Rezension über:

Klaus Bringmann: Krise und Ende der römischen Republik (133-42 v. Chr.) (= Studienbücher Geschichte und Kultur der Alten Welt), Berlin: Akademie Verlag 2003, 236 S., ISBN 978-3-05-003450-8, EUR 19,80
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Rezension von:
Claudia Tiersch
Institut für Geschichte, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Tiersch: Rezension von: Klaus Bringmann: Krise und Ende der römischen Republik (133-42 v. Chr.), Berlin: Akademie Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/09/5068.html


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Klaus Bringmann: Krise und Ende der römischen Republik (133-42 v. Chr.)

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Man kann die Zurückdrängung althistorischer Lehrinhalte aus der gegenwärtigen Praxis des Schulunterrichts mit vollem Recht bedauern, drohen doch hierdurch Kenntnisse über die kulturellen Wurzeln eines geeinten Europa in Vergessenheit zu geraten. Man kann sie jedoch auch als Herausforderung wahrnehmen, durch die Entwicklung adäquater Lehrmaterialien dieser Situation zu begegnen und sie keinesfalls als unabänderlich zu akzeptieren. Diesem eminent wichtigen Anliegen ist die Reihe "Studienbücher zur Geschichte und Kultur der Alten Welt" gewidmet, deren Ziel in der Verbindung von exemplarischer Quellensammlung und systematischer Einführung in verschiedene Bereiche der alten Welt besteht.

Der vorliegende Band von Klaus Bringmann ist ein sehr gutes Beispiel für die Fruchtbarkeit dieses Projekts. Der erste Teil (17-96) bietet eine knappe, prägnante, gut lesbare Darstellung der krisenhaften Prozesse, die schließlich zum Untergang der Republik führten. Als Ausgangspunkt wählt der Autor die Perspektive der Zeitgenossen, welche die schockierende Erfahrung machten, dass das Ende der äußeren Bedrohungssituation für Rom im 2. Jahrhundert vor Christus sowie die Gewinnung eines Provinzialreiches keineswegs zu staatlicher Blüte führten, sondern zu einer politischen Dauerkrise. Diese Ernüchterung fand ihren Ausdruck in moralisierenden Deutungen, welche das Hereinströmen von Geld, Edelmetall oder Luxusgegenständen in Verbindung mit einem Niedergang des mos maiorum brachten beziehungsweise den Wegfall der Furcht vor äußeren Gegnern als Grund für den Schwund des inneren Zusammenhalts bewerteten. Bereits das 18. Jahrhundert gelangte jedoch mit Montesquieu zu einer strukturelleren Sichtweise, die den Niedergang des republikanischen Systems in Rom als Konsequenz des wachsenden Reichs begriff. Diese Perspektive ist bis heute bestimmend, doch verweist Klaus Bringmann darauf, dass allein die Konstatierung dieses Zusammenhangs noch nicht erklärt, auf welche Weise der Zusammenbruch geschah. Vielmehr muss dieser als langwieriger Prozess und als Zusammenspiel mehrerer kontingenter und struktureller Faktoren gefasst werden. Hierzu zählt der Verfasser vor allem soziale Differenzierungsprozesse, aber auch den Desintegrationsprozess innerhalb der Nobilität sowie das weitgehende Versagen der führenden politischen Klasse angesichts der wachsenden Problemlage, welche durch ihre Blockadementalität jegliche Reformversuche zu Regelverstößen werden ließ, die schließlich in Gewaltanwendung und Bürgerkrieg mündeten (22-24).

Diese Leitlinien sind auch wegweisend für die nachfolgende Darstellung. Klaus Bringmann schildert, wie die zunehmende Monetarisierung Italiens insbesondere ab dem 2. Jahrhundert zu wachsenden sozialen Differenzierungsprozessen führte, welche auch negative Konsequenzen für die Geschlossenheit der Nobilität besaß. Zugleich bewirkten das Ende der Koloniegründungen sowie die Zäsur der langen und verlustreichen Spanienkriege Mitte des 2. Jahrhunderts eine Verelendung bäuerlicher Schichten und damit auch eine Krise der traditionellen Heeresverfassung. Die Reformen der Gracchen gewinnen in diesem Kontext ein Doppelgesicht. Sie signalisierten einerseits das Bemühen um die Beseitigung von Missständen, wurden vom Senat jedoch ausschließlich in der Perspektive des Machtgewinns der Initiatoren dieser Reformmaßnahmen reflektiert und abgewehrt, was den Anfang vom Ende konsensueller Konfliktregelungen innerhalb der Senatsaristokratie markierte (49). Die Epoche von Marius und Saturninus skizziert der Autor als weitere Etappe im Desintegrationsprozess der Nobilität, nicht nur wegen des neuen Instruments der Sonder- und ständigen Gerichtshöfe, sondern vor allem wegen der wachsenden Politisierung des Heeres infolge der Heeresreform des Marius. Die fehlgeschlagene Reform des Livius Drusus erweiterte das Konflikttableau noch um das Problem der unzufriedenen Bundesgenossen.

