Rezension über:

Anna Catharina Hofmann: Francos Moderne. Technokratie und Diktatur in Spanien 1956-1973 (= Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts; Bd. XXX), Göttingen: Wallstein 2019, 464 S., 37 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-3521-9, EUR 42,00
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Rezension von:
Walther L. Bernecker
Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Walther L. Bernecker: Rezension von: Anna Catharina Hofmann: Francos Moderne. Technokratie und Diktatur in Spanien 1956-1973, Göttingen: Wallstein 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 12 [15.12.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/12/33914.html


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Anna Catharina Hofmann: Francos Moderne

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Über den Franquismus und das "spanische Wirtschaftswunder" seit Anfang der 1960er Jahre ist schon viel historische Literatur erschienen. Da die ökonomische Entwicklung jener Zeit praktisch alle Dimensionen des politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens beeinflusste, haben sich Ökonomen, Historiker, Soziologen, Anthropologen und Kulturwissenschaftler mit dieser Thematik beschäftigt - aus je unterschiedlichen Perspektiven.

Auch Anna Catharina Hofmann beschäftigt sich in ihrer Freiburger Dissertation mit dem "spanischen Wirtschaftswunder" der 1960er Jahre. Sie stellt das franquistische Regime als "südeuropäische Entwicklungsdiktatur" dar (17). Deren politische Strategie lag vor allem in der Wirtschaftsplanung der 1960er und 1970er Jahre mit dem Ziel, in möglichst kurzer Zeit mit den "entwickelten" Ländern Westeuropas gleichzuziehen. In den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt sie die franquistische Wirtschaftsentwicklungspolitik, der sie weit größere Bedeutung beimisst, als dies bisher in der Literatur geschieht. Dabei stützt sie sich auf vielfältige Quellen, insbesondere auf den im Archiv der Universität von Navarra (Pamplona) aufbewahrten Nachlass des Planungskommissars Laureano López Rodó. Dieser darf als einer der Hauptarchitekten der neuen Legitimationsstrategie des Franquismus gelten, die sich in mehreren Entwicklungsplänen manifestierte; diese Pläne zeichneten sich seit den 1960er Jahren durch technokratische Effizienz aus.

Ideengeber für die Entwicklungs- und Planungsmodelle der 1960er Jahre waren keineswegs nur US-amerikanische Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften. Auch verwaltungswissenschaftliche Ansätze wurden verfolgt, die in der Studie ausführlich zur Sprache kommen. Die Untersuchung setzt mit dem "Krisenjahr 1956" ein, in dem die politischen, ökonomischen und sozialen Problemlagen des Franco-Regimes erstmalig einer breiteren Öffentlichkeit deutlich wurden. Möglicherweise werden wegen des Ausgangsjahres 1956 die davor liegenden Stützpunkteabkommen mit den USA aus dem Jahr 1953 nur sehr marginal erwähnt (26), obwohl sie in einer Studie, die die Gründe für die Stabilität der Diktatur untersucht, eine ausführlichere Berücksichtigung verdient hätten.

Neben Einleitung und Schlussbetrachtung gliedert sich die Studie in vier große Blöcke: Im ersten - mit dem Titel "Auf der Suche nach einer neuen Legitimation" - geht es um den Beginn des rapiden Aufstiegs von López Rodó in die franquistische Machtelite. Er schlug den Umbau des Staates in eine "Verwaltungs- und Entwicklungsmaschine" als neues Modell zur Legitimation der in Bedrängnis geratenen Diktatur vor. Stark auf den späteren Planungskommissar ausgerichtet, werden in diesem Teil dessen Staats- und Ordnungsvorstellungen sowie seine ökonomischen Planungsideen vor dem Hintergrund der spanischen "Unterentwicklung" dargelegt. Der zweite Block - "Auf dem Weg zum ersten Entwicklungsplan (1957-1964)" - hat die Maßnahmen zum Gegenstand, die zur Ausarbeitung des ersten Vierjahresplans führten: die 1957/58 unter López Rodó durchgeführte Reform der staatlichen Zentralverwaltung, die wirtschaftspolitischen Reformen der Folgezeit ("Stabilisierungsplan"), den ersten Wirtschafts- und Sozialentwicklungsplan und die Bedeutung der westlichen Entwicklungs- und Planungsvorstellungen sowie die wirtschaftspolitischen Strategien, auf denen der Plan beruhte.

