Rezension über:

Shogo Akagawa: Die Japanpolitik der DDR 1949 bis 1989 (= Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin; Bd. 28), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2020, 408 S., ISBN 978-3-631-79582-8, EUR 59,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Hermann Wentker
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Hermann Wentker: Rezension von: Shogo Akagawa: Die Japanpolitik der DDR 1949 bis 1989, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15.03.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/03/34495.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Shogo Akagawa: Die Japanpolitik der DDR 1949 bis 1989

Textgröße: A A A

Ausgangspunkt der Dissertation Shogo Akagawas ist die Behauptung, dass das Verhältnis Japan-DDR einen blinden Fleck in der Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen darstelle. Das trifft angesichts der Dissertation von Christian Heideck zur ostdeutschen Japanpolitik zwischen 1952 und 1973 [1] zwar nicht vollständig, aber weitgehend zu. Die Fragestellung, die sich auf den Nutzen dieser Beziehungen für die DDR, die Gründe und Ziele der ostdeutschen Annäherungsversuche und die japanischen Reaktionen bezieht, ist nicht sehr ausgefeilt. Die Arbeit beruht auf einer Reihe von Zeitzeugengesprächen und der Auswertung ostdeutscher und japanischer Archivalien. Dabei hat Akagawa unter anderem zwar Akten des ostdeutschen Außenhandelsministeriums und eine Auswahl von Dokumenten aus dem Außenministerium in Tokio, nicht aber die Überlieferung des DDR-Außenministeriums herangezogen. Nacheinander schildert der Autor die politischen, die Handels- und die Kulturbeziehungen - eine Vorgehensweise, die zu zahlreichen Redundanzen führt und die für diese Arbeit essenziellen Verbindungen von Wirtschaft und Politik nicht richtig deutlich werden lässt.

Die Ausgangssituation nach 1949 bot das für die DDR-Außenpolitik gegenüber einem westlichen Land bekannte Bild: Aufgrund der engen Beziehungen Japans zu den USA sowie dessen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik hielt sich Tokio eng an die Hallstein-Doktrin, so dass das Anerkennungsstreben der DDR vorerst zum Scheitern verurteilt war. Anknüpfungspunkte für Ost-Berlin bildeten die oppositionelle Sozialistische Partei Japans (SPJ) und ein linker Gewerkschafts-Verband - was allerdings nicht, wie Akagawa schreibt, auf eine Fehleinschätzung der SED, sondern auf deren eingeschränkten Handlungsspielraum zurückging. Gleichwohl gab es damals Handelsbeziehungen zu Japan, das aufgrund seiner Lebensmittelknappheit auf das schon vor 1945 aus Thüringen bezogene Kali als Grundlage für Düngemittel angewiesen war. Dazu wurde 1955 auch ein - allerdings nicht-staatlicher - Handelsvertrag abgeschlossen, bevor das Kali-Geschäft in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zum Erliegen kam. Wie eng politische und Handelsbeziehungen zusammenhingen, geht daraus hervor, dass trotz des Besuchs einer ostdeutschen Wirtschaftsdelegation in Japan 1964 auch die Wirtschaftsbeziehungen erst nach dem Durchbruch der Ost-West-Entspannung und der Neuen Ostpolitik in Gang kamen. Nach einer Visite des damaligen Außenhandels-Staatssekretärs Gerhard Beil in Japan im März 1971 wurde der Wirtschaftsausschuss Japan-DDR/DDR-Japan gegründet, der die meisten Geschäfte zwischen beiden Staaten koordinierte. Politische Beziehungen wurden infolge einer Delegationsreise nach Tokio unter Führung von Hans Modrow - einem ranghohen ZK-Funktionär, der 1959 immerhin in China gewesen war - 1973 aufgenommen.

Aus der Sicht Ost-Berlins war Japan damals "eines der drei Rivalitätszentren des Imperialismus" (91). Daher kam es der ostdeutschen Führung darauf an, die Risse zwischen dem ostasiatischen Inselstaat, den USA und Westeuropa auszunutzen. Dabei baute sie auf eine grundsätzlich pro-deutsche Stimmung in Japan, die auf das 19. Jahrhundert zurückging und die ihr vor allem bei den Kulturbeziehungen nützlich war (die knapp anhand von ostdeutschen Kunstausstellungen und Konzertreisen vorgestellt werden). Außerdem sei ihr zugutegekommen, dass sie, anders als die Bundesrepublik, Japan auf Augenhöhe gegenübergetreten sei - eine Einschätzung, die allein auf einer mündlichen Aussage Modrows beruht! Überhaupt nimmt Akagawa Äußerungen der von ihm befragten Zeitzeugen oft für bare Münze und verzichtet auf deren Überprüfung.

