Rezension über:

Sophie Crawford-Brown: Religious Architecture and Roman Expansion. Temples, Terracottas, and the Shaping of Identity, 3rd - 1st c. BCE, Cambridge: Cambridge University Press 2025, XIII + 271 S., Zahlreiche Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-1-009-44511-5, EUR 105,04
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Rezension von:
Marlis Arnhold
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Marlis Arnhold: Rezension von: Sophie Crawford-Brown: Religious Architecture and Roman Expansion. Temples, Terracottas, and the Shaping of Identity, 3rd - 1st c. BCE, Cambridge: Cambridge University Press 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/40917.html


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Sophie Crawford-Brown: Religious Architecture and Roman Expansion

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Architektonische Terrakotten aus Mittelitalien erhielten nicht zuletzt durch die seit den 1990er Jahren vorgelegten Publikationen - darunter insbesondere die fünf Deliciae Fictiles-Bände [1] - verstärkt Aufmerksamkeit. Mit Sophie Crawford-Browns Band Religious Architecture and Roman Expansion. Temples, Terracottas and the Shaping of Identity, 3rd-1st c. BCE erschien nun eine weitere zentrale Untersuchung, die Orientierung im Dschungel aus Funden und Interpretationen bietet. Darin nimmt die Autorin vor allem den jüngeren Zeitraum des 3. bis 1. Jahrhunderts v. Chr. mit den ihm eigenen politischen und sozialen Umwälzungen in den Blick. Zuvor standen hingegen vor allem die Frühzeit Roms und die frührepublikanische Zeit im Vordergrund. Crawford-Brown füllt folglich eine zentrale Lücke im Forschungsstand, die nicht allein die fortgeführte Verwendung architektonischer Terrakotten in einer Phase zunehmender Steinarchitektur in den Blick nimmt, sondern darüber hinaus die Brücke zur kaiserzeitlichen Sakralarchitektur schließt.

Gleichwohl sind mit dem gewählten Betrachtungszeitraum grundlegende Schwierigkeiten verbunden. Diese identifiziert die Autorin jedoch präzise und diskutiert sie durch den Band hinweg umfassend. Allem voran müssen hier die Frage nach der chronologischen Einordnung der erhaltenen Terrakotten und - damit verbunden - der baulichen Veränderungen der Tempelgebäude genannt werden. Doch auch die Interpretation der Funde vor dem Hintergrund der zunehmenden Dominanz Roms im italischen Raum zählt dazu; "Romanisierung" lautet das auch von Crawford-Brown problematisierte Schlagwort. Beide Aspekte bilden entsprechend die zentralen Themen des Bandes und bestimmen dessen Struktur.

Bereits zu Beginn des Buches, in der Einleitung (15-16) und in Kapitel 2 ("Chronological Uncertainties and the 'Romanization' Tangle", 31-56) wird die Unsicherheit der häufig nur auf stilistischen Kriterien beruhenden Datierungen der erhaltenen Terrakotten dargelegt. Die Tendenz zu Eklektizismen und retrospektiven Stilen, die das Fundmaterial offenbart, führt die große Tragweite des Problems vor Augen. Die Autorin begegnet diesem durch einen Fokus auf die generellen Trends des Betrachtungszeitraums und deren Relation zu den übergreifenden Konzepten wie denen der Kolonisation und kulturellen Identität ("colonisation, identity and material culture", 8).

Die Interpretation der Funde und Beobachtungen zu diesem vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Umbrüche in Mittelitalien erfolgt besonders in Kapitel 5 ("Inventing History, Inventing Identity", 174-202). Die damit verbundenen Fragen und die Argumentation durchziehen jedoch den gesamten Band. Sie kommen gerade auch in den Ausführungen zu standardisierten und fallspezifischen Typen der architektonischen Terrakotten in den Kapiteln 3 und 4 zur Sprache ("The Power of the Past: Conscious Archaizing and the Development of the 'Standart Temple Kit'", 57-103; "Local Identities and Local Networks: Two Case Studies", 104-173).

