Rezension über:

Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt/M.: Campus 2000, 428 S., (Studienausgabe), ISBN 978-3-593-36610-4, EUR 21,50
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Rezension von:
Achim Landwehr
Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Achim Landwehr: Rezension von: Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt/M.: Campus 2000, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3 [15.03.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/03/1750.html


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Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden

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Nichts veraltet so schnell wie das Neue. Von der Jahrhundert- und Jahrtausendwende, die gerade noch als Jahrhundert- und Jahrtausendereignis gefeiert wurde, redet inzwischen kein Mensch mehr. Schließlich haben wir inzwischen eine neue Gemeinschaftswährung, die momentan alle in Atem hält und das Tagesgespräch beherrscht - zumindest bis übermorgen. Kaum ist eine Neuigkeit durch die mediale Großmaschinerie aufbereitet worden, entpuppt sie sich auch schon als Eintagsfliege. Auch der Buchmarkt ist von entsprechenden, diese Ereignisse flankierenden Produkten keineswegs frei, weshalb man möglicherweise der "pünktlich" erschienenen Dissertation von Arndt Brendecke über die Jahrhundertwenden zunächst mit einer gewissen Skepsis entgegentreten könnte. Warum, so ließe sich fragen, soll man sich noch im Jahr 2002 mit einem Buch beschäftigen, das bereits 1999 erschienen ist und die für den Jahreswechsel 1999/2000 allfälligen Jahrhundertwenden zum Thema hat (auch wenn die "eigentliche" Jahrhundertwende nach allgemeinem Übereinkommen erst ein Jahr später stattfand)? Veralten derartige Publikationen nicht in trauter Eintracht mit den entsprechenden Ereignissen? In vielen anderen Fällen mag das zutreffen, nicht jedoch für die Arbeit Brendeckes.

Dies liegt zum einen an der jahrelangen Beschäftigung des Autors mit dem Thema, die eben nicht einem kurzlebigen Verlagsmarketing geschuldet ist, sowie zum anderen an der Fragestellung Brendeckes, die nicht nur den Aufbau des Buchs, sondern auch die Breite des herangezogenen Materials bestimmt hat. Es sind zwei Leitfragen, die formuliert werden, und die sich einerseits auf die Begriffs- und Ideengeschichte des Konzepts "Jahrhundert" beziehen - da, wie Brendecke richtig bemerkt, Jahrhundertwenden kaum ohne die jeweiligen Verständnisse von Jahrhundert betrachtet werden können -, andererseits die Wahrnehmungen sowie die Wirkungen der verschiedenen Jahrhundertwenden zum Inhalt haben. So werden denn im Aufbau auch die Kapitel, die sich mit den einzelnen Jahrhundertwenden beschäftigen, durch Abschnitte miteinander verbunden, die die Entwicklung des Jahrhundertbegriffs nachzeichnen. Durch diese Gewichtung, die eben wesentlich mehr bietet als "nur" eine Untersuchung der Jahrhundertwenden, wäre es wohl treffender gewesen, das Buch "Jahrhunderte und Jahrhundertwenden" zu nennen. Aber möglicherweise zeigt sich in der tatsächlichen Titelwahl doch eine gewisse Reminiszenz an verlags- und verkaufspolitische Überlegungen, die dem Datum geschuldet waren - weshalb die Monografie ihrerseits wohl zu einem Bestandteil der Geschichte der Jahrhundertwenden geworden ist.

Zum lohnenden, aber bisher kaum konzeptualisierten Ansatz einer Wahrnehmungsgeschichte hätte man sich in diesem Zusammenhang sicherlich mehr von Brendecke erwarten können (13f.). Theoretisch-methodisch ist hier nicht viel zu holen, jedoch überzeugt der Leitbegriff der Wahrnehmung in der praktischen Umsetzung. Dies zeigt sich schon an einem ersten wichtigen, möglicherweise überraschenden Ergebnis der Arbeit: Im Hinblick auf das Mittelalter erweist sich die Suche nach den Jahrhundertwenden als ein Stochern im Nichts. Überraschend deshalb, weil man doch zu wissen meint, welche große Bedeutung der Begriff des "saeculum" einerseits, christliche Endzeiterwartungen bei mittelalterlichen Jahrhundertwenden - beziehungsweise dem ersten Jahrtausendwechsel - andererseits spielten. Doch mit solchen hartnäckig sich haltenden, diskursiv zumeist im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts produzierten Fehleinschätzungen räumt Brendecke - wenn auch nicht als erster - auf. Das "saeculum" stand im Mittelalter keineswegs für Jahrhundert, sondern in der Regel für die diesseitige Welt, während die Endzeiterwartungen ein mittelalterliches Dauerphänomen waren, das eben auch, aber keineswegs ausschließlich oder besonders markant, bei Jahrhundertwenden oder dem Jahr 1000 zu beobachten ist. Vor allem aber steht es nicht kausal mit dieser besonderen Jahreszahl in Verbindung, weshalb sich eine Verbindung zwischen Eschatologie und Jahrhundertwende kaum herstellen lässt.

