Marie-Pierre Ballarin / Klara Boyer-Rossol (éds.): Les esclavages en Afrique. Passé(s), présent(s) et héritages, Paris: Karthala 2024, 476 S., ISBN 978-2-38409-264-2, EUR 29,00
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Der von Marie-Pierre Ballarin und Klara Boyer-Rossol herausgegebene Sammelband gehört zu den wichtigsten neueren Überblickswerken zur Geschichte der Sklaverei in Afrika. Das Werk umfasst fast 500 Seiten und vereint Historiker*innen, Anthropolog*innen, Soziolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen aus Afrika, Europa und Nordamerika. Die Herausgeberinnen verfolgen zwei zentrale Ziele. Erstens wollen sie die Forschung zu afrikanischen Sklavereien aus eurozentrischen und ausschließlich auf den transatlantischen Handel fokussierten Perspektiven lösen. Zweitens untersuchen sie die langfristigen Nachwirkungen von Sklaverei bis in die Gegenwart afrikanischer Gesellschaften. Der Band verbindet daher historische Studien mit Analysen von Erinnerung, sozialer Diskriminierung, politischen Konflikten und postkolonialen Identitätsfragen. Dabei wird deutlich gemacht, dass Sklaverei in Afrika nicht lediglich ein abgeschlossenes historisches Kapitel ist, sondern vielerorts weiterhin soziale Beziehungen, Machtstrukturen und gesellschaftliche Hierarchien prägt.
In ihrer Einleitung geben Ballarin und Boyer-Rossol einen Überblick über die Entwicklung der Forschung seit den 1970er Jahren. Lange Zeit dominierte die Perspektive, die afrikanische Sklaverei fast ausschließlich im Zusammenhang mit den europäischen Sklavenhandelsnetzwerken betrachtete. Neuere Forschungen betonen dagegen stärker die internen afrikanischen Dynamiken von Herrschaft, Krieg, Gefangenschaft und sozialer Abhängigkeit. Die Herausgeberinnen weisen darauf hin, dass afrikanische Gesellschaften sehr unterschiedliche Formen der Versklavung kannten und dass die Kategorien "Sklave" oder "Freiheit" historisch keineswegs überall dieselbe Bedeutung hatten. Entscheidend sei daher eine differenzierte Analyse lokaler Kontexte.
Der Band gliedert sich in sechs große Themenbereiche. Der erste Teil behandelt die unterschiedlichen Formen von Sklaverei und Abhängigkeit in Afrika. Mehrere Beiträge zeigen, dass es nicht "die" afrikanische Sklaverei gab, sondern eine Vielzahl regionaler Systeme. Martin Klein analysiert die Einbindung afrikanischer Sklavereien in globale Zusammenhänge und zeigt, wie lokale Systeme mit den atlantischen, transsaharanischen und indischen Ozean-Handelsnetzwerken verbunden waren. ("L'esclavage agricole dans l'Ouest du Sudan", 91-114) Er argumentiert, dass afrikanische Formen der Unfreiheit historisch sehr unterschiedlich organisiert waren und sich nicht vollständig mit den Plantagensystemen Amerikas vergleichen lassen. In einigen Regionen standen Hausarbeit und politische Loyalität im Vordergrund, in anderen die militärische Nutzung oder landwirtschaftliche Ausbeutung. Catherine Coquery-Vidrovitch untersucht in ihrem Beitrag ("Les Africains et le traite dans la culture atlantique", 71-90) die Rolle Afrikas im atlantischen Sklavensystem und kritisiert vereinfachende Darstellungen, die Afrika nur als Opfer europäischer Expansion begreifen. Sie zeigt, dass afrikanische Eliten in komplexe Handelsbeziehungen eingebunden waren und dass lokale Machtkämpfe, Kriege und politische Interessen den Sklavenhandel mitprägten. Gleichzeitig betont sie die zerstörerischen Auswirkungen der atlantischen Nachfrage auf afrikanische Gesellschaften. Die Autorin verbindet damit eine Kritik an eurozentrischen Narrativen mit einer differenzierten Betrachtung afrikanischer Handlungsspielräume. Zwei weitere Kapitel widmen sich Äthiopien und Madagaskar. (Giulia Bonacci / Alexander Meckelburg: "Revisiter l'esclavage et la traite des esclaves en Éthiopie", 115-134 bzw. Denis Regnier / Dominique Somda: "Esclavage et post-esclavage à Madagascar: un aperçue", 133-160) Die Beiträge zeigen, dass Sklaverei eng mit sozialen Hierarchien, Verwandtschaftssystemen und religiösen Ordnungen verbunden war. Besonders die Untersuchung zu Äthiopien macht deutlich, wie unterschiedlich sich Formen von Gefangenschaft, Leibeigenschaft und sozialer Abhängigkeit entwickelten. Bonacci und Meckelburg betonen, dass die äthiopische Geschichte der Sklaverei sowohl von lokalen politischen Strukturen als auch von globalen Handelsverbindungen beeinflusst wurde.
