Rezension über:

Eveline Diener: Das Bayerische Landeskriminalamt und seine "Zigeunerpolizei". Kontinuitäten und Diskontinuitäten der bayerischen "Zigeunerermittlung" im 20. Jahrhundert (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V.; Bd. 25), Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft 2021, 576 S., ISBN 978-3-86676-710-2, EUR 38,90
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Rezension von:
Hans Woller
München
Empfohlene Zitierweise:
Hans Woller: Rezension von: Eveline Diener: Das Bayerische Landeskriminalamt und seine "Zigeunerpolizei". Kontinuitäten und Diskontinuitäten der bayerischen "Zigeunerermittlung" im 20. Jahrhundert, Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 3 [15.03.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/03/36633.html


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Eveline Diener: Das Bayerische Landeskriminalamt und seine "Zigeunerpolizei"

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Die Vorwürfe wogen schwer. Sie richteten sich gegen zwei Beamte des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), die vor 1945 als Angehörige des Reichskriminalamts mit "Zigeunerfragen" befasst gewesen waren und nach dem Zweiten Weltkrieg erneut in diesem Metier tätig wurden. Sie hatten, so lauteten die Anschuldigungen aus den frühen 1960er Jahren, an der "Unfruchtbarmachung von Zigeunern und bei der Einweisung von Zigeunern in Konzentrationslager" mitgewirkt und mussten sich deshalb vor Gericht verantworten. Die beiden Polizisten kamen, wie alle nationalsozialistischen "Zigeuner-Experten", ungeschoren davon, und zwar auch deshalb, weil sich das LKA weigerte, gegen Kollegen zu ermitteln. Sein Präsident persönlich entpflichtete seine Beamten von der "Durchsicht der alten Zigeunerakten", wohlwissend, dass er damit die eigene Behörde desavouierte, die 1959 eine "Sonderkommission zur Bearbeitung von NS-Gewaltverbrechen" eingerichtet hatte.

Ein Einzelfall oder ein Indikator für die Ignoranz des LKA, wenn es um die Aufklärung von Verbrechen gegen Sinti und Roma und generell um die Kontinuitäten bayerischer "Zigeunerpolitik" im 20. Jahrhundert und speziell nach 1945 ging? Diese Frage steht im Zentrum einer Dissertation, die an der Fernuniversität Hagen entstand und im Herbst 2021 auf einer Pressekonferenz des LKA Bayern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde - im Beisein des Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, und des Präsidenten des LKA Bayern, Harald Pickert.

Die Autorin blickt unvoreingenommen und unerschrocken zurück. Eveline Diener, ihres Zeichens Kriminalhauptkommissarin, richtet den Fokus ihrer Untersuchung vor allem auf das Herzstück der bayerischen "Zigeunerpolitik", also auf die in München angesiedelten speziellen Dienststellen, die im Rahmen der Kriminalpolizei die Bekämpfung der schon im 19. Jahrhundert sogenannten Zigeunerplage koordinierten. Die Autorin holt dabei weit aus. Sie widmet sich in längeren Kapiteln der bayerischen "Zigeunerpolitik" im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im NS-Staat - schon vielfach beackerten Forschungsfeldern mithin, denen sie auf der Basis umfassender Quellenrecherchen zahlreiche neue Aspekte abzugewinnen vermag. Bayern, so lautet der nun weiter befestigte Befund, avancierte spätestens um die Jahrhundertwende zum Vorreiter der deutschen "Zigeunerpolitik". Die Münchner "Zigeunernachrichtendienststelle" wurde 1930 offiziell zur "deutschen Zentralstelle für die Zigeunerbekämpfung", und aus der Münchner "Zigeunerpolizeistelle" ging in der NS-Zeit nicht zufällig die "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" hervor, deren verhängnisvolle Rolle bei der Verfolgung und Ermordung hunderttausender Sinti und Roma auch Eveline Diener betont.

Weitgehendes Neuland betritt die Autorin im Hauptteil ihrer Studie, der sich auf die bayerische "Zigeunerpolizei" nach 1945 mit ihren wechselnden Bezeichnungen konzentriert: Zuerst hieß sie "Zigeunerpolizeistelle", dann "Landfahrerzentrale" und schließlich bis zu ihrer Auflösung 1965 "Nachrichtensammel- und Auskunftsstelle über Landfahrer", ohne dass sich an ihren Aufgaben Grundlegendes geändert hätte. Ihr Auftrag war es, die in Bayern ansässigen oder hier durchreisenden Sinti und Roma zu beobachten, nach allen Regeln polizeilicher Kunst auch dann zu erfassen, wenn sie sich nichts zu Schulden hatten kommen lassen, und sie so rasch wie möglich zur Weiterfahrt zu bewegen - wenn nötig mit allen Schikanen. Sinti und Roma standen, wie in den Jahrzehnten zuvor, unter Generalverdacht, der nicht anders als rassistisch begründet war. Ihr Schicksal im Nationalsozialismus weckte gerade in Polizeikreisen so gut wie keine Empathie.