Eine erste wichtige Erkenntnis ist demnach, dass die Jahrhundertwende auf Grund ihres markanten Datums als bewusst wahrgenommenes Ereignis ein verhältnismäßig junges Phänomen ist. Auch wenn sich beispielsweise durch die päpstlich ausgerufenen Heiligen Jahre erste zaghafte Spuren eines mittelalterlichen Bewusstseins von der Bedeutung der Jahrhundertwenden ausmachen lassen, so muss man doch insgesamt festhalten, dass kein allgemein verständlicher Jahrhundertbegriff existierte, weshalb auch keine Jahrhundertwenden im modernen Sinn stattfinden konnten. Dies gilt cum grano salis auch noch für die Jahre 1400 und 1500. Erst das 16. Jahrhundert zeigte auf diesem Gebiet wirkliche Veränderungen, da sich die Geschichtsschreibung mit der um 1520 entstandenen Mainzer Chronik des Benediktinerhumanisten Hermann Piscator und den bekannteren Magdeburger Zenturien erstmals der Einteilung in Jahrhunderte bediente und damit dieser chronologischen Kategorisierung einen eigenen Stellenwert zumaß. Ausgelöst durch Entwicklungen wie die ansteigende Bedeutung der Dezimalisierung und die weitgehende Etablierung der arabischen Zahlen sowie einer generell intensiven Beschäftigung mit dem Phänomen der Zeit, nahm auch die Bedeutung des Konzepts "Jahrhundert" deutlich zu.

Für das Jahr 1600 lassen sich vor diesem Hintergrund auch erste deutlichere Spuren einer geschärften Wahrnehmung für das Phänomen der Jahrhundertwende ausmachen. Bezogen auf das Modell des Jubiläums wurden beispielsweise in Predigten Rück- und Ausblicke auf das vergangene respektive kommende Jahrhundert gewagt. Wurden demnach bis 1600 die Grundlagen für eine gesteigerte Wertschätzung des Jahrhunderts gelegt, so zog es im 17. Jahrhundert in immer neue Anwendungsbereiche und Funktionen ein. Das Jahrhundert spielte nun in Zyklentheorien eine tragende Rolle, in der Geschichtsschreibung versuchte man das historische Wissen dadurch didaktisch aufzubereiten, dass man es in leichter memorierbare dezimale Abschnitte gliederte, und in der bekannten "Querelle des Anciens et des Modernes" war es das Jahrhundert, das als Vergleichsmaßstab herangezogen wurde. Doch auch bei Jubiläen oder als wissenschaftliches Thema in den Universitäten konnte die Bedeutung des Jahrhunderts weiter Fuß fassen, weshalb auch die Jahrhundertwenden eine sich langsam steigernde Aufmerksamkeit erfuhren.

Es war der Jahrhundertwechsel von 1800, der in der Geschichte der Jahrhundertwenden einen echten Quantensprung bedeutete, und dessen Umstände bis in die Gegenwart hinein das Verständnis chronologisch markanter Daten bestimmen. Brendecke bringt die deutlich gesteigerte Aufmerksamkeit für Jahrhundert und Jahrhundertwende in diesem Zeitraum mit der "Verzeitlichung der gesellschaftlichen Selbstinterpretation" in Zusammenhang. Das heißt, dem historischen Vergleich der eigenen Zeit mit vorangegangenen Jahrhunderten kam im Verlauf der Aufklärung ein enormer Bedeutungszuwachs zu, sodass das Jahr 1800 als bedeutungsgeladene Pforte in ein neues Zeitalter erscheinen musste. Zudem verstärkten Entwicklungen wie die sich ausbreitende Fortschrittsidee oder auch der allgemeine Gebrauch von Kalendern und Notizbüchern die Aufmerksamkeit für Fragen historischer Entwicklungen und Datierungen. Dementsprechend wurde die Jahrhundertwende von 1800 auch mit so vielen Erwartungen, Hoffnungen und damit in Zusammenhang stehenden Feierlichkeiten begangen wie keine andere zuvor. Das 19. Jahrhundert hatte dem nichts Entscheidendes mehr hinzuzufügen, es sei denn die ambivalente Mischung aus Endzeitstimmung und Aufbruchwillen, die sich im "Fin de Siècle" zu artikulieren versuchte. Die Feierlichkeiten zur Jahrhundertwende von 1900 blieben insgesamt weniger aufwändig als diejenigen 100 Jahre zuvor. Bemerkenswert, weil für den Zusammenhang von Zeit und Macht anekdotisch-erhellend, ist der Befehl Kaiser Wilhelms II., den Jahrhundertbeginn chronologisch falsch am 1. Januar 1900 feiern zu lassen - wohl um dem Rest der Welt einen Schritt voraus zu sein!

So schließt sich der Reigen der Jahrhunderte und Jahrhundertwenden, den Brendecke - den Vorgaben des eigenen Themas folgend - streng chronologisch aufbaut. Eine kurze Selbstreflexion über die Beschäftigung mit den Jahrhundertwenden am Ende des 20. Jahrhunderts hätte dem Buch möglicherweise als guter Abschluss dienen können, jedoch verzichtet Brendecke auf eine solche Sicht auf die eigene Arbeit. Doch wiegt dieser Umstand keineswegs schwer, da Brendecke ein gut lesbares und intellektuell anspruchsvolles Buch gelungen ist, das sicherlich nicht auf dem Müllhaufen des modischen und inhaltsleeren Sachbuchmarktes landen wird. Wenn auch die eine Jahrhundertwende gerade hinter uns liegt und dem Thema momentan wenig Aufmerksamkeit beschieden ist - die nächste Jahrhundertwende kommt bestimmt, und dann wird man mit Gewinn zu Brendeckes Buch greifen können.

Achim Landwehr