Rezension über:

Christiane Reinecke: Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 242), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021, 386 S., 6 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-31730-3, EUR 65,00
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Rezension von:
Arndt Neumann
Historisches Institut, FernUniversität Hagen
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Arndt Neumann: Rezension von: Christiane Reinecke: Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/03/35973.html


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Christiane Reinecke: Die Ungleichheit der Städte

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Im Jahr 1995 kam der französische Spielfilm "La Haine" in die Kinos. [1] Vor dem Hintergrund gewaltsamer Ausschreitungen in einer Pariser Banlieue schilderte er 24 Stunden aus dem Leben der drei Jugendlichen Vinz, Saïd und Hubert. Da sie aufgrund einer schikanösen Polizeikontrolle den letzten Zug in ihre am Stadtrand gelegene Hochhaussiedlung verpasst hatten, waren sie gezwungen, die Nacht im Stadtzentrum zu verbringen. Mehrfach thematisierte der Spielfilm die damit verbundenen Fremdheitserfahrungen, nicht zuletzt gegenüber dem intellektuellen Publikum einer Vernissage. Auch Christiane Reineckes im Jahr 2021 erschienenes Buch "Die Ungleichheit der Städte", das auf der überarbeiteten Fassung ihrer Habilitationsschrift beruht, nimmt den Leser mit auf eine Reise, allerdings in umgekehrter Richtung. Wie Sozialwissenschaftler, Journalisten, Aktivisten und Kommunalpolitiker die von ihnen besuchten Barackenlager, Großsiedlungen und "Ausländerghettos" im Frankreich und Westdeutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrnahmen und welche Folgen dies für die betroffenen Stadtviertel hatte, steht im Mittelpunkt ihrer Untersuchung.

Um die Wirkmächtigkeit dieser Zuschreibungen genauer fassen zu können, wählt Reinecke drei aufeinander aufbauende theoretische Zugänge. So begreift sie erstens die verschiedenen urbanen Problemzonen westeuropäischer Gesellschaften als "Badlands" (14). Gemeinsam sei ihnen, dass sie in der gesellschaftspolitischen Debatte als "Gegen- und Anschauungsräume" (12) dienten. Gerade anhand einzelner besonders berüchtigter Quartiere verständige sich die Öffentlichkeit über die als maßgeblich erachteten sozialen Probleme. Daran anschließend umreißt sie zweitens eine "Raum- und Wissensgeschichte sozialer Ungleichheit" (19). Weder mediale Skandalisierungen noch sozialwissenschaftliche Studien ließen sich als bloßes Abbild der jeweiligen Verhältnisse fassen. Vielmehr trügen deren "Realitätseffekte" (13) selbst dazu bei, dass sich die räumlichen Ordnungen verfestigten. Kennzeichnend sei dabei der allmähliche Übergang von "klassenbasierten zu ethnisierten und Race-basierten Grenzziehungen" (13). Zudem setzt sie sich drittens mit dem Scheitern des "'sozialen Projekt[s]' der städtebaulichen Moderne" (32) auseinander. Mit besonderer Deutlichkeit zeige sich dies im Bedeutungswandel der Großsiedlungen. Aus den Modellprojekten der Nachkriegsmoderne seien die "Badlands" des späten 20. Jahrhunderts geworden.

Ausgehend von diesem konzeptionellen Rahmen zeichnet Reinecke die zeitgenössischen Debatten über die urbanen Problemzonen in Frankreich und Westdeutschland nach. Zunächst wendet sie sich den Bidonvilles und kommunalen Notunterkünften der Nachkriegszeit zu. Eines der zentralen Ziele der 1950er und 1960er Jahre habe darin bestanden, das Wohnungselend der Barackenlager zu überwinden: zum einen durch den Bau modern ausgestatteter Sozialwohnungen, zum anderen durch die gezielte Unterweisung "sozial schwacher" Familien. Zudem sei in Frankreich die Wahrnehmung der städtischen Ränder und die der dort lebenden algerischen Einwanderer durch ein deutliches Fortwirken des Kolonialismus gekennzeichnet gewesen. Unter anderem zeige sich dies darin, dass die ab den 1950er Jahren übliche Bezeichnung für informelle Siedlungen französischer Städte, Bidonville, zuerst mit Blick auf die Elendsviertel von Casablanca geprägt worden sei. Demgegenüber hätten die neu errichteten Großsiedlungen das Ideal der sozialen Durchmischung und des verallgemeinerten Wohnkomforts verkörpert. Doch bereits in den 1960er Jahren seien sie ihrerseits als fragwürdig eingeschätzt worden. Nun hätten Journalisten und Sozialwissenschaftler der sozialen Kälte der Hochhaussiedlungen, von der vor allem die dort lebenden Hausfrauen betroffen seien, die nachbarschaftliche Wärme der verschwindenden Arbeiterviertel gegenübergestellt. Aber auch diese sowohl von linksalternativer als auch von konservativer Seite geäußerte Kritik habe das Bild urbaner Problemzonen nicht dauerhaft bestimmen können. Unter dem Einfluss der amerikanischen Stadtsoziologie und der dort entwickelten Konzeption des "Ghettos" sei vermehrt die räumliche Konzentration von Einwanderern in bestimmten Stadtteilen als heikel erachtet worden. Bereits um 1970 habe sich in Westdeutschland der Fokus auf die "Ausländerghettos" verschoben. Im Unterschied dazu seien in Frankreich die gewalttätigen Ausschreitungen männlicher Jugendlicher, die sich seit den frühen 1980er Jahren ausbreiteten, anfänglich als Folge der Deindustrialisierung und der damit verbundenen Auflösung des Arbeitermilieus interpretiert worden. Gleichwohl hätten nach 1990 auch für die Banlieues ethnisierende Lesarten die Oberhand gewonnen. In besonderem Maße gelte dies für die Grenzziehung zwischen Europäern und Muslimen.

