Rezension über:

Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke. Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden, herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe, Göttingen: Wallstein 2019, 6 Bde., 3712 S., ISBN 978-3-8353-3256-0, EUR 69,00
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Rezension von:
Ralf Bogner
Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Christian Volkmar Witt
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Bogner: Rezension von: Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke. Kommentierte Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden, herausgegeben von Jan Knopf, Franz Littmann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann unter Mitarbeit von Esther Stern im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe, Göttingen: Wallstein 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 11 [15.11.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/11/34886.html


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Johann Peter Hebel: Gesammelte Werke

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Johann Peter Hebel ist einer der wichtigsten Autoren der Spätaufklärung. Einige seiner Kalendergeschichten - unter anderem "Unverhofftes Wiedersehen" und "Kannitverstan" - gehören bis heute zum engsten Kanon der deutschsprachigen Kurzprosa. Umso unbefriedigender angesichts der Bedeutung des Schriftstellers, Geistlichen, Lehrers und Politikers hat sich bislang die Editionssituation seines Werkes dargestellt. Auf der einen Seite haben lediglich einige ältere, teils nicht kritische und nicht kommentierte, teils nur auswählende Ausgaben vorgelegen. Auf der anderen Seite erscheinen die Bände der historisch-kritischen Edition der "Sämtlichen Schriften" seit 1990 nur sehr zögerlich und es klaffen hier etliche wichtige Lücken, deren Füllung wohl noch einiges an Zeit in Anspruch nehmen wird. Vor diesem Hintergrund ist es erst einmal zu begrüßen, dass der Wallstein Verlag nun eine sechsbändige Edition vorlegt, die zudem sowohl schön ausgestattet als auch mit einem Preis von 69 Euro wohlfeil ist und damit sicherlich dazu beitragen wird, dass Hebel wieder neue und mehr Leserinnen und Leser findet.

Die Ausgabe ist einem ganz anderen Editionstyp zuzuordnen als die "Sämtlichen Schriften". Sie erhebt den Anspruch, dem Publikum einen philologisch soliden Text zur Verfügung zu stellen. Konsequenter- und erfreulicherweise wird daher auf Modernisierungen in Rechtschreibung und Zeichensetzung verzichtet und der historische Text dargeboten. Die zahlreichen Varianten aus den verschiedenen Überlieferungsträgern von Hebel werden hingegen nicht vollständig dargeboten, sondern in Auswahl bei sehr auffälligen Veränderungen. Das entspricht einer gängigen Verfahrensweise bei diesem Editionstyp. Im Gegenzug enthält die Wallstein-Ausgabe einen sehr umfänglichen und reichhaltigen Anmerkungsapparat mit Sach- und Spracherläuterungen, der für interessierte Rezipienten, denen vielleicht der eine oder andere geschichtliche Vorgang oder manche Persönlichkeiten der damaligen Weltläufte nicht präsent sind, zweifellos außerordentlich nützliche Hilfestellungen bei der Lektüre bietet. Hinzu kommen unerlässliche Übersetzungen von lateinischen, griechischen und hebräischen Textpassagen. Ein solcher Kommentar ist in der kritischen Ausgabe der "Sämtlichen Schriften" entsprechend dem ganz anderen Editionstyp nicht enthalten.

Der Anforderung, in einer Lese- und Studienausgabe einen philologisch soliden Text zur Verfügung zu stellen, wird freilich in den sechs Bänden nicht durchweg Genüge getan. Grund dafür ist, dass etliche Teile der Edition auf früheren Ausgaben beruhen, deren Mängel bekannt und mehr als hinreichend dokumentiert sind. Hier hätten die Herausgeber deutlich mehr Mühe walten lassen müssen. Besonders eklatant ist das bei den beiden Bänden mit Hebels Briefen. Sie gehen weit über private und individuelle Lebenszeugnisse hinaus und bilden erstrangige Dokumente der Ideen- und Mentalitätsgeschichte der Zeit um 1800. Dargeboten wird die Korrespondenz auf der Basis von Wilhelm Zentners Ausgabe von 1957. Ihre Unzuverlässigkeit hat die Forschung in zahlreichen Details nachgewiesen. Freilich kann man nicht nur bei den Briefen manche kritische Frage nach der dem Text zugrunde gelegten Quelle stellen. Das gilt beispielsweise vom Faksimiledruck des "Rheinländischen Hausfreundes" und von den im Nachlass überlieferten Gedichten, die nach einer nicht ganz zuverlässigen Transkription von 1882 wiedergegeben werden.

Die sechs Bände folgen einem schlüssigen Aufbauprinzip. Am Beginn stehen die lyrischen Texte und die frühen Schriften einschließlich der "Allemannischen Gedichte", der ersten bedeutenden Sammlung von Dialektlyrik in deutscher Sprache. Es folgen seine Exzerpte und der sog. "Proteus-Komplex", sodann seine berühmten "Kalenderbeiträge", weitere vermischte Schriften und die "Biblischen Geschichten". Der hierauf abgedruckte Katalog von Hebels Bibliothek ist ein wichtiges Zeugnis. Abgeschlossen wird die Ausgabe durch die bereits genannten Briefe des Autors.

