Rezension über:

Jessie Labov: Transatlantic Central Europe. Contesting Geography and Redefining Culture beyond the Nation, Budapest: Central European University Press 2019, XV + 213 S., ISBN 978-615-5053-29-0, EUR 47,00
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Rezension von:
Krzysztof Okoński
Kazimierz-Wielki-Universität, Bydgoszcz
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Krzysztof Okoński: Rezension von: Jessie Labov: Transatlantic Central Europe. Contesting Geography and Redefining Culture beyond the Nation, Budapest: Central European University Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 9 [15.09.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/09/34715.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Jessie Labov: Transatlantic Central Europe

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Die Kultur des ostmitteleuropäischen Exils und des Samizdat gehört der analogen Ära an und ist ein regionales Phänomen geblieben, das allmählich in Vergessenheit gerät. Es ist daher umso erfreulicher, dass das Buch von Jessie Labov diesen Themenkomplex ins digitale Zeitalter überträgt und neu definiert. Ihre Studie ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten wird die Zeitschrift Cross Currents. A Yearbook of Central European Culture im Hinblick auf ihr imaginäres Bild vom "Transatlantic Central Europe" dargestellt, und im zweiten werden Versuche analysiert, sich mit der Eigenart des Widerstands gegen den Kommunismus im Exil auseinanderzusetzen und das politische Engagement osteuropäischer Künstler nach 1989 neu zu definieren. Der Band enthält neben einer umfangreichen Bibliografie ein Register der Personen und Institutionen, ein Verzeichnis der auf den Titelseiten von Cross Currents abgebildeten Skulpturen sowie eine Liste von Landkarten, die das Phänomen der Exilzeitschrift Kultura geografisch erfassen.

Das von Labov präsentierte Konzept "Transatlantic Central Europe" beruht auf einer breit angelegten Konstellation von politischen Praktiken, Bedeutungen und geografischen Kontexten, in denen Menschenrechtler und Emigranten aus dem sozialistischen Osteuropa wirkten. Einen weiteren Faktor bildet die Tatsache, dass sich Dissidenten sowohl vom traditionellen (wie Labov schreibt: "pangermanischen") Begriff "Mitteleuropa" als auch vom sowjetisch geprägten Terminus "Osteuropa" distanzierten. Die Einbeziehung der Zeitschrift Cross Currents, die 1982-1994 in den USA erschien, ermöglicht es, auf das Phänomen "Transatlantic Central Europe" wie durch ein umgedrehtes Fernglas zu blicken: Das amerikanische Journal bildet hier einen inhaltlichen Rahmen, innerhalb dessen Mikrokosmos die sprachliche und literarische Vielfalt Ostmitteleuropas zelebriert wird. Im zweiten Teil versucht Labov den Systemwechsel im früheren Ostblock und dessen Folgen (wie zum Beispiel die Entstehung neuer Grenzen) in die Sprache des digitalen Zeitalters zu übertragen. In methodologischer Hinsicht reicht dieser zweite Teil von der Literaturkritik über die Geistesgeschichte hin bis zur Raumforschung.

Beide Teile des Buches verbindet der Begriff essay, der auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückgeführt wird und Versuche (essais) thematisiert, die Beziehungen zwischen dem Schriftsteller, der Nation und der Welt außerhalb ihrer Grenzen neu zu definieren, ohne sich dabei auf die binäre Ordnung der Welt in den Zeiten des Kalten Krieges zu berufen. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Einbeziehung von Methoden der digitalen Geisteswissenschaft im dritten Kapitel, das die internationale Reichweite der Pariser Kultura mit den Mitteln geografischer Informationssysteme darstellt (u. a. im Hinblick auf die Herkunft der Mitarbeiter, Spender oder Leserbriefschreiber). Labov zufolge handelt ihr Buch nicht vom Untergang des kommunistischen Systems, denn nicht das Konzept "Transatlantic Central Europe" habe die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht (13). Dennoch sei diese Idee heutzutage genauso wichtig wie in den 1980er Jahren, weil es immer noch Künstler gebe, die in dieser Region wirken und politisch festgelegte Grenzen überwinden wollten. Es lohnt sich daher, an drei Intellektuelle zu erinnern, die dieses Konzept in die Tat umgesetzt haben und biografisch sowohl im Ostmitteleuropa als auch im Westen verankert waren: Ladislav Matejka, den Gründer der Cross Currents, Milan Kundera und Czesław Miłosz. Diese Namen stehen für eine ethnische, religiöse und künstlerische Heterogenität der Cross Currents, die sich auch in der Vielzahl der in ihr vertretenen literarischen Formen und Genres ausdrückte.

Obwohl Labovs Buch die intellektuelle Vergangenheit Ostmitteleuropas aus transatlantischer Perspektive beleuchtet, hilft seine Lektüre auch noch zu Beginn der 2020er Jahre dabei, aktuelle Phänomene zu deuten. Die Autorin weist zum Beispiel darauf hin, dass insbesondere die formale und inhaltliche Vielfalt der Zeitschrift an die aufklärerische Encyclopédie aus dem 18. Jahrhundert erinnert und dass Miłosz und Kundera behaupten, dieses liberale geisteswissenschaftliche Erbe sei in Ostmittel- und nicht etwa in Westeuropa lebendig. Vor dem Hintergrund der aktuellen national-populistischen Wende in dieser Region ist dies sicherlich eine Feststellung, die sich nicht so recht mit der Gegenwart in Einklang bringen lässt.

