Rezension über:

Susan E. Alcock / John F. Cherry (Red.): Side-by-Side Survey. Comparative Regional Studies in the Mediterranean World, Oxford: Oxbow Books 2004, XVI + 251 S., 129 fig., 35 tables, ISBN 978-1-84217-096-0, GBP 45,00
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Rezension von:
Norbert Kramer
Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Norbert Kramer: Rezension von: Susan E. Alcock / John F. Cherry (Red.): Side-by-Side Survey. Comparative Regional Studies in the Mediterranean World, Oxford: Oxbow Books 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 2 [15.02.2006], URL: https://www.sehepunkte.de
/2006/02/8475.html


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Susan E. Alcock / John F. Cherry (Red.): Side-by-Side Survey

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Die Frage nach der Auswertbarkeit von Surveydaten hat derzeit zweifelsohne Konjunktur, auch wenn dies in Deutschland erst seit wenigen Jahren spürbarer wird. [1] Susan E. Alcock und John F. Cherry dürfen dabei für viele Bereiche der Surveytechnik als Vordenker gelten. Der von ihnen herausgegebene Sammelband stellt nun Beiträge einer Tagung zusammen, die im Jahr 2002 an der University of Michigan abgehalten wurde. Die insgesamt 16 Aufsätze werden nach einer Einleitung unter folgenden Abschnitten präsentiert: "Methodological Issues", "Comparative Studies in the Mediterranean", "Issues and Implications" und "Wider Perspectives"; ein Appendix mit aktuellen und substanziellen Internet-Präsentationen von Surveyprojekten beschließt das Buch.

Gleich zu Beginn des Abschnitts zu den "Methodological Issues" stellt Michael Given die im Grunde entscheidende Frage: "Can we compare sherd density figures?" Seine beim momentanen Stand der Forschung verneinende Antwort führt ihn unter anderem zu der - nachdrücklich zu unterstreichenden - Forderung, dass bei jeder Surveypublikation nicht nur die Interpretationen, sondern auch die Primärdaten zugänglich gemacht werden müssten. Auch Nicola Terrenato äußert sich insgesamt skeptisch zur Auswertung von Surveyergebnissen im Sinne einer Analyse objektiver Daten. Insbesondere weist sie darauf hin, dass auch die vielfach angestrebte Intensivierung in der Surveydurchführung kein Allheilmittel sei, da so paradoxerweise auch die Störfaktoren intensiviert würden. Allerdings legt sie in ihrer Schlussfolgerung den Schwerpunkt - anders als Given - gerade auf die qualitativen Kriterien und somit die Interpretation und nicht auf die objektiven, aber zunächst aussagelosen Daten.

Dem zentralen Thema des Werkes, nämlich den verschiedenen Ebenen der Vergleichbarkeit von Surveys, ist der zweite Abschnitt gewidmet. Hier untersucht Stephen Thompson zunächst Surveys zu unterschiedlichen Zeiten in der gleichen Region (Metapont). Besonders mit dieser Methode der Resurveys ist nicht nur das Gesamtergebnis für ein Gebiet zu verbessern, sondern es lässt sich auch die Verlässlichkeit von Surveys und die Wirksamkeit unterschiedlicher Surveymethoden überprüfen. Auch wenn die von Thompson vorgeführten Äußerungen zu den Verbesserungen der Methodik nicht immer überzeugen, so erscheint eines seiner Hauptergebnisse doch sehr bedenkenswert: Offenbar wird die Aufnahme der Oberflächenfunddichte durch Sichtbehinderungen infolge von Vegetation in geringerem Maße negativ beeinflusst, als allgemein zu vermuten wäre.

Der interregionale Vergleich rückt dann bei Peter Attema und Martijn van Leusen in den Mittelpunkt (Süd-Latium, Apulien, Nord-Kalabrien). Ihre Aussagen zur Entwicklung in den verschiedenen Regionen behalten dabei allerdings oftmals (noch?) reinen Andeutungscharakter. Eine dritte Vergleichs- bzw. Kombinationsoption stellen Tim Cunningham und Jan Driessen vor. Sie untersuchen für das bronzezeitliche Kreta die Kombinierbarkeit von Survey- und Ausgrabungsergebnissen. Dabei äußern sie zumindest partiell Zweifel an der Aussagekraft von Surveys, etwa bei der Identifikation von zentralstaatlichen Systemen (106). Sinnvoll seien entsprechende Projekte daher vor allem dann, wenn sie im Hinblick auf spezifische, vorformulierte und lösbare Fragestellungen und Hypothesen angelegt seien.

Im Abschnitt "Issues and Implications" untersucht ein Team um Elizabeth Fentress zunächst eine Fundgruppe, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund ihres verbreiteten und dauerhaften Auftretens als besonders aussagekräftig erwiesen hat, nämlich die so genannte African Red Slip Ware. Unter anderem geht es darum, eine Annäherung an die absoluten Produktionsraten zu erreichen, um so einen Maßstab für die Rekonstruktion der Entwicklung an verschiedenen Orten auf Basis der Funde an ARS ebenda zu erhalten. Die bereits 1988 am gleichen Material erarbeitete Technik hierzu, die schlicht alle verfügbaren Fundstatistiken übereinander legt, ist dabei nach wie vor ebenso einfach wie wegweisend. Leider wurden die Funde an ARS insbesondere im östlichen Mittelmeerraum noch nicht mit in die Studie einbezogen.

