Michael Schwartz / Yuliya von Saal / Tobias Wals / Hermann Wentker (Hgg.): Leben im Unfreien. Bürgerlichkeiten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Berlin: Metropol 2026, 323 S., Zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-3-86331-853-6, EUR 24,00
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Dierk Hoffmann / Michael Schwartz (Hgg.): Sozialstaatlichkeit in der DDR. Sozialpolitische Entwicklungen im Spannungsfeld von Diktatur und Gesellschaft 1945/49-1989, München: Oldenbourg 2005
Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundesverbandes der Vertriebenen und das "Dritte Reich", München: Oldenbourg 2013
Michael Mayer / Michael Schwartz (Hgg.): Verfolgung - Diskriminierung - Emanzipation. Homosexualität(en) in Deutschland und Europa 1945 bis 2000, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2023
Die Zeiten, in denen historische Forschungen zum Bürgertum in DFG-geförderten Sonderforschungsbereichen betrieben wurden, sind lange vorbei. Das Selbstvertrauen und die große Prägekraft, die von Angehörigen des Bürgertums, einer zahlenmäßig immer schon recht kleinen Gruppe in den modernen europäischen Gesellschaften, ausging, ist gegenwärtig eher verdächtig. Der vorliegende Band, der an das 2024 veröffentlichte Buch Bürgerlichkeit in Diktaturen anschließt [1] und im Forschungscluster "Diktaturen im 20. Jahrhundert" am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin entstanden ist, versammelt Fallstudien zu den Lebensschicksalen bekannter und mitunter auch berühmter Künstler, Wissenschaftler und Intellektueller. Er zeigt eindrücklich, wie prekär bürgerliche Lebensformen im 20. Jahrhundert sein konnten, zumal in Diktaturen. Zugleich verdeutlicht er, dass Bürgerlichkeit als kulturelle Praxis und soziale Norm zumindest für diejenigen, die entsprechend sozialisiert worden waren, lebenslang orientierungsleitend blieb, ungeachtet äußerer Veränderungen, Erfahrungen von Pauperisierung und mitunter mehrfacher politischer Regime- und Systemwechsel.
Die umfangreiche Einleitung der vier Herausgeber Michael Schwartz, Yuliya von Saal, Tobias Wals und Hermann Wentker plädiert für ein "prinzipiell dynamisches und veränderliches" Verständnis von Bürgertum und fragt danach, welchen Einfluss diktatorische Regime auf das Selbstbild von Bildungsbürgern im 20. Jahrhundert hatten. Dabei nehmen die Autoren die Piłsudski-Diktatur im Polen der Zwischenkriegszeit, den Nationalsozialismus, den Stalinismus und seine langen Schatten in den Staaten des Warschauer Paktes und gelegentlich auch die Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs in den Blick. Mit Hartmut Kaelble weisen sie darauf hin, dass das deutsche (oder besser vielleicht das deutschsprachige) Bildungsbürgertum in Mitteleuropa "weit höhere Erwartungen an die eigene gesellschaftliche Stellung" besaß und sich schärfer "nach unten" abgrenzte als anderswo. Das macht die Frage, wie Angehörige dieser Sozialformation auf Deklassierungserfahrungen im 20. Jahrhundert reagierten, besonders interessant. Wie gelang es diesen Bürgerlichen, den Anspruch auf individuelle Geistes- und Meinungsfreiheit und darauf aufbauend auf politische Partizipation aufrechtzuerhalten - und gelang es ihnen überhaupt?
Es folgen acht biographische Fallstudien zu Bildungsbürgern mittel- und osteuropäischer Herkunft, die aufgrund der Zeitumstände oftmals in verschiedenen Ländern und manchmal auch auf verschiedenen Kontinenten lebten. Der polnischen Schriftstellerin und "engagierten Bürgerin" Zofia Nałkowska (vorgestellt von Izabela Paszko) und dem Sciene-Fiction-Autor Stanisław Lem (Jutta Braun) gelang es vergleichsweise gut, gedankliche Unabhängigkeit zu wahren, nicht zuletzt gestützt auf eine stabile Anerkennung ihrer jeweiligen literarischen Werke. Lem schaffte es, bis zu seiner Ausreise aus Polen 1982 materielle und ideelle Aspekte von "Bürgerlichkeit" im Staatssozialismus zu leben. Diese langjährige Praxis trug dazu bei, dass er gegen Ende des Kalten Krieges in die Rolle eines public intellectual hineinwachsen konnte.