Labov hat sich intensiv mit der internationalen Vernetzung der Exilkultur und der subversiven Kulturszene im Ostblock beschäftigt. Sie schildert mit hoher Sachkompetenz Zusammenhänge zwischen Widerstand, Literatur und ethnischer Herkunft und bietet einen differenzierten Einblick in die politischen und biografischen Verflechtungen der osteuropäischen Exilkultur. Umso unverständlicher ist es, dass sich Labov auf die Urteilsbildung anderer Forscher verlässt, statt aus der eigenen wissenschaftlichen Erfahrung zu schöpfen. So zitiert sie den britischen Historiker Gordon Johnston, dem zufolge ein Großteil der Veröffentlichungen im Exil und Samisdat "reaktionär, nationalistisch und sogar rechtsradikal" gewesen sei, und fügt selbst hinzu: "wie wir es aus breit angelegten Studien wissen" (154). Die Geschichte der ostdeutschen und polnischen Untergrund- und Exilkultur beweist aber das Gegenteil. Der DDR-Samizdat war nicht nationalistisch (aus der polnischen Perspektive könnte seine pazifistische, laizistische und ökologische Ausrichtung sogar als links gelten), geschweige denn rechtsradikal. Mehrere polnische Institutionen und Zeitschriften im Exil und im Untergrund strebten einen Dialog nicht nur mit Westeuropa, sondern mit allen Ländern Osteuropas, mit beiden deutschen Staaten und nicht zuletzt mit demokratischen Kräften in Russland an. Eine nach der Verhängung des Kriegsrechts in der Untergrundkultur spürbare Neigung zur Volksreligiosität passt ebenfalls nicht in das braune Raster. Stattdessen wäre die Frage angebracht, warum diese Lektion in politischer Toleranz im öffentlichen Diskurs so wenig präsent ist.

Genauso umstritten erscheinen manche Thesen von Labov im zweiten, den gegenwärtigen Protestkulturen gewidmeten Buchteil. Das Beispiel von Jan T. Gross, mit dem der Einfluss von Emigranten auf aktuelle Debatten in ihren Herkunftsländern veranschaulicht werden soll, bleibt eher ein Einzelfall. Das politische Engagement von Künstlern und Intellektuellen in Polen, besonders nach 1989, beweist aber das Gegenteil: Der Widerstand gegen den Machtmissbrauch bildet sich vor allem im Inland. Labov weist außerdem darauf hin, dass das Internet eine Art Fortsetzung des Samizdat und eine Plattform für demokratische Bewegungen (zum Beispiel in der Ukraine oder in arabischen Ländern) darstelle. Auch trage der Online-Aktivismus zur Stärkung der Zivilgesellschaft bei. Es bleiben aber auch die von Labov nicht erwähnten Schattenseiten, politisches Trolling, die Verbreitung von fake news oder die Nutzung des Internets durch radikale Kräfte.

Außerdem unterlaufen Labov einige Fehler im Detail: So gibt sie fälschlicherweise an, Jerzy Giedroyc sei in einer Adelsfamilie in der heutigen Ukraine geboren worden (131). In Wirklichkeit entstammte er einer Familie, die in Litauen ansässig war, und ist in Minsk, heute Belarus, zur Welt gekommen. Auf Seite 134 schreibt Labov über die unterschiedlichen Schicksale von Mieczysław Grydzewski und Giedroyc zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Während Grydzewski, der Begründer der Wiadomości Literackie, den Weg in den Westen wählte, begab sich der spätere Kultura-Redakteur Giedroyc nicht nach Budapest, wie Labov schreibt, sondern nach Bukarest. Giedroyc berichtet über diese Lebensphase in seiner Autobiografie. [1] 2018 erschien außerdem eine digitalisierte Fassung des rumänischen "Kopiariusz" [2], eines von Giedroyc geführten Notizbuches, das seinen Briefwechsel aus jener Zeit dokumentiert.

Labov leistet mit ihrer akribischen Studie einen wichtigen Beitrag zur Exil- und Ostmitteleuropaforschung und beleuchtet diesen Themenkomplex mit Methoden der digitalen Geisteswissenschaft. Das Buch zeichnet sich durch seine gute Lesbarkeit aus und überrascht mit einem innovativen Blick auf einen Themenbereich, der zwar vielseitig erforscht, aber von einer digital und GIS-basierten Analyse noch nicht erfasst wurde. Die Darstellung des Kultura-Netzwerks mit Hilfe von Landkarten veranschaulicht die internationale Dimensionen und Verknüpfungen dieser Zeitschrift.

Ob "Transantlantic Central Europe" tatsächlich ein Konstrukt ist, das sich in die politisch-gesellschaftliche Praxis übertragen und in der Erforschung der Exilkultur einsetzen lässt, wird die Zukunft zeigen. Gewiss aber hat Labov eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart geschlagen und auf diese Weise zur Heilung von ostmitteleuropäischen Minderwertigkeitskomplexen beigetragen.


Anmerkungen:

[1] Jerzy Giedroyc: Autobiografia na cztery ręce [Vierhändige Autobiografie], bearbeitet von Krzysztof Pomian, Warszawa 1994.

[2] Jerzy Giedroyc: Kopiariusz z Bukaresztu 1939-1940, URL: http://www.kulturaparyska.com/kopiariusz (11.02.2020).

Krzysztof Okoński