Max Gedig: Politische Gewalt in der Bundesrepublik. Die Geschichte der Bewegung 2. Juni (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 148), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024, VI + 350 S., 4 Farb-, 12 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-150075-1, EUR 59,95
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In der Geschichte des deutschen Linksterrorismus gibt es nichts Vergleichbares: Der Bewegung 2. Juni ist mit der Entführung des Berliner CDU-Landesvorsitzenden, Peter Lorenz, im Jahr 1975 die Freipressung von sechs inhaftierten Terroristen gelungen - ebenso wie zwei Jahre später die Erbeutung von 31 Millionen österreichischer Schilling (2,25 Millionen Euro) im Zuge der "Palmers-Entführung". Trotzdem ist die Geschichte der Bewegung 2. Juni im Vergleich zur Roten Armee Fraktion (RAF) deutlich weniger intensiv erforscht. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass mit der hier zu besprechenden Studie von Max Gedig eine erste umfassende quellengestützte Monografie zu dieser Gruppierung vorliegt. Bislang dominierte die subjektive Perspektive von Memoiren einzelner Mitglieder [1] sowie der Fokus auf Einzelaspekte der Geschichte der Bewegung 2. Juni. [2]
Gedig widmet insbesondere dem komplexen und langwierigen Entstehungsprozess viel Raum: Bis 1971 bildete sich aus Vorläufergruppen wie den Tupamaros West-Berlin, der ersten westdeutschen Stadtguerilla, und dem Milieu der "Haschrebellen" in der abgeschnitten "Frontstadt" Westberlin die Bewegung 2. Juni heraus, auch wenn dieser Name nicht stringent angewandt wurde. Zunächst bestand diese aus drei Zellen - der Gruppe um Michael Baumann und Peter Knoll, der nach Westdeutschland übersiedelten Rote-Ruhr-Armee sowie der Revolutionären Volksarmee, die 1975 die Lorenz-Entführung durchzog. Während jene Teile, die dem "Haschrebellen"-Lebensstil treu blieben, Anfang 1972 zerschlagen wurden, bildete sich aus dem Rest eine immer brutaler und professionell vorgehende Terrororganisation heraus (300f.). Das dafür notwendige und über Jahre angelernte "militante Wissen" wurde Neuzugängen in einer Art "klandestinen 'Universität' des bewaffneten Untergrunds" vermittelt. Unter anderem konnte auf selbstproduzierte Handbücher zurückgegriffen werden (197f.).
Gedig präsentiert viele neue Erkenntnisse zur Bewegung 2. Juni und korrigiert auch einige Verzerrungen in der bisherigen Betrachtung. So galt die Gruppe bislang mehrheitlich von Frauen dominiert. Tatsächlich waren unter den "mindestens 75 Mitgliedern" im Zeitraum von 1969 bis 1980 35 Prozent Frauen und 65 Prozent Männer. Allerdings stieg der Frauenanteil "bis 1980 massiv an - auf bis zu 100 Prozent" (156). So waren es im Jahr 1977 "etwa 60 Prozent" Frauen, während Männer "über Liebesaffären zur Bewegung 2. Juni" stießen und nicht umgekehrt (264).
Auch das proletarischere Image im Vergleich zur RAF ist ein Mythos: So waren Abiturienten "überdurchschnittlich vertreten" (300). Allerdings pflegten Teile des radikalen Milieus, aus denen sich die Gruppe speiste, einen "rigorosen Anti-Intellektualismus" (55). Gedig verweist auch auf den mit 22 Prozent hohen Anteil von Halbwaisen, die aus schwierigen Familien stammten oder aus staatlichen Erziehungsheimen geflohen waren. Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen, die sie gemacht hatten, könnten einen Nährboden für die weitere Radikalisierung dargestellt haben (158f.). Auffällig ist außerdem das ansteigende Alter der Gruppenmitglieder von 22,85 (1969) auf 25,5 (1977), was sich auch in schwindenden Rekrutierungszahlen niederschlug (160). Das markierte auch das Scheitern des Konzepts der Gruppe, die anders als die RAF auf soziale Mobilisierung hin zu einer Massenbasis gesetzt hatte.
Was Gedig ebenso deutlich hervorhebt ist die besondere Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit: 71 Prozent der Mitglieder der Bewegung 2. Juni kannten sich bereits vor dem Gang in die Illegalität. Das sich daraus ergebende starke Zusammengehörigkeitsgefühl habe die Radikalisierung erleichtert, die wiederum durch die Konflikterfahrung mit den Sicherheitskräften angeheizt wurde (296f.). Besondere Bedeutung hatte der bis heute nicht restlos geklärte Tod des Gruppenmitglieds Georg von Rauch bei einer Schießerei mit Zivilfahndern am 4. Dezember 1971, der eine Observation durch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) vorangegangen war (146f.).
