Rezension über:

Andreas Zimmer: Der Kulturbund in der SBZ und in der DDR. Eine ostdeutsche Kulturvereinigung im Wandel der Zeit zwischen 1945 und 1990, Heidelberg: Springer-Verlag 2019, XVI + 674 S., ISBN 978-3-658-23552-9, EUR 99,99
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Rezension von:
Jeannette van Laak
Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Jeannette van Laak: Rezension von: Andreas Zimmer: Der Kulturbund in der SBZ und in der DDR. Eine ostdeutsche Kulturvereinigung im Wandel der Zeit zwischen 1945 und 1990, Heidelberg: Springer-Verlag 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 11 [15.11.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/11/34548.html


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Andreas Zimmer: Der Kulturbund in der SBZ und in der DDR

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Zu den Parteien und Massenorganisationen der DDR liegen nach mittlerweile 30 Jahren zahlreiche Monografien und Sammelbände vor. Eine zum Kulturbund der DDR hat bislang gefehlt. Andreas Zimmer hat diese Lücke nun geschlossen. Er legt eine vierzigjährige "Vereinsgeschichte" vor, die alle Zäsuren der DDR-Geschichte berührt. Zugleich zeigt sie die Probleme und Herausforderungen auf, mit denen sich eine Massenorganisation in der DDR auseinandersetzen musste, die die Massen im kommunistischen Selbstverständnis organisieren sollte, in vielen Aspekten jedoch nach dem Vereins-Prinzip funktionierte. Der Autor schreitet dabei chronologisch in fünf Kapiteln von der Entstehung bis zum Jahr 1990 voran, während er in der Einleitung zum Thema hinführt und im Fazit seine Ergebnisse noch einmal bündelt.

Zimmers Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass die Organisation bis zu ihrer Auflösung ein bürgerliches Refugium gewesen sei, hatte doch der Kulturbund in seinem Gründungsaufruf vorrangig Intellektuelle und Künstler angesprochen. Zu den wichtigen Erkenntnissen gehört, dass die Intellektuellen über Jahre eine Minderheit innerhalb des Kulturbundes blieben, selbst als der "Intelligenz"-Begriff den Verhältnissen angepasst wurde. So wurden ab Mitte der 1960er Jahre auch all jene als Intellektuelle bezeichnet, die einen Fach- und Hochschulabschluss erworben hatten. Bevor man jedoch die eigene Begrifflichkeit den Verhältnissen anpasste, versuchten es die SED-Kulturfunktionäre mit einer Spezifizierung des Angebots an die Intellektuellen: Die "Klubs der Intelligenz" verstanden sich einmal mehr als Integrationsangebot, zu dem eine rege Vortragstätigkeit, ein Klubraum mit entsprechender Atmosphäre, im Idealfall sogar der Ausschank von Getränken ebenso wie ein kleiner gastronomischer Service gehörten. Gerade in der Nachkriegszeit ermöglichte dieser Klub seinen Mitgliedern einen exquisiten Zugang zu zahlreichen privilegierten Leistungen. In dieser Zeit und in den ersten Jahren nach Gründung der DDR trafen sich hier vorwiegend Remigrantinnen und Remigranten, die die seit der Emigration bestehenden Netzwerke pflegen konnten. Für sie stellte der "Klub der Intelligenz" vor allem ein Distinktionsmittel dar, durften sie doch hier jene sein, die sie waren: Bürgerliche und Intellektuelle, im Ganzen also eine Personengruppe, die es in der DDR-Gesellschaft offiziell gar nicht geben und deshalb auch nicht explizit gefördert werden sollte.