Einrichtungen dieser Art gab es auch in anderen Bundesländern, die sich von der kleinen Minderheit der Sinti und Roma ebenfalls bedroht fühlten. Bayern behauptete aber auch nach 1945 seine traditionelle Vorreiterrolle, wie Eveline Diener zeigen kann: Nirgends sonst traten die "Zigeunerpolizisten" so frühzeitig auf den Plan, nirgends sonst kam es mit der (parteiübergreifend verabschiedeten) Landfahrerordnung von 1953 zu einer - verfassungsrechtlich nicht unbedenklichen - gesetzlichen Regelung der Materie, und nirgends sonst drängten die zuständigen Fachleute so energisch auf ein Bundesgesetz, wobei das bayerische Gesetz von 1953 als Vorbild dienen und die Leitungskompetenz in München liegen sollte. "Aus Überzeugung wurde hier versucht", so Diener, "eine Kontinuität zur Weimarer Republik und zur NS-Zeit herzustellen" (244).

Diese Überzeugung hatte nicht wenig mit der Tatsache zu tun, dass sich in der bayerischen "Zigeunerpolizei" eine ganze Reihe Beamter der alten Schule tummelte, die ihr Handwerk Jahrzehnte zuvor erlernt und im 'Dritten Reich' maßgeblich an der Verfolgung von Sinti und Roma mitgewirkt hatten. Vernichtungspläne wird man diesen ausgewiesenen Experten nicht mehr unterstellen dürfen; der Prozess des Umdenkens hielt sich aber in engen Grenzen, wie Diener nach der Auswertung aller zugänglichen Polizeiakten und nach mehreren Zeitzeugeninterviews herausarbeiten kann. Sie erfüllten mehr als ihre Pflicht und setzten den Sinti und Roma mit einem "an Fanatismus grenzende[n] Eifer" (512) zu, wie Eveline Diener schreibt.

Was sich hinter diesem pauschalen Diktum verbirgt, sollte etwa in Biografien und Regional- und Lokalstudien weiter differenziert werden. Eveline Diener liefert ein überzeugendes Beispiel dafür, wenn sie die Mitwirkung der "Zigeunerexperten" bei der Wiedergutmachung für Sinti und Roma unter die Lupe nimmt. Allein schon die Tatsache, dass das LKA in solchen Fällen automatisch (und ohne Anhaltspunkte für unlautere Absichten oder etwaige kriminelle Vorgeschichten der Betroffenen) eingeschaltet wurde, zeugt von der ungebrochenen Macht der Vorurteile, die gegenüber Sinti und Roma als Gruppe bestanden. Die Gutachten der "Zigeunerpolizisten" sprechen eine noch deutlichere Sprache: Die weitaus meisten fielen negativ aus und wurden unter Rückgriff auf die alten "Zigeuner"-Akten aus der NS-Zeit begründet, in denen Sinti und Roma oft und oft ohne Ansehen der Person zu "Asozialen" und Verbrechern abgestempelt worden waren.

Erst um 1960, so Diener schließlich, löste sich die bayerische "Zigeunerpolizei" langsam aus dem Bannkreis traditioneller Feindbilder, die ihren Umgang mit Sinti und Roma bis dahin dominiert hatten. Die alten Herren traten in den Ruhestand, junge unbelastete, im Zeichen von Demokratie und Rechtsstaat ausgebildete Beamte rückten nach, die aus der Geschichte andere Lehren zogen als manche ihrer verstockten Vorgänger. Wie beschwerlich dieser Abnabelungsprozess war und welche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden mussten, ehe der Präsident des LKA und Romani Rose 2021 gemeinsam vor die Öffentlichkeit treten und Eveline Dieners Studie vorstellen konnten, muss späteren Forschungen vorbehalten bleiben. Das Fundament dafür ist gelegt, der Maßstab gesetzt - durch ein breit recherchiertes, methodisch anspruchsvolles und außerordentlich facettenreiches Buch, dem man eine breite Rezeption nicht nur in Polizeikreisen wünscht - dort aber vor allem.

Hans Woller