Rezension über:

Aaron Pelttari: The Psychomachia of Prudentius. Text, Commentary, and Glossary (= Oklahoma Series in Classical Culture; Vol. 58), Norman, OK: University of Oklahoma Press 2019, XVI + 327 S., eine Kt., 10 s/w-Abb., ISBN 978-0-8061-6402-1, USD 29,95
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Rezension von:
Katharina Pohl
Bergische Universit├Ąt, Wuppertal
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Pohl: Rezension von: Aaron Pelttari: The Psychomachia of Prudentius. Text, Commentary, and Glossary, Norman, OK: University of Oklahoma Press 2019, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 4 [15.04.2023], URL: http://www.sehepunkte.de
/2023/04/33544.html


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Aaron Pelttari: The Psychomachia of Prudentius

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Die Psychomachie des Prudentius, das erste allegorische Epos, gehört zu den wirkmächtigsten Werken des "Christianorum Maro et Flaccus" (Richard Bentley). In kunstvoller epischer Darstellung wird darin der Kampf verschiedener Tugenden, denen jeweils eine oder mehrere biblische Figuren repräsentativ zugeordnet sind, mit ihrem jeweils antagonistischen Laster geschildert. So mag es verwundern, dass bis vor kurzem kein moderner Kommentar existierte, nicht wiederum verwundert es, dass nun fast gleichzeitig zwei Kommentarstudien erschienen sind. Die eine wurde von Magnus Frisch verfasst (Berlin / Boston 2020), bei der anderen handelt es sich um das hier zu besprechende Buch von Aaron Pelttari.

Dieses bietet nach einer Liste der Abbildungen und einem Abkürzungsverzeichnis zunächst ein Vorwort (xiii-xvi), in dem der Autor seine Zielsetzungen darlegt und sein Vorgehen mitteilt. Daran schließt sich eine umfangreiche Einleitung zu Autor und Werk an (3-37), die durch eine Karte des westlichen Mittelmeerraums um 400 abgerundet wird (38f.). Es folgt der kritische, lateinische Text der Psychomachia (41-74). Daran schließt sich mit dem Kommentar der größte Teil des Werks an (75-224). Die Appendices sind einerseits der Metrik des Gedichts gewidmet (225-229), andererseits literaturwissenschaftlichen Fachtermini (231-234). Beschlossen wird das Buch durch eine aktuelle Bibliographie (235-248), und ein Wörterverzeichnis aller in der Psychomachie verwendeten Vokabeln samt ihren englischen Entsprechungen als Übersetzungshilfsmittel (249-327).

Pelttaris Zielpublikum ist, wie er im Vorwort deutlich macht, ein studentisches, das sich der Psychomachie des Prudentius nähern möchte, schließt aber auch alle anderen Interessenten und Wissenschaftler ein, die sich mit Prudentius beschäftigen (xiii). So bietet schon die Einleitung einen leicht zugänglichen Überblick über Leben und Werk des Prudentius (3-9), die literarische Welt in der Spätantike (9-12) und eine grundlegende Einführung in die Psychomachia (12-37). Letzte gibt nach einem Überblick über die Struktur fundiert Auskunft zu Vorbildern und zur Intertextualität (14-16), zum Motiv des inneren Konflikts in umgebender christlicher Literatur (16-19), zu Allegorie und Interpretation (19-23), weiterhin zum Entstehungsdatum und zu zeitgenössischen Editionen (24-29), zu den Handschriften (mit nützlichen Links zu den digitalisierten Manuskripten) sowie zur Überlieferung (29-34) und schließlich zur Rezeption (34-37).

Die Textedition, der ein schmaler kritischer Apparat beigegeben ist, basiert hauptsächlich auf den Handschriften A, B, T, S und orientiert sich im Wesentlichen an der Edition von Cunningham. [1] Gewöhnungsbedürftig, jedoch auch bereits in früheren Editionen vorgeprägt, ist die lateinische Orthographie griechischer Wörter, wie sie die ältesten Handschriften bieten (etwa falerata V. 30, vgl. dazu S. 32f.).

