Rezension über:

Peter Cornelius Claussen: Die Kirchen der Stadt Rom im Mittelalter 1050-1300. A-F (Corpus Cosmatorum II,1) (= Forschungen zur Kunstgeschichte und christlichen Archäologie; Bd. 20), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002, 517 S., 388 s/w-Abb., ISBN 978-3-515-07885-6, EUR 130,00
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Rezension von:
Ursula Nilgen
Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Ursula Nilgen: Rezension von: Peter Cornelius Claussen: Die Kirchen der Stadt Rom im Mittelalter 1050-1300. A-F (Corpus Cosmatorum II,1), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 12 [15.12.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/12/2292.html


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Peter Cornelius Claussen: Die Kirchen der Stadt Rom im Mittelalter 1050-1300

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Der umfassende Titel des hier anzuzeigenden ersten Teilbandes eines auf vier Bände projektierten Werks (507) weckt gewichtige Assoziationen und weit reichende Erwartungen: Ist dies etwa die langersehnte "Fortsetzung" von Richard Krautheimers monumentalem "Corpus Basilicarum Christianarum Romae" (1937-1977) über die dort gesetzte Grenze des 9. Jahrhunderts hinaus ins zentrale Mittelalter? Doch das wäre von einem einzigen Autor, wie kompetent auch immer, niemals zu schaffen. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man denn auch auf dem Titelblatt (und nur dort, nicht auf dem Cover) in kleiner Drucktype den Verweis auf die Einbindung in das Corpus Cosmatorum, dessen ersten Band der Verfasser schon 1987 unter dem Titel "Magistri Doctissimi Romani. Die römischen Marmorkünstler des Mittelalters" publiziert hatte. Es geht also auch hier offenbar vornehmlich um die für die mittelalterlichen Kirchen Roms so charakteristischen "Cosmatenarbeiten" im weitesten Sinne, Pavimente in Steineinlegearbeit sowie Marmorskulptur an Baugliedern (wie Kapitellen, Portalen etc.) und am fest eingebauten liturgischen Mobiliar (wie Chorschranken, Kanzeln, Altarziborien etc.). Es ist dies ein Gebiet, in dem Peter Cornelius Claussen sich seit langem als bester Kenner ausgewiesen hat. Angesichts der in den letzten Jahrzehnten zunehmenden Literatur zu einzelnen römischen Kirchen oder Ausstattungsobjekten des Mittelalters stellt er selbst zutreffend fest: "Was bislang fehlt, ist eine systematische Erfassung und Auswertung des Erhaltenen, sowie der Bild- und Textquellen, die das Verlorene vorstellbar machen" (9). Doch weder die Architektur (und ihre Typologie) noch gar Wandmalerei und Mosaik werden eingehendere Untersuchung erfahren. Das ist zwar sehr bedauerlich angesichts der Forschungslage und hätte auch im Titel des Buches klarer ausgewiesen werden können. Andererseits ist die so eingegrenzte Sicht bei realistischer Einschätzung das in absehbarer Zeit einzig Machbare und verspricht schon wichtige neue Ergebnisse. Problematisch erscheint aber die zeitliche Eingrenzung, die zwischen dem noch von Krautheimer abgedeckten 9. Jahrhundert und der Zeit um 1050 eine Lücke von gut 150 Jahren lässt. Die Spärlichkeit des Erhaltenen oder Erschließbaren aus dieser Periode sollte kein Grund für seine Ausschließung sein.

