Emmanuel Alloa: The Share of Perspective. Translated by Nils F. Schott (= Routledge Research in Aesthetics), London / New York: Routledge 2024, xxvii + 207 S., 47 s/w-Abb., ISBN 978-1-032-73918-2, GBP 130,00
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Emmanuel Alloa, Professor für Ästhetik und Philosophie der Kunst an der Université de Fribourg, legt mit The Share of Perspective (Übersetzung Nils F. Schott) eine Untersuchung vor, die das Thema der Perspektive auf interdisziplinäre und theoretisch anspruchsvolle Weise situiert: Das Buch, das ursprünglich 2020 auf Französisch erschienen ist, analysiert Perspektivität an der Schnittstelle von Philosophie, Kunstgeschichte und Bildtheorie im derzeitigen Spannungsfeld von Post-Truth und Neofaktualismus. Alloa versteht Perspektive dabei nicht als bloße Darstellungsweise oder subjektive Verzerrung, sondern als epistemische und mediale Bedingung gemeinsamer Wirklichkeitserfahrung.
Einleitungs- und Schlusskapitel bilden eine philosophisch-systematische Klammer um vier historische Fallstudien. Im Eingangskapitel ("Shared perspectives" (1-72)) wendet Alloa sich gegen zwei geläufige, seiner Ansicht nach gleichermaßen verkürzende Auffassungen von Perspektivität: Ein relativistischer Perspektivismus, der Individuen in inkommensurablen Weltanschauungen einschließt ("everyone possesses their own little truth" (25)), ist für Alloa weniger eine eigenständige Position als ein Symptom eines missverstandenen Perspektivbegriffs, der in den letzten Jahren zur Legitimation "alternativer Fakten" instrumentalisiert wurde (2). Demgegenüber steht ein metaperspektivistisches Modell, das die Pluralität der Sichtweisen in einem übergeordneten Horizont objektiver Wahrheit aufzuheben sucht - etwa in Gestalt "prästabilierter Harmonie" (Leibniz), universalgeschichtlicher Synthesen (Toynbee) oder hermeneutischer "Horizontverschmelzung" (Gadamer) (31). Beide Positionen verkennen nach Alloa allerdings die Unhintergehbarkeit von Perspektivität als strukturellem Verhältnis von Subjekt und Welt: "Perceiving is [...] indeed always perceiving something but also perceiving this something in a certain way, which also means that all perception always already opens to the other, to an alternative." (32).
Vor diesem Hintergrund rekurriert Alloa auf die im Titel aufgerufene, heute weitgehend vergessene Tradition einer "perspectiva communis" (4). Perspektive bezeichnet hier weder eine bloß subjektive Sichtweise noch ein Defizit objektiver Erkenntnis, sondern die relationale Bedingung geteilter Wirklichkeit: "Far from relativizing reality, perspective realizes it" (4). Entsprechend entwickelt Alloa eine "kleine Morphologie der Perspektive" (40-42), die fünf Parameter unterscheidet: Adressierung (Sehen-für-jemanden), Aspekthaftigkeit (Sehen-als), Medialität (Sehen-durch), Objektivität (Sehen-dass) und Pluralität (Sehen-mit). Letztere meint weniger eine dialogische Haltung als vielmehr die strukturelle Notwendigkeit konkurrierender Perspektiven, die jede Wahrnehmung potentiell revidierbar machen und Objektivität erst ermöglichen: "To concede that things are a matter of perspective is already to concede that there are always (at least potentially) other possible points of view. Perspectivism imposes the possibility of a revision." (41).