Die ambivalente Rolle des Staates im Hintergrund unterstreicht Gedig auch mit dem Verweis auf den BfV-Spitzel Peter Urbach, der an der "Gewalteskalation" der Studentenproteste Ende der 1960er Jahre als Waffen- und Sprengstofflieferant beteiligt war (75). 1974 kam es im Umfeld der Bewegung 2. Juni zu einem Fememord an einem Informanten. Dieser Ulrich Schmücker war offenbar weiter als "Lockvogel" benutzt worden, obwohl zu dem Mordkomplott bereits Informationen eines weiteren Spitzels vorlagen, der dann die Tatwaffe an Schmückers Agentenführer übergab (183f.). Die Behörden waren der Bewegung 2. Juni jedenfalls "dicht auf den Fersen" (228). So observierte das BfV Unterstützerinnen und Unterstützer der Gruppe, auch wenn sich dadurch keine Spur ergab, die zur Befreiung von Lorenz hätte führen können (233).
Trotz ihres Erfolgs war die Bewegung 2. Juni 1976 so gut wie zerschlagen. Zu diesem Zweitpunkt hatte eine "Internationalisierung" des bewaffneten Kampfes eingesetzt. Schon 1975 hatten Hans-Joachim Klein und Gabrielle Kröcher-Tiedemann an der OPEC-Geiselnahme teilgenommen. Diese Operation war von der PFLP-Special Group unter Leitung von Wadi Haddad federführend umgesetzt worden. Haddad nutzte immer wieder deutsche Terroristen - von der RAF, über die Revolutionären Zellen (RZ) bis hin zur Bewegung 2. Juni - im Rahmen seiner Vorhaben. Im Gegenzug bot er Ausbildungshilfe, logistische Unterstützung und einen sicheren Hafen. Nachdem sich die Reste der Bewegung 2. Juni in Haddads Basis im Süd-Jemen konsolidiert hatten, entführten sie 1977 in Österreich den Fabrikanten Walter Palmers. Das Lösegeld dürfte zum Großteil an Haddad geflossen sein, was wiederum belegt, dass die "Internationalisierung" in Wirklichkeit einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis gleichzusetzen war (269).
Einen Sonderfall stellt die kaum bekannte "Operation Leo" dar, die ein einzelnes - nach Schweden versprengtes - Mitglied in den Jahren 1975-1977 durchziehen wollte. Norbert Kröcher hatte "keine nachweisbaren Verbindungen mehr zur restlichen Bewegung 2. Juni". Er scharte eine kleine Gruppe von Aktivisten um sich und wollte die schwedische Ministerin für Immigration und Geschlechtergerechtigkeit, Anna-Greta Leijon, entführen. Doch Kröchers "zunehmend wirklichkeitsfremde" Auffassung führte zur Spaltung seines Anhangs und zur anschließenden Festnahme (270-283).
1980 sollten sich die Überreste der Bewegung 2. Juni entweder der RAF anschließen oder mit den RZ kooperieren, was die eigenständige Geschichte nach 11 Jahren beendete. Gedig plädiert abschließend, künftig "politische Gewalt in der Bundesrepublik nicht nur von der RAF aus zu denken" und den Blick auf "viele weitere militante Gruppierungen" zu erweitern, was es erleichtern würde, "ein vollständigeres Bild von politischer Gewalt zu erzeugen, Erklärungsansätze zu falsifizieren oder zu stärken." Dazu hat Gedigs gut lesbare Studie bereits einen wichtigen Beitrag geleistet.
Anmerkungen:
[1] Vgl.: Michael Baumann: Wie alles anfing, München 1975; Ralf Reinders / Ronald Fritzsch: Die Bewegung 2. Juni. Gespräche über Haschrebellen, Lorenzentführung, Knast, Berlin 1995; Inge Viett: Nie war ich furchtloser. Autobiographie, Hamburg 1997; Gabrielle Rollnik / Daniel Dubbe: Keine Angst vor niemand. Über die Siebziger, die Bewegung 2. Juni und die RAF, Hamburg 2004.
[2] Michael März: Die Machtprobe 1975. Wie RAF und Bewegung 2. Juni den Staat erpressten, Leipzig 2007; Matthias Dahlke: "Nur eingeschränkte Krisenbereitschaft". Die staatliche Reaktion auf die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz 1975, in: VfZ 55 (2007), 641-678.
Thomas Riegler