Rezension über:

Russell R. Menard: Migrants, Servants and Slaves. Unfree labor in colonial British America (= Variorum Collected Studies Series; 699), Aldershot: Ashgate 2001, XIV + 302 S., ISBN 978-0-86078-838-6, GBP 55,00
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Rezension von:
Ines Grund
Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Ines Grund: Rezension von: Russell R. Menard: Migrants, Servants and Slaves. Unfree labor in colonial British America, Aldershot: Ashgate 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/2179.html


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Diese Rezension erscheint auch in PERFORM.

Russell R. Menard: Migrants, Servants and Slaves

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Der vorliegende Band stellt eine Sammlung von elf Aufsätzen des Autors aus den Jahren 1973 - 1995 dar. Menard, der auf dem Gebiet der Wirtschafts-, Agrar- und Sozialgeschichte des kolonialen Nordamerika forscht, präsentiert hier historisch-demographische Studien zu den unterprivilegierten Gesellschaftsschichten, den arbeitsverpflichteten und versklavten Zwangsimmigranten im britischen Teil der nordamerikanischen Kolonien, vor allem in den sogenannten "Chesapeake colonies", Maryland und Virginia.[1] Sein Interesse gilt den Ursachen und Gründen für die Veränderung in der Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung dieser Region, weg von einem Überhang an zwangsverpflichteten englischen Arbeitskräften hin zu einer Dominanz afrikanischer Sklaven, sowie deren gesamtgesellschaftlicher Auswirkung.

Menard wendet sich gegen die Auffassung, dieser Wandel in der Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung sei ein kultureller Prozess, ausgelöst durch eine Änderung in der Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Vertreter dieser These argumentieren, die Großgrundbesitzer in den britischen Kolonien hätten die Vorteile zu schätzen gelernt, die ihnen durch Rassismus und "weiße Solidarität" in der Kontrolle sowohl ihrer eigenen Arbeitskräfte als auch der in der Regel ohne Knechte oder Sklaven wirtschaftenden kleinen Farmer erwachsen seien. Dementsprechend seien sie zielstrebig von der Beschäftigung Bediensteter zum Kauf von Sklaven zur Bewirtschaftung ihrer Güter übergegangen.

Der Autor hält dies für eine übermäßig vereinfachende Darstellung der Ursprünge des amerikanischen Rassismus: Er vertritt vielmehr die Meinung, dass der Wandel hin zu einer Sklavenhaltergesellschaft im amerikanischen Süden ein ökonomischer Prozess gewesen sei, ausgelöst durch eine Änderung im Angebot an Arbeitskräften. Menard argumentiert mit dem aus den verfügbaren Quellen ermittelten Zahlenmaterial zu Preisen für und verfügbaren Mengen an Arbeitskräften. Statt dass nämlich der Preis für bedienstete Arbeitskraft gefallen wäre, wie es aus einer sinkenden Nachfrage bei gleich bleibendem Angebot hätte folgen müssen, kann er für die Chesapeake-Kolonien nachweisen, dass der Preis bei einer gleichzeitig sinkenden Zahl an bediensteten Arbeitskräften sogar stieg, dass also die Farmer weiterhin bedienstete - auch teurere - Arbeitskräfte eingekauft hätten, wenn es nur ein entsprechendes Angebot an solchen gegeben hätte.

Zudem hält Menard die zeitliche Einordnung, die Kolonien des "Upper South" seien Anfang des 18. Jahrhunderts bereits voll entwickelte Sklavenhaltergesellschaften gewesen, für zu früh. Er kontrastiert diese Ansicht mit demographischen Erhebungen aus den "Chesapeake-Kolonien" zu Geburts- und Sterberaten der freien und der versklavten Bevölkerungsanteile sowie zu den Besitzverhältnissen der freien Bevölkerung. Diese sprechen dafür, dass sich hier erst am Vorabend der Revolution die Sklavenhaltung in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet hatte, wohingegen im ersten Viertel des Jahrhunderts der Besitz von Sklaven noch weitgehend eine Angelegenheit der reichen Oberschicht war.

Im Einzelnen vereint der Band folgende Untersuchungen (hier in chronologischer Folge):

1973: From Servant to Freeholder: Status Mobility and Property Accumulation in Seventeenth-Century Maryland

1975: The Maryland Slave Population, 1658 to 1730: A Demographic Profile of Blacks in Four Counties

1977: From Servants to Slaves: The Transformation of the Chesapeake Labor System

1977: Immigrants and their Increase: The Process of Population Growth in Early Colonial Maryland

1987: The Africanization of the Lowcountry Labor Force, 1670-1730

1988: British Migration to the Chesapeake Colonies in the Seventeenth Century

1988: Slavery, Economic Growth, and Revolutionary Ideology in the South Carolina Lowcountry

1988/89: Transitions to African Slavery in British America, 1630-1730: Barbados, Virginia, and South Carolina

1991: Migration, Ethnicity, and the Rise of an Atlantic Economy: The Re-Peopling of British America, 1600-1790

1994: Financing the Lowcountry Export Boom: Capital and Growth in Early South Carolina

1995: Slave Demography in the Lowcountry, 1670-1740: From Frontier Society to Plantation Regime

Alle diese Studien enthalten ausführliches statistisches Material, mit denen Menard seine Thesen belegt. Sie bieten in der vorliegenden Zusammenstellung Einblick in die Ausgangspunkte und Entwicklungstendenzen der Forschungsdiskussion um die Gesellschaftsgeschichte der britischen Kolonien im Nordamerika des 17. und 18. Jahrhunderts.

Menard selbst zählt seine Studien zur sogenannten "Chesapeake school", eine Bezeichnung, die neuerdings auf die vor allem quantitativen Ansätze, die gesellschaftliche Zusammensetzung der "Chesapeake-Kolonien" im 17. Jahrhundert zu rekonstruieren, Anwendung findet.

Anmerkung:

[1] Als historisch-geografischer Überblick seien hier ergänzend die "Map Collections:

1500-1999" des American Memory-Projektes der Library of Congress, Washington, (http://memory.loc.gov/ammem/gmdhtml/gmdhome.html) empfohlen.


Ines Grund