Dem Journalisten und Publizisten Alfred Kantorowicz (Hermann Wentker) wie auch dem Dresdner Romanisten Victor Klemperer (Michael Schwartz) fehlte diese breite Anerkennung und damit eine wertvolle Ressource. Sie wurden zu Einzelkämpfern, die vielleicht am stärksten von allen im Buch Porträtierten an der Diskrepanz zwischen ihrer Erwartung und dem ihnen gesellschaftlich Möglichen litten. Klemperer arrangierte sich trotz aller Vorbehalte mit der SED, während Kantorowicz die DDR 1957 verließ. Das Leben des Pianisten Svatoslav Richter und seiner Eltern (Tobias Wal) zeigt, dass unter günstigen Konstellationen eine bürgerliche Lebensführung auch in der frühen Sowjetunion noch möglich war, ehe der seit den späten 1930er Jahren immer stärker werdende russische Nationalismus und der Zweite Weltkrieg vom jungen Vorzeigemusiker eine Verleugnung seiner kulturellen und familiären Wurzeln verlangte. Sein Vater, ein russlanddeutscher Kaufmann, wurde 1941 als vermeintlicher Kollaborateur zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Die jeweilige Geschicklichkeit im Umgang mit Autoritäten war also nicht nur eine Frage der persönlichen Flexibilität und Kompromissbereitschaft, sondern hing immer auch von den materiellen und kulturellen Ressourcen (sowie der Frage ihrer Erneuerbarkeit) ab. Klemperer und Kantorowicz taten sich auch deshalb schwer, weil sie durch die Verfolgung im Nationalsozialismus in einer entscheidenden Lebensphase nachhaltig geschädigt wurden. Interessanterweise zeigen gerade drei Beispiele bürgerlichen Lebens in der DDR - des marxistischen Wissenschaftlers Jürgen Kuczynski (Paul Maurice), des Zoologen und Tierparkdirektors Curt Heinrich Dathe (Heike Amos) und der Ärztin Ingeborg Rapoport (Sabine Schleiermacher) - dass eine bürgerliche Lebensführung jedenfalls dann gut mit dem Anspruch an die neue sozialistische Persönlichkeit vereinbar war, wenn man das Primat der Partei grundsätzlich akzeptierte. Nach 1989 wurden alle drei, ohne Ansehen von Person und Leistung, aus ihren Ämtern verdrängt, was - das ist eine der Pointen des Buches - für diese Menschen gerade deshalb besonders schmerzhaft sein musste, weil sie der Ansicht waren, in den Jahrzehnten zuvor die bürgerlichen Werte von individueller Leistungsbereitschaft und sozialem Engagement im Leben in und mit Diktaturen erfolgreich verteidigt zu haben.
Die Ergebnisse der Fallstudien deuten darauf hin, dass die verbreitete Vorstellung, Bürgerlichkeit habe in Diktaturen allenfalls in "Nischen" überleben können, einer Korrektur bedarf, jedenfalls dann, wenn man kein normatives, sondern das dynamische Verständnis der Herausgeber zu Grunde legt. Die Aufsätze zeigen allesamt Menschen, die trotz vieler Schwierigkeiten in der Regel selbstbewusst auftraten und denen es oft, aber natürlich nicht in allen Fällen gelang, ihre Erwartungen an eine bürgerliche Lebensführung umzusetzen. Kompromisse mit den politischen Autoritäten waren unausweichlich, aber das galt auch schon für das 19. Jahrhundert. Solche Kompromisse sollte man daher nicht als den Bürgerlichen abgerungene Zugeständnisse, sondern als konstitutives Merkmal modernen Bürgertums begreifen. Bürgerlichkeit in Diktaturen, das wäre dann eher eine Frage der graduellen Abstufung, denn von prinzipieller Unvereinbarkeit.
Generalisierungen auf der Basis dieser Fallstudien sind allerdings schwierig, zumal die ausgewählten Einzelschicksale nicht einmal für die kleine Gruppe des mitteleuropäischen Bildungsbürgertums typisch waren. Das gilt mit Sicherheit für die internationalen Stars wie den Pianisten Richter und den Schriftsteller Lem, aber auch die Lebensläufe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Kuczynski, Dathe und Rapoport müssen als überdurchschnittlich erfolgreich gelten. Stark überrepräsentiert sind im Band jüdische Bürgerinnen und Bürger (und damit auch Exilerfahrungen), und nur zwei der insgesamt acht Fallstudien widmen sich Frauen. Den Herausgebern geht es denn auch nicht um Repräsentativität, sondern darum, den Formenwandel von Bürgerlichkeit anhand von aussagekräftigen Einzelschicksalen exemplarisch aufzuzeigen. Wer sich für die Frage interessiert, wie gebildete Menschen Diktaturen nicht nur aushielten, sondern sich mit ihnen auch arrangierten - nicht als Selbstaufgabe, sondern in Verteidigung der eigenen Individualität und Handlungsmacht - dem sei dieser lesenswerte und zudem erfreulich erschwinglich bepreiste Band empfohlen.
Anmerkung:
[1] Ingo Loose / Christian Rau / Michael Schwartz (Hgg.): Bürgerlichkeit in Diktaturen. Perspektiven auf die Kulturgeschichte europäischer Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Berlin 2024.
Daniel Siemens