Rezension über:

Ivonne Driesner: Der historische Nahraum. Wahrnehmung und Deutung durch Schülerinnen und Schüler (= Forum Historisches Lernen), Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2021, 270 S., ISBN 978-3-7344-1267-7, EUR 31,90
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Rezension von:
Matthias Weipert
Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Universität Siegen
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Weipert: Rezension von: Ivonne Driesner: Der historische Nahraum. Wahrnehmung und Deutung durch Schülerinnen und Schüler, Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/03/36369.html


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Ivonne Driesner: Der historische Nahraum

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Der 'Raum' ist seit einigen Jahren in den Kulturwissenschaften en vogue. War er lange Zeit und vor allem in Deutschland aufgrund von Vorstellungen eines ethnisch homogenen beziehungsweise zu homogenisierenden Raumes diskreditiert, so herrscht inzwischen statt eines derartig substantialistisch-statischen ein konstruktivistisch-dynamisches Verständnis von Raum vor. Diese Wende zum Raum ist nach Stephan Günzel "kein bloß akademisches Unterfangen, sondern geht auf eine grundlegende Veränderung der Lebenswelt zurück, die von Theorien reflektiert wird". [1]

Die vorliegende Studie greift sowohl den konstruktivistischen Raumansatz als auch den Bezug zur Lebenswelt auf, indem untersucht wird, "wie Schülerinnen und Schüler den sie umgebenden historischen Raum wahrnehmen und konzeptualisieren". (217) Damit reiht sich die Arbeit in aktuelle geschichtsdidaktische Debatten ein, auch wenn in diesen noch kein umfassender 'spatial' oder 'topographical turn' zu erkennen ist. Waltraud Schreiber, Vadim Oswalt und andere haben zwar die neueren Raumtheorien aufgegriffen und auf einer theoretischen Ebene mit der Geschichtsdidaktik in Beziehung gesetzt. [2] Jedoch sind die daran anknüpfenden Forschungen zum einen noch nicht sehr zahlreich, zum anderen verteilen sie sich derzeit vor allem auf drei Felder: Losgelöst von einem immer noch als Container gedachten Nationalstaat nehmen im ersten Feld die Welt- / Globalgeschichte und im zweiten die Regionalgeschichte Räume, deren Konstruktion und Verflechtungen in den Blick. Forschungen des dritten Feldes beziehen sich auf außerschulische Lernorte und fragen danach, wie hier in einer räumlichen Dimension Geschichte konstruiert und Vergangenheit erinnert wird. Diese Arbeitsgebiete gehören zwar zusammen, werden bislang aber vorwiegend separat behandelt. Bevor größere Zusammenhänge hergestellt werden können, ist noch Einiges an Einzelforschung zu leisten.

Die Studie von Ivonne Driesner ist dem zweiten Feld zuzuordnen. Ihr geschichtsdidaktischer Blick auf die Regionalgeschichte ist ein empirischer und unterscheidet sich von den bisherigen Ansätzen, die vor allem theoretisch die Potentiale der konstruktivistischen Regionalgeschichte ausgelotet haben [3] oder Theorie und unterrichtliche Umsetzungsvorschläge verbinden. [4]

In den ersten vier Kapiteln werden die Grundlagen für die empirische Untersuchung dargelegt, um anschließend im fünften und sechsten Kapitel das Forschungsdesign sowie die Erinnerungskultur des untersuchten 'Nahraums' (Mecklenburg-Vorpommern) zu beschreiben. Im siebten und achten Kapitel werden die Ergebnisse nicht nur vorgestellt, sondern es wird auch diskutiert, ob auf deren Basis regionalgeschichtliche Zugänge im Geschichtsunterricht überhaupt sinnvoll sind und wenn ja, wie diese didaktisch zu gestalten sind, um historisches Lernen zu ermöglichen.

Aufgrund der qualitativen Herangehensweise (die insgesamt überzeugend ist, es fehlt jedoch ein Anhang mit dem Interviewleitfaden sowie eine Tabelle zur Kategorienbildung) sind die Resultate nicht repräsentativ, aber dennoch enorm aufschlussreich: Viele Behauptungen in der einschlägigen Literatur werden untermauert, differenziert oder korrigiert.

Ivonne Driesner hat 23 Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulformen im Alter von 11-13 Jahren (15 Interviews konnten ausgewertet werden) danach befragt, was sie unter den Begriffen 'Region' und 'Heimat' verstehen, wie sie ihren Nahraum charakterisieren, welche historischen Phänomene sie in diesem wahrnehmen, wie sie (in Anlehnung an Jörn Rüsen) historischen Sinn bilden, und ob sie Interesse am Nahraum haben beziehungsweise ob sich Interessiertheit herstellen ließe.

