Rezension über:

Johannes von Salisbury: Metalogicon. Eingeleitet, übersetzt unf kommentiert von Helga Köhler (= Bibliothek der Mittellateinischen Literatur; Bd. 19), Stuttgart: Anton Hiersemann 2025, 328 S., ISBN 978-3-7772-2310-0, EUR 198,00
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Rezension von:
Jonas Narchi
Universität Genf
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Jonas Narchi: Rezension von: Johannes von Salisbury: Metalogicon. Eingeleitet, übersetzt unf kommentiert von Helga Köhler, Stuttgart: Anton Hiersemann 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/04/40797.html


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Johannes von Salisbury: Metalogicon

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In Fachkreisen gilt das Metalogicon des Johannes von Salisbury (gestorben 1180) seit Längerem als eine der wertvollsten Quellen zur Geistes- und Wissen(schaft)sgeschichte des 12. Jahrhunderts, da es höchst wertvolle Augenzeugenberichte über die nordfranzösische Schullandschaft mit feinsinnigen Diskussionen der artes liberales sowie zeitgenössischer philosophischer Diskurse kombiniert und überdies für den lateinischen Westen erstmals die Rezeption der aristotelischen Logica nova dokumentiert. Mit der philologisch und inhaltlich präzisen sowie sprachlich eleganten Übersetzung der am Mittellateinischen Seminar der Universität Heidelberg tätigen Latinistin Helga Köhler liegt dieses hochkomplexe Werk nun erstmals vollständig in deutscher Sprache vor.

Nach einer gelungenen, konzisen Einleitung (XI-XXXVI) folgt der übersetzte Text des Metalogicon (1-261), der dem Konzept der Bibliothek der Mittellateinischen Literatur entsprechend einsprachig abgedruckt ist, für den Vergleich mit dem lateinischen Originaltext jedoch erfreulicherweise die Seitenzahlen der Edition von Hall und Keats-Rohan [1] am Seitenrand aufführt. Ein Abkürzungsverzeichnis (263-264), ein hilfreiches Glossar der verwendeten Fachtermini (265-269), ein nützliches Stellenregister (271-284), ein Verzeichnis von Orts-, Gruppen- und Personennamen (285-288) sowie eine Auswahlbibliographie (289-292) runden den Band ab.

Die Einleitung fasst präzise den aktuellen Stand der Forschung zu Leben und Œuvre Johannes' von Salisbury zusammen und fokussiert vor allem die Zeit, in der er gemeinsam mit Thomas Becket (gestorben 1170) im Dienst Theobalds, des Erzbischofs von Canterbury (im Amt 1138-1161) stand. Da er Becket sowohl den Entheticus maior als auch den Policraticus und das Metalogicon widmete, wird die programmatische Ausrichtung dieser Schriften und ihre "enge thematische Verwandtschaft" (XIX) von Köhler zurecht als Interpretationsschlüssel hervorgehoben (XIV-XX, XXIV-XXIX). Neue Forschungsperspektiven eröffnet Köhler vor allem im Hinblick auf Johannes' Rezeption der Briefe des Sidonius Apollinaris (gestorben ca. 480), zu deren besten Kennern sie zählt (XXIII, Anm. 36; XXVIII-XXIX, XXX).

Als lateinische Textgrundlage für die deutsche Übersetzung verwendet Köhler die vorgenannte Edition von Hall und Keats-Rohan [2], zieht jedoch immer wieder auf fruchtbare Weise die auf einer älteren Textausgabe basierende englische Übertragung McGarrys [3] sowie die von Hall selbst angefertigte CCT-Übersetzung [4] hinzu. Die französischsprachige Übersetzung Lejeunes [5] konnte Köhler vor Veröffentlichung nicht mehr einsehen.

Besonders positiv hervorzuheben ist der Umstand, dass die Übersetzerin eine kritische Distanz zu den editorischen Entscheidungen ihrer Vorgänger an den Tag legt: An zahlreichen Stellen werden von Hall vorgenommene Konjekturen und Tilgungen zugunsten der ursprünglichen handschriftlichen Lesarten rückgängig gemacht (etwa 31, 33, 59, 78, 88, 91, 118, 166, 217, 231, 249), wobei die - stets überzeugenden - Gründe hierfür in den Anmerkungen transparent dargestellt werden. Zum Vergleich: Lejeune war in seiner Übersetzung [6] in den drei letzten der zitierten Fälle Hall gefolgt; bei allen sonstigen hatte er sich ebenfalls gegen dessen Konjekturen entschieden (ohne dies jedoch zu vermerken).

Auch in Passagen, in denen verschiedene Lesarten sinnvoll erscheinen, wird eigens darauf eingegangen (z. B. 43, Anm. 152); andernorts werden die in den Vorgängerübersetzungen impliziten Deutungen diskutiert, um die gewählte Formulierung zu rechtfertigen (116, Anm. 188; 121, Anm. 206; 181, Anm. 180).

Sehr sinnvoll ist überdies die Entscheidung, Fachbegriffe in Klammern aufzuführen oder - seltener - unübersetzt zu belassen (z. B. ratio, declinatio, species, status), wenn kein deutsches Wort das Bedeutungsspektrum zufriedenstellend wiedergeben würde. Hilfreich sind auch die Anmerkungen zu den zahlreichen griechischen Begriffen, die oft in stark abgewandelter Graphie (z. B. fronesis, yle, frasis) vorkommen.

Das erklärte Ziel der Übersetzerin, "deutschsprachigen Lesern einen Text zu bieten, der nicht nur zum Verstehen seines Inhaltes verhilft, sondern auch - so weit das möglich ist - seine literarischen Qualitäten erkennen läßt" (XXXIV), wird durchgehend erreicht. Der anspruchsvolle Stil und die terminologische Komplexität Johannes' werden textnah, elegant und zugleich verständlich übertragen. Besonders geschickt weiß Köhler den Leser an den charakteristischen Humor des Briten heranzuführen, der seine zur Kunstfigur des Cornificius zusammengefassten Gegner verspottet: In Übersetzungen wie "Mit-Irrende" (coerrantes, 14), "Magisterdünkel" (magisterii fastum, 16), "Turbophilosophen" (repentini philosophi, 19), "Nonsense" (sermo nugatorius, 44), "Marktschreier" (praecones, 82), "nichts-als-Philosophen" (puri philosophi, 84), "possierliche Übergenauigkeit" (intricata subtilitas, 196) und "Mit-Faulpelze" (compigrescentes, 228) treten die rhetorischen Qualitäten Johannes' sowie die Kreativität der Übersetzerin deutlich zutage. Nur selten entstehen dabei unpassende Anachronismen, etwa wenn der tumenti ventosi pulmonis follis des Schwätzers passend als "der geschwollene Windbeutel seiner Lunge" (12) übersetzt wird, dies jedoch in einer Fußnote (Anm. 22) auf das gleichnamige heutige Brandteiggebäck bezogen wird, um die Metapher zu erläutern.

Stets wird der Kontext einbezogen, um die reichen Assoziationen einzelner Formulierungen abzubilden; so werden die nugae curiales je nach Zusammenhang als "höfischer Zeitvertreib" (18) oder "höfisches Treiben" (138) wiedergegeben; für das Vergehen des dedocere, welches von schlechten Lehrern begangen wird, werden "ver-lehren" (142) und "ver-bilden" (156) vorgeschlagen.

Kleinere inhaltliche Fehler fallen angesichts dieser hohen Qualität der Übersetzung nicht allzu schwer ins Gewicht: Der Bruder Anselms von Laon wird fälschlich "Rudolf" statt "Radulf" (Radulfus) genannt (21). Der in den 1130er Jahren auf dem Genovevahügel tätige Dialektiklehrer Alberich von Paris wird mit Alberich von Reims verwechselt (92-93), der zu dieser Zeit in der Kathedralschule von Reims lehrte.

Manche Anmerkungen könnten noch präzisiert bzw. ergänzt werden: Dass Merkur im De Nuptiis Philologiae et Mercurii des Martianus Capella für die Rhetorik steht (10, Anm. 11; 76, Anm. 21), ist insofern missverständlich ausgedrückt, als diese ebenda in Buch V als eigenständige Personifikation auftritt. Neben Abaelard (214, Anm. 96) sollte im Kontext der Identifizierung der platonischen Weltseele mit dem Heiligen Geist auch Wilhelm von Conches (und ggf. sogar der junge Hugo von St. Viktor) Erwähnung finden. Johannes' Ablehnung rein philosophischer Trinitätserkenntnis in Kapitel 41 von Buch IV zitiert wörtlich den Ternar von potentia, sapientia und bonitas, mit dessen Hilfe u.a. Abaelard und Hugo von St. Viktor versucht hatten, die Trinität zu erweisen. [7]

Fehler der Interpunktion (XXII, Anm. 33, S. 201 Anm. 39) und Tippfehler (XX, Anm. 29; XVIII, Anm. 24; 19, Anm. 55; 22, Anm. 79; 91, Anm. 81; 158) sind sehr selten und beeinträchtigen das Verständnis des Textes nicht. Die Verwendung der alten Rechtschreibung (etwa bei "ß" und "ss") stellt eine formale Besonderheit dar.

Insgesamt legt Helga Köhler mit ihrer philologisch souveränen, interpretatorisch präzisen und sprachlich gelungenen Übersetzung des Metalogicon einen für die mediävistische Forschung wie für einen weiteren Leserkreis gleichermaßen höchst verdienstvollen und in jeder Hinsicht beeindruckenden Band vor.


Anmerkungen:

[1] J. B. Hall (ed.) / K.S.B. Keats-Rohan (aux.): Joannis Saresberiensis Metalogicon (Corpus Christianorum Continuatio Mediaevalis: 98), Turnhout 1991.

[2] Siehe Anm. 1.

[3] D. D. McGarry: John of Salisbury: The Metalogicon. A Twelfth-Century Defense of the Verbal and Logical Arts of the Trivium, translated with an introduction and notes, Philadelphia 2009.

[4] J. B. Hall: John of Salisbury: Metalogicon. Translation and notes by J. B. Hall, Introduction by J. P. Haseldine (Corpus Christianorum in Translation; 12), Turnhout 2013.

[5] F. Lejeune: Jean de Salisbury: Metalogicon. Présentation, traduction, chronologie, index et notes, Quebec / Paris 2009.

[6] Siehe Anm. 5.

[7] Vgl. Jonas Narchi: Philosophische Trinitätsargumente im 12. Jahrhundert. Kultur-, religions- und philosophiehistorische Zugänge (Mittelalter-Forschungen; 73), Ostfildern 2025, 224-247.

Jonas Narchi