Rezension über:

Gion Wallmeyer: Wissen über Ungewisses. Politische Berater und die spätmittelalterlichen Kreuzzugspläne (1274-1336) (= Europa im Mittelalter; Bd. 43), Berlin: De Gruyter 2023, IX + 669 S., 13 Farb-, 22 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-107370-5, EUR 139,95
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Rezension von:
Tim Weitzel
Historisches Seminar, Universität Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Étienne Doublier
Empfohlene Zitierweise:
Tim Weitzel: Rezension von: Gion Wallmeyer: Wissen über Ungewisses. Politische Berater und die spätmittelalterlichen Kreuzzugspläne (1274-1336), Berlin: De Gruyter 2023, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 5 [15.05.2024], URL: https://www.sehepunkte.de
/2024/05/38773.html


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Gion Wallmeyer: Wissen über Ungewisses

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Besieht man sich den Titel der hier zu besprechenden Studie etwas genauer, dann fällt auf, dass es ihrem Autor, Gion Wallmeyer, zunächst um Wissen, dann um Beratung und erst an dritter Stelle um die Kreuzzüge geht. Tatsächlich bestätigt sich dieser Eindruck schon bald nach dem Aufklappen des Buches. Denn die Fragestellung antwortet keineswegs auf ein drängendes Desiderat der Kreuzzugsforschung, sondern ist durch die Wissensgeschichte angeregt. Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine These, die in der älteren Forschung zwar bisher oftmals "proklamiert", bisher aber "kaum erforscht" worden sei, kurzum reine Hypothese bleibe. Nämlich die These, dass sich im Übergang zum Spätmittelalter eine neue Form der politischen Beratung herausgebildet habe, und zwar eine die "auf Akquise von Information oder Wissen abzielte" (1). Genau diesem Desiderat will Wallmeyer mit seiner Dissertation Abhilfe verschaffen - und den Beweis führen. Hierfür nimmt er die Kreuzzugspläne in den Blick, die im späten 13. und zu Beginn des 14. Jahrhunderts an diversen Herrscherhöfen sowie an der Kurie geschmiedet wurden, um auf die militärischen Niederlagen in Outremer zu reagieren, dessen letzter lateinischer Brückenkopf Akkon bekanntlich im Jahr 1291 fiel. Auf die Frage, warum ihm gerade diese Phase der Kreuzzugsgeschichte (1274-1336) als Fallstudie für seine Problemstellung dient, gibt der Autor folgende - recht knappe - Antwort: "Für die Erforschung der politischen Beratung ist dieser Gegenstand besonders geeignet, weil er in eine Phase epistemischer Ungewissheit und Zukunftsunsicherheit im Umgang mit den Kreuzzügen fällt" (3). Dem lässt sich nicht widersprechen, aber man hätte sich dennoch eine ausführlichere Abwägung gegenüber anderen möglichen Kandidaten bzw. Fallbeispielen gewünscht, um die Kontingenz der Auswahl entweder zu reduzieren oder zumindest offenzulegen.

Wenn die zu besprechende Studie also auch nicht in erster Linie der Kreuzzugsforschung zuzurechnen ist, eben weil sie - um es zu wiederholen - nicht auf ein Problemfeld bzw. Fragenkreis dieses Forschungsfeldes antwortet, so heißt dies nicht, dass der Kreuzzugshistoriker aus dieser lehrreichen Studie nichts lernen könnte. Zwar sind die insgesamt 37 Rückeroberungsmemoranden, die Wallmeyer als primäres Quellencorpus dienen, in der Kreuzzugforschung keine Unbekannte, aber Wallmeyers Studie fördert durchaus Neues zu diesen Texten zutage, was bereits bei der Kategorisierung dieses Corpus beginnt, das Wallmeyer überzeugend als Ratgeberliteratur verstanden wissen will. Diese Quellengattung mitsamt ihren Trägern differenziert Wallmeyer im zweiten, umfangreichsten Teil seiner Studie (111-390) in militärische, administrativ-finanzielle und schließlich geographische Rückeroberungsmemoranden. In dieser Typologisierung liegt der eigentliche Nutzen der Studie und zeigt sich das Potential der gewählten Systematik. Diese verfolgt ihren Gegenstand - anders als so viele geschichtswissenschaftliche Arbeiten - nämlich nicht chronologisch, sondern konstituiert ihn entlang systematischer, problemorientierter Gesichtspunkte. Zwar hat diese Systematik den Preis, dass in den jeweiligen Kapiteln und Unterkapiteln oftmals dieselben Quellen besprochen werden, dies darf aber keineswegs mit Redundanz verwechselt werden. Denn die Quellen werden in den unterschiedlichen Kapiteln immer wieder aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet.