Als gelungen kann die Zusammenstellung des in die Edition aufgenommenen Korpus an Werken Hebels jedoch nicht bezeichnet werden. Ein gravierendes Problem jeder Hebel-Ausgabe ist die schlichte Tatsache, dass Hebels Verfasserschaft in vielen Fällen strittig ist. Etliche Texte werden ihm oft zugeschrieben, die nicht explizit unter seinem Namen erschienen sind, und von anderen besitzen wir weder einen Druck zu Lebzeiten noch eine handschriftliche Überlieferung, dafür jedoch den postumen Abdruck wenige Jahre nach dem Tod aus offenbar später verloren gegangenen Manuskripten. Hier ist weder der Raum noch der Ort, um die diesbezüglichen Streitigkeiten der Hebel-Spezialisten genauer darzustellen oder sich in diese gar einzumischen. Die Art und Weise aber, wie die Aufnahme der einen Texte und die Auslassung anderer von den Herausgebern hier begründet wird, erscheint doch an einigen Punkten angesichts der vorliegenden Diskussionsbeiträge zu dünn. Man kann aus einer repräsentativen Hebel-Ausgabe nicht den Großteil seiner Predigten und den "Christlichen Katechismus" einfach weglassen. Das würde voraussetzen, dass ihm diese Werke kurz nach seinem Tod in der postumen Gesamtausgabe untergeschoben und somit von einem Schurken gefälscht worden sind. Noch fadenscheiniger als die Behauptung mangelnder Authentizität der Kanzelreden ist das Argument, Hebels Predigten seien für die Ausgabe verzichtbar, weil der Autor sie "verbindlich" auf die Perikopen des Kirchenjahres und nach "vorhandene[n] Muster[n] und Formate[n]" habe schreiben und halten müssen (vgl. Bd. 4, 613). Nach dieser Logik könnte man alle Dramen eines Dichters, der sich an die Vorgaben einer bestimmten Poetik hält, als unwürdig der Edition verdammen. Im scharfen Kontrast zum Umgang mit den Predigten steht die Haltung gegenüber den Beiträgen im "Rheinländischen Hausfreund". Die Zweifel an der Beteiligung Hebels am Jahrgang des Kalenders von 1816 sind doch sehr gewichtig - insbesondere durch dessen öffentliches Dementi seiner Verfasserschaft -, und dennoch werden ihm die Texte hier zugeschrieben und abgedruckt. Man wolle "lieber Texte auf[]nehmen, die nicht von Hebel stammen, als Texte zu unterschlagen", die vielleicht von ihm stammen könnten (Bd. 3, 612).

Man vermag diesem Argument zu folgen, aber zusammen mit den Entscheidungen gegen den Abdruck anderer Texte entsteht ein etwas unguter Eindruck. Die fraglichen Werke sind dann 'erwünscht', wenn es sich um 'wertvolle' Erzähltexte und witzige Kalenderbeiträge handelt, und der Homilet und christliche Schriftsteller ist für heutige Leserinnen und Leser eben doch zu 'ungemütlich'. Es wäre dann zumindest ehrlicher gewesen, die sechs Bände klar als Auswahlausgabe zu kennzeichnen. Das hätte den Editoren auch noch aus einem anderen Grund gut angestanden. Die erstmalige Veröffentlichung von drei Heften mit Exzerpten des jungen Autors aus den Handschriften samt ausführlichem Kommentar ist ein Meilenstein der Hebel-Forschung. Die Information, dass es von diesen Heften aber fünf gibt und hier nur drei ausgewählte veröffentlicht werden, hätte man den Rezipienten schon zukommen lassen dürfen, statt zu behaupten, dass die "frühen Exzerpthefte in vollem Umfang" (Bd. 6, 453) dargeboten würden.

Es bleibt als Fazit ein sehr durchwachsener Eindruck. Eine Ausgabe der Werke eines Autors, von dem nicht alle paar Jahre eine Neuedition vorgelegt wird, in einem so renommierten Verlag hätte mit mehr Sorgfalt und unter behutsamer Abwägung der vielschichtigen Forschungsergebnisse ausgearbeitet werden sollen. Der wirklich verdienstvolle Sprach- und Sachkommentar wird in Frage gestellt, wenn er sich in vielen Passagen auf eine nicht ausreichend gesicherte Textgrundlage bezieht. Und das Gesamtbild der Werke eines Autors sollte nicht durch eine mutmaßliche Gesamtausgabe nachhaltig geprägt werden, die wesentliche Werke nicht berücksichtigt.

Ralf Bogner