Rezension über:

Karlheinz Dietz / Thomas Fischer  / Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte, Regensburg: Friedrich Pustet 2025, 552 S., 444 Abb., ISBN 978-3-7917-3520-7, EUR 64,00
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Rezension von:
Gregor Weber
Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Gregor Weber: Rezension von: Karlheinz Dietz / Thomas Fischer  / Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit. Archäologie und Geschichte, Regensburg: Friedrich Pustet 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/40471.html


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Karlheinz Dietz / Thomas Fischer  / Veronika Fischer: Bayern zur Römerzeit

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Die letzte Überblicksdarstellung zum Thema 'Römer in Bayern' liegt nun schon drei Jahrzehnte zurück. [1] Inzwischen hat sich jedoch nicht nur eine rege Ausgrabungstätigkeit in den ehemaligen römischen Metropolen, Kleinsiedlungen, villae rusticae und Gräberfeldern entwickelt, sondern es kamen auch neue historische Fragestellungen und Akzente hinzu, etwa die Ausweitung des Blickfeldes in das von germanischen Stämmen besiedelte Nordbayern oder die vorrömische Besiedlung des fraglichen Raumes, ebenso die Facetten der Kulturgeschichte oder die Einbeziehung von Umweltfaktoren. Die Herausforderung besteht darin, eine Ausgewogenheit zwischen der notwendigen ereignisgeschichtlichen Darstellung, den einschlägigen Sachthemen, den landeskundlichen Gegebenheiten einschließlich der Fundorte und dem breiten Fund- und Quellenspektrum zu finden. Der Bezugsrahmen 'Bayern' impliziert jedenfalls, dass ein Großteil der römischen Provinz Raetien sowie kleine Teile der Provinzen Noricum und Obergermanien (mit einem Abschnitt des Mainlimes) abgedeckt sind, ebenso Bereiche von Germania magna.

Im vorliegenden Band haben sich Karlheinz Dietz, Thomas Fischer und Veronika Fischer, die alle einschlägig ausgewiesen sind und über viele Jahre hinweg zu verschiedenen Aspekten der Thematik geforscht und publiziert haben, der Aufgabe unterzogen, eine neue Gesamtdarstellung vorzulegen. Dass diese nicht weniger als sieben Kollegen gewidmet ist, die seit 2015 verstorben sind, zeigt ebenso wie die zahlreichen Dankesadressen die fachliche Einbindung des Autorentrios. In nicht weniger als 35 Kapiteln (Dietz und T. Fischer gemeinsam), dazu mit einem umfangreichen Anhang (Quellen, über 15 Seiten Literatur, ausführliches Register, Bildnachweis), wird ein umfangreiches Tableau an Themen entwickelt. Daran schließt sich ein topografisches Verzeichnis mit 145 ausgewählten Fundorten von Aislingen bis Zuchering (357-469) an, das den aktuellen Forschungsstand berücksichtigt und jenseits der alphabetischen Ordnung auch durch eine Übersichtskarte (468f.) erschließbar ist (V. Fischer nach Vorarbeiten von T. Fischer). Besonders wertvoll sind die über 250 ausgewählten Inschriften (Dietz), die mit lateinischem Text, deutscher Übersetzung und den einschlägigen Nachweisen gegeben werden und vier große Rubriken - Geschichte; Verwaltung und Militär; Gesellschaft und Wirtschaft; Religion, Aberglauben, Medizin, Tod - erschließen helfen; auf sie wird im Text immer wieder Bezug genommen.

Das weit gefasste Themenspektrum umfasst die Forschungsgeschichte zum Thema (I), die komplexe vorrömische Besiedlung Bayerns (II), die römischen Territorien einschließlich Okkupation und Frühzeit (III-IV), die Konsolidierung der Herrschaft über den neu eroberten Raum (V-VII), Raetien von Tiberius bis Commodus (VIII-IX, XII-XIII, XVI), die Provinz und ihre Bevölkerung (X-XI), dann Militär, Grenzverteidigung, Limes und die 3. Italische Legion (XIV-XV, XVII), ziviles Leben, ländliche Besiedlung und Landwirtschaft (XVIII-XIX); Gesellschaft, Wirtschaft und Religion (XX-XXII), die germanische Besiedlung im Limes-Vorfeld während der Kaiserzeit und der Spätantike sowie die Germanen in Raetien (XXIII, XXIX-XXX), Raetien während der Krise des 3. Jh.s und die römischen Gegner (XXIV-XXV), das Ende der Provinz bis zu den Bajuwaren einschließlich der Überlieferung (XXVI-XXVII, XXXIII-XXXV) sowie Wirtschaft, Militär und Religion in der Spätantike (XXVIII, XXXI-XXXII). Vielfach eingebunden sind passende Beispiele aus der Region, so dass zusätzlich zum systematischen topografischen Verzeichnis ein enger Rückbezug zu aussagekräftigen Befunden entsteht. Die Kapitel unterscheiden sich zwar deutlich hinsichtlich ihrer Länge, sie sind aber alle mit Karten, Plänen, Umzeichnungen und Abbildungen ausgestattet und verfügen größtenteils am Beginn über eine hilfreiche Zusammenfassung. Am Ende der Kapitel, bedauerlicherweise nicht von allen, findet sich die relevante Literatur zusammengestellt. Deren Auflistung nach Autorennamen und Erscheinungsjahr, also ohne ein relevantes Stichwort und bei Monografien ohne Seitenzahlen, erschwert jedoch die Verifizierung von im Text getätigten Aussagen erheblich, zumal die Benutzbarkeit des Literaturverzeichnisses mit den sehr klein gedruckten Einträgen nicht einfach ist.