Trotz des Aufbaus eines politischen Netzwerks in Japan und vermehrter Besuche von DDR-Politikern genoss Ost-Berlin keine hohe Priorität unter den Auslandskontakten Tokios; außerdem habe es der DDR an Fachleuten und Japan-Kennern gemangelt, so dass es dort zu Fehleinschätzungen, etwa über die inneren Verhältnisse in der japanischen Regierungspartei LDP, gekommen sei. Dennoch erreichte die DDR-Regierung, dass Honecker zu einem Staatsbesuch im Mai 1981 - einschließlich einer Unterredung mit Kaiser Hirohito - eingeladen wurde. Dies gelang der plausiblen Erklärung Akagawas zufolge vor dem Hintergrund der gemäßigten Außenpolitik von Premierminister Suzuki, der zur Militärstrategie der USA auf Distanz ging, und wegen der Unterstützung dieses Vorhabens durch einige japanische Wirtschaftskapitäne, die an den osteuropäischen Märkten interessiert waren. Der Besuch war zweifellos ein Triumph für die DDR und kam auch Honeckers Geltungsbedürfnis entgegen - doch er stellte auch den Zenit der ostdeutsch-japanischen politischen Beziehungen dar. Denn nach dem Rücktritt Suzukis 1982 trat dessen Nachfolger Nakasone für engere Beziehungen zu den USA ein, auch in der Sicherheitspolitik. Außerdem musste dieser auf einer Osteuropareise feststellen, wie wenig die DDR an Reformen interessiert war; überdies wurde sie für eine Annäherung an die inzwischen von Gorbatschow geführte Sowjetunion nicht mehr benötigt.

An den Wirtschaftsbeziehungen zu Japan hielt die DDR jedoch fest. Da auch japanische Unternehmen ihre Produkte in der DDR abzusetzen hofften, konnten unter anderem eine Reihe von gemeinsamen Großbauprojekten in der DDR verwirklicht und durch den Import von Anlagen aus Japan die ostdeutsche Industrie partiell modernisiert werden. Insgesamt war der Umfang der japanischen Geschäfte mit der DDR mit 0,1 Prozent des Exportvolumens jedoch äußerst gering. In der DDR hingegen waren die japanischen Unternehmen aufgrund ihrer Spitzentechnologie und ihrer Vertragserfüllung hochgeschätzt. Allerdings waren die ostdeutschen Produkte für Japan nicht sonderlich attraktiv; japanische Firmen hofften jedoch, sich die guten Beziehungen der DDR zu den anderen sozialistischen Ländern zunutze machen zu können. Insgesamt reichte dies aber nicht aus, um das Handelsdefizit Ost-Berlins gegenüber Tokio entscheidend zu verringern.

Während dies alles wenig überraschend ist, hat Akagawa einiges Neues zur Rolle japanischer Firmen bei der Industriespionage im Zusammenhang mit dem ostdeutschen Mikroelektronik-Programm der späten 1970er und 1980er Jahre zutage gefördert. Denn das ostdeutsche Streben nach einer eigenen Halbleiter-Industrie wurde dadurch behindert, dass dafür erforderliche Güter auf der CoCom-Liste standen und daher vom Export in osteuropäische Staaten ausgeschlossen waren. Bei der Durchbrechung dieses Embargos richtete die DDR ihr Auge auf Japan, da sie dort auf geringere Kontrollen als in den USA hoffte. Dabei konnte sie im Zusammenhang mit den Reisen von ZK-Sekretär Günter Mittag 1977 und 1986 Teilerfolge erzielen, insbesondere mit dem Toshiba-Konzern, der sich, wie die detailliert geschilderten Verhandlungen zeigen, zu einer geheimen Kooperation bereitfand. Allerdings geriet Toshiba 1987 wegen der Beschuldigung, illegal Werkzeugmaschinen in die Sowjetunion exportiert zu haben, in die Schlagzeilen. Das führte nicht nur zum Rücktritt von Präsident und Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, sondern auch zur Beendigung der Geschäftsbeziehungen mit der DDR im selben Jahr. Etwas unklar bleibt, ob und inwiefern Ost-Berlin von diesen dunklen Geschäften profitierte: Einerseits schreibt der Autor, dass die DDR in ihrem Bestreben, Hochtechnologie auf diesem Weg zu importieren, "weitestgehend gescheitert" sei (288); andererseits habe Toshiba "gewiss Anteil an der Entwicklung der Elektronik- und Elektrotechnikindustrie in der DDR" gehabt (290).

Zwar kann Akagawa mit seiner Arbeit durchaus Neues zur Japanpolitik der DDR beisteuern. Da er jedoch diese Beziehungen nicht konsequent in die gebotenen Kontexte - insbesondere den deutsch-deutschen - einordnet, diese nicht anhand einer klaren Fragestellung analysiert und ihm auch einige handwerkliche Fehler unterlaufen, kann die Dissertation leider nicht völlig befriedigen.


Anmerkung:

[1] Christian Heideck: Zwischen Ost-West-Handel und Opposition. Die Japanpolitik der DDR 1952-1973, München 2014.

Hermann Wentker