Rezension über:

Wendan Li: Die Vita Papst Gregors IX. (1227-1241). Papst und päpstliches Amt in kurialer Sicht (= Papsttum im mittelalterlichen Europa; Bd. 9), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2021, 373 S., 3 Farbabb., 14 Tbl., eine Kt., ISBN 978-3-412-52128-8 , EUR 62,00
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Rezension von:
Markus Krumm
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Étienne Doublier
Empfohlene Zitierweise:
Markus Krumm: Rezension von: Wendan Li: Die Vita Papst Gregors IX. (1227-1241). Papst und päpstliches Amt in kurialer Sicht, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 9 [15.09.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/09/36154.html


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Wendan Li: Die Vita Papst Gregors IX. (1227-1241)

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Die Erforschung des Liber pontificalis und seiner verschiedenen Fortsetzungen hat derzeit erfreulicherweise Konjunktur. Jüngst sind ein Sammelband zum "Buch der Päpste" und Rosamond McKittericks Monographie zu den frühmittelalterlichen Viten erschienen [1]; Pandulfs Fortsetzung aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sowie die Gesta Innocentii III werden für die MGH neu ediert [2]; eine unlängst abgeschlossene Dissertation zu Bosos Fortsetzung steht kurz vor Drucklegung [3]; die Vita Papst Gregors IX. (1227-1241) schließlich liegt seit Kurzem nicht nur in der Neuedition Alberto Spataros vor [4]; sie hat jetzt auch eine erste monographische Studie erhalten, in Form der hier zu besprechenden, bei Matthias Thumser in Berlin entstandenen Dissertation Wendan Lis. Dabei versteht die Verfasserin ihre Arbeit sowohl als Beitrag zur Papst- und Kaisergeschichte des 13. Jahrhunderts als auch zur Historiographiegeschichte des Hochmittelalters - und zwar dezidiert als Brückenschlag zwischen einer älteren, primär an Ereignisgeschichte interessierten Forschung, der es in Auseinandersetzung mit historiographischen Quellen bekanntlich primär um die Neutralisierung der Autor-Tendenz ging, und dem jüngeren "vorstellungsgeschichtlichen" Ansatz, der auf eine "subjektive Realität" ziele und unter dem Li neben den Arbeiten Hans-Werner Goetz' auch die Forschungen zur pragmatischen Schriftlichkeit subsumiert. Demgegenüber fehle "bis heute [...] eine größere Untersuchung" zur Frage, "wie sich" die jüngere mit der älteren Forschung "verbinden ließe", indem sie "beide Arbeitsfelder" aufgreift (15). Die Umsetzung dieses Anliegens am Beispiel der Gregorsvita erfolgt nach der Einleitung in sechs größeren Kapiteln (Kapitel 2-7).

In Kapitel 2 geht Li zunächst auf den Überlieferungskontext (25-47) der Vita ein: Deren ältester Textzeuge ist eine Abschrift des Liber Censuum (Florenz, Ricc. 228) von der Mitte des 13. Jahrhunderts. In akribischer Auseinandersetzung mit den einzelnen Teilen des Ricc. 228 kommt Li zu dem Ergebnis, dass die Gregors-Vita zwar Mitte des 13. Jahrhunderts. in der apostolischen Kammer abgeschrieben wurde, jedoch ursprünglich nicht als Teil des Liber Censuum geplant war. Stattdessen sei sie gemeinsam mit Bosos Papstviten sowie Exzerpten zum Dritten Laterankonzil zunächst auf sieben "eigens" dafür "angelegten [...] Lagen geschrieben" worden. Entgegen älterer Vorschläge macht Li eine Eintragung der Vita in den Ricc. 228 unter Urban IV. (1261-1264) sowie einen Gebrauch im Kontext von Urbans antistaufischer Politik plausibel (43-46).

