Rezension über:

Anne-Laure Briatte: Bevormundete Staatsbürgerinnen. Die "radikale" Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Aus dem Französischen von Meiken Endruweit (= Geschichte und Geschlechter; Bd. 72), Frankfurt/M.: Campus 2020, 490 S., 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-593-50827-6, EUR 49,00
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Rezension von:
Laura Pachtner
Lehrstuhl Neuere und Neueste Geschichte, Universität Passau
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Laura Pachtner: Rezension von: Anne-Laure Briatte: Bevormundete Staatsbürgerinnen. Die "radikale" Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Aus dem Französischen von Meiken Endruweit, Frankfurt/M.: Campus 2020, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 10 [15.10.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/10/32730.html


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Anne-Laure Briatte: Bevormundete Staatsbürgerinnen

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Mit dem bereits 2013 auf Französisch erschienenen Werk von Anne-Laure Briatte liegt nun, passend zum aktuellen jüngsten Jahrestag des deutschen Frauenstimmrechts 1919, eine Darstellung auch auf Deutsch vor, die den sogenannten radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung des Deutschen Kaiserreichs in den Blick nimmt. Zu deren Vertreterinnen gehören so bekannte Namen wie Anita Augspurg (1857-1943), Lida Gustava Heymann (1868-1943) und vor allem Minna Cauer (1841-1922). Briatte kombiniert Diskursanalyse, Darstellung der organisatorischen Entwicklung(en) und biographische Elemente, um die 'radikale' bürgerliche Frauenbewegung im Kontext der gesamten Frauenbewegung und des politisch-gesellschaftlichen Umfelds der Zeit zu verorten und die historische Rolle eben dieses Flügels zu analysieren. Entsprechend breit ist mit der zeitgenössischen Presse der Frauenbewegung sowie gedruckten Schriften und Ego-Dokumenten der Hauptakteurinnen der radikalen Frauenbewegung auch die Quellengrundlage, wobei Minna Cauers Nachlass und Schriften eine besonders prominente Rolle spielen. Im Anhang finden sich Kurzbiogramme zu vielen, teils wenig bekannten, Vertreterinnen (nicht nur) der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung und aus deren Umfeld, die interessante Schlaglichter auf personelle Netzwerke und ideelle Verbindungen werfen.

Die schon zeitgenössisch festgelegte klare Trennung der bürgerlichen und sozialistischen bzw. proletarischen Flügel der deutschen Frauenbewegung wird von der Forschung mittlerweile zum Teil in Frage gestellt. Stattdessen werden unterschiedliche Herangehensweisen bei teils gleichen Zielen sowie punktuelle praktische Koalitionen selbst mit der zumindest politisch doch deutlich abgegrenzten sozialistischen Frauenbewegung unter Clara Zetkin - die dies durchaus nicht guthieß - betont. Briatte wiederum fokussiert sich auf Vertreterinnen eines harten Kerns innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung, der eben innerhalb dieser als relativ radikal(er) einzustufen ist und den sie über drei Phasen, nämlich die Entstehungsphase 1888-1899, eine Phase als entscheidender Faktor des politischen Lebens 1899-1908 und eine Phase des 'Kohäsionsverlusts' 1908-1919 nachverfolgt.

Die radikalen Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung setzten, so Briatte, nicht auf die begrenzte Schiene der Forderung nach besseren Bildungs- und Berufsmöglichkeiten für Frauen, sondern gingen selbst über die zeitgenössisch als äußerst radikal wahrgenommene Forderung des Frauenwahlrechts hinaus. Ihr Ziel war vielmehr Wandel im Interesse der Gleichstellung bis tief in die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen wie ökonomischen Strukturen. Zu diesem Zweck gründeten die Vertreterinnen dieses Flügels zunächst diverse Vereine und Organisationen, die sich der Beratung, Unterstützung und Weiterbildung von Frauen in allen möglichen Belangen widmeten, so zum Beispiel der von Cauer begründete Verein 'Frauenwohl'. Dies entsprach auf den ersten Blick der traditionellen Herangehensweise der bürgerlichen Frauenbewegung, deren enge Verflechtung über sogenannte Flügel hinweg bei den hier engagierten Frauen in Briattes Darstellung auch deutlich wird. Jedoch sieht Briatte, den Selbsteinschätzungen ihrer wichtigsten Fokuspersönlichkeiten wie eben Cauer folgend, eine andere Qualität in der Zielsetzung dieser Organisationen, wie auch bei den von den 'Radikalen' herausgegebenen Publikationen, so der von Cauer über 25 Jahre geleiteten Zeitschrift 'Die Frauenbewegung': Es ging nicht um Selbsthilfe und Linderung ungünstiger Umstände im Rahmen der gegebenen Verhältnisse, sondern um nachhaltige, d.h. politische und juristische Veränderungen. In diesem Sinne standen die 'Radikalen' aus der bürgerlichen Frauenbewegung tatsächlich den sozialistischen Vertreterinnen nahe - abgesehen von den politischen Prämissen. Tatsächlich scheiterte die vom radikalen bürgerlichen Flügel immer wieder angestoßene Annäherung und organisatorische Zusammenarbeit mit der sozialistischen Frauenbewegung, durchaus nicht nur am Widerstand der konservativen bürgerlichen Frauen, wie Briatte klarstellt.