Für Kunstgeschichte und Bildtheorie besonders aufschlussreich sind die vier Fallstudien, in denen Alloa die historische Dimension des Perspektivproblems entfaltet. Theorie und Phänomenanalyse gehören in seinem methodischen Selbstverständnis zusammen: "One cannot produce a discourse about perspective in general without taking its specific instantiations into account, the forms and guises it takes" (180). Die Relektüre Platons ("Dangerous media: Plato's discovery of perspectival images" (73-89)) zeigt, dass die platonische Bildkritik keine einfache Ablehnung des Bildes darstellt, sondern eine frühe Theorie relativen Seins ("relative being" (84)) formuliert, in der Bilder zwischen Sein und Nichtsein situiert sind. Die in Auseinandersetzung mit Hubert Damisch unternommene Deutung der Renaissance-Perspektive ("Florence, 1425: the mirror stage of painting" (90-112)) verschiebt den Fokus von der Frage nach der richtigen Perspektive auf die Analyse eines Dispositivs (99), das Sehen normiert und zugleich unsichtbar bleibt. Perspektive fungiert hier als mediale Bedingung der Sichtbarkeit, durch die sich Malerei historisch neu organisiert. Im anschließenden Kapitel zu Robert Smithson ("At lost sight" (113-132)) wird diese Medialität auf den Leib zurückgeführt. Smithsons Konzept der enantiomorphen Sichtweise (125) - der irreduziblen Differenz zwischen linkem und rechtem Gesichtsfeld - dient Alloa weniger als alternatives Perspektivmodell denn als Infragestellung zentralperspektivischer Ordnungen insgesamt. Perspektivität erscheint hier als prinzipiell desorientierend, nicht synthetisierbar und dem Anspruch auf Übersicht entzogen. Die Neubewertung der Panofsky-Cassirer-Debatte ("Can perspective be a symbolic form?" (133-155)) schließlich zeigt, dass Perspektive bei Ernst Cassirer nicht als weitere symbolische Form, sondern als mediale Bedingung aller Erscheinung gedacht wird, wodurch Erwin Panofskys berühmte These historisch und systematisch neu gerahmt wird.
Philosophisch steht Alloa in der Tradition der Phänomenologie. Bereits Husserl und Merleau-Ponty waren davon ausgegangen, dass Objektivität intersubjektiv konstituiert ist. Alloa radikalisiert diese Position, indem er den Akzent nicht auf Verständigung, sondern auf Konflikt und Differenz legt. Im Schlusskapitel ("In praise of the plural: for a new perspectivism" (156-183)) mündet diese Überlegung in einen "diagonalen Perspektivismus", der sich von einem relativistisch-reklusiven Modell ebenso absetzt wie von einem additiv-universalistischen (166-170). Etymologisch verweist dieser Name auf dia ton agōn - den Wettstreit, der durch verschiedene Orte hindurchgeht (169). Der diagonale Perspektivismus begreift Perspektiven als sich kreuzende, spannungsvolle Kräfte, die den gemeinsamen Weltbezug nicht aufheben, sondern gerade durch ihre Konkurrenz hervorbringen: "Each new perspective completes and at the same time relativizes the ones that came before." (170).
Alloas Buch ist kein versöhnlicher Entwurf, sondern eine anspruchsvolle Theorie der Spannung pluraler Perspektiven. Seine Stärke liegt in der begrifflichen Rekonstruktion von Perspektivität als Bedingung gemeinsamer Wirklichkeit und in der interdisziplinären Spannweite, mit der Alloa philosophische Systematik und historische Analyse miteinander verschränkt. Zugleich wird das Verhältnis zwischen Perspektive als historisch variabler Darstellungsform und Perspektivität als transzendentaler Bedingung gemeinsamer Erfahrung jedoch nicht durchgängig expliziert: Die Fallstudien überzeugen jeweils für sich, sind aber - trotz Alloas dezidiertem Plädoyer für eine phänomennahe Philosophie - nur lose an die systematische Argumentation rückgebunden. Daher bleibt die praktische Tragweite des vorgeschlagenen "diagonalen" Perspektivismus stellenweise unklar.
Dennoch weist The Share of Perspective deutlich über eine rein philosophische Studie hinaus. Für Kunstgeschichte und Bildtheorie eröffnet das Buch einen ebenso anspruchsvollen wie anregenden Zugang zur Perspektive als Bedingung geteilter Sichtbarkeit, der die gängige Alternative von Relativismus und Universalismus unterläuft. In einer Gegenwart fragmentierter Wahrheitsansprüche liegt die Stärke von Alloas Intervention darin, Perspektivität nicht zu entschärfen, sondern als produktive, konflikthafte Struktur des Gemeinsamen in den Blick zu nehmen.
Bernadette Collenberg-Plotnikov