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Tamurbek Dawletschin: Von Kasan nach Bergen-Belsen. Erinnerungen eines sowjetischen Kriegsgefangenen (= Bergen-Belsen Schriften; Bd. 7), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 232 S., ISBN 978-3-525-35130-7, 19,90
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Rezension von:
Pavel Polian
Freiburg/Brsg.
Empfohlene Zitierweise:
Pavel Polian: Rezension von: Tamurbek Dawletschin: Von Kasan nach Bergen-Belsen. Erinnerungen eines sowjetischen Kriegsgefangenen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/9755.html


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Tamurbek Dawletschin: Von Kasan nach Bergen-Belsen

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Dieses bemerkenswerte Buch erzählt ein Jahr aus dem Leben eines sowjetischen Kriegsgefangenen - von Juni 1941 bis Juli 1942. Er hatte das Glück, nicht das Los von zwei Millionen Mitgefangenen teilen zu müssen, die den Sommer 1942 nicht mehr erleben durften. Erläutert werden die Erinnerungen durch ein lebendig geschriebenes Vorwort von Camilla Dawletschin-Lindner, der Tochter des Verfassers, und einem sachkundigen Nachwort von Rolf Keller, der den historischen Kontext erläutert.

Tamurbek Dawletschin wurde im Juni 1941 eingezogen, und im August geriet er, nachdem er bereits alle "Annehmlichkeiten" des Soldatenlebens in der Einkesselung am eigenen Leib erfahren hatte, in Gefangenschaft. Zunächst empfand er so etwas wie Erleichterung: Der Krieg, so schien es ihm, war für ihn zu Ende. Doch die Ernüchterung ließ nicht auf sich warten: Der Gewaltmarsch ohne Essen bis zum Sammellager rückte die Dinge zurecht - das Kommando ergriff 'General Hunger'.

Dawletschins langer Marsch führte ihn zunächst nach Solncy - wohl eine Regiments- oder Divisionssammelstelle -, dann weiter über Porchow - vermutlich ein Wehrmachtssammellager für Kriegsgefangene - zu Fuß durchs Hinterland nach Riga (Stalag 350), wo er acht Wochen zubrachte, nach Polegen bei Tilsit (Oflag 53) und schließlich nach Fallingbostel, Niedersachsen, ins Stalag 11-B (dort traf er mit einer der ersten Gruppen ein und erhielt dennoch mit der 120453 eine recht hohe Gefangenennummer). Hier drohte indes eine Typhus-Epidemie, und die ganze Belegschaft wurde ins Lager Bergen-Belsen verschoben. Doch der Typhus ereilte sie auch dort, sodass das ganze Lager bis Februar unter Quarantäne gestellt werden musste. Die Menschen starben wie die Fliegen - zuweilen gab es bis zu 200 Todesfälle täglich. Als man die Seuche im Mai 1942 endlich in den Griff bekam, hatte sie 15-18.000 Opfer gefordert.

Dawletschin machte in dieser Zeit eine "Entdeckung", die er mit allen anderen teilte, denen längere Gefangenschaft beschieden war: je weiter die Front entfernt war, desto schlimmer die Behandlung durch die deutschen Wächter.

Das Thema "Essen" ist im Zusammenhang mit der Genfer Konvention zu sehen, die von der UdSSR nicht unterzeichnet worden war: Die Suppe, die russischen Gefangenen vorgesetzt wurde, hielt keinem Vergleich mit jener stand, mit welcher man beispielsweise ihre serbischen Leidensgenossen verköstigte. Obwohl, wie alle, immer hungrig, pflegte Dawletschin eine Diät, um Magenverstimmungen vorzubeugen. Ihm war bewusst, dass das den sicheren Tod bedeutet hätte. Gegen Sand im Teller wagte er Protest, aber nicht aus Stolz, sondern wegen der Gefahr für seine Gesundheit - und setzte dabei sein Leben aufs Spiel. Und an dieser Stelle bietet das Buch noch einen Seitenblick auf ein höchst bemerkenswertes Lagerphänomen: die Schattenwirtschaft, den Schwarzmarkt, seine Regeln und Preise.