Im dritten Kapitel "Gestaltung und Konzeption" (48-107) kann Li zeigen, dass nicht erst die Überlieferung, sondern bereits die Entstehung der Vita eng mit der päpstlichen Kammer verbunden ist. Neben der strukturellen Nähe des Textes zum Liber Censuum (48-57) und den für die Vita gebrauchten Quellen (77-88) spricht hierfür vor allem die wahrscheinliche Identifizierung des Verfassers (57-70). Li lehnt zwei ältere Vorschläge der Forschung ab, um stattdessen neue und überzeugende Argumente für den durch Agostino Paravicini Bagliani ins Spiel gebrachten Nikolaus von Anagni zu bringen, einen unehelichen Neffen Gregors IX., der wohl schon unter diesem für die Kammer tätig war und unter Alexander IV. (1254-1261) zum Kämmerer aufstieg. Das zweite wichtige Ergebnis dieses Kapitels betrifft die Entstehungszeit: Teils in Fortführung, teils in Ablehnung von Beobachtungen der bisherigen Forschung grenzt Li diese auf wenige Monate in den Jahren 1239/40 ein (70-77). Zentral ist die Einsicht, dass der Autor im Wissen um die zweite Exkommunikation Friedrichs II. schrieb. Die letzten 18 Kapitel seien zeitgleich mit den Auseinandersetzungen zwischen Gregor IX. und Friedrich II. entstanden, die ersten 29 Kapitel klar auf diesen Konflikt bezogen. Entsprechend handle es sich bei der Vita "um eine Streit- und Parteischrift, die sich mit der aktuellen und vorübergehenden Notsituation des Papstes auseinandersetzt" (74) bzw. "pragmatische Schriftlichkeit" (77). Daraus ergibt sich die narrative Struktur der Vita als Abfolge von Störungen und Wiederherstellungen der aus kurialer Sicht richtigen Ordnung (95-107).

Im vierten Kapitel vertieft Li Nähe und Unterschiede der Gregorsvita zu den älteren Papstviten (108-189). Den Ausgangspunkt bildet hierbei die von Duchesne (allerdings nicht mehr in der jüngeren Forschung) vertretene These, dem Text fehle die innere Anbindung an die Viten Kardinal Bosos; stärker als letztere handle es sich um Hagiographie. Mit ihrer Argumentation verfolgt Li im Grunde einen Mittelweg: Tatsächlich ließen sich in unterschiedlichen Kontexten Vorstellungen einer "neue[n] päpstliche[n] Heiligkeit" in der Vita Gregorii IX greifen, z. B. um die Kompetenz des Papstes bei Heiligsprechungen zu begründen oder bei der zweiten Exkommunikation Friedrichs II. Neu sei auch die Betonung von Gregors adliger Herkunft und seine im Text betonte Liebe zu Anagni - letztlich ein weiteres Argument, mit dem Li Nikolaus von Anagni als Autor plausibel machen kann (120-130). Im Vergleich des Tugendkatalogs, der in der Gregorsvita noch vor der Schilderung der Papsterhebung kommt und offenbar die Eignung Gregors betonen soll (136), mit dem als Vorbild dienenden Tugendkatalog der Gesta Innocentii III stellt Li im Wesentlichen Übereinstimmungen fest; stärker betont seien Momente eines heiligenmäßigen Lebenswandels (130-136). Die in der Vita geschilderte Papsterhebung vollziehe einerseits den Wandel Gregors "von einem konventionellen kirchlichen Würdenträger in den Vicarius Christi"; andererseits vergegenwärtige sie das enge Band zwischen Papst und Römern (137-151). Eine ähnliche Funktion erfüllte auch die Darstellung von Gregors Hirtendienst, bei der Li die enge Verknüpfung zur päpstlichen Stadtherrschaft betont (152-172). Da die Verfasserin die Papstviten insgesamt und sicherlich zu Recht als "Geschichte einer Institution" begreift, "die die Handlungen ihrer höchsten Amtsträger widerspiegelt" (173), geht sie auch auf die Kardinäle und andere Vertreter der "Funktionseliten" ein (173-188). Im Ergebnis sieht sie die Kardinäle eher als "ausübende Instrumente" (188), denen gegenüber der Autor den Papst ins Zentrum seiner Darstellung rücke.

Um den konkreten Gebrauch der Vita im Sinne pragmatischer Schriftlichkeit geht es in den folgenden Kapiteln. Programmatisch ist Kapitel 5 mit "Programmschrift für die 'Herrschaft des Kirchenstaats'" (190-230) überschrieben. Dessen erste Hälfte ist nicht zuletzt eine willkommene Ergänzung zu den Forschungen Paravicini Baglianis zur Reisetätigkeit der Päpste im 13. Jahrhundert (194-209). Wichtiger im Sinne pragmatischer Schriftlichkeit scheinen die in der Vita thematisierten eigentumsrechtlichen Verhältnisse im Patrimonium und die dem Papst geschuldete fidelitas, darunter die lehnsrechtliche Bindung des Königreichs Sizilien an den Papst (224-229).