Aus der Sicht des Historikers geht Robin Osborne der Frage nach den konkreten Aussagemöglichkeiten archäologischer Surveys für die antike Demografie nach. [2] Seine diesbezügliche Skepsis ist ebenso fundamental wie pointiert formuliert und richtet sich nicht zuletzt gegen Korrekturberechnungen der primären Surveyergebnisse auf der Basis kaum begründeter Annahmen: "The reader has a strong sense of being in the hands of skilled jugglers here" (165). David Mattingly und Rob Witcher erörtern die Verwertbarkeit von Surveyergebnissen bei der Erstellung von Kartenwerken der römischen Welt. In diesem Zusammenhang beklagen sie, dass die modernen Surveys insbesondere bei der Darstellung der nichturbanen Regionen noch meist ignoriert würden. Allerdings machen gerade ihre komplexen Vorschläge zur schrittweisen Berechnung darstellbarer Daten (von "numbers" über "density" und "density [...] with survey intensity" bis "calculated density") auch deutlich, woraus die Zurückhaltung bei der Nutzung von Surveydaten bislang resultiert.

Vor allem vor dem Hintergrund des Problems der Vergleichbarkeit sind schließlich die "Wider Perspectives" zu begrüßen, die den Blick auch auf die Surveys in den mesopotamischen und mittelamerikanischen Räumen lenken. Die am Ende gebotene Liste mit Internetadressen von Surveyprojekten, die auf diesem Weg relevantes Material für eine wissenschaftliche Interpretation bereitgestellt haben, ist auffallend übersichtlich. Es ist mit den Autoren zu hoffen, dass dieses Medium zukünftig stärker zur schnellen Publikation von Forschungsergebnissen genutzt wird.

Die Lektüre dieser komplexen Materie wird in einigen Passagen etwas durch das in angelsächsischen Publikationen verbreitete System der Anmerkungen im Fließtext oder durch die getrennte Zählung der "tables" und "figures" erschwert. Auch wendet sich die vorausgesetzte Begrifflichkeit in einigen Fällen zu sehr an den Spezialisten, etwa wenn in kurzem Abstand von "units", die "morpho-chronostratigraphic", "taphostratigraphic", "isotaphonomic" und sogar "quasi-taphostratigraphic" seien, gesprochen wird (Wandsnider, 56 f.). Positiv ist demgegenüber die Entscheidung zu vermerken, keine Gesamtbibliografie zu erstellen, sondern diese am Ende der jeweiligen Beiträge zu belassen. Dies führt zwar zu vielen Doppelnennungen, erlaubt aber doch eine gezieltere Orientierung zu einzelnen Themen.

Für die Gesamtwürdigung des Bandes muss man sich vor Augen halten, dass dieser nur eine Ebene der Surveyproblematik behandeln will. Es geht weder um die Auswirkungen bestimmter 'Lauftechniken' noch um die Aussagemöglichkeiten unterschiedlicher Materialgruppen. Überhaupt ist bis auf den Beitrag zur African Red Slip Ware der gesamte Band auffallend wenig materialorientiert, und beiläufige Aussagen wie "We intend to do further fabric research in order to increase the resolution of local ceramic chronologies" (Attema / van Leusen, 99) lassen wenig Vertrautheit mit der materialimmanenten Problematik vermuten. Die Autoren setzen vielmehr erst an dem Punkt an, an dem sich aus der Begehung selbst und der Materialsicht bereits Daten gebildet haben. Derart losgelöst von ihrer Entstehung, besteht natürlich die Gefahr, diese Daten zu verabsolutieren. Und so erklären sich auch die teilweise deutlich differenten Meinungen zu den Vorstellungen, durch Ausgleichsberechnungen die unterschiedlichen Surveybedingungen korrigieren zu können. Ein anderes Problemfeld, das keiner Klärung zugeführt werden kann, sind die defizitären Begründungen für die vielen Annahmen, die den Interpretationen jeweils zu Grunde liegen. Hierzu gehört unter vielen anderen die Frage, was eigentlich ein Fundplatz (site) ist und was nicht. Trotz großer Bemühungen bleibt oft kein anderer Ausweg, als auf nicht zuletzt in der New oder Processual Archaeology genutzte, nicht selten aber eher banale Definitionen zurückzugreifen; "'A site is a discrete and potentially interpretable locus of cultural materials'" (Thompson, 70). [3]

Dieser Sammelband zu archäologischen Surveys ist selbst so etwas wie ein Survey der Auswertungstechnik. Er ist ebenso anspruchsvoll wie zwangsläufig lückenhaft und vorläufig. Einige Ansätze sind wegweisend, andere dürften eher in die Irre führen. Insgesamt bietet das Werk eine Möglichkeit, sich auf den Stand der aktuellen Diskussion zu bringen.


Anmerkungen:

[1] S. etwa Ernst-Ludwig Schwandner / Klaus Rheidt (Hg.): Stadt und Umland. Neue Ergebnisse der Bau- und Siedlungsforschung, Mainz 1999; Ulrich Veit u. a. (Hg.): Spuren und Botschaften: Interpretationen materieller Kultur, München 2003; Frank Kolb (Hg.): Chora und Polis, München 2004; s. hierzu die Rezension von Thomas Corsten, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6, URL: http://www.sehepunkte.de/2005/06/6692.html.

[2] S. hierzu vor allem die Beiträge der 1. Sektion in John Bintliff / Kostas Sbonias (Hg.): Reconstructing Past Population Trends in Mediterranean Europe (3000 BC - AD 1800), Oxford 1999.

[3] An dieser Stelle werden Stephen Plog / Fred Plog / Walter Wait: Decision-Making in Modern Surveys, in: Michael B. Schiffer (Hg.): Advances in Archaeological Method and Theory 1, New York 1978, 383-421, hier 389, zitiert.

Norbert Kramer