Eine knappe, aber wichtige übergreifende Gesichtspunkte darlegende Einleitung (9-18) ist dem Haupttext vorgeschaltet, der als alphabetisch geordneter Katalog der Kirchen strukturiert ist. So wird der ideologische Hintergrund, der "institutionelle Anspruch des Papsttums und streckenweise auch der Stadt Rom", angesprochen, für den "die mittelalterliche Kunst in Rom als durchaus repräsentativ [...] angesehen werden" könne, wenn auch nur Bruchstücke erhalten sind (10-12). Das für Rom so typische Phänomen der Kontinuität über alle Erneuerungsbewegungen des Mittelalters hinweg, die "Beharrlichkeit römischer Formen in Architektur und Ausstattung über mehr als 150 Jahre", auch die Resistenz gegen die übrige europäische Stilentwicklung ist aus der retrospektiven Rom-Ideologie zu erklären. Der "partiellen Nähe zur Antike" wird aber zu Recht das Vorherrschen einer typisch mittelalterlichen, durch Glanz und Vielfalt der eingesetzten Mittel gekennzeichneten Ästhetik gegenübergestellt, die ihre Kraft weniger aus den realen antiken Resten als aus einem idealen, imaginären Rombild bezieht.

Weiter geht Claussen auf die zentrale Rolle der im mittelalterlichen Rom noch zahlreich vorhandenen antiken Bauskulptur aus Marmor ein, die als Basis und Vorbild für die eigene Produktion diente (12 f.). Zunächst vor allem als Spolien in der Bauausstattung wieder verwendet, dienten die antiken Kapitelle, Architrave, Friese etc. zunehmend als Vorbilder für eigene Neuschöpfungen "all'antica", die seit dem frühen 12. Jahrhundert das antike Material ergänzten und schließlich sogar ersetzen konnten. So entsteht unter den Händen der stolzen römischen "Marmorari" des 12. und 13. Jahrhunderts eine selbstbewusste, mit der Antike in Wettstreit tretende dekorative Kunst, die den Charakter vor allem des liturgischen Mobiliars weithin bestimmte. Claussen skizziert dann die Entwicklung dieser antikisch sich gebenden dekorativen Kunst (13 f.). Ihre Anfänge sieht er in Zusammenhang mit der kirchlichen Reformbewegung des späten 11. Jahrhunderts, wobei dem Neubau der Abteikirche von Montecassino unter Abt Desiderius entsprechende Initiativen gleichzeitig in Rom gegenübergestellt werden, wo die eigentliche Erneuerungswelle der Kirchenbauten aber erst unter Papst Paschalis II. (1099-1116) einsetzt. Typischen Bauformen, vor allem aber die zunehmend mit farbigen Stein- und Mosaikeinlagen arbeitende, zumeist unfigürliche Marmorskulptur werden kurz in ihren Wandlungen dargelegt; das Ende markiert die Übersiedlung von Papst und Kurie nach Avignon 1306. Auch die Anfänge der im mittelalterlichen Rom auffallend seltenen figürlichen Bildhauerkunst sieht Claussen im späten 11. Jahrhundert gegeben, doch bleibt eine generelle Reserve gegenüber solchen Bildwerken deutlich erkennbar (15 f.). Die verbale Rekonstruktion eines üblichen liturgischen Raums mit seinen Ausstattungsstücken sowie Erörterungen ihrer Funktion (16-18) schließen die Einleitung ab.

Die Katalog-Einträge zu den Kirchen, der Haupttext also, sind einheitlich strukturiert: Auf die Namen der jeweiligen Kirche folgt eine knappe Aufzählung der erhaltenen bzw. aus Schrift- und Bildquellen erschlossenen mittelalterlichen Elemente. Der eigentliche Text beginnt mit der Geschichte der Kirche; es folgen Beschreibungen des erhaltenen oder überlieferten mittelalterlichen Bestandes und die Analyse der einzelnen, aus Resten, Schrift- und Bildquellen rekonstruierbaren mittelalterlichen Objekte. Zusammenfassende Schlussfolgerungen und Literaturangaben bilden den Abschluss. Die Einträge sind jedoch von sehr unterschiedlicher Ausführlichkeit und Intensität, was in der Natur der Sache liegt. Große Neubauten des Hochmittelalters wie SS. Bonifacio ed Alessio, S. Clemente, S. Crisogono, aber auch bedeutende Umbauten oder Neuausstattungen wie S. Cecilia in Trastevere, SS. Cosma e Damiano, S. Croce in Gerusalemme oder S. Maria Nova (hier merkwürdigerweise unter dem späteren Titel S. Francesca Romana) erfahren ausführliche und ergebnisreiche Analysen. Hier wird auch die Architektur, soweit ohne Sondierungen technischer Art möglich, einbezogen. Bei anderen, weniger spektakulären Kirchen, wo Bestand und Überlieferung mangelhaft sind, bleiben die Einträge auf wenige Seiten beschränkt. Interessant ist der Sonderfall von S. Cesareo, einer kleinen Kirche, die um 1600 ein liturgisches Mobiliar erhielt, das aus mittelalterlichen Resten aus anderen Kirchen zusammengestellt war und "frühchristliche" Verhältnisse evozieren sollte.