Dabei erfolgt die Argumentation durchweg anhand von Fallbeispielen. Besonders wird der Blick auf das Fundmaterial aus Cosa und Minturnae und deren jeweilige Einbettung in lokale und regionale Netzwerke gerichtet. Crawford-Brown stellt für beide Orte nacheinander die Tempelbauten mit ihren wesentlichen Rahmendaten und den relevanten Funden architektonischer Terrakotten sorgfältig und problembewusst vor. Sie legt die Grenzen der Aussagemöglichkeiten der Befunde dar und präsentiert, wo nötig, auch abweichende Vorschläge für Kultzuweisungen. Für die zeitliche Einordnung der Bauphasen stützt sie sich unter Verweis auf die entsprechenden Publikationen auf die aktuelle Literatur. Auf welcher Grundlage diese Datierungen im Einzelnen erfolgten, erwähnt sie allerdings nicht. Dies wäre vor dem Hintergrund der zuvor ausführlich dargelegten Schwierigkeiten bei der Datierung der Funde und Befunde aus Lesersicht jedoch durchaus wünschenswert gewesen, wenngleich die Ausführungen und Schlüsse der Autorin durchweg überzeugen und eine sorgfältige Recherche erkennen lassen. Derartige zusätzliche Informationen hätten durchaus auch in aller Kürze in den Anmerkungen Raum gefunden. Dass letztere - für den Leser umständlich - am Ende der einzelnen Kapitel erscheinen, ist nicht der Autorin, sondern den Vorgaben des Verlags geschuldet.

Der Band offeriert insgesamt zahlreiche wertvolle Einblicke und Ansatzpunkte, die deutlich über die bloße Auseinandersetzung mit der Fundgattung der architektonischen Terrakotten hinausgehen. Dies betrifft zum einen die Rolle retrospektiver Stile - die hier wie anderswo unter dem Begriff der Archaismen summiert werden. Diese begegnen ebenso in der Skulptur und sind Thema in urbanistischen Untersuchungen, die durch die Untersuchung folglich um einen zentralen Vergleich bereichert werden.

Zum anderen werden wirtschaftliche Aspekte, die etwa die Lage von Werkstätten und die Mobilität von Künstlern sowie weitere Fragen der Produktionsweise betreffen, an verschiedenen Stellen des Bandes wiederholt angesprochen, so dass dieser auch für damit verbundene weiterführende Fragestellungen von Interesse ist.

Vor allem jedoch schafft Crawford-Brown in ihren Ausführungen ein starkes Problembewusstsein für die unbedachte Verwendung des mit zahlreichen Implikationen verbundenen Labels "römisch" für vorkaiserzeitliche Funde und Befunde außerhalb Roms. Dies gelingt durch das konsequente Augenmerk der Autorin auf die Relevanz der architektonischen Terrakotten in lokalen und regionalen Netzwerken, die, wie anhand ihrer Ausführungen deutlich wird, sehr wohl auch einander in Teilen überlagern können. In diesem Kontext zeigt sich auch, dass der interstädtische Wettbewerb der lokalen Zentren keineswegs nur auf Rom gerichtet war, sondern gerade auch (wenn nicht sogar zeitweise vorrangig) den am selben Küstenabschnitt gelegenen Nachbarn galt. Der Band gewährt folglich nicht nur einen zentralen Einblick in die Gattung der architektonischen Terrakotten während der letzten drei vorchristlichen Jahrhunderte, sondern trägt wesentlich zur Frage bei, was es eigentlich heißt, wenn wir - aus konzeptioneller, nicht aus zeitlicher Sicht - vom Aufstieg Roms als einem Empire sprechen. [2]


Anmerkungen:

[1] E. Rystedt / C. Wikander / Ö. Wikander (eds.): Deliciae Fictiles. Proceedings of the First International Conference on Central Italic Architectural Terracottas at the Swedish Institute in Rome, 10-12 December 1990, Stockholm 1993; P. S. Lulof / E. M. Moormann: Deliciae Fictiles II,Amsterdam 1997; I. Edlund-Berry / G. Greco / J. Kenfield (eds.): Deliciae Fictiles III. Architectural Terracottas in Ancient Italy: New Discoveries and Interpretations, Oxford 2006; P. S. Lulof / C. Resigno (eds.): Deliciae Fictiles IV: Architectural Terracottas in Ancient Italy. Images of Gods, Monsters and Heroes, Oxford 2011; P. S. Lulof / I. Manzini / C. Resigno (eds.): Deliciae Fictiles V. Networks and Workshops. Architectural Terracottas and Decorative Roof Systems in Italy and Beyond, Oxford 2019.

[2] Der Text wurde in Teilen im Rahmen des ERC FRAGILE IMAGES (Grant Nr. 101141247) verfasst.

Marlis Arnhold