Aus der Fülle an Beobachtungen können aus Raumgründen nur einige wenige herausgegriffen werden. Die Forschungsgeschichte zum römischen Bayern stellt, wie explizit formuliert wird, in der Tat ein Desiderat dar, wobei immerhin ein Eindruck des aktuellen Standes vermittelt wird, aus dem die Fehlstellen klar hervorgehen. [2] Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive fehlen im Kapitel zur Gesellschaft etliche Themen aus dem Bereich der Familien- und Geschlechtergeschichte oder zu Kleidung und Tracht. Zwar finden sich im Sachregister unter den Lemmata 'Männer', 'Frauen' oder 'Kinder' etliche Einträge, aber keine systematische Behandlung, wie sie für andere Provinzen bereits vor einiger Zeit vorgelegt wurde. [3] Aus althistorischer Perspektive interessieren aufgrund der sonstigen Quellenarmut vor allem die Inschriften, die einem großen Gattungsspektrum angehören und nicht nur aus Bayern stammen, sondern auch externe Belege für Raetien beinhalten. Teilweise finden sich auch Abbildungen und Umzeichnungen, mitunter sind aber auch tabellarische Übersichten erstellt worden, die mehr Material präsentieren (z.B. zu den Hilfstruppen auf der Basis von Militärdiplomen, zum römischen Namen Augsburgs, zu den Rittern in der Provinz und zu den Gottheiten).

Mit dem gut ausgestatteten Band haben Dietz, T. Fischer und V. Fischer ein Grundlagenwerk erstellt und auf Jahre hin Maßstäbe gesetzt, gleichzeitig aber auch Desiderate aufgezeigt und Unsicherheiten bei der Interpretation deutlich markiert. Bestechend ist die bereits im Titel deutlich gemachte enge und bewusste Verschränkung von Archäologie und Geschichte, die sich in gemeinsam verfassten Kapiteln sowie den Übersichten über Ausgrabungsstätten und Inschriften manifestiert. Sie ist freilich für eine adäquate Herangehensweise an das Thema bis in die jüngste Zeit hinein immer noch alles andere als selbstverständlich. Das Autorentrio hingegen setzt trotz der angeführten Monita mit diesem Band Maßstäbe, dem nicht nur eine weite Verbreitung zu wünschen ist, sondern der auch dafür steht, dass nur mit einer interdisziplinären Verschränkung belastbare Ergebnisse zu erreichen sind.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Czysz / Karlheinz Dietz / Thomas Fischer / Hans-Jörg Kellner: Die Römer in Bayern, Stuttgart 1995 (unv. Nachdruck 2005). Ähnlich verhält es sich mit Bänden, die sich teils Jubiläen, teils Ausstellungen verdanken.

[2] Auf die NS-Zeit selbst wird in neuneinhalb Zeilen eingegangen, auf den Umgang damit gar nicht. Den Forschungsbedarf zeigen Diskussionen um den Umgang mit Repräsentanten des NS-Regimes in den ehemaligen Römerstädten und ihren Museen, vgl. Martina Steber: Ethnische Gewissheiten. Die Ordnung des Regionalen im bayerischen Schwaben vom Kaiserreich bis zum NS-Regime, Göttingen 2011, bes. 257-275 und 400-405 zum einflussreichen Augsburger Archäologen Ludwig Ohlenroth (1892-1959).

[3] Vgl. Lindsay Allason-Jones: Women in Roman Britain, York 2005; Ursula Rothe: Dress and Cultural Identity in the Rhine-Moselle Region of the Roman Empire, Oxford 2009.

Gregor Weber