Rezension über:

Katharina Wesselmann: Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen, Darmstadt: wbg Theiss 2021, 221 S., 20 s/w-Abb., ISBN 978-3-8062-4342-0, EUR 22,00
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Rezension von:
Michael Jung
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Michael Jung: Rezension von: Katharina Wesselmann: Die abgetrennte Zunge. Sex und Macht in der Antike neu lesen, Darmstadt: wbg Theiss 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/03/36292.html


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Katharina Wesselmann: Die abgetrennte Zunge

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Katharina Wesselmann hat eine kurze und prägnante Studie vorgelegt, die den Anspruch erhebt, klassische Texte der Antike neu zu lesen und zu interpretieren. Schon in ihrer Einleitung macht sie deutlich, welche Perspektive das sein soll, nämlich eine klar feministische. Damit knüpft die Autorin an eine Forschungstendenz an, die vor allem von Amy Richlin und Mary Beard, aber auch vielen anderen in der angelsächsischen Forschung schon seit vielen Jahren mit innovativen Ansätzen vorangetrieben wird. Insofern ist es sicherlich ein Desiderat, dass auch in der deutschen Altphilologie solche Ansätze erprobt und umgesetzt werden. Die Autorin, Professorin für Fachdidaktik der Alten Sprachen in Kiel, legt eine Studie vor, die vor allem latinistisch orientiert ist. Entgegen dem Titel, der vielleicht anderes erwarten ließe, geht es also schwerpunktmäßig um ein neues Verständnis römischer Literatur.

Nach einer Einleitung, die die Relevanz des Ansatzes vor allem auch vor dem Hintergrund der me too-Debatte erläutert (7-19), erprobt die Autorin ihren Ansatz in neun Fallstudien, die jeweils von einem Problem der aktuellen gesellschaftlichen Debatte ausgehen und dann in der antiken Literaturgeschichte nach Entsprechungen sucht. Im ersten Kapitel (20-41) werden anhand von Briseis, Penelope und Helena die literarischen Rollenbilder von Frauen und der "männliche Blick" auf die Sklavin, Gattin und Göttin dekonstruiert. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie es der Autorin am Beispiel von Penelope herauszuarbeiten gelingt, wie andere Erzähltraditionen, die diesem Blick nicht entsprechen, marginalisiert werden. Am Beispiel der Dämonisierung von Kleopatra wird dann das Bild der Frau als Konkurrentin um männliche Macht in den Blick gekommen (42-61), bevor Dido und Medea als Beispiele für Frauen analysiert werden, denen als Verlassene die alternativlose Schuld am Scheitern zugeordnet wird (62-79). In einem der vielleicht stärksten Kapitel analysiert die Autorin dann am Beispiel der Metamorphosen, wie die Opfer männlicher sexueller Gewalt im Mythos mundtot gemacht werden und ihre Stimme verlieren (Io, Daphne). Die römischen Komödien (102-119) dienen dann als Beleg dafür, dass sexuelle Gewalt in der römischen Literatur nur so lange als Problem gesehen wird, wie sie nicht durch die Ehe legalisiert worden sei. Danach folgt ein Beitrag zu mann-männlicher Gewalt - es geht um das Päderastie-Problem in der antiken Literatur (120-139), das vergleichsweise konventionell ausfällt. In der römischen Liebeselegie (140-164) sieht die Autorin im Lyrischen Ich vor allem einen potentiell gewaltbereiten Incel und Stalker. Die von der älteren Forschung gerühmte Einfühlung in die Frau verstelle den Blick auf das hohe Gewaltpotential - zugleich arbeitet die Autorin aber präzise heraus, dass das Bild des verletzten Liebhabers der zeitgenössischen Machokultur wenig entsprochen habe und daher als solches bereits eine Provokation gewesen sei. Im vielleicht besten Kapitel der Studie wird Catulls Dichtung dann mit der zeitgenössischen Hip-Hop-Kultur verglichen (165-181), und das mit erstaunlichen Resultaten. Die Brechung zwischen Autorenpersönlichkeit und Lyrischem Ich, zwischen radikaler Gossensprache und hoher Lyrik, zwischen Homophobie und mann-männlicher Attraktion, all das setzt die Autorin mit einem präzisen Gegenwartsvergleich in ein ganz neues Licht. Im letzten Kapitel (182-200) geht es schließlich um die Diffamierung älterer, sexuell aktiver Frauen in der Literatur.