Gewichtige Einzelobjekte sind gelegentlich mit exkursartigen Untersuchungen bedacht. Das gilt vor allem für die beiden in der Literatur durchaus kontrovers beurteilten Beispiele figürlicher Skulptur, die in diesem Band anfallen, den Portalrahmen von S. Apollinare, jetzt in den Grotten von St. Peter (96-109), und die Brunneneinfassung in S. Bartolomeo all' Isola (152-163). Die Argumentation zu S. Apollinare mit der Datierung ins späte 11. Jahrhundert überzeugt durchgehend und weist zu Recht die in der neueren Forschung vorgeschlagenen Zuweisungen an eine andere Kirche zurück. Anders steht es mit dem "pozzo" von S. Bartolomeo: Claussens Versuch, die teigigen und unpräzisen Reliefs dem mittleren 12. Jahrhundert zuzuweisen, wo es zugegebenerweise nichts Vergleichbares gibt, und dies eigentlich nur aus historischen, nach Quellenlage aber keineswegs eindeutigen Gründen, ist angesichts der Stillage der Reliefs nicht nachzuvollziehen (so hatte Claussen selbst übrigens 1987 noch argumentiert und De Francovichs Datierung ins frühe 11. Jahrhundert unterstützt). Das Problem sollte erneut aufgerollt und durch gattungsübergreifende Vergleiche vertieft werden.

Der Katalog bietet eine Fülle neuer Informationen zu den römischen Kirchen des hohen Mittelalters und zu ihrer liturgischen Funktion. Unerlässlich dafür war - neben der genauen Kenntnis der Objekte - die breite Heranziehung späterer Beschreibungen, Aufzeichnungen und Veduten, um den heute meist verunklärten mittelalterlichen Bestand vorstellbar zu machen. Unerlässlich ist aber auch die Auseinandersetzung mit den divergierenden Forschungsmeinungen, auch wenn sie nicht immer zur Klarheit des Textes beiträgt. Welche Masse an Quellen- und Literaturmaterial Claussen für diese Aufgabe zu bewältigen hatte, wird dem Leser schnell anhand der Anmerkungen klar. Doch gehen seine Ergebnisse über eine Summe des Zusammengetragenen weit hinaus: Sie bieten gerade in der auf Detailsicht fundierten Zusammenschau eine überzeugende Deutung des funktionalen und ideologischen Sinns dieser eigenartigen und selbstbewusst-römischen Kunst.

Eine kritische Bemerkung an die Adresse der mit der Drucktechnik bzw. den Textkorrekturen Befassten: Die schummerig-graue Qualität der Abbildungen gehört leider schon fast zur Regel bei wissenschaftlichen kunsthistorischen Abhandlungen, aber man sollte sich nicht damit abfinden. Ärgerlich sind die zahlreichen Druckfehler, so vor allem die offenbar durch Textumstellungen verursachten grammatikalischen Endungsfehler, aber auch unterschiedliche Schreibweisen von Namen etc. Wenn die diesbezüglichen Kontroll-Instanzen der Verlage mehr und mehr versagen oder entfallen, ist der Niedergang der Buchkultur vorprogrammiert. Trotzdem: der außerordentliche wissenschaftliche Nutzen dieses Unternehmens bleibt unbestritten. Man wünscht ihm einen zügigen und glücklichen Fortgang.

Ursula Nilgen