Für die von Li bereits im ersten Kapitel aufgezeigte causa scribendi, wonach die zweite Exkommunikation Friedrichs II. von 1239 einen klaren Einschnitt innerhalb der Erzählung darstelle, ist besonders das sechste, mit "Legitimations- und Verteidigungsschrift im Konflikt zwischen Papst und Kaiser" überschriebene Kapitel aufschlussreich (231-283). Die Erzählung sei wesentlich durch drei Gruppen von Anklagepunkten gegen Friedrich II. bestimmt, die in der Vita in einem langen "Sündenregister" (cap. XXXVII) zusammengefasst sind (1. Verschiedenes, 2. kirchliche Angelegenheiten im und 3. die schlechte Herrschaft Friedrichs II. über das Königreich Sizilien). Außerdem kann Li erklären, warum die Lombardenfrage in der Vita kaum eine Rolle spielt (257-262; unter anderem, weil Gregor IX. ein Bündnis mit den Lombarden strikt als Lüge zurückgewiesen hat). Die in der Vita geschilderten Ereignisse rund um die erste Exkommunikation Friedrichs II. von 1227 (263-283) gewinnen als Vorgeschichte des aktuellen Konflikts ebenfalls an Relevanz: Friedrich II. erscheint als Wiederholungstäter, dem nicht zu trauen ist. Lis Einschätzung, dass die Vita im Hinblick auf den "Endkampf" zwischen Kaiser und Papst "viele interessante und unbemerkte Details" biete, ist auf Grundlage der von ihr gemachten Beobachtungen auf jeden Fall zuzustimmen. Ein Anhang mit farbigen Abbildungen aus dem Ricc. 228, ein Personen- und ein Ortsregister beschließen den Band.

Insgesamt kann nur betont werden, dass Wendan Li mit ihrer Studie eindrücklich den Ertrag der Frage nach der causa scribendi einzelner Geschichtswerke aufzeigen kann. In dieser Hinsicht ist die Arbeit nicht nur eine wertvolle Ergänzung zur Geschichte des Papsttums im frühen 13. Jahrhundert und zum "Endkampf" Gregors IX. mit Friedrich II., sondern auch zur Historiographiegeschichte des Hochmittelalters. Lediglich in der eingangs und in der Zusammenfassung betonten Selbsteinschätzung, wonach die Studie methodisch Neuland betrete, "indem sie die Dimensionen der subjektiven und objektiven Wirklichkeit" zusammenführt (318), möchte ich widersprechen. Letztlich steht die Arbeit in einer klaren Linie zur Forschung pragmatischer Geschichtsschreibung. Diese erschöpft sich bekanntlich nicht in der Kartierung von Vorstellungen, sondern begreift - um nur aus einer einschlägigen, für die vorliegende Arbeit leider nicht herangezogenen Studie zum sog. Investiturstreit zu zitieren - "Geschichtsschreibung als intentionale Vergegenwärtigung des Vergangenen - und des gegenwärtigen Geschehens. [...] Geschichtsschreibung, die in dieser Zeit entstanden ist bzw. die als Quelle für die Ereignisse genutzt wird, soll im Folgenden als Bestandteil des Geschehens, über das sie Zeugnis ablegt, als Mittel bei der Gestaltung der Auseinandersetzungen, erklärt werden." [5] Dieser Kritikpunkt schmälert freilich nicht den Wert von Lis Arbeit; die Einordnung scheint mir aber wichtig, auch weil sie zeigt, wie ertragreich dieser Ansatz nach wie vor ist.


Anmerkungen:

[1] Klaus Herbers / Matthias Simperl (Hgg.): Das Buch der Päpste - Liber pontificalis. Ein Schlüsseldokument europäischer Geschichte, Freiburg / Basel / Wien 2020 (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte, Supplementband 67); Rosamond McKitterick: Rome and the invention of the papacy. the Liber pontificalis, Cambridge 2020 (The James Lydon lectures in medieval history and culture).

[2] https://www.mgh.de/de/die-mgh/editionsprojekte#scriptores

[3] Stephan Pongratz: Gottes Werk und Bosos Beitrag. Die Bewältigung des Alexandrinischen Schismas (1159-1177) in den Papstviten des Kardinals Boso (erscheint 2022 bei Böhlau).

[4] Alberto Spataro: Velud fulgor meridianus. La "Vita" di papa Gregorio IX. edizione, traduzione e commento (Ordines 8), Mailand 2018.

[5] Monika Suchan: Königsherrschaft im Streit: Konfliktaustragung in der Regierungszeit Heinrichs IV. zwischen Gewalt, Gespräch und Schriftlichkeit Stuttgart 1997 (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 42), S. 272.

Markus Krumm