Dawletschins Memoiren geben Zeugnis davon, wie jeder, vom Überlebensdurst getrieben, all seine Kraft auf die Selbsterhaltung konzentrierte und dabei Instinkte der Menschlichkeit zwangsläufig zurückblieben. Anstelle von Sittlichkeit und Anstand herrschte auch hier das Gesetz des GULAG: "Stirbst du heute, sterb' ich erst morgen". Zwei Episoden vom Juli und August 1941 dokumentieren das mörderische Strafgericht, das die Deutschen im Verbund mit anderen, vom deutschen Judenhass regelrecht "beflügelten" Gefangenen unter sowjetischen Kriegsgefangenen jüdischer Abstammung veranstalteten.

Person und Schicksal des Autors und die Geschichte seines Manuskripts sind auf spezifische Weise miteinander verknüpft. Aus Rolf Kellers Nachwort erfahren wir, dass es nicht nur eine, sondern zwei maschinenschriftliche Versionen dieser Erinnerungen gibt. Die eine ist im Besitz von Dawletschins Tochter, die andere hat Dawletschin gleich nach Kriegsende dem Hoover Institute in Stanford überlassen. Dass somit zwei alternative Quellen vorliegen, ist nicht bloß ein bibliografisches Detail, sondern zwingt zu der Entscheidung, welcher der beiden Texte als der authentischere für eine Veröffentlichung infrage kommt. Camilla Dawletschin-Lindner gab ihrer "Hausversion" ohne Weiteres den Vorzug. Zugleich spricht vieles dafür, dass die vom Verfasser selbst als "Menschen außerhalb des Gesetzes. Aufzeichnungen eines Kriegsgefangenen" betitelte, 215 Seiten starke Stanforder Fassung, die so gut wie druckfertig ist, seiner editorischen Absicht entsprach. Dabei gab er den Text als ein zufälliges Fundstück eines gewissen "Idelew" aus, ein sprechendes von der alttatarischen Bezeichung für die Wolga, "Itil", abgeleitetes Pseudonym. Doch wozu betrieb er, der, glaubt man den Erinnerungen, nur ein einfacher Kriegsgefangener war, dieses Gaukelspiel mit literarischen Kunstgriffen à la "Die Handschrift von Saragossa" oder "Belkins Erzählungen", das im Genre der Kriegsmemoiren doch gar nichts verloren hat? Es ging nicht nur um eine Spielerei, sondern offenkundig darum, die Spuren des tatsächlichen Autors, Dawletschin, zu verwischen. Denn man hat es bei ihm mit einem weniger einfachen Kriegsgefangenen zu tun! Das Vorwort der Tochter und das Nachwort des Historikers geben darüber Auskunft.