Auch andere, ebenfalls "von oben" verordnete Initiativen, wie die "Weimarer Akademie", die zwischen 1962 und 1967 tätig war, standen unter keinem guten Vorzeichen. Mit den Gesprächskreisen und Meetings der "Weimarer Akademie" wollten die SED-Kulturfunktionäre mit den westdeutschen Schriftstellern und Intellektuellen der Gruppe 47 ins Gespräch kommen. Zwar begrüßten die Schriftstellerinnen und Schriftsteller beider deutscher Staaten diesen Austausch. Die westdeutschen Kollegen fürchteten jedoch eine kommunistische Indoktrination, nicht zuletzt, weil die Zusammenkünfte ausschließlich in der DDR stattfanden. Weil sich für die SED-Führung letztlich nicht der gewünschte Erfolg einstellte, aber auch weil der intellektuelle Austausch kaum zu kontrollieren war, wurden die Veranstaltungen der "Weimarer Akademie" sang- und klanglos eingestellt. Das führte dazu, dass sie im deutsch-deutschen kulturellen Gedächtnis weitgehend vergessen waren, weshalb es Zimmers Verdienst ist, an sie nun rückerinnert zu haben.

Bereits diese beiden Beispiele zeigen, worauf viele frühere Studien ihren Schwerpunkt setzten: auf eine bürgerlich geprägte Bildungsgeschichte, die in aller Regel die Hochkultur meinte bzw. das, was die Autoren darunter verstehen. Zimmer widmet sich zwar auch verschiedenen bürgerlich geprägten Vereinen wie den Philatelisten oder den Numismatikern und zeigt, worin deren Erfolge bis zum Ende der DDR lagen: nämlich in ihrer Vorgeschichte und in stabilen Mitgliederzahlen. Mögliche Ursachen, weshalb diese ursprünglich als Vereine gegründeten Gruppen, flexibel auf die Organisationsanforderungen einer DDR-Massenorganisation zu reagieren vermochten, werden jedoch nicht erörtert. So hat vielleicht gerade der viel zitierte Eigensinn, der für diese Gruppen bzw. für ihr Auftreten charakteristisch war, seine Wurzeln im Bürgerlichen. Doch das dezidiert zu untersuchen, bleibt anderen Studien vorbehalten.

Stattdessen wendet sich Zimmer noch einmal neuen Entwicklungen innerhalb des Kulturbundes zu: so den in den späten 1960er Jahren gegründeten "Kleinen Galerien" bzw. "Kunstkabinetten", die in den Räumen des Kulturbundes neue Ausstellungsformate ausprobierten. Die "Kleine Galerie" in Leipzig wurde 1968 zum Beispiel von Hannelore Röhl gegründet und entwickelte sich mit den Jahren kontinuierlich weiter. Es waren gerade solche Gespräche zwischen Künstlern und Publikum, die der Kulturbund ursprünglich hatte anregen wollen. Erst die Galerien und die dort etablierten Gesprächskreise entwickelten sich also zu einem Veranstaltungsformat, in dem man sich intensiv, offen und intellektuell anregend über die Verhältnisse in der Zeit austauschte. Zukunftsvisionen wurden dort vielleicht nicht entworfen, doch diese Gesprächskreise trugen dazu bei, die bestehenden Verhältnisse zu reflektieren und damit erträglich werden zu lassen.

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Individualisierung, die spätestens seit den 1970er Jahren Europa erfasst hatte, vor den Grenzen der DDR nicht haltmachte. Ganz im Gegenteil: Mit der Gründung zahlreicher Arbeitsgruppen und Interessengemeinschaften zu den Themen Menschenrechte, Umweltschutz, Friedensgruppen innerhalb der Kirchen aber eben auch innerhalb des Kulturbundes handelten die Akteure in ähnlicher Weise wie in der Bundesrepublik oder in der VR Polen.

Doch die Stärken dieser Arbeit liegen auf einem anderen Gebiet: nämlich in ihrem überbordenden Detailreichtum und in der Zusammenfassung, die die Ergebnisse zur DDR-Forschung der jüngsten Zeit noch einmal bündelt. Schließlich kommt der Autor zu zwei Schlussfolgerungen: Zum einen war der Kulturbund ein schwer kontrollierbarer Freiraum; zum anderen stieß die DDR-Führung in ihrem Drang, alles zu kontrollieren, in vielerlei Hinsicht an die eigenen Grenzen. Für künftige Studien zur DDR-Geschichte wünscht man sich dennoch, dass die DDR als Staat und als Gesellschaft weniger solitär verstanden wird, sondern historisch eine Einbindung in die staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen der europäischen Nachbarländer erfährt.

Jeannette van Laak