Der dritte Teil - "Auf dem Zenit der Entwicklungseuphorie (1964-1967)" - betrachtet Höhepunkt und Krise der Entwicklungsplanung: die propagandistischen und sprachlichen Strategien, mit denen die Entwicklungspolitik der Diktatur eine neue, vermeintlich unpolitische Legitimation verschaffen wollte; die innenpolitische Gegnerschaft des "Movimiento", d.h. der ursprünglich aus der faschistischen Falange hervorgegangenen Einheits-"Bewegung", der es um eine stärker soziale Ausrichtung der Wirtschaftspolitik ging; die Angriffe gegen das Opus Dei als vermeintlich herzlose Technokraten; die öffentliche Infragestellung von López Rodós Entwicklungsplanung; schließlich die schwere Wirtschaftskrise des Jahres 1967, durch die das gesamte Legitimationsprojekt des Planungskommissars zu scheitern drohte. Der vierte und letzte Block - "Auf dem Rückzug in die Defensive (1968-1973)" - ist stärker politisch als wirtschaftlich orientiert. Er fokussiert die wachsende Erosion der Diktatur seit der Jahreswende 1967/68 und arbeitet heraus, wie sich die Herrschaftselite angesichts des wachsenden gesellschaftlichen Drucks und der Entstehung neuer Formen von Öffentlichkeit immer stärker in die Defensive gedrängt sah. Entgegen den Erwartungen ihrer Planer trugen Wirtschaftsplanung und -entwicklung nicht zu einer Entpolitisierung der Bevölkerung bei, sondern wirkten (zumindest in Teilöffentlichkeiten) als "Politisierungsmaschine". Hofmann betont die Erosion des Regimes von innen (Konflikte innerhalb der Herrschaftselite, Debatten in den Medien und der franquistischen Ständekammer), auch in dem zwar angekündigten, aber nicht vollzogenen Zusammenhang zwischen "wirtschaftlicher" und "politischer" Entwicklung in der Schlussphase der Diktatur.

Wie ein roter Faden ziehen sich gerade diese Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen der franquistischen Eliten durch die gesamte Studie, insbesondere durch ihren letzten Teil. Diese Intra-Elitekämpfe hatten immer (nur) das Ziel, im bestehenden Diktatursystem an Macht und Einfluss zu gewinnen. Nie ging es darum, sich gegen das Regime als solches zu stellen oder gar eine Art antifranquistische Systemopposition zu bilden. Bis zum Schluss wurde die letztinstanzliche Autorität Francos akzeptiert. Die Hervorhebung und detaillierte Beschreibung der Auseinandersetzungen zwischen den politischen Familien des Franquismus stellen sicherlich eine der Stärken der Studie dar, lassen sie doch deutlich werden, dass das franquistische Regime alles andere als ein monolithisches System war.

Die ausführliche Darstellung dieser Macht- und Deutungskämpfe gewährt einen tiefen Blick in das Innere der Regimestrukturen, ist mitunter allerdings etwas langatmig und detailverliebt. Manche Darlegungen haben sich quasi verselbständigt und mussten im Zuge der folgenden Argumentation in den Hauptstrang der Analyse zurückgeholt werden. Es ist sicher eine nachvollziehbare Option, die Wirtschaftspolitik des Franquismus mit einem primär personalen Ansatz zu erörtern. Die Arbeit hätte allerdings noch an analytischer Tiefe gewinnen können, wenn die einzelnen ökonomischen Entwicklungsphasen mit systemtypologischen Fragestellungen verbunden worden wären, sind die verschiedenen Wirtschaftsvorstellungen doch von zentraler Bedeutung für die Frage, welchen Regimetypus das Franco-Regime eigentlich darstellte.

Natürlich ist jedes wissenschaftliche Werk bestrebt, das Innovative und bisher Unbekannte hervorzuheben, das die vorgelegte Studie liefert. So steht auch auf dem Klappentext des hier rezensierten Buches, es handle sich um "eine neue Interpretation der spanischen Diktaturgeschichte"; und in der Einleitung ist von einer "neue[n] Perspektive auf die franquistische Diktatur" die Rede; Ziel des Buches sei es, "die Entstehung und Umsetzung sowie die Akteure der Modernisierungsoffensive der 1960er Jahre erstmals einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen" (11). Zugleich liefert der Klappentext jedoch eine Zusammenfassung der Studie, die keineswegs so neu wie behauptet ist, nämlich dass die "Neuerfindung" des Regimes als Entwicklungsdiktatur seit den späten 1950er Jahren das franquistische System über administrative Effizienz, wirtschaftlichen Erfolg und die Einbindung in den Westen nicht nur stabilisierte und neu legitimierte, sondern zugleich die Grundlagen für die Erosion der Diktatur legte - durch Verschärfung der Machtkämpfe innerhalb der Herrschaftselite und die Zunahme der Regimekritik durch oppositionelle Kräfte. Auch dürften Zweifel angebracht sein, ob in der Forschung bisher tatsächlich "kaum Versuche unternommen worden [sind], die erstaunliche außen- und innenpolitische Stabilität des Franco-Regimes und damit seine lange Dauer zu erklären" (7).

Mit diesen einschränkenden Hinweisen soll jedoch keineswegs bestritten werden, dass die Studie im Einzelnen viele Aspekte herausarbeitet, die in dieser kompakten Ausdifferenzierung unser Wissen über den Franquismus deutlich erweitern. Empirisch solide belegt, methodisch reflektiert, sprachlich klar verfasst liegt mit "Francos Moderne" ein sehr lesenswertes Buch vor, das (auch unter komparativen Aspekten) einen wichtigen Beitrag zur Modernisierungs- und Entwicklungsdebatte in der historischen Sozialwissenschaft leistet.

Walther L. Bernecker