Rezension über:

Isabel Röskau-Rydel: Deutsche im Distrikt Krakau 1939-1945. Minderheit, Volksgemeinschaft, Besatzer (= Polono-Germanica; 11), Osnabrück: fibre Verlag 2025, 533 S., ISBN 978-3-944870-67-0, EUR 48,00
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Rezension von:
Bianka Pietrow-Ennker
Konstanz / München
Empfohlene Zitierweise:
Bianka Pietrow-Ennker: Rezension von: Isabel Röskau-Rydel: Deutsche im Distrikt Krakau 1939-1945. Minderheit, Volksgemeinschaft, Besatzer, Osnabrück: fibre Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/40743.html


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Isabel Röskau-Rydel: Deutsche im Distrikt Krakau 1939-1945

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Die vorliegende Monografie behandelt die deutsche Besatzungsherrschaft von 1939 bis 1945 im Distrikt Krakau, um im Hinblick auf diese Region eine noch bestehende Forschungslücke zu schließen. Aber auch die Deutschen dort sind im gegebenen Zeitraum bisher nur unzureichend untersucht worden; sie wurden vielfach pauschal als Täter abgestempelt und sind als solche im historischen Gedächtnis Polens verankert. Das nationalsozialistische Besatzungsregime legte seine rassistische Politik darauf an, die ansässigen Deutschen, die in der Zweiten Polnischen Republik die polnische Staatsangehörigkeit besessen hatten, durch Verleihung der Kategorie "Volksdeutsche" in ihre neue staatliche Ordnung zu integrieren. Damit wurden sie zugleich als "Einheimische" gegenüber den nunmehr als "fremdvölkisch" bezeichneten polnischen und jüdischen Einwohnern aufgewertet. Für diese waren durch das NS-Regime politische und gesellschaftliche Exklusion vorgesehen, darauffolgend rassische Segregation, Entrechtung, ökonomische Versklavung und für den jüdischen Teil der Bevölkerung bald systematische physische Vernichtung. Eine Terrorpolitik verschiedenster Institutionen und Polizeiformationen setzte ein, um diese Ziele zu verwirklichen. Zum Zentrum der Besatzungspolitik wurde Krakau gewählt, nun die Hauptstadt des Generalgouvernements für die besetzten polnischen Gebiete (GG), zugleich Sitz der Regierung und Dienstsitz des Chefs des Distrikts Krakau.

Isabel Röskau-Rydel geht es um die ganze Geschichte der Deutschen in der gewählten Region, um die gründliche Ausleuchtung ihres Themas unter Berücksichtigung der Träger des Besatzungsregimes sowie der Zivilbevölkerung. Der Durchdringung ihrer Lebenswelten durch das NS-Regime wird besonderes Gewicht beigemessen, ideologische Indoktrinierung, materielle Anreize und politischer Druck prägten sie.

Zunächst wird in Kapitel I die Siedlungsgeschichte der Deutschen in der Region Krakau vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Sommer 1939 skizziert. Es zeigten sich mit der Zeit starke Akkulturationsprozesse an die polnische Gesellschaft, die besonders am Spracherwerb und der Berufstätigkeit abzulesen waren. Wenn auch die polnische Minderheitenpolitik in der Zwischenkriegszeit zu gewissen Restriktionen gegenüber Einrichtungen der einheimischen Deutschen führte, kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass sie sich gegenüber der Zweiten Polnischen Republik grundsätzlich loyal verhielten. Nationalsozialistisch ausgerichtete Diversionstätigkeit kam seit 1933 von außen und fand nur bei einer "verschwindend kleinen Zahl" (83) Unterstützung.

Im zweiten Kapitel wird der bereits als Vernichtungskrieg angelegte Vormarsch der Wehrmacht gegen Polen mit seinen destruktiven Auswirkungen geschildert. Es folgt die Darstellung des Aufbaus und der Funktion der Militär- und sodann der Zivilverwaltung von Krakau und dem Distrikt Krakau. Diesen kam im GG eine Führungsrolle gegenüber den anderen Distrikten zu. Beispielsweise wurde die jüdische Bevölkerung bis auf eine kleinere Gruppe Arbeitsfähiger frühzeitig ausgesiedelt, um Krakaus Repräsentativität als eine sogenannte deutsche Hauptstadt im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu steigern. Trotz der gezielten Politik der Ausgrenzung von Polen konnte das Regime nicht auf polnische Arbeitskräfte verzichten. Sie unterlagen der Arbeitspflicht, und man setzte sie in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens ein. Umso schwerer wog der radikale Ausschluss der polnischen Bevölkerung aus der Besatzungsgesellschaft. Es entstanden Parallelwelten, wobei die polnische und jüdische von Nöten aller Art gekennzeichnet waren. Zu den schwerwiegendsten Auswirkungen zählte, dass die Ausgabe von Lebensmittelkarten als rassistisches Machtmittel eingesetzt wurde.