Wenngleich der Rezensent insgesamt vom Aufbau und der Systematik der Studie beindruckt ist, so gilt es hier doch auch auf eine Reihe von Kritikpunkten einzugehen, welche die Begeisterung etwas trüben. Dies beginnt bereits mit der Einleitung, in der sich Wallmeyer auf die weit verästelte - und mit zahlreichen Fallstricken versehene - wissenssoziologische Diskussion rund um die Frage einlässt, was Wissen eigentlich sei. Zwar gelingt es dem Autor die vorherrschenden Positionen im Feld treffend zu rekonstruieren, er verfängt sich dabei aber in einer Aporie, da er sich auf das Spiel einlässt, wirkliches Wissen von nur scheinbarem Wissen trennen zu wollen, anstatt diese Frage den Zeitgenossen zu überlassen, also einen Beobachtungsmodus (mindestens) zweiter Ordnung einzunehmen. Denn auf dieser Analyseebene, hätte er sich der heiklen Frage enthalten können, ob es absolutes Wissen tatsächlich gibt oder aber - wie dies Achim Landwehr konstatiert hat - immer nur in Relation zu "Zeit, Raum und Gesellschaft" (Zitat auf S. 13).

Problematisch sind auch einige Anachronismen in der Arbeit, die dem Leser indessen als Quellenbegriffe verkauft werden. So behauptet Wallmeyer nicht nur, dass in den Quellen immer wieder vom Orient die Rede sei, um das Ziel der Kreuzzugsbewegung zu bezeichnen, sondern das fragliche Phänomen zumal als heiliger Krieg wahrgenommen worden sei: "In der Risikoforschung bisher keinerlei Beachtung gefunden haben heilige Kriege, die im Namen einer Religion geführt wurden. Im Mittelalter zählten dazu vor allem die Kreuzzüge in die Region, welche die Zeitgenossen gemeinhin als Orient bezeichneten" (20). Beide Aussagen können so nicht unwidersprochen stehengelassen werden. Weder wurde der Kreuzzug, jedenfalls nicht in der Anfangsphase der Kreuzzugsbewegung, als Heiliger Krieg bezeichnet, worauf der Rezensent selbst in einem Artikel aufmerksam gemacht hat, der Wallmeyer allerdings entgangen zu sein scheint; noch ist in den nämlichen Quellen oft vom Orient die Rede, sondern viel häufiger von der terra sancta (oder auch dem sepulchrum Christi), um die geographische Destination der Kreuzzugsbewegung auszuweisen. [1]

Auch inhaltlich sind die Erkenntnisse der Studie zumindest für den Kreuzzugsforscher nicht immer überraschend. Der Umstand etwa, dass der Kreuzzug spätestens seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts "ein leerer Signifikant" (76) gewesen sei, dessen Bedeutung von den Zeitgenossen mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt werden konnte, ist der Forschung spätestens seit einer vielbeachteten Studie von Ernst-Dieter Hehl wohlbekannt, worin Hehl dargelegt hat, dass der Kreuzzugsbegriff im Laufe der Zeit zu einer "Chiffre" geworden sei, womit sich sehr Unterschiedliches bezeichnen ließe - eine Entwicklung, die bereits seit den Anfängen der Kreuzzugsbewegung im 11. Jahrhundert vorgezeichnet gewesen sei, als Papst Urban II. das von ihm propagierte Unterfangen in einen "Interpretationsrahmen" stellte, der sowohl von den Teilnehmern selbst als auch von den rückblickenden Chronisten mit Sinn ausgestattet werden konnte. [2]

Ebenfalls fraglich erscheint dem Rezensenten Wallmeyers These, dass es in der von ihm den Blick genommenen Phase zu einer "veränderten Wahrnehmung des Kreuzzugs" gekommen sei, der "nicht länger als prädeterminierter Gotteskrieg, sondern als riskantes Unternehmen betrachtet wurde, dessen Ausgang zuvörderst von menschlichem (Planungs-)Handeln abhing" (575). Dass der Kreuzzug ein regelrecht wahnwitziges Unterfangen war, wurde nämlich bereits seit dem Beginn der Kreuzzugsbewegung durchaus reflektiert, was jeden militärischen Erfolg während des Ersten Kreuzzugs für die Zeitgenossen als Wunder erscheinen ließ, ja überhaupt die Grundlage für die Wahrnehmung des Kreuzzugs als Gotteskrieg legte. Mit anderen Worten: Das Risiko ist konstitutiver Bestandteil des Kreuzzugsdeutungsmusters. Und diesem Risiko begegnete man auch in der frühen Kreuzzugsgeschichte keineswegs nur mit blindem Gottvertrauen. Vielmehr bereitete man sich auch in der Anfangsphase der Kreuzzugsbewegung organisatorisch auf das Unterfangen vor und beriet sich sowohl im Vorfeld und auch während der Durchführung immer wieder - vertraute also nicht allein auf den Beistand Gottes. Insofern erscheint mir Wallmeyers These von einem grundlegenden Wahrnehmungswandel des Kreuzzugs im 13. Jahrhundert schief bzw. richtiger: überzeichnet.

Wenn der Rezensent also auch nicht mit allem einverstanden ist, was er im Rezensionsexemplar gelesen hat, so muss insgesamt doch unumwunden eingestanden werden, dass Gion Wallmeyer ein wichtiger Beitrag gelungen ist, den in Zukunft weder Wissenshistoriker noch Kreuzzugsforscher ignorieren dürfen.


Anmerkungen:

[1] Tim Weitzel: Kreuzzug als "heiliger Krieg"? Der Erste Kreuzzug im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Frieden, in: HZ 311 (2020), 321-350.

[2] Ernst Dieter Hehl: Was ist eigentlich ein Kreuzzug? In: HZ 259 (1994), 297-336, hier 300.

Tim Weitzel