Tamurbek Dawletschin wurde am 26. Mai 1904 in Silidjar, einem tatarischen Dorf im Bezirk Ufa, Baschkirien, geboren. Sein Vater hatte Russisch gelernt und sich eine Stellung als Kanzleischreiber verschafft. Der Sohn er- und überlebte Bürgerkrieg, Gelbsucht und Typhus und brachte es bereits mit 19 zum Kreisgerichtssekretär, ein Amt, das ein dortzulande nicht selbstverständliches Bildungsniveau verlangte. Von 1924 bis 1932 studierte er zunächst in Kasan, später in Irkutsk Jura und schloss mit der Promotion ab. Noch im selben Jahr nach Ufa zurückgekehrt, arbeitete er am dortigen Forschungsinstitut für Technik und Wirtschaft, wurde 1934 Institutsleiter und trat in die Kommunistische Partei ein. Den "Großen Terror" 1937/38 überstand er unbeschadet, zog mit seiner Frau und drei Kindern nach Kasan und betätigte sich dort als Berater der Bezirksregierung, bis er plötzlich - am 21. Juni 1941 - in die Armee eingezogen wurde. Über die Zeit von Krieg und Gefangenschaft geben die Erinnerungen Auskunft. Laut Rolf Keller wurde Dawletschin am 23. April 1942 vom Lager Bergen-Belsen in ein anderes Lager verlegt - das bereits erwähnte, dem Stalag III D in Berlin zugeordnete Offizierslager Wuhlheide in Berlin-Oberschöneweide. Wuhlheide aber war ein Ausbildungslager für Wehrmachtpropagandisten: Aufgabe der Absolventen war es, Kriegsgefangene für die Wlassow-Armee anzuwerben und Einsätze in den besetzten Gebieten auszuführen. Wer in ein solches Lager gelangte, konnte kaum mehr in Anspruch nehmen, er sei unfreiwillig dort gewesen. Am 7. Juli 1942 wurde Dawletschin aus dem Gefangenenstatus entlassen (vgl. Dokument auf Seite 227) und konnte sich fortan frei in Berlin bewegen und treffen, wen er wollte. Etwa drei bis vier Wochen arbeitete er für den Geheimdienstsender "Vignette" am Alexanderplatz, wurde dann plötzlich verhaftet und genauso plötzlich wieder entlassen. Eine Zeit lang betätigte er sich noch als Übersetzer bei der "Vignette" und wechselte dann an die Tatarische Abteilung des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete. Dort bezog er ein Gehalt von 350-400 Reichsmark. Dennoch behauptete er später immer wieder, er habe weder mit der Tatarischen Legion, noch mit der in tatarischer Sprache erscheinenden Propagandazeitschrift "Itil" etwas zu tun gehabt, sondern vielmehr die ganze Zeit in der Bibliothek verbracht, Aufsätze geschrieben und an einem tatarisch-deutschen Wörterbuch gearbeitet, das 1944 sogar veröffentlicht worden sei und ihm ein Honorar eingebracht habe! 1944 wurde er nach Dresden evakuiert, am Kehlkopf operiert und anschließend zur Kur an den Bodensee geschickt.

Hier erlebte er auch das Kriegsende. Die Jahre 1946-1950 verbrachte er in einem Sanatorium in Schömberg im Schwarzwald, wo er sich mit dem ärztlichen Personal gut stellte, was ihn wohl vor der gewaltsamen Repatriierung in die UdSSR bewahrte. 1951 wechselte er nach München zu "Radio Swoboda / Radio Liberty" und avancierte dort vom Mitarbeiter zum Direktor des Forschungsinstituts des Radiosenders. Eine Einladung nach Harvard lehnte er aus gesundheitlichen Gründen ab. 1953 heiratet er eine deutsche Lehrerin und bekam mit ihr eine Tochter - die Verfasserin des Vorworts. Ende der 60er-Jahre gelang ihm ein Wiedersehen mit seinen beiden Söhnen aus erster Ehe. Schließlich ging er 1968 in den Ruhestand und starb am 7. September 1983 in München.

Dawletschins Erinnerungen sind ansprechend geschrieben, hie und da sogar kunstvoll (wie etwa die Beschreibung der Patientenwaschung im Badehaus). Dawletschin ist ein Meister des rücksichtslos authentischen Details: So erinnert er sich beispielsweise, wie die Kriegsgefangenen im Lager Porchow nach dem Genuss von Bruchhirse massenhaft an Verstopfung litten, beschreibt das Läusegewimmel, das die aus Riga abtransportierten Gefangenen plagte, oder den lagerinternen "Krieg" zwischen Lagerpolizisten und Dolmetschern während der Typhus-Epidemie (die Polizisten waren "Eigene", sie brauchten keine Übersetzung und Konkurrenz schon gar nicht).

Das Bemühen, sich selbst als Gegner - und zugleich Opfer! - beider Systeme zu stilisieren, ist kennzeichnend für die Erinnerungsliteratur der Kollaboration. In deutscher Sprache sind solche Materialien äußerst rar. Nicht nur, aber auch deswegen ist Dawletschins Buch so wichtig und wertvoll.

Pavel Polian