Tanja Michalsky / Matthias Weiß (Hgg.): Blick Richtung Europa? Dreißig "außereuropäische" Objekte geben Antwort (= Römische Studien der Bibliotheca Hertziana; Bd. 52), München: Hirmer 2024, 364 S., 160 Farb-Abb., ISBN 978-3-7774-4473-4, EUR 64,00
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Im Sammelband Blick Richtung Europa? untersuchen Kunsthistoriker*innen anhand von objektzentrierten Fallstudien die von Bruno Kisch 1937 so benannte "Europerie" - künstlerisch-gestalterische Perspektiven auf Europa, die außerhalb Europas hervorgebracht wurden. Wie der Titel des Bandes verdeutlicht, geht es dabei um materielle und visuelle 'Antworten' auf eine traditionell eurozentristisch ausgerichtete Kunstproduktion und/oder Kunstgeschichtsschreibung. Der Band besteht aus dreißig Fallstudien und einer kurzen inhaltlichen Einführung und bündelt Ergebnisse des Forschungsprojekts Europabilder außerhalb Europas an der Bibliotheca Hertziana, wo in den letzten Jahren eine breite Forschung zu Fragen globaler Kunstgeschichten entstanden ist. In der Fokussierung von Außenperspektiven auf Europa gelingt eine Dezentrierung und Perspektivenvervielfältigung der klassischen Gegenstandsbereiche der Disziplin Kunstgeschichte, die methodisch bewusst im bewährten kanonischen Instrumentarium der Disziplin verankert bleibt. Entstanden ist ein Sammelband, der für den deutschsprachigen Raum viele auch unerwartete Perspektiven aufmacht, neues Material erschließt und immer wieder auch Verbindungen regional oder zeitlich weit voneinander entfernter Gegenstände offenlegt.
Die Fallstudien decken - geografisch nahezu global - einen immensen Zeitraum zwischen der ägyptischen Antike und der Gegenwart ab. Die Vielfalt der behandelten Gattungen stellt zugleich die Frage, wer definiert, was als Kunstwerk gilt. Querverbindungen entstehen explizit über geografische, zeitliche oder materielle Bezüge, aber auch assoziativ über eine inhärente Kritik ästhetischer Normen, Momente der Ironie oder Praktiken der Aneignung. Es geht dabei explizit nicht um einen Ersatz bestehender europäisch geprägter kunstgeschichtlicher Perspektiven, sondern darum, die künstlerisch-ästhetischen 'Fremdbilder' den "Selbstbildern Europas [...] zur Seite zu stellen [...], um synchron wie diachron ein möglichst vielgestaltiges Europabild zu gewinnen, das sowohl die Interdependenz als auch die Permeabilität von Fremd- und Selbstbildern aufzeigt" (11). Dieser transhistorische Anspruch bedingt eine produktive Komplexität; so stellt sich immer wieder die Frage: was bedeutete Europa wem, in welcher Zeit, und aus welcher Blickrichtung? Viele der Werke beziehen sich dabei nicht auf eine abstrakte Entität Europa, sondern auf spezifische, z.B. koloniale Dynamiken einzelner Imperien, religiös oder konfessionell geprägte Regionen oder auf Nationalstaaten. Fragen danach, was Europa in welchen Kontexten bedeutet, werden immer wieder detailliert reflektiert und differenziert, und der Band überzeugt gerade durch die Weigerung, die im Titel versprochenen 'Antworten' letztgültig zu geben oder Definitionen zu liefern.
In seiner Einleitung benennt Matthias Weiß Julius Lips' Publikation The Savage Hits Back (1937) als Schlüsselmoment eines epistemischen Perspektivwechsels. Damit schließt Weiß an die wegweisende Ausstellung Der Wilde schlägt zurück - Kolonialzeitliche Europäer-Darstellungen der Sammlung Lips an, die 2018 im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum (dessen Direktor Lips vor seiner Emigration vor den Nationalsozialisten war) genau diese Verschiebung hegemonialer Sichtweisen thematisierte. Die Zuschreibung von Exotik oder Fremdheit wird in diesem Sinne zu einer Frage des Standpunkts, so Weiß. Anna Brus greift diesen Faden sodann im ersten Objekt auf und kontextualisiert Lips' Publikation. Hierbei thematisiert sie auch die Transformationen und Neusemantisierungen von Motiven zwischen verschiedenen Gattungen wie Grafik (Zeichnung), Reproduktionsgrafik (Buchcover) und Holzskulptur (Vorlage der Nikobarischen Inseln) und geht so sensibel auf die Gattungsspezifika ein. In diesem Sinne werden auch Fragen der Zuschreibung an bestimmte Disziplinen - der Kunst, der Ethnologie, der materiellen Kultur - und kunsthistorischer Setzungen aufgeworfen. Kontakt- und Übergangszonen werden im Sammelband motivisch verhandelt in z.B. ikonografischen Hybridisierungen; aber auch - und das ist ein großes Verdienst des Bandes - auf formaler, materieller oder technischer Ebene.