In dieser Besprechung können nicht alle Ergebnisse präsentiert, sondern nur die Wesentlichen zusammengefasst werden: Schülerinnen und Schüler der untersuchten Altersgruppe verstehen unter 'Region' und 'Heimat' höchst unterschiedliche Dinge, die von statischen Raumbezügen (Heimat als Ort der Geburt) bis hin zu einem konstruktivistischen Verständnis (Region als ein Raum mit gemeinsamen Merkmalen) reichen. Für die Wahrnehmung des Historischen in ihrem Nahraum (Driesner verwendet diesen Begriff, um den Fallstricken der nach wie vor in der Forschung umstrittenen und auch in der Gesellschaft kontrovers diskutierten Begriffe 'Region' und 'Heimat' zu entgehen) sind für die Schülerinnen und Schüler die Geschichtskultur, die Familie, die Alteritätsanmutung und die Rätselhaftigkeit der Phänomene wesentliche Einflussfaktoren. So kann die Studie zeigen, dass die Interviewten Städte durchaus als historisch wahrnehmen, ihre Region hingegen kaum. Die Konzentration auf urbane Räume entspricht der in dem Untersuchungsraum Mecklenburg-Vorpommern verbreiteten Geschichtskultur. Gleiches gilt für bestimmte Epochen (Mittelalter), Personen (wie Caspar David Friedrich) oder Events, die in der mecklenburg-vorpommerschen Erinnerungskultur eine prominente Rolle spielen. Alterität (vor allem das Aussehen von Bauwerken) oder Rätselhaftigkeit (in Sagen und Mythen) sind für die untersuchte Gruppe ebenfalls wichtige Kategorien, die die Wahrnehmung des Historischen in der Umgebung leiten.

Ob Schülerinnen und Schüler sich für das Geschichtliche im Nahraum oder in der Ferne interessieren, ist anhand des Materials nicht präzise zu beantworten. Es scheint aber so zu sein, dass das Interesse stark von individuellen Dispositionen für das Vertraute oder das Fremde abhängt. Unabhängig davon lässt sich aber Interessiertheit herstellen, wenn thematische Anknüpfungspunkte im Nahraum für die Interessen der Schülerinnen und Schüler gefunden und geschaffen werden.

Driesner zieht daraus für den Unterricht vielfältige Schlussfolgerungen. Im Zentrum steht dabei ein konstruktivistisches Raumverständnis. Die Wahrnehmungen und Deutungen der jeweiligen Umgebung gelte es aufzugreifen, um im Unterricht zu reflektieren, wie in der Gesellschaft diese Räume konstruiert werden und welche Rolle dabei insbesondere die Geschichtskultur spielt. Zudem sollen die Lernenden auch reflektieren, welche eigenen Prägungen ihre Raumwahrnehmung und -konstruktion beeinflussen. Damit würden Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt, sich auch in anderen Räumen zurechtzufinden, indem sie sich mit diesen auseinandersetzen und deren Konstruktionsmerkmale und -bedingungen reflektieren können. Das setze aber ein Umdenken in der Lehrplangestaltung, der Ausbildung der Lehrkräfte und der konkreten Unterrichtspraxis voraus.

Störend an der vorliegenden Studie sind die häufigen Wiederholungen. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn, statt des Versuchs eines Überblicks, der Forschungsstand viel stärker mit Blick auf die vorliegende Fragestellung ausgewertet worden wäre. So liest man relativ langatmige Zusammenfassungen zur Raum- und Regionsforschung, die aber nicht vollständig sind (so werden Foucault und Lefebvre nur am Rande erwähnt, die Annales fehlen vollständig, ebenso die Literatur zu den Themen 'Grenzen' und 'Karten') [5] und zu denen es bereits zahlreiche Handbücher und Überblicksdarstellungen gibt. Das ändert aber nichts daran, dass es sich insgesamt um ein sehr lesenswertes Buch handelt.


Anmerkungen:

[1] Stephan Günzel: Raum. Eine kulturwissenschaftliche Einführung, Bielefeld 2017, 7.

[2] Waltraud Schreiber: Der "Spatial Turn": Chance und Herausforderung für den Geschichtsunterricht, in: Raum und Zeit. Orientierung durch Geschichte, hg. von Waltraud Schreiber / Carola Gruner, Neuried 2009, 59-100. Vadim Oswalt: Das Wo zum Was und Wann. Der "Spatial turn" und seine Bedeutung für die Geschichtsdidaktik, in: Geschichte in Wissenschaft im Unterricht 41 (2010), 220-233.

[3] Jürgen Hannig: Regionalgeschichte und Auswahlproblematik, in: Geschichtsdidaktik, H. 2 (1984), 131-142.

[4] Anke John: Lokal- und Regionalgeschichte, Frankfurt / M. 2018. Bärbel Kuhn / Matthias Weipert (Hrsg.): Region und außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht, St. Ingbert 2019.

[5] Aus der reichhaltigen Literatur zum Thema 'Grenze' seien beispielhaft folgende Publikationen genannt: Aus Politik und Zeitgeschichte 63 (2014). Alexander Demandt: Grenzen. Geschichte und Gegenwart, Berlin 2020. Jürgen Osterhammel: Kulturelle Grenzen in der Expansion Europas, in: Saeculum 46 (1995), 101-138. Zum Thema 'Karte': Christina Böttcher: Die Karte, in: Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, hg. von Hans-Jürgen Pandel / Gerhard Schneider, 6., erw. Aufl. Schwalbach / Ts. 2011, 184-210. Ute Schneider: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute, Darmstadt 2004.

Matthias Weipert