Rezension über:

Ullrich Langer (ed.): The Cambridge Companion to Montaigne, Cambridge: Cambridge University Press 2005, xvii + 247 S., ISBN 978-0-521-52556-5, GBP 15,99
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Rezension von:
Karin Westerwelle
Romanisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser / Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Karin Westerwelle: Rezension von: Ullrich Langer (ed.): The Cambridge Companion to Montaigne, Cambridge: Cambridge University Press 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/8598.html


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Ullrich Langer (ed.): The Cambridge Companion to Montaigne

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In der Cambridger Reihe, die großen Philosophen oder philosophischen Schulen gewidmet ist, hat nunmehr der Essayist Michel de Montaigne einen Platz bekommen. Der Band richtet sich als Einführung an neue Leser und will innovative Forschungsperspektiven vorstellen. Insgesamt elf Aufsätze von zumeist international renommierten amerikanischen, englischen und französischen Forschern hat der Renaissancespezialist Ullrich Langer versammelt.

Eine tabellarische Lebens- und Werkchronologie (XVI-XVII) geht einer "Einführung" (1-8) voraus; ihnen folgt eine allgemeine historische Einordnung Montaignes von Ullrich Langer (9-26), dann ein Mosaik, das mit den Bausteinen "Vermächtnis des Essayisten" (Warren Boutcher), "Antike" (John O'Brien) und "Neue Welt" (Tom Conley), den Leitbegriffen wie "Justiz" (André Tournon), "prudentia" (Francis Goyet), "Wahrheit" (Ian Maclean), "Natur" (George Hoffmann), "Skeptizismus" (Ann Hartle) und dem Konzept des guten Lebens (J.B. Schneewind) ein Bild des Philosophen Montaigne zu erstellen sucht. Den proportional angelegten, jeweils etwa zwanzigseitigen Aufsätzen folgen eine Auswahlbibliografie (229-237) und ein nach Themen und Personen erschlossener Index (238-247). Nur einige Aufsätze werden im Folgenden vorgestellt.

Mit Montaignes Selbstcharakteristik, er sei kein Philosoph, eröffnet Langer seine Einleitung und konfrontiert auf diese Weise mit der Problematik, inwiefern der Essayist als Philosoph zählen kann. Drei treffend hervorgehobene Charakteristika, die Langer allesamt schwer mit philosophischer Methodik vereinbar sieht, bestimmen Montaignes Schreiben: das Misstrauen gegenüber systematischen Argumenten, das in der endlosen Reihe von Einzelfällen untermauert wird; die Bedeutung des Körpers als anthropologisches Element, das Verhalten und Denken bestimmt; die Betonung der Essais als Ergebnis nur eines einzelnen Lebens und nur einer einzelnen Person, die Montaigne ist. Aus dieser besonderen Phänomenologie folgt, dass Montaigne kein Philosoph im Sinne des 16. Jahrhunderts sei: Er habe weder eine systematische Abhandlung über Aristoteles noch einen philosophischen Traktat verfasst. Die Verbindung zu Plutarchs Moralia scheint am Offensichtlichsten, aber dagegen balanciert auf der anderen Seite der Waagschale, dass das eigentliche Interesse Montaignes der Erkundung der eigenen Person gelte.

Auch im Hinblick auf die philosophische Methode gelte, Montaigne sei kein Philosoph (3). Gegen diesen Befund, der die wichtigen Fragen offen lässt, inwiefern Montaigne in moderner Sichtweise oder in seiner eigenen philosophiegeschichtlichen Entdeckung des griechischen Skeptizismus sowie in seiner Rezeption durch französische oder europäische Philosophen als Philosoph oder Nicht-Philosoph zu bezeichnen wäre, profiliert Langer nunmehr das Erkenntnisinteresse der Aufsätze. Sie beschäftigen sich mit "philosophical elements of Montaigne's writings" (3), mit skeptizistischen, epikureischen und ethischen Elementen oder, gerade gegensätzlich, mit Montaignes kritischer Durchleuchtung philosophischer Argumente und stellen kontextuell den Einfluss des juristischen Denkens sowie der Entdeckung der Neuen Welt vor. Die historische Kontextualisierung wird noch einmal mit der unauslöschlichen Verbindung von Person und "'message'" (4) begründet.