Im Kommentar gelingt es Pelttari dem potentiell lektüreunerfahrenen Studenten den Zugang zur Dichtung des Prudentius zu erleichtern, und gleichzeitig theologische und philologische Probleme fruchtbar zu diskutieren. Dezidiert an die studentische Leserschaft gerichtet scheinen kurze Erklärungen von Fachtermini in Nebensätzen, der Hinweis auf die Verwechslungsgefahr bei edere und ēdere (151) sowie zu den Genitivformen von uester (151)). Gewinnbringend werden literarische Vorbilder für Junkturen und Gedanken referiert, insbesondere der epische Charakter der Psychomachie erfährt durch zahlreiche von Pelttari angeführte Vergilreminiszenzen wirkungsvolle Unterfütterungen. Großen Wert legt der Verfasser auf Erklärungen zur Dichtersprache und auf die Benennung der Stilmittel. Freilich bleiben, wie in jedem Kommentar Fragen offen, oder gebotene Lösungen sind nicht vollständig überzeugend. So heißt es etwa zu praef. 19 (81) gleichsam apodiktisch: "sinistris excitatus nuntiis: dative of agent, 'roused by inauspicious messengers.'", ohne in Betracht zu ziehen oder zu besprechen, dass es sich bei sinistris nuntiis auch gleichermaßen um einen instrumentalen Ablativ in der Bedeutung "durch unheilvolle Botschaften" handeln könnte (wie im Übrigen schon von Engelmann [2] und Lavarenne [3] vorgeschlagen).

Zu Vers 209f. gramine colles / imperio calcare dedit gibt Pelttari als Vergleichsstelle für die Konstruktion Cic. Manil. 35 unius huius se imperio ac potestati dediderunt an. Die Stellen unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Konstruktion: Während imperio bei Prudentius als Ablativ zu verstehen ist, handelt es sich bei Cicero um einen Dativ (se dare + dat.), wie auch bei der zweiten angeführten Parallele aus Tert. ieiun. 13 quale est autem, ut tuo arbitrio permittas, quod imperio dei non das? (129f.).

Hin und wieder wünscht sich der Leser, auch wenn er grundsätzlich die Kürze der Einträge schätzt, einige tiefergehende Ausführungen, etwa zur Bedeutung des angelicus cibus in Vers 374. Pelttari kommentiert: "Prudentius interprets this food as a symbol for the eucharist." (150), aber die Frage nach theologischen Vorbildern und der Verbreitung dieses Motivs bleibt offen.

Wo nötig, bietet Pelttaris Kommentar auch klar strukturierte und nachvollziehbare textkritische Überlegungen (189f.; 197f.; 215 u.ö.), in Ausnahmefällen sind sie etwas zu kurz gehalten, um die richtige Entscheidung des Editors aus dem Kommentareintrag heraus zu verstehen (etwa 156f. zu Vers 431, wo zudem im Apparat die Angabe p.c. zur Lesart von A fehlt).

Das alphabetische Wörterverzeichnis mit englischen Übersetzungen ist grundsätzlich sehr nützlich für die Erschließung des Textes; dass allerdings wirklich jedes Wort, das in der Psychomachie begegnet (also auch et, at, etiam ...), aufgenommen ist, ohne dass es etwa eine Bedeutung für statistische Analysen hätte, verwundert. Denn ein Rezipient, dem der lateinische Grundwortschatz unbekannt ist, wird wohl nicht gerade mit einem Werk des Prudentius in die Lektüre einsteigen.

Doch die Kritikpunkte fallen gegenüber der verdienstvollen Arbeit, die Psychomachie einem breiten Fachpublikum zugänglich zu machen, nicht ins Gewicht. Pelttari gibt mit seinem Buch sowohl Studenten als auch Wissenschaftlern ein willkommenes Werkzeug zur Beschäftigung mit Text und Autor an die Hand.


Anmerkungen:

[1] M. P. Cunningham (ed.): Aurelii Prudentii Clementis Carmina, Turnhout 1966.

[2] Ursmar Engelmann (Hg.): Die Psychomachie des Prudentius. Lateinisch-deutsch, Basel u.a. 1959, 30f.

[3] Prudence: Psychomachie, ed. Maurice Lavarenne, Paris 1933.

Katharina Pohl