Besonders deutlich treten dabei reziproke Austauschprozesse hervor, die über eine bloße Reaktion auf Europa hinausgehen. Claudia Kanowski behandelt solche Übergänge und wechselseitigen Dynamiken anhand chinesischer Porzellane mit europäisch inspirierten motivischen Dekoren und rückt dabei die Beziehungen zwischen der Porzellanmalerei - deren Produkte im 18. Jahrhundert als wertvolle 'reisende Objekte' zirkulierten - und der Kupferstichgrafik in den Mittelpunkt, die durch ihre Reproduzierbarkeit und Transportfähigkeit eine ebenso dynamische Verbreitung ermöglichte. Maria Sobotka fokussiert in ihrer Bearbeitung zweier chinesischer Teller ebenfalls des 18. Jahrhunderts auf die dargestellte Kleidermode mit Elementen sowohl des europäischen Rokoko, mit seiner Vorliebe für 'Chinoiserien', als auch der chinesischen 'Europerien'. Martina Baleva nimmt eine Porträtfotografie von 1867/68 aus dem Fürstentum Serbien, das damals zum Osmanischen Reich gehörte, in den Blick: Den dargestellten Ivan Karastojanov stellt sie als bewusste fotografische Inszenierung einer "Person mit Mehrfachzugehörigkeit" (75) heraus, und diskutiert an diesem Beispiel die wandelbaren Zuschreibungen an die Husarenuniform. Matthias Weiß zeigt an einer Fotografie einer verwundeten Frau aus dem Russisch-Türkischen Krieg (1877), dass zirkulierende Bilder nie neutral sind, da sie in ihren jeweiligen Kontexten semantisiert werden. Damit eröffnet er eine hochaktuelle Reflexion über die Rolle von Bildern in geopolitischen Konflikten.
Jeehye Kim diskutiert eine koreanische Version von Johanna Spyris Alpenroman aus dem National Hangeul Museum in Seoul (1927) für den damaligen koreanischen Kontext als japanische Kolonie, während Henry Kaap mit der DVD-Box mit allen 52 Folgen der japanischen Animeverfilmung der Heidi-Vorlage darauf gleichsam 'antwortet' und die ganze polyphone Komplexität des Stoffs offenlegt.
Es fällt auf, dass die meisten Objekte aus Berliner Sammlungen stammen, was nicht weiter verwundert, da die der Publikation vorausgehenden Veranstaltungen eine Kooperation der Bibliotheca Hertziana mit der Berliner Kunstbibliothek waren und einige der besprochenen Objekte auch in der, allerdings auf China ausgerichteten, Berliner Ausstellung Wechselblicke. Zwischen China und Europa 1669-1907 zu sehen gewesen waren. Die Aufarbeitung eurozentristischer Perspektiven in den europäischen Sammlungen ist sicherlich ein dringliches Anliegen; nichtsdestoweniger hätte der Sammelband gut auch einige Werke aus nicht in Europa zu besichtigenden Sammlungen aufnehmen können sowie einige kunsthistorische Positionen um die Ausarbeitung von Case Studies bitten können, die nicht innerhalb eines europäischen und deutschsprachigen akademischen Umfelds zu finden wären, um dem Anspruch eines Perspektivwechsels noch mehr gerecht werden zu können.
Der Sammelband trägt mit seinem breiten Spektrum differenzierter Fallanalysen dazu bei, die eurozentrisch geprägte Kunstgeschichte zu 'provinzialisieren', indem er den europäischen Kanon als einen Teil einer größeren und vielgestaltigen Weltkunstgeschichte begreift. Die Beitragenden des Buchprojekts sind durchweg Expert*innen auf dem Gebiet global verstandener Kunstgeschichten und mit ihren Bearbeitungen der dreißig Objekte und deren Perspektiven auf Europa geben sie - wenn auch glücklicherweise nie endgültige - 'Antworten' auf drängende Fragen der Entangled Art Histories.
Miriam Oesterreich