Cauer und ihrer Mitstreiterinnen hofften ihre von außen als reine Vertretung von Fraueninteressen erscheinenden Forderungen in einen größeren Kontext zu stellen, indem sie parlamentarischen Einfluss auszuüben suchten, so z.B. durch Kooperation mit linksliberalen Persönlichkeiten und Organisationen. Dies entsprach dem Ideal dieses Flügels, eben keine weiblichen Partikularinteressen zu verfolgen, sondern die 'Frauenfrage' als gesamtgesellschaftliche politische Frage zu behandeln, die über staatliche bzw. parlamentarisch vermittelte Maßnahmen zu lösen sei, wie Briatte hervorhebt.

Die Flügelkämpfe innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung wurden zum Einen über die großen Organisationen wie den seit 1894 bestehenden Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) bzw. zunächst eigenständige, später diesem angeschlossene Vereinigungen wie eben den von Cauer 1899 gegründeten Verband fortschrittlicher Frauenvereine ausgetragen. Während im Großen und Ganzen die 'gemäßigte' Seite die Oberhand behielt, übernahm der BDF in diesem Prozess doch diverse 'radikale' Positionen, so vor allem während der Vorstandschaft der 'gemäßigt' radikalen Marie Stritt von 1899-1910, wie Briatte herausarbeitet. Zum Andern waren es publikumswirksame Äußerungen in der Öffentlichkeit, mit denen die Vertreterinnen des radikalen Flügels ohne Rücksicht auf Opportunität, wie es die 'Gemäßigten' bevorzugten, ihre Forderungen aufstellten und die öffentliche Meinung des Kaiserreichs teils skandalisierten, so wenn es um die Themen Entkriminalisierung von Prostitution, freie Ehe und Geburtenkontrolle ging.

Eben diese Forderungen und Vorstellungen, die zuwider traditionellen zeitgenössischen Idealen die begrenzte Rolle der Frau gesellschaftlich und politisch radikal in Frage stellten, entfalteten gerade durch ihre zeitgenössisch offenbare Unannehmbarkeit eine entscheidende Wirkung, wie Briatte deutlich macht und damit ein bereits von Angelika Schaser herausgearbeitetes Phänomen bestätigt: Für die politischen Entscheidungsträger und die breite, nicht nur männliche Öffentlichkeit der Zeit erschienen so die 'Gemäßigten' als vernünftige Ansprechpartner. Deren Forderungen erschienen damit bedenkenswert und eröffneten einen gangbaren Weg zur Lösung der Frauenfrage. Genau dies ermöglichte dann reale Veränderungen im Interesse der Gleichstellung. Dabei wurden, wie von Briatte aufgezeigt, auch radikale Forderungen wie das allgemeine Frauenstimmrecht letztlich mit ins Boot geholt - und durchgesetzt. Im Wechselspiel von radikalen Maximalforderungen und gemäßigtem Entgegenkommen bei teilweiser Übernahme und Austausch von Positionen, wie es sich z.B auch für die Arbeiterbewegung verfolgen lässt, spielen die radikalen Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung damit eine entscheidende, wenn auch undankbare und letztlich ungeliebte Rolle. Für Minna Cauer selbst jedenfalls erschien die Bilanz gegen Ende ihres Lebens 1920 negativ, zumal der Erste Weltkrieg und die nationale Radikalisierung die überzeugte Pazifistin weiter desillusioniert hatten: Sie sah 'in Distanz zu der Vergangenheit [...]eine solche Fülle von geleisteter Arbeit [...], und ach, so wenig Erfolg.' (420, Tagebuch Minna Cauer 7.5.1920)

Tatsächlich zeigt sich erst in der Distanz eines Jahrhunderts, wie Briatte zusammenfasst, zu welchen Erfolgen die 'Radikalen' einen entscheidenden Beitrag geleistet haben: Die Öffnung der Universitäten und vieler Arbeitsfelder für Frauen sowie unzählige kleine und größere Verbesserungen des sozialen, ökonomischen und juristischen Status von Frauen - am prominentesten natürlich das Stimmrecht. Briatte bietet insgesamt, eine gewisse Kenntnis des Kontexts vorausgesetzt, eine überzeugende Darstellung, die sowohl Details zu den speziellen Tätigkeits- und Problemfeldern wie einen Überblick der Entwicklung dieses 'radikalen' Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung liefert.

Laura Pachtner