Ein zweites Thema des Bandes ist die Frage nach Geschlecht und Alter in den Sklavereisystemen Afrikas. Drei Aufsätze analysieren die besondere Situation von Frauen und Kindern: Chouki El Hamel: "Patriarcat et résistance féminine au Maroc à la veille de la colonisation", 161-178; Djiguatte Amédé Bassene: "Continuités de la traite d'être humains, de la captivité et de l'asservissement des femmes et des enfants en Sénégambie française du début du XIXe au début du XXe siècles", 179-194; Halirou Abdouraman: "Les femmes esclaves dans la bassin du lac Tchad au regard des explorateurs européens Barth, Nachtigal et Lenfant (XIXe-début XXesiècles)", 195-208. Weibliche Versklavte waren häufig sowohl ökonomischer Ausbeutung als auch sexueller Gewalt ausgesetzt. Gleichzeitig konnten Frauen in bestimmten Kontexten soziale Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Haushaltsstrukturen entwickeln. Kinder wiederum wurden oft früh in Abhängigkeitsverhältnisse integriert und konnten ihre soziale Herkunft kaum verlassen. Der Band verdeutlicht noch einmal, dass Geschlechterverhältnisse ein wesentlicher Bestandteil afrikanischer Sklavereien waren.
Ein weiterer großer Themenkomplex behandelt Widerstand, Flucht und Emanzipation. (Franscesca Declich: "Défense, négociation et commerce: les watoro dans le Sud de la Somalia", 209-230; Patrick Abungu: "Les esclaves fugitifs au Kenya: rebelles ou mervenaires?", 231-242; Pritilah Rosunee: "Le concept de manumission et l'émergence d'une communauté 'libérée' dans la société esclavagiste des années révolutionnaires et post-révolutionnaires de l'Isle de France, de 1789 à 1810", 243-266) Die Beiträge machen deutlich, dass Versklavte keineswegs passive Opfer waren. Sie entwickelten vielfältige Strategien des Widerstands - von alltäglicher Sabotage über Flucht bis hin zu bewaffneten Revolten. Besonders wichtig ist hierbei die Untersuchung der Übergänge zwischen Sklaverei und Post-Sklaverei. In vielen Regionen Afrikas führte die formale Abschaffung der Sklaverei nicht automatisch zu sozialer Gleichheit. Alte Abhängigkeitsverhältnisse blieben häufig bestehen oder wandelten sich in neue Formen ökonomischer und sozialer Unterordnung um. Samuel Alfayo Nyanchoga analysiert in seinem Aufsatz die Abschaffung der Sklaverei in Kenia ("Abolition, émancipation et post-esclavage au Kenya", 285-299) und unterstreicht, dass die koloniale Emanzipationspolitik widersprüchlich verlief. Einerseits präsentierten sich die europäischen Kolonialmächte als Befreier, andererseits stabilisierten sie neue Formen von Arbeitszwang und sozialer Kontrolle. Die ehemaligen Versklavten blieben häufig marginalisiert und hatten nur begrenzten Zugang zu Land, Bildung oder politischer Macht. Der Beitrag verdeutlicht damit, dass die Geschichte der Emanzipation eng mit kolonialen Herrschaftsinteressen verbunden war. Besonders eindrucksvoll sind die Studien zum Post-Sklaverei-Zustand in Madagaskar. Dominique Somda und Denis Regnier führen uns vor Augen, dass die Nachkommen ehemaliger Versklavter dort bis heute Diskriminierung erfahren. ("Esclavage et post-esclavage à Madagascar: un aperçu", 133-160) Soziale Herkunft beeinflusst weiterhin Heiratsmöglichkeiten, Zugang zu Ressourcen und politische Teilhabe. Die Autoren sprechen deshalb von einem "vererbten sozialen Stigma", das über Generationen fortwirkt. Sklaverei erscheint hier nicht nur als historische Institution, sondern als langfristige Struktur sozialer Ungleichheit.
