Rezension über:

Therese Steffen Gerber: Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR in den Jahren 1949-1972, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2002, 293 S., 8 Abb., ISBN 978-3-8305-0279-1, EUR 45,00
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Rezension von:
Ulrich Pfeil
Deutsches Historisches Institut, Paris
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Pfeil: Rezension von: Therese Steffen Gerber: Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz. Die Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR in den Jahren 1949-1972, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 10 [15.10.2004], URL: https://www.sehepunkte.de
/2004/10/5057.html


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Therese Steffen Gerber: Das Kreuz mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz

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Die Außenpolitik der DDR gehörte lange zu den stiefmütterlich behandelten Themen der DDR-Geschichtsschreibung. Diese Feststellung kann heute nur noch bedingt aufrecht erhalten werden, legten doch gerade junge Forscher in den letzten Jahren quellengesättigte Studien zu den Beziehungen der DDR mit verschiedenen westlichen Staaten vor. In diese Reihe ist auch die Studie der Schweizer Historikerin Therese Steffen Gerber einzuordnen, die sich mit dem besonderen Fall der Beziehungen der neutralen Schweiz zum "zweiten" deutschen Staat zwischen 1949 und 1972 beschäftigt und zu diesem Zweck neben den Beständen im Schweizerischen Bundesarchiv auch die einschlägigen Akten im Bundesarchiv Koblenz/Berlin, im Auswärtigen Amt, bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und im Public Record Office in London eingesehen hat.

Die Autorin bettet ihr Thema in den Ost-West-Konflikt ein und wendet sich auf breiter Quellenbasis jenem Zeitabschnitt zu, in dem zwischen den beiden Staaten ausschließlich "informelle" Beziehungen bestanden, bevor sich die Schweiz im Dezember 1972, unmittelbar vor Abschluss des deutsch-deutschen Grundlagenvertrages und als erster westlicher Staat, entschloss, diplomatische Beziehungen mit der DDR aufzunehmen. Wie die ostdeutsche Außenpolitik im allgemeinen blieb auch dieses Beziehungsgeflecht von dem dynamischen Dreieck Moskau - Ost-Berlin - Bonn geprägt, das in den verschiedenen Phasen des Kalten Krieges die Rahmenbedingungen und damit auch die Handlungsspielräume vorgab. Lobenswerterweise stellt die Autorin daher an den Anfang ihrer Studie allgemeine Betrachtungen zu den Rahmenbedingungen der Schweizer Außenpolitik nach 1945 sowie zur institutionellen Verankerung der DDR-Außenpolitik im SED-Machtapparat und zu ihren Bestimmungsfaktoren in den verschiedenen Phasen.

Nach diesem ersten Teil analysiert sie die Beziehungen der Schweiz zur SBZ in den Jahren zwischen 1945 und 1949, in denen die Weichen für später gestellt wurden. In dieser Phase galt es für die Schweiz, eine Reihe von Fragen zu klären, die sie nach 1945 auch mit anderen Staaten zu lösen hatte: Betreuung von vertriebenen Landsleuten, Vermögensschutz, Entschädigungsforderungen für nationalisiertes Schweizer Eigentum und so weiter. Mit der Gründung der DDR ergab sich dann auch für die Schweiz ein Problem, dem Steffen Gerber auf den folgenden Seiten als übergreifende Fragestellung nachgeht: Wie gestalteten sich diese Beziehungen, wenn das offizielle diplomatische Parkett nicht betreten werden konnte? Zwischen 1949 und 1952 beschränkten sich die Gespräche zwischen beiden Ländern in erster Linie auf Entschädigungsfragen, bei denen die Schweiz durchaus pragmatisch vorging und eine Gratwanderung vollzog, wollte sie doch die DDR - nicht zuletzt auch auf alliierten und westdeutschen Druck - diplomatisch nicht anerkennen, auch wenn die Bereitschaft zu beobachten war, den Schritt zu einer de facto-Anerkennung zu vollziehen.

