Rezension über:

Daniel Benedikt Stienen: Hans-Joachim Schoeps und der Nationalsozialismus. Studien zu einem komplizierten Verhältnis, Baden-Baden: Georg Olms Verlag 2026, 170 S., ISBN 978-3-487-17183-8, EUR 44,00
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Rezension von:
Fabian Weber
Weidenfeld Institute of Jewish Studies, University of Sussex
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Fabian Weber: Rezension von: Daniel Benedikt Stienen: Hans-Joachim Schoeps und der Nationalsozialismus. Studien zu einem komplizierten Verhältnis, Baden-Baden: Georg Olms Verlag 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/10/41160.html


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Daniel Benedikt Stienen: Hans-Joachim Schoeps und der Nationalsozialismus

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"Die Ehre Preußens" rief Hans-Joachim Schoeps am 18. Januar 1951 in Erinnerung, dem 250. Gründungstag des formell 1947 von den Alliierten aufgelösten Staates. Der Historiker beschwor mit einigem Pathos die territoriale Wiederherstellung und mehr noch das geistige Erbe Preußens, das, übergegangen in die DDR, von seiner Tradition abgeschnitten sei. Mit der Option Preußen beharrte Schoeps neben der deutschen Einheit auch auf der Staatsidee der Monarchie.

Dieses Ereignis verdeutlicht, was für ein Kuriosum Hans-Joachim Schoeps in der frühen Bundesrepublik darstellte: Einerseits war er ein jüdischer Remigrant und Opfer des NS-Regimes, dessen Eltern deportiert und ermordet worden waren, während er selbst ins schwedische Exil hatte gehen müssen. Im Nachkriegsdeutschland setzte er sich als erster jüdischer Professor im akademischen Bereich maßgeblich für das deutsch-jüdische Erbe ein. Andererseits blieb Schoeps Zeit seines Lebens ein hochkontroverser politischer Intellektueller. Neben seinem geradezu revanchistisch anmutenden Vorstoß für die Monarchie hatte er bereits 1933, mit gerade einmal 23 Jahren, für Aufsehen gesorgt, als er kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme die "völkische Regeneration" pries und zugleich ein vermeintliches "Verschulden der Juden" anprangerte, das für den Antisemitismus mitverantwortlich sei. [1]

Geprägt von der Jugendbewegung und elitär-konservativen Kreisen der Weimarer Rechten nahestehend, vertrat Schoeps einen polemischen Antiliberalismus, den er auch als innerjüdische Kritik zuspitzte. Als Gründer und Führer des Deutschen Vortrupps. Gefolgschaft deutscher Juden kämpfte er sowohl gegen das liberale als auch das zionistische Judentum und lotete aus, inwiefern eine Integration rechtsgerichteter deutscher Juden in den NS-Staat möglich sei. Ob und wie weit Schoeps dabei tatsächlich für den Erhalt der Republik eintrat oder nicht vielmehr allzu freimütig den Nationalsozialismus rechtfertigte, bleibt ein Streitpunkt der Forschung.

Daniel Benedikt Stienens Buch liefert zwar keine umfassende Biografie, klärt aber durch verschiedene Annäherungen über Schoeps' Verhältnis zum Nationalsozialismus auf und bietet damit eine wertvolle Ergänzung zur bestehenden Forschung. Der Band bündelt drei bereits andernorts erschienene Beiträge zu Schoeps' Exil, seiner Konservatismus-Konzeption im Wandel und der Beziehung zu Ernst Rudolf Huber nach 1945. Lediglich der Text "Die Diktatur im Rückspiegel" erscheint hier erstmals. Vorangestellt ist ein Vorwort von Julius H. Schoeps. Bei den in sich geschlossenen Beiträgen bleiben inhaltliche Redundanzen nicht aus. Eine ausgreifende Überarbeitung, die die Texte stärker miteinander und mit der Forschung - etwa Micha Brumliks Biografie und Philipp Nielsens Studie zu konservativen Juden [2] - verzahnt hätte, wäre wünschenswert gewesen.

Besonders die Jahre vor Schoeps' Emigration ins schwedische Exil Ende 1938 vermag Stienen aufhellend zu rekonstruieren. Der Autor bricht die nachträgliche "Stilisierung als ausharrender Patriot" (64) durch zahlreiche Quellen aus dem unzureichend erforschten Nachlass auf: Schoeps war keineswegs der freiwillig Bleibende, sondern verzweifelt auf der Suche nach einer Auswanderungsmöglichkeit. Dass er zwischen 1936 und 1938 trotz akademischer Kontakte im europäischen Ausland nur verschlossene Türen vorfand, ist eine tragische Konstante dieser Jahre. Es waren schließlich konservative Netzwerke, die ihm zur Flucht verhalfen. Der Verleger Friedrich Vorwerk hatte ihn an Werner Otto von Hentig im Auswärtigen Amt vermittelt. Der stattete ihn mit falschen Papieren aus. Bedauerlicherweise spürt Stienen den Lebenswegen der beiden Helfer nicht weiter nach. Vorwerk war als ehemaliger Geschäftsführer des Deutschen Herrenklubs seit der Spätzeit der Weimarer Republik mit Schoeps bekannt, verankerte nach 1933 seine verlegerischen Projekte aber fest im NS-Staat. Nach 1945 gab er neben Texten von Schoeps auch die Erinnerungen ehemaliger Nationalsozialisten heraus. Hentig war nicht allein Schoeps' Lebensretter; er hatte zum Kriegsende auch Mohammed Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, arabischer Nationalist und glühender Antisemit, zur Flucht aus Deutschland verholfen. Schoeps half beiden Männern nach dem Krieg bei der Entnazifizierung - eine Komplexität, die ebenfalls eine tiefere Einordnung verdient hätte.