Mit dem eröffnenden Beitrag "Montaigne's political and religious context" skizziert Langer vor dem Hintergrund der Religionskriege und der ökonomisch neuen Situation Frankreichs politische Lage und ideelle Werte einer sich wandelnden Aristokratie, der Montaigne durch den im Handel erworbenen Reichtum der Familie angehört. Die Entwicklung des Protestantismus und die politische Fraktionsbildung werden ebenso konzise dargestellt wie das alte Adelsethos, was dem Leser ermöglicht, die Spannung zu begreifen, die Geldentwertung und "new economy" dem Adel und dem dritten Stand auferlegen. Leitmotiv ist Montaignes Sicht auf einen 'kranken und verwundeten Staat'; dieses motiviert auch das einzig direkt mit der Philosophie verbindende Unterkapitel "Stoicism and survival" (21-22). Wenngleich stoische, christlich überformte Lebensregeln in den Schriften von Justus Lipsius und Guillaume de Vair einer Elite in einer gesellschaftlichen Krisensituation als Orientierung dienen, scheint es fraglich, ob sie in Montaignes Lebensstil oder Werk eine Entsprechung haben. Eine solche direkte Ableitung nimmt Langer zwar nicht vor, aber der bloße Hinweis darauf, dass Montaigne stoische Themen abhandelt oder mit Lipsius korrespondiert, um einen von ihm geteilten "generally pessimistic view of contemporary France" (21) abzuleiten, bleibt zu vage.

Anstelle der eher pittoresken Einzeldaten zum "Rural life" wünschte man sich als Leser genauere Informationen zum Bildungsweg. Dazu gehörten sowohl die Erziehung in der lateinischen Sprache, die der von Erasmus beeindruckte Vater seinem Sohn angedeihen ließ; ferner die Ausbildung im neugegründeten humanistischen Collège de Guyenne, die Lehrer und die frühen Lektüren Montaignes und auch die Übersetzung der Theologia naturalis von Sabundus ins Französische. Die geistesgeschichtlichen Bedingungen dieser vom Vater aufgetragenen Arbeit und Montaignes Interesse an dem Spätscholastiker Raimundus Sabundus hätten ebenso wie eine ausführlichere Darstellung der philosophischen Männerfreundschaft mit dem Juristen Etienne de La Boétie das Thema Montaigne als Philosoph abgerundet.

John O'Brien untersucht in seinem Beitrag "Montaigne and antiquity: fancies and grotesques" die Aneignungsweise antiker Literatur. Es geht folglich um die besondere Form der Groteske und den Modus der Imagination (oder die manière), die den antiken Stoff (matière) in die Essais einbinden. Diese seien in ihrer "experimental nature" Ergebnis einer "combination of non finito and an ontology of incompleteness" (69). Auf drei Ebenen, Montaignes intertextueller poetischer Praxis, seiner Inanspruchnahme antiker Philosophie und antiker Verhaltensvorbilder, untersucht O'Brien das Verhältnis zur Antike. Sowohl in der berühmten Darstellung der Freundschaft zu Etienne de La Boétie (I, 28) als auch in dem Essay über den Müßiggang (I, 8) bezieht sich Montaigne auf Horazens Groteskendarstellung zu Beginn der Ars poetica und bewertet, wie O'Brien feststellt, anders als Horaz die groteske Form positiv (56). Ob diese Differenz tatsächlich zutrifft, kann hier nicht diskutiert werden. Es ist jedoch verkürzt, die Figur der Groteske einfach auf Montaignes Schreibweise zu übertragen. Denn wenn Montaigne in "Über den Müßiggang" über die Groteske spricht, so kann weder für diesen noch für die anderen Essays von einem "non-systematic, disorderly, incongruous writing" (56) die Rede sein, vielmehr entspricht die Form einer ästhetischen Ordnung. [1]