Das dritte Kapitel gibt Auskunft über die Kategorisierung der Bevölkerung im Zuge des Aufbaus der Besatzungsverwaltung. Privilegiert wurden die aus dem Deutschen Reich ins GG versetzten Beamten und Angestellten hinsichtlich des beruflichen Aufstiegs und der Lebensbedingungen. Selbstständige aus dem Reich konnten sich als Treuhänder durch die Übernahme enteigneter Firmen und Betriebe bereichern. Die Autorin urteilt hier etwas zu milde, wenn sie schreibt, dass solche Reichsdeutschen "verdrängten" (232), dass dies nur auf Kosten der polnischen und jüdischen Bevölkerung möglich war.

Für die Erfassung der ansässigen Deutschen war es folgenreich, dass die für sie eingeführten Kennkarten nicht mit der Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft verbunden waren. Das bedeutete, sich als "Deutsche zweiter Klasse" zu bescheiden. Ihre Zugehörigkeit zur ideologisch angestrebten, aber weitgehend verfehlten deutschen "Volksgemeinschaft", deren Aufbaubemühungen seitens des NS-Regimes im vierten Kapitel detailliert beschrieben werden, war für die "Volksdeutschen" nachzuweisen, so durch deutsche Abstammung, Lebensweise und Engagement. Die Motive der ansässigen Deutschen für die Beantragung der Kennkarte waren unterschiedlich: Sie variierten zwischen Zustimmung zum Nationalsozialismus, Opportunismus und politischem Druck, der das Antragsverfahren begleitete. Entsprechend entwickelte sich das Verhalten. Zu brutalen Kollaborateuren wurden etwa volksdeutsche Sonderdienstmänner, die an Zwangsumsiedlungen von Polen und Judendeportationen beteiligt waren. Jedoch erfährt man aus den Quellen auch über zahlreiche, zum Teil tollkühne und erfolgreiche Versuche ganzer Dorfgemeinschaften oder einzelner Familien, der Registrierung zu entkommen (zum Beispiel 245). Die Erfassungspolitik war so wenig erfolgreich, dass im Herbst 1941 zusätzlich der Begriff der Deutschstämmigen eingeführt und die Kriterien stark gelockert wurden, um polonisierte Deutsche "zurückzugewinnen" (268), nun auch, um aus ihren Reihen Soldaten für die deutsche Wehrmacht zu rekrutieren.

Kapitel V gibt aus unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in das Verhalten der Deutschen unter dem NS-Regime. Hinsichtlich der deutschen Zivilbevölkerung ist festzuhalten, dass sie sich weitgehend passiv gegenüber der jüdischen und polnischen Bevölkerung verhielt. Erwachsene - im Gegensatz zu den institutionell und organisatorisch streng eingebundenen Kindern und Jugendlichen - verfügten dennoch über gewisse Handlungsspielräume gegenüber der nationalsozialistischen Vereinnahmung. Zahlreiche Quellen geben Auskunft darüber, welche Formen von Widerständigkeit es gab, bis hin zur individuellen Unterstützung des polnischen Widerstands.

Im letzten, dem sechsten Kapitel, spannt sich der Bogen von Plänen für die Einbürgerung ortsansässiger Deutscher über Evakuierungsmaßnahmen beim Nahen der Front bis zur Flucht der Deutschen. Bitter resümiert die Autorin, dass mit dem Einmarsch der sowjetischen Streitkräfte im Januar 1945 die eine Gewaltherrschaft von der anderen abgelöst wurde. Die polnischen Behörden verfolgten und bestraften nun sämtliche Volksdeutsche als Verbrecher hart, selbst wenn sie sich neutral verhalten hatten. Während die reichsdeutschen Besatzer sich und ihre Habe - oft durch Bereicherung an jüdischem und polnischem Besitz vermehrt - ins Reich retten konnten, bedeutete die Flucht der ansässigen Deutschen weit mehr: den Verlust ihres beweglichen und unbeweglichen Eigentums und vor allem ihrer Heimat. Entdeckte Kriegsverbrecher kamen in Polen vor Gericht, doch erwies es sich, dass es vielen Vertretern der Zivilverwaltung aller Ränge, die für unzählige Verbrechen verantwortlich waren, gelang, sich der Verantwortung für ihre Taten zu entziehen.

Man liest die aufschlussreiche Studie, die sich auf eine außerordentlich breite Grundlage erstmals erschlossener Quellen stützt, mit hohem Erkenntnisgewinn. Sie erscheint schon heute als ein Standardwerk, das das Bild der Deutschen grundsätzlich differenziert und die historische Forschung innovativ bereichert.

Bianka Pietrow-Ennker