Ähnlich verhält es sich mit dem abgedruckten Briefwechsel zwischen Schoeps und dem Carl Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber. Die Korrespondenz zeigt auf, wie Schoeps über Hubers juristische Legitimationsschriften wie das "Verfassungsrecht des Großdeutschen Reichs" (1939) schlichtweg hinwegsah. Ob dieser Reue empfand, kann nun anhand der Briefe untersucht werden. Sein Verhältnis zu Schoeps scheint jedenfalls nicht von rein instrumentellen Motiven geprägt gewesen zu sein und das Verhältnis der beiden ehemals Jugendbewegten illustriert die spezifischen Integrationsmechanismen des konservativen Milieus nach 1945.

Schoeps' Andienungsversuche an die Nationalsozialisten um das Jahr 1933 werfen nachträglich freilich kein gutes Licht auf sein Wirken. Die neuere Forschung lässt kaum Zweifel daran, wie dieses Engagement einzuordnen ist: "Hans-Joachim Schoeps had every intention of marching with the regime" [3], verweist Philipp Nielsen auf Vortrupp-Artikel aus dem Januar 1934, in denen Schoeps den Nazi-Staat als Verkörperung preußischer Werte bejubelte. Stienens feindifferenzierte Analyse vermag in Schoeps' Positionierungen "verschiedene Phasen von Anziehung und Abstoßung" (23) zu unterscheiden.

Er zeigt, wie der spätere Preußen-Historiker sein Lebensthema eigentlich erst im Exil entdeckte und preußische Geschichte "als Kontrastfolie zum Nationalsozialismus" (22) konzipierte. Zuvor hatte er zeitweise Konzepte eines "autoritären Staates" starkgemacht, den illiberalen Vorstellungen des Jungkonservatismus verwandt. Aufgrund dessen berief er sich nach 1945 auf eine konservative Oppositionshaltung zum Regime. Tatsächlich war Schoeps schon Ende 1933 zur "Rechtfertigung des Faktischen" (28) übergegangen. Im Exil entwickelte er dann eine Kritik am Nationalsozialismus als nihilistische Ersatzreligion dessen Rasseideologie das "Resultat der säkularisierenden Entwicklung der Moderne" (33) sei.

Bereits im Exil exkulpierte Schoeps die deutsche Mehrheitsgesellschaft als Verführte oder Gefangene einer kleinen Nazi-Clique. Zentrales Element dieses Entlastungsnarrativs war sein idealisiertes Preußenbild der 1850er Jahre: Ein toleranter, pflichtgebundener Rechtsstaat, der - im Gegensatz zu Bismarcks späterer Machtpolitik - dem Nationalsozialismus völlig wesensfremd sei. Stienen deutet diesen Preußenmythos als reuevolle Abgrenzung zu Schoeps' eigener früher NS-Andienung. Es bleibt jedoch fraglich, ob Schoeps diese Konstruktion überhaupt als instrumentelle Exkulpation verstand, da er von der unüberbrückbaren historischen Antinomie zwischen Preußentum und Nationalsozialismus wohl aufrichtig überzeugt war.

Im Beitrag "Die Diktatur im Rückspiegel" vergleicht Stienen zwei autobiografische Darstellungen Schoeps' aus den Jahren 1956 und 1970. Folgten die Memoiren "Die letzten dreissig Jahre" noch dem harmonisierenden Narrativ des patriotischen Remigranten, der "nicht als ein Ankläger in das Land der Täter" (81) zurückgekehrt war, zerbrach diese Haltung in den späten 1960er Jahren. Es war paradoxerweise der Konflikt mit der linksgerichteten Studentenbewegung, der Schoeps zu einer kritischeren Wahrnehmung der Deutschen trieb, wie Stienen überzeugend zeigt. Als konservative Gegenstimme hatte Schoeps vor möglichem Extremismus gewarnt. Öffentliche Diffamierungen durch den SDS und die Stigmatisierung als "erfahrener Faschist" und "jüdischer Obersturmbannführer" fungierten als moralisierende Schuldabwehr der Studenten. Angesichts dieser Verunglimpfungen überrascht es nicht, dass Schoeps sein vorauseilendes Entlastungsnarrativ früherer Jahre aufgab und den Deutschen - in Form einer Kontinuität von den "braunen Vätern" zu den "roten Söhnen" - einen "überzeitlichen Hang der Deutschen zu Totalitarismus, Gewalt und Intoleranz" (87) attestierte.

Insgesamt legt Daniel Benedikt Stienen eine luzide Analyse vor, die Schoeps' Leben als historischen Brennpunkt begreift, in dem sich deutsch-jüdische Ereignisgeschichte und Geschichtskonstruktionen bündeln. Trotz kleinerer Leerstellen fördert die biografische Annäherung essenzielle Erkenntnisse zur innerjüdischen Debatte um politische Selbstbestimmung, zur allgemeinen Konservatismusgeschichte sowie zur Mobilisierungskraft historischer Mythen zutage. Indem der Band zudem die schwierige Integration rechtsgerichteter Akteure in die jüdische Historiografie beleuchtet, bietet er fundamentale Einsichten in das intellektuelle Ringen um Haltung und Deutungsmacht in den Extremen des 20. Jahrhunderts.


Anmerkungen:

[1] Hans-Joachim Schoeps: Bereit für Deutschland. Der Patriotismus deutscher Juden und der Nationalsozialismus, Berlin 1970, 76 und 197.

[2] Micha Brumlik: Preußisch, konservativ, jüdisch. Hans-Joachim Schoeps' Leben und Werk, Köln 2019; Philipp Nielsen: Between Heimat and Hatred. Jews and the Right in Germany 1871-1935, New York 2019.

[3] Ebenda, 247.

Fabian Weber