polen kamen dem bayerischen Kurfürsten dabei entgegen, und so ehelichte er im Herbst 1694 Therese Kunigunde Sobieski, die Tochter des Königs von Polen. Anfang Januar 1695 traf sich das Paar an der Grenze der Niederlande. Das Vorhaben des Kurfürsten, sich nach Sobieskis Tod zum König von Polen wählen zu lassen, schlug freilich fehl, denn mit kaiserlicher Unterstützung konnte sich 1697 am Ende ein anderer Kurfürst des Reiches, Friedrich August I. von Sachsen, durchsetzen. Später versuchte der bayerische Kurfürst während des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) im Bündnis mit Frankreich Erbansprüche auf die Niederlande durchzusetzen. Dies hatte nach militärischen Niederlagen allerdings zur Folge, dass Bayern von österreichischen Truppen besetzt und über den Kurfürsten und seinen Bruder, den Kurfürsten von Köln, die Reichsacht verhängt wurde.

In dieser extrem schwierigen Situation setzte Max II. Emanuel im August 1704 seine Gemahlin als Regentin der bayerischen Länder ein und überließ es ihr und seinen Räten, einen Vertrag mit der siegreichen kaiserlichen Seite auszuhandeln. Dieses Faktum ist zumindest in der bayerischen Landesgeschichte geläufig, und die Person der Kurfürstin ist auch bereits mehrfach Gegenstand von kleineren Darstellungen gewesen (Czarkowski-Golojewski 1974, Komaszyński 1981, Kägler 2009), und Michał Komaszyński widmete ihr 1982 eine mehrfach neu aufgelegte Biografie. Claudia von Kruedener hat ihrerseits nun eine Monografie vorgelegt, die eine "politische Biographie" (11) der Kurfürstin darstellen soll.

Nach einer ausführlichen Einleitung zu Forschungsstand, Quellenlage und Fragestellungen (11-57) folgen sieben chronologisch angeordnete Kapitel: Zuerst werden Erziehung und polnisches Umfeld der Prinzessin behandelt, dann die Eheschließung mit Max Emanuel. Dem folgen ausführliche Erörterungen zur Rolle des Kurfürsten in den Auseinandersetzungen um die spanische Erbfolge, denen sich ein Kapitel (162-206) zur Regentschaft Therese Kunigundes in Bayern 1704/05 anschließt. Dann folgt die Verfasserin der Kurfürstin ins Exil nach Venedig, aus dem diese erst 1715 wieder nach München zurückkehren konnte. Schließlich geht es um ihre Berücksichtigung im Zuge der bayerischen Restitution nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges und abschließend um Therese Kunigundes Witwenzeit, in der sie sich wiederum nach Venedig zurückzog. Ein Anhang umfasst mehrere Tabellen, kurze Exkurse zu den Residenzen der Kurfürstin in München und Venedig und zu ihrer Bibliothek. Das abschließende Personen- und Ortsregister ist ausführlich, beinhaltet allerdings überraschenderweise keine Seitenangaben.

Wie die Einleitung und diverse Hinweise im Text selbst erkennen lassen, ist die Quellenlage zu verschiedenen Aspekten des Lebens der bayerischen Kurfürstin recht gut, nicht zuletzt auch in Hinblick auf Korrespondenzen und Rechnungen. Die Verfasserin hat zahlreiche Archive aufgesucht, um diese Quellen zur Kenntnis zu nehmen, und es ist ihr damit sicher auch gelungen, neues Material zutage zu fördern. Ebenso ist die vorhandene landesgeschichtliche Literatur in breitem Maße einbezogen worden. Was allerdings bereits sowohl bei den Ausführungen zum Forschungsstand wie zu Fragestellung und Vorgehensweise in der Einleitung auffällt, ist, dass Claudia von Kruedener zentrale Begriffe, die den Rahmen für eine "politische Biographie" abgeben würden, weder einleitend noch in der Darstellung reflektiert. "Politik" oder "dynastische Herrschaft" kommen allenfalls implizit im Text vor; "Geschlecht" bildet überhaupt keine Kategorie in den Ausführungen. Zudem folgt die Autorin einem weitgehend antiquierten Politik-Begriff, und obwohl der Begriff "Performanz" sehr häufig im Text benutzt wird, werden auch Konzepte wie das der symbolischen Kommunikation in der Darstellung allenfalls am Rande berücksichtigt.

Insgesamt fehlt es der Studie an analytischer Durchdringung des Materials, weshalb der Ertrag der Studie wenig mehr sein kann als die Menge hier versammelter Fakten zur Biografie der Kurfürstin. Selbst deren Regentschaft wird eher in Form einer Aufzählung als in konzeptioneller Ordnung behandelt, obwohl hier ja etliche Beispiele aus der Literatur sowohl für den Aufbau der Untersuchung wie für die Einordnung der Handlungsspielräume Therese Kunigundes hätten herangezogen werden können. Dass die Autorin für die Drucklegung ihrer 2014 abgeschlossenen Dissertation offenbar keine neuere Literatur benutzt hat - es sind kaum Titel aus den Jahren nach 2010 nachgewiesen - hat die Einordnung eigener Befunde sicher nicht erleichtert. Alles in allem bleibt leider nur zu konstatieren, dass eine moderne Biografie von Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern weiterhin als Desiderat der Forschung bezeichnet werden muss.

Katrin Keller