Als weiteren entscheidenden Schritt im permanenten Konfliktzustand jener Jahre deutet Klaus Bringmann die Reformen Sullas, da notwendige staatliche Reformmaßnahmen im Gewand gesetzlich sanktionierter Mord- und Enteignungsaktionen erschienen, die zu Vermögensumschichtungen größten Ausmaßes führten und gesellschaftliche Spaltungen vertieften. Für die Folgejahre weist der Autor nach, wie die Verweigerungshaltung des Senats gegenüber der Bewältigung drängender Probleme beziehungsweise beim angemessenen Umgang mit bedeutenden Einzelmagistraten zur Entstehung von Gravitationszentren der Macht außerhalb des Senats und Italiens führte. Die hieraus resultierende Militarisierung der Politik mündete letztendlich im Bürgerkrieg zwischen Caesar und großen Teilen des Senats. Klaus Bringmann verweist zwar auf die Akzeptanzprobleme, die sich Caesar trotz militärisch errungener Macht und sinnvoller Reformmaßnahmen durch seine ostentative Missachtung des Senats selbst schuf. Er macht jedoch deutlich, dass das durch Caesar geschaffene System keineswegs mit seinem Tod zerfiel und auch die Gegner Caesars keinerlei inhaltliche Alternativen boten, sondern vielmehr maßgeblich an den blutigen Wirren der folgenden Jahre Anteil hatten. Am Ende dieses Abschnitts setzt sich der Autor mit modernen Forschungsmeinungen zur Bewertung der Krise der römischen Republik auseinander und plädiert mit einleuchtenden Gründen für eine wesentliche Bedeutung struktureller Faktoren innerhalb dieses Niedergangsprozesses (91-96).

Der zweite Teil bietet eine Quellensammlung zu ausgewählten Rubriken des Einleitungstextes (99-211). Diese hinterlässt in mehrfacher Hinsicht einen positiven Gesamteindruck. So ist erstens die Vielfalt der herangezogenen Quellengattungen zu nennen. Es werden keineswegs nur literarische Texte oder Inschriften angeführt, sondern zum Beispiel auch Münzabbildungen zur Illustration der römischen Währungsgeschichte, eine Liste mitsamt kartografischem Nachweis der römischen Koloniegründungen zwischen 218 und 157 (125-128) und eine Verteilungskarte der bekannten Grenzsteine der gracchischen Ackerverteilungskommission (151). Zweitens gibt die Quellensammlung ebenso wie der einleitende Text Informationen zu weiterführender Literatur, zu einschlägigen Ausgaben und Übersetzungen sowie zum Kontext der erwähnten Quellenaussage. Zugleich werden auch Quellenautoren sowie Abfassungszeit und Eigenart des benutzten Werkes kurz vorgestellt. Drittens bietet die Zusammenstellung eine gute Verbindung zwischen der Illustration der Regelhaftigkeit des politischen Systems und dessen allmählichen Veränderungen. So verdeutlichen die ausgewählten Texte etwa ebenso die grundsätzliche Form der römischen Rekrutierungspraxis wie deren Krise seit den Spanienkriegen. Überzeugend wirkt auch, dass die Auswahl der Texte nicht nur dokumentarische Zeugnisse berücksichtigt, sondern auch zeitgenössische Reflexionen. Anhand der Cicerobriefe werden so nicht nur Problembewältigungsstrategien der Nobiles wie politischer Seitenwechsel, Opportunismus, Feigheit oder auch Zögerlichkeit erkennbar, sondern auch deren Entscheidungsunsicherheit sowie die tiefe Verzweiflung angesichts der ausweglosen Lage, insbesondere am Vorabend des Bürgerkriegs sowie nach Caesars Tod. Auch dem nicht einschlägig vorgebildeten Leser eröffnet sich so - über das faktologische Wissen hinaus - ein eindrucksvolles Bild der tiefen mentalen Krise.

Zwei kleinere Einwände sind zu benennen. So ist trotz der Hinweise des Autors auf die problematische Überlieferungslage und eine weiterführende Quellensammlung die mangelnde Berücksichtigung der sullanischen Reformmaßnahmen zu bedauern. Weiterhin hätte die von Klaus Bringmann völlig zu Recht als entscheidender Krisenfaktor benannte strukturelle Verweigerungshaltung der Senatsmehrheit gegenüber der Lösung anstehender Probleme durch die quellenmäßige Einbeziehung einiger optimatischer Obstruktionspraktiken untermauert werden können. Die Quellen zu einigen wenigen optimatischen Ansiedlungsprojekten illustrieren hier meines Ermessens eher die Ausnahme als die Regel. Dies ändert aber keinesfalls etwas am überaus positiven Gesamteindruck des Bandes, welcher