Wie ist die rund 200 Seiten starke Studie nun insgesamt zu bewerten? Zunächst einmal kann man der Autorin nur gratulieren, dass sie es wagt, die angelsächsischen Forschungsansätze endlich auch einmal in die deutsche Altertumswissenschaft einzuführen und exemplarisch zu erproben. Auch wenn die Studie vieles nur anreißen kann und sich erkennbar auch an ein breiteres Publikum zu richten versucht, es ist endlich einmal ein nicht in klassizistischem Marmor erstarrter männlicher Blick auf die (römische) Antike, sondern ein radikal feministischer. Die Autorin ist sich der Provokation bewusst, und so spitzt sie zu - aber gerade das ist es, was die Lektüre so reizvoll macht. Es ist gerade die andere Sicht auf längst bekannte Sujets und literarische Figuren, die interpretatorisch spannend ist. Insofern ist dieses Buch, das sich einer lang etablierten männlichen Sichtweise entgegenstellt, eine spannende und andere Perspektive, die eine intensive Diskussion lohnt. Auch wenn das Buch vieles nur anreißen kann, wird doch deutlich, wie sehr die deutsche Altertumswissenschaft diese neuen Perspektiven brauchen kann.

Bei allem frischen Wind, den Wesselmanns Buch verströmt, dürfen kritische Anmerkungen nicht fehlen. Da sind vor allem die Gegenwartsvergleiche. Wo immer sie in literaturvergleichendem Sinne genutzt werden (wie bei Catull und Hiphop), entfalten sie eine starke Kraft. Allerdings hätte das Buch gewonnen, wenn nicht alles in diese Richtung gebürstet worden wäre. Wenn die Autorin zum Beispiel die misogyne Dämonisierung Kleopatras durch Horaz und Vergil analysiert und meint, dies dann mit der Kritik aus social media-Foren an der früheren Bundeskanzlerin vergleichen zu müssen, da stimmt was nicht. Sie verkennt grundlegend, dass marginalisierte Stimmen vom gesellschaftlichen Rand im Schutz der Anonymität, die als Straftat verfolgt werden, etwas anderes sind als regimeoffizielle Lyrik von staatlichen geförderten Autoren. Ausweislich aller Meinungsumfragen und Wahlergebnisse ist Deutschland heute auch kein Land, in dem Politikerinnen einer so ätzenden misogynen Stimmung ausgesetzt würden wie die ägyptische Königin - genau das stellt die Autorin aber in den Raum (44). Solche grob falschen Gegenwartsbezüge durchziehen an vielen Stellen das Buch, und damit liefert die Autorin unnötige Angriffspunkte, die ihrem eigentlichen Anliegen schaden. Ihren Leser:innen traut die Autorin wenig zu, wenn sie meint, mit solchen sehr vordergründigen Aktualisierungen die gesellschaftliche Relevanz ihres Ansatzes betonen zu müssen.

Und da kommt ein weiterer Punkt hinzu. Der Blick der Autorin ist feministisch, aber er ist vor allem auch weiß. Die feministische Perspektive überlagert alles und drückt hoch relevante Aspekte an den Rand. Die Kritik an Kleopatra ist ja nicht nur misogyn, sie ist vor allem auch xenophob. Kleopatra, Medea, Dido - das sind eben nicht nur Frauen, es sind vor allem auch Vertreterinnen des Barbaricums. Sie sind ein Gegenbild zum Eigenen, sie sind ein Zerrbild des Fremden. Es ist bedauerlich, dass das in Wesselmanns Interpretationsansätzen kaum reflektiert wird.

Außerdem ist der Blick der Autorin auf die römische Literatur stets postmaterialistisch. Soziale Differenz spielt für ihre Analyse keine Rolle. Es gibt zwar unterschiedliche Rollen, aber die soziale Wirklichkeit gerät nicht in den Fokus. So ist es zwar sicher richtig, dass die in der römischen Literatur als selbstverständlich vorausgesetzte sexuelle Verfügbarkeit von Sklav:innen Ausdruck von sexueller Gewalt ist. Dabei gerät aber fundamental aus dem Blick, dass die Sklaverei als solche bereits ein so außerordentliches Gewaltverhältnis ist, dass der Aspekt der Sexualität einen wesentlichen, aber keineswegs den konstitutiven Teil dieses Verhältnisses ausmacht, und dass diese Gewalt Nicht-Römer:innen traf. Überhaupt entgeht der Autorin bei ihrem genderzentrierten Ansatz leider oft, dass viele Zerrbilder und Gewaltaspekte sich aus sozialer Differenz und kultureller Alterität ergeben - es ist oft genug eben auch der Spott der happy few über die anderen, den wir in manchen literarischen Zeugnissen finden.

Bevor die Autorin die Notwendigkeit sieht, dem Rezensenten noch Whataboutism vorzuwerfen, soll diese kurze Einschätzung genügen: Alles in allem kann es nämlich keinen Zweifel geben, dass Katharina Wesselmann eine originelle, innovative und provokante Studie vorgelegt hat, mit deren Thesen eine vertiefte Auseinandersetzung auch der Fachwissenschaft nur zu wünschen ist. Vor allem aber ist zu hoffen, dass diese Perspektiven auch in der Fachdidaktik der alten Sprachen ankommen - und dieses Fach vertritt die Autorin ja. Das wird eine Herausforderung.

Michael Jung