Rezension über:

Norbert Angermann / Ilgvars Misāns (Hgg.): Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland (= Schriften der Baltischen Historischen Kommission; Bd. 7), Lüneburg: Nordostdeutsches Kulturwerk 2001, 228 S., 31 Abb., ISBN 978-3-922296-89-8, EUR 24,90
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Rezension von:
Inna Põltsam
Ajaloo Instituut, Tallinn
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Inna Põltsam: Rezension von: Norbert Angermann / Ilgvars Misāns (Hgg.): Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland, Lüneburg: Nordostdeutsches Kulturwerk 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 7/8 [15.07.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/07/3250.html


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Norbert Angermann / Ilgvars Misāns (Hgg.): Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland

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Der Ordensmeister Wolter von Plettenberg, eine der herausragendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des mittelalterlichen Livland, ist schon seit mehr als einem Jahrhundert ein Forschungsgegenstand der Geschichtsschreiber. Jede neue Historikergeneration ist bemüht, sein Leben und seine Aktivitäten sowie seine Bedeutung für Livland neu zu bewerten und einzuordnen. Als jüngster Versuch auf diesem Gebiet liegt der von Norbert Angermann und Ilgvars Misāns herausgegebene Sammelband vor. Er beginnt mit einem Gesamtbild Plettenbergs von Teodors Zeids (†), dem Altmeister der lettischen Mediävistik, der sich zum Ziel gesetzt hat, Plettenbergs Rolle in der lettischen Geschichte zu bestimmen. Aus der Sicht der Letten kann diese Zeit wohl kaum als günstig oder positiv angesehen werden, denn eben damals begann die konsequente, rücksichtslose Einführung der Schollenpflichtigkeit bei den einheimischen Bauern.

In der früheren Geschichtsschreibung hat man wiederholt die Frage aufgeworfen, warum Plettenberg die größte Herausforderung seiner Regierungszeit, die sich ihm mit der Reformation stellte, anders als Hochmeister Albrecht nicht annahm, der den preußischen Ordensstaat säkularisierte. Auf Plettenbergs Haltung gegenüber der Reformation geht jetzt Joachim Kuhles ein, der in seinem Beitrag feststellt, dass es nicht nur persönliche Eigenschaften von Plettenberg, sondern vielmehr gewichtige objektive Ursachen waren, die der Umgestaltung der livländischen Konföderation in ein zentralistisch regiertes Staatsgebilde im Wege standen. Der Verfasser weist zugleich darauf hin, dass eben die von Plettenberg betriebene Politik, die offen für Kompromisse war, am besten den inneren Frieden und die Unabhängigkeit des Landes sicherte.

Auf welche Weise der Ordensmeister den Landtag, die Vertretung der livländischen Stände, für die Verwirklichung seiner politischen Ziele engagierte, wird von Misāns erläutert. Er kommt zu dem Schluss, dass Plettenberg es nicht vermochte, und offenbar auch nicht wollte, den Landtag umzugestalten, seine Bedeutung im politischen Leben Livlands zu heben und die Aktivität der Stände für den Zentralisierungsprozess auszunutzen.

Bernhart Jähnig setzt sich mit der Verwaltung und den einzelnen Verwaltungsorganen des Ordensgebietes zu Plettenbergs Zeiten auseinander. Er macht unter anderem auf die "Personalveränderungen" innerhalb der Ordenskonvente aufmerksam: Während die Zahl der Ordensbrüder zurückging, nahm die von überlieferten Amtsträgern zu.

Aus der ausführlichen Studie von Klaus Neitmann über Plettenbergs Rat und Ratsgebietiger geht hervor, dass das "Sesshaftwerden" des Ordensmeisters - die Etablierung von Wenden als seinem ständigen Sitz - ein deutliches Zeichen für eine veränderte Regierungsweise war. Dies bedeutete jedoch nicht die Entstehung einer starken Zentrale, die die lokalen Amtsträger tatkräftig in ihrem Sinne zu lenken vermocht hätte. Als Anhang sind dem Artikel ein Verzeichnis der livländischen Ordensgebietiger vom Oktober 1523 sowie ein Itinerar des Ordensmeisters Plettenberg von 1494 bis 1510 beigegeben.

Die übrigen fünf Beiträge beziehen sich nicht unmittelbar auf Plettenberg, sondern auf den livländischen Ordenszweig allgemein. Sonja Neitmann betrachtet Westfalen als ein Rekrutierungsgebiet für den livländischen Ordenszweig und zeigt zugleich, welche Bedeutung der Orden für den niederen Adel Westfalens vom 13. Jahrhundert bis zum Ende des Ordensstaates hatte.

Norbert Angermann legt eine Gesamtcharakterisierung der livländisch-russischen Beziehungen vor. Ihm geht es darum, das in der Fachliteratur stereotype Bild dieser Beziehungen gerade zu rücken.

Daumants Vasmanis betont in seinem Überblick über die lettische Historiographie zum mittelalterlichen Livland, dass sich die lettische Geschichtsschreibung immer stark auf das Geschehen des 13. sowie des 16. Jahrhunderts konzentriert hat. Dem Autor zufolge dürften sich nur einige wenige Arbeiten lettischer Mediävisten der Sowjetzeit behaupten können. Die jüngsten Trends und Errungenschaften der lettischen Mediävistik bleiben dem Leser seines Aufsatzes leider unbekannt, denn er gibt nur den Stand von 1991 wieder.

Jānis Apals handelt über archäologische Ausgrabungen bei der Ordensburg Arrasch/Āraiši. Diese zeigten unter anderem, dass die Burg zur Ordenszeit ein militärischer und wirtschaftlicher Stützpunkt der Burg Wenden/Cēsis, der Residenz des Ordensmeisters, war.

Zigrīda Apala gibt Neues über die Geschichte der Burg Wenden/Cēsis während des Livländischen Krieges bekannt. Ausgrabungen bestätigen nicht nur die Existenz eines Westflügels der Burg, sondern belegen auch Ursachen und Zeit ihres Untergangs.

Die im Band veröffentlichten Beiträge gehen im wesentlichen auf eine Tagung von 1991 in Cēsis (Wenden) zurück. Daraus ergibt sich auch der einzige nennenswerte Mangel an dieser Veröffentlichung: Die Beiträge haben nach zehn Jahren etwas an Neuheitswert und Frische verloren. Ferner wäre die Einbeziehung estnischer Historiker in den Verfasserkreis des Bandes wünschenswert gewesen.


Inna Põltsam