Ein weiterer Schwerpunkt des Bandes liegt schließlich auf der Aufarbeitung des Sklavereierbes und den damit verbundenen gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und aktivistischen Auseinandersetzungen. Die Herausgeberinnen betonen, dass die Erinnerung an Sklaverei in vielen afrikanischen Gesellschaften lange tabuisiert wurde. Familiengeschichten ehemaliger Versklavter wurden verschwiegen, während dominante Gruppen ihre historische Machtposition absicherten. Erst in jüngerer Zeit entstehen neue Formen öffentlicher Erinnerung, etwa durch Museen, Gedenkstätten oder zivilgesellschaftliche Initiativen. Mehrere Beiträge untersuchen die Rolle von Antisklaverei-Bewegungen und Menschenrechtsorganisationen in West- und Ostafrika. (Martin Mourre: "Crime et patrimoine. L'UNESCO, l'île de Gorée et (de quelques) débats sur la traite atlantique", 321-340 oder Veronika Gyurácz: Les acteurs non étatiques contre l'esclavage contemporain dans les industries du Ghana", 385-398) Besonders in Ländern wie Mauretanien, Niger oder Mali kämpfen Aktivisten gegen fortbestehende Formen von Abstammungssklaverei. Es wird klar, dass moderne Sklavereidiskurse eng mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und demokratischer Teilhabe verbunden sind. Dabei wird auch auf die Spannungen zwischen internationalen Menschenrechtskonzepten und lokalen gesellschaftlichen Strukturen hingewiesen. Von großer Bedeutung ist die Diskussion um den Begriff der "modernen Sklaverei". Einige Autor*innen warnen davor, sämtliche Formen starker prekärer Arbeit oder sozialer Ausbeutung unter diesem Begriff zusammenzufassen. Vielleicht bietet daher der in dem Bonner Exzellenzcluster verwendete Begriff der "starken asymmetrischen Abhängigkeiten" eine gute Alternative dazu.
Insgesamt zeichnet Les esclavages en Afrique. Passé(s), présent(s) et héritages ein äußerst differenziertes Bild afrikanischer Sklavereien. Der Sammelband zeigt, dass Sklaverei in Afrika weder auf den transatlantischen Handel reduziert noch als statische Institution verstanden werden kann. Vielmehr handelte es sich um vielfältige historische Systeme sozialer Abhängigkeit, die sich regional stark unterschieden und bis heute gesellschaftliche Nachwirkungen entfalten. Das Werk verbindet historische Forschung mit aktuellen politischen Fragen und macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Sklaverei zugleich eine Debatte über Erinnerung, Menschenrechte und soziale Ungleichheit ist. Durch seine interdisziplinäre Perspektive und vor allem durch die starke Beteiligung afrikanischer Wissenschaftler*innen liefert das Werk einen grundlegenden Beitrag zur internationalen Sklavereiforschung.
Stephan Conermann