Daran anschließend untersucht sie das Beziehungsgeflecht zwischen 1953 und 1967. In dieser Phase kam die DDR langsam aus ihrer Isolation heraus und konnte auch im Westen das Bild eines selbständigen Staates aufbauen. Genauso wie gegenüber Italien, Frankreich, Großbritannien und so weiter bestand das Hauptziel der SED-Führung auch gegenüber der Schweiz in der diplomatischen Anerkennung. Die westdeutsche Hallstein-Doktrin und das Selbstverständnis der Schweizer, sich trotz Neutralität zur westlichen Staatenwelt zu zählen, ließen die ostdeutsche "Anerkennungspolitik" jedoch immer wieder "ins Leere laufen". Es bedurfte erst einer neuen bundesdeutschen "Ostpolitik" ab Ende der 1960er Jahre, damit sich auch die Schweiz zu einer größeren Öffnung durchringen konnte und schließlich bereits 1972 offizielle Beziehungen zu Ost-Berlin aufnahm. Zu begrüßen ist es, dass sich Steffen Gerber in ihren Ausführungen nicht alleine auf die staatlichen "Nullbeziehungen" beschränkt, sondern anhand ausgewählter Beispiele auch den Parteibeziehungen und den Kontakten zwischen kirchlichen Kreisen sowie kulturellen Vereinigungen nachspürt, um über diese "subgouvernementalen Beziehungsgeflechte" (15) ein komplexeres Bild zeichnen zu können.

Der Autorin gelingt es in ihrer Studie zu zeigen, dass es sich bei der Schweizpolitik der DDR wie auch bei der DDR-Politik der Schweiz immer um Deutschlandpolitik handelte. Bern nahm in seiner Haltung gegenüber der DDR immer auf die Bundesrepublik Rücksicht und erlaubte sich erst größere Freiheiten, als auch Bonn die Hallstein-Doktrin aufgab. Dann jedoch steuerte die Schweiz entschlossen auf die Anerkennung zu, wie die Autorin eindringlich betont: "Sobald die schweizerische Lage gegenüber der BRD abgesichert schien, berief sich die Schweiz nur noch auf ihre eigenen Interessen. Sie wollte in Ost-Berlin nicht Gefahr laufen, die durch den Austausch von Handelsmissionen erzielten Positionsgewinne für eventuelle Entschädigungsverhandlungen zu verlieren." (255) Bis dahin war der Schweiz jedoch immer bewusst gewesen, was sie an der Wirtschaftsmacht Bundesrepublik hatte, so dass sie nie wie zum Beispiel Finnland eine neutrale Rolle einnahm, zumal die permanent devisenschwache DDR nur über wenig Ansatzpunkte verfügte, um sich als potente Alternative aufzudrängen.

Steffen Gerber leistet mit ihrer Studie einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Schweizer Deutschlandpolitik in einer entscheidenden Phase des Kalten Krieges. Wieder einmal zeigt sich, wie schnell das Neutralitätsprinzip der Eidgenossen in den Hintergrund rückte und realpolitischen Überlegungen Platz machte, wenn Handels- und Finanzfragen ins Spiel kamen. Diese Dissertation unterstreicht zudem, wie eingeschränkt die Handlungsspielräume der DDR-Außenpolitik waren. Dies lag in diesem Fall weniger an Bevormundungen aus Moskau, sondern an der permanent kränkelnden DDR-Wirtschaft, die der ökonomischen Kraft der Bundesrepublik nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte und somit nie zu einem Stützpfeiler der DDR-Außenpolitik werden konnte. Auch wenn es dieser Darstellung gerade in der Zusammenfassung zum Teil an analytischer Tiefenschärfe mangelt, bleibt doch festzuhalten, dass auch für die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik eine Studie von ähnlicher Qualität wie von Therese Steffen Gerber sie vorgelegt hat, wünschenswert wäre.

Ulrich Pfeil