In Montaignes Erkundung der Philosophie und ihres Wahrheitsbegriffes stellt O'Brien die Affinität zum Pyrrhonismus heraus, der in der Zurückhaltung im Urteil (epochē), in "the uses of fantasy" (60) und der "investigative enterprise" (61) den Essais entspreche. Die Belege zur frühen Rezeption Platons und Aristoteles' weisen überzeugend weniger die Abneigung gegenüber diesen Autoren als vielmehr die unterschiedliche Lesart und Methode nach, die der Essayist in Anspruch nimmt und mit der er sich von gängiger Rezeption absetzt. Mittels Forschungsliteratur verweist O'Brien auf Montaignes intensive Lektüre des Organon, der Rhetorik und der Ethik des Aristoteles. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Aristoteles- und auch die Platon-Lektüre Montaignes systematisch vorgestellt würden. Die These O'Briens liegt also darin, die fantastisch-groteske Schreibweise als Rezeptionsweise klassischer Antike zu formulieren (vgl. 69), wobei er sich aber der Frage entzieht, inwieweit diese "hybrid form" (69) einer philosophischen Vorgehens- und Argumentationsweise adäquat ist.

André Tournon widmet sich in seinem Beitrag zur Justiz der Rechtspraxis Montaignes am königlichen Steuerhof (Cour des Aides) von 1556-1557 in Périgueux und im Parlament von Bordeaux von 1557-1570 sowie der Darstellung von Gesetz, Autorität, Zeugenschaft, Rechtssprechung, Wahrheit und Urteilsspruch in den Essais. Zwei grundsätzliche Probleme beschäftigen Montaigne: die Begründung und Legitimität von Gesetzen und ihre jeweilige, auf den einzelnen Fall bezogene Auslegung. Menschliche Einsicht scheitert zumeist in beiden Fällen. Speziell für die Essais sieht Tournon die Rechtsauslegung deshalb als ein Modell der 'Aporien des Wissens' (99).

In den Essais überschreitet Montaigne, wie Tournon überzeugend darlegt, juridische Verfahren, indem er - in pyrrhonischer Tradition - die unzulängliche Einsichtsfähigkeit des Beurteilens hervorhebt, indem er Wissen und Urteil um die Autorität beschneidet, die dem Recht Gewicht verleiht, indem er die Zeugenschaft auf Bereiche des Fiktiven ausdehnt. Unscharf bleibt allerdings Tournons Verwendung des Wortes "Philosoph" für Montaigne: Zu Beginn ist von der "Bitterkeit" des Philosophen die Rede, der Tugend und Gesetz nicht unverbrüchlich vereint sieht; die Trennung von philosophischem Raum und Gerichtsraum (107) bleibt in der Gesamtargumentation unklar; nicht mit philosophischer, wie Tournon sie qualifiziert (109), wohl aber mit literarisch-fiktionaler Schreibweise scheint die Aufzeichnung von Chimären und Monstren (wie Montaigne seine Schreibprodukte bezeichnet) vereinbar.

Der Band bietet insgesamt auf hohem Diskussionsniveau einen Überblick über die für Montaigne zentralen Themen. Als Einführung stellt er aufgrund der jeweils bereits spezialisiert-differenzierten Vorgehensweise hohe Ansprüche an den Leser. Mit der Frage nach Form und Stil der Essais in ihrer philosophischen Bedeutung setzen sich die Autoren allerdings nicht systematisch auseinander. Die philosophische Konsequenz, die sich aus Montaignes schriftstellerischen Übertritt in die Bereiche des Imaginären und Fiktiven ergibt, bleibt unbeleuchtet.


Anmerkung:

[1] Vgl. Karin Westerwelle: Montaigne. Die Imagination und die Kunst des Essays, München 2002.

Karin Westerwelle