Überzeugend legt Christiane Reinecke in ihrem Buch dar, dass die Geschichte urbaner Problemzonen im 20. Jahrhundert immer auch der Historisierung soziologischer Deutungskonzepte bedarf. Welches Gewicht den "Realitätseffekten" wissenschaftlicher Studien im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Einflüssen zukommt, bleibt dagegen ungeklärt. So lässt sich das Scheitern staatlicher Planungen, das vor allem die Großsiedlungen kennzeichnete, auch als Ausdruck der begrenzten Wirkmächtigkeit sozialwissenschaftlicher Prognosen begreifen, zumindest im Hinblick auf die intendierten Folgen. Ein zweiter Einwand betrifft das Wechselverhältnis zwischen "Badlands" und Industriegebieten. Wie sich deren Beziehung durch die Deindustrialisierung wandelte, wird nur am Rande behandelt. Doch dass in der öffentlichen Wahrnehmung der Großsiedlungen der herumlungernde Jugendliche die vereinsamte Hausfrau als prägende Sozialfigur ablösen konnte, verweist unmittelbar auf den mit dem Niedergang der Industrie verbundenen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit. Gleichzeitig waren die klassenbasierten Interpretationsmuster häufig sowohl auf Wohngebiete als auch auf Arbeitsstätten bezogen, nicht zuletzt bei dem französischen Soziologen Michel Pialoux, der neben der von Reinecke erwähnten Studie über urbane Armut auch zu den Umbrüchen der industriellen Arbeitswelt forschte. [2]

Ein dritter und letzter Kritikpunkt betrifft den methodischen Umgang mit der Quellengruppe der sozialwissenschaftlichen Studien. Unbestritten bleibt, dass deren Ergebnisse durch die theoretischen Annahmen, die politischen Überzeugungen und die soziale Stellung der Forscher überformt wurden. Gerade bei qualitativen Interviews stellt sich jedoch die Frage, ob sich die Gesprächspartner auf eine passive Projektionsfläche reduzieren lassen. Wünschenswert wäre es hier gewesen, wenn die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen stärker gegen den Strich gelesen worden wären, um den darin enthaltenen Eigensinn der Bewohnerinnen und Bewohner urbaner Problemzonen offenzulegen.

Eine der wenigen Passagen in Reineckes Buch, in denen dieser Eigensinn im Vordergrund steht, stellt das Unterkapitel über den französischen Hip-Hop der 1990er Jahre dar. Nicht nur über die Stadtsoziologie, sondern auch über den Gangsta-Rap sei die Vorstellung des schwarzen "Ghettos" aus den USA nach Europa gewandert. Besonders deutlich zeige sich dies in dem 1990 veröffentlichten Lied "Enfants du Ghetto" (304) der französischen Rapperin Saliha. Gleichzeitig deuten die darin enthaltenen Textzeilen "Tous les jeunes, les blacks, les blanc, les beurs / Unis par les HLM et par la rage au cœur" (304) darauf hin, dass in der Selbstwahrnehmung der Betroffenen die gemeinsame Herkunft aus den Sozialwohnungen, den HLM, wichtiger war als "Race".


Anmerkungen:

[1] Vgl. La Haine, Regie: Mathieu Kassovitz, Frankreich 1995.

[2] Vgl. Michel Pialoux: Le vieil ouvrier et la nouvelle usine, in: Pierre Bourdieu u. a.: La misère du monde, Paris 1993, 331-348.

Arndt Neumann