Thomas Figueira / Rosaria Vignolo Munson (eds.): Misinformation, Disinformation, and Propaganda in Greek Historiography (= Bloomsbury Classical Studies Monographs), London: Bloomsbury 2024, X + 272 S., ISBN 978-1-350-35871-3, GBP 85,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
"Propaganda ist der Versuch der gezielten Beeinflussung des Denkens, Handelns und Fühlens von Menschen. Wer Propaganda betreibt, verfolgt damit immer ein bestimmtes Interesse." So lautet die Definition von "Propaganda" auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung. [1] Doch, wie Medien- und Kommunikationswissenschaftler:innen gezeigt haben, ist es durchaus komplex, zwischen verschiedenen Formen 'irreführender' Kommunikation präzise zu unterscheiden: Fehlinformationen, Desinformation und (politische) Propaganda stellen zwar jeweils unterschiedliche Formen intentionaler Verzerrung und strategischer Einflussnahme dar; doch sie greifen in der Praxis häufig ineinander und können sich gegenseitig verstärken. [2]
Genau diese Verflechtungen im Hinblick auf die griechische Historiografie des fünften und vierten Jahrhunderts vor Christus will der vorliegende Band, der aus einem Panel bei der elften 'Celtic Conference in Classics' in Coimbra im Jahr 2019 hervorgeht, untersuchen (ix). Dabei sind, wie Carolyn Dewald in ihrer Einleitung anmerkt, grundsätzlich drei Möglichkeiten festzustellen, wie antike Historiografen mit "Täuschung" konfrontiert waren:
"In this volume three basic ways emerge in which these early writers confronted the role that various kinds of deception and misperception play, in narratives that have as their ostensible generic purpose the task of telling an accurate (or at any rate true-ish) story about what has happened in some segment of the human past. The historian can himself be misinforming (or even disinforming!) his readers about the events and people he sets out to describe, or he may be struggling with the sources of his evidence as truthful but possibly also mistaken, misleading, or overtly mendacious, or he may be depicting individuals appearing as actors within his history as either deceptive or mistaken in their thoughts, words, and actions. Or, as the papers in this volume show, he may be wrestling with some combination of these challenges." (2-3)
Der Band ist in vier Sektionen gegliedert, die sich in ihrer Länge unterscheiden. Die ersten drei Sektionen fokussieren jeweils einen Autor der klassischen Zeit: Herodot (zwei Beiträge), Thukydides (fünf Beiträge) und Xenophon (drei Beiträge). Die vierte und letzte Sektion besteht aus nur einem einzigen Beitrag und befasst sich mit der hellenistischen Historiografie, wobei interessanterweise ein Epos in den Blick genommen wird, die Rhianos zugeschriebenen Messeniaka. Insgesamt überzeugen die Beiträge durch sorgfältige close readings zentraler Passagen und durch die weiterführende Perspektive ihrer Interpretationen. Ihre Kürze trägt zudem dazu bei, dass sie gut lesbar bleiben und ihre Argumente klar auf den Punkt bringen.
Es wäre unmöglich, der Vielfalt der Interpretationsansätze in dem engen Rahmen einer Rezension gerecht zu werden. Deshalb werde ich mich exemplarisch auf drei Beiträge konzentrieren, jeweils einen für die ersten drei Sektionen.
In seinem Beitrag "Misinformed Rivals: Agonistic Intertextuality and Hypoleptic Discourse in Herodotus" (31-44) konzentriert sich Denis Correa auf die Art und Weise, wie Herodot die Zuverlässigkeit seiner Methode untermauert. Ausgehend von Lucio Bertellis Konzept der "agonistischen Intertextualität" und Jan Assmanns Theorie des "hypoleptischen Diskurses" - Begriffe, die laut Correa im Grunde das Verhältnis zwischen den Darstellungen eines Sachverhalts durch zwei chronologisch aufeinanderfolgende Autoren beschreiben - analysiert er, wie Herodot die Wahrhaftigkeit der von seinen Vorgängern überlieferten Informationen infrage stellt. Correa untersucht etwas ausführlicher Herodots Umgang mit den ionischen Geografen (Hdt. 2.15-18; 4.36-45), mit Hekataios (Hdt. 2.142-146; 6.137) und mit Aristeas von Prokonnesos (Hdt. 4.13-16) sowie seine Polemik gegen jene, die sich vor ihm mit dem Nil beschäftigt hatten (Hdt. 2.19-28). Die Schlussfolgerungen des Beitrags sind relativ naheliegend. Sie suggerieren indes, dass die Entwicklung der historiografischen Methode durchaus literarisch geprägt ist und dass sich der Anspruch auf Objektivität häufig erst im kritischen Austausch mit früheren Historikern herausbildet: "[T]he misinformed rivals are indispensable for the later canonization of Greek historical methodology, since it was by responding to their rivals that ancient writers articulated their contribution about how to assess information and misinformation conveyed within the same textual tradition." (42)
Ryan K. Balot beschäftigt sich hingegen mit den möglichen propagandistischen Absichten des Perikles in der berühmten Rede für die athenischen Gefallenen im ersten Jahr des Peloponnesischen Krieges (Thuk. 2.36-43). Sein Beitrag "Propaganda in the Periclean Funeral Oration?" (127-142) analysiert insbesondere, wie Thukydides Perikles' Rede in einen präzisen Diskurs über die Kosten des Krieges einrahmt und dadurch Perikles' Absichten möglicherweise als Propaganda charakterisiert, welche die körperlichen Bedürfnisse und Bindungen sowie die Verluste der athenischen Bevölkerung vernachlässigt. Besonders weiterführend ist auch Balots Verweis auf die mögliche Rezeption der Rede in Platons Dialogen. In seiner Analyse geht Balot jedoch kaum auf ein zentrales Problem des thukydideischen Werkes ein: Thukydides räumt in seinem berühmten Methodenkapitel den Reden einen minimalen Grad an Fiktionalität ein ("wie nun die einzelnen Redner über die jeweils anliegenden Themen mir wohl im höchsten Maße das Erforderliche zum Ausdruck zu bringen schienen, wobei ich mich so eng wie möglich an den Gesamtsinn des in Wahrheit Gesagten hielt: So sind die Reden formuliert", Thuk. 1.22, Übersetzung Weißenberger). Die propagandistische Absicht von Perikles' Rede könnte demnach dem Autor selbst zugeschrieben werden, der sie Perikles möglicherweise bewusst zuschreiben wollte.
In "Xenophon's Partisan Account of the Thirty" (163-174) legt Matthew R. Christ eine anregende Interpretation von Xenophons Darstellung der Dreißig Tyrannen in den Hellenika vor, die beinahe soziologisch anmutet. Laut Christ erfüllte Xenophons Erzählung für das athenische Publikum eine zentrale Funktion: Da viele Leser zu jener Gruppe von Bürgern gehörten, die das Regime unterstützt hatten, ermöglichte Xenophons narrative Gestaltung der Ereignisse um die Dreißig, die Vergangenheit so zu konzipieren, dass diese Beteiligten ihr damaliges Verhalten ohne Scham und ohne Reue erinnern und letztlich auch rechtfertigen konnten.
Insgesamt ist der Band allen zu empfehlen, die sich mit der griechischen Historiografie (der klassischen Zeit) auseinandersetzen. Die Beiträge zeigen überzeugend, wie komplex die Frage nach der möglichen Objektivität historischer Rekonstruktion ist, und führen präzise vor Augen, wie stark antike Historiker - die noch immer allzu häufig als methodische Vorbilder gelten - ihre Erzählungen gezielt gestalten und zum Teil auch verzerren.
Anmerkungen:
[1] Bundeszentrale für politische Bildung: Was ist politische Propaganda?, URL: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/krieg-in-den-medien/130697/was-ist-propaganda/ (Abruf: 11.06.2026).
[2] Siehe z.B. Nicola Gess: Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit, Berlin 2021; Romy Jaster/David Lanius: "Speaking of Fake News: Definitions and Dimensions", in: The Epistemology of Fake News, ed. by Sven Bernecker, Amy K. Flowerree, and Thomas Grundmann, Oxford 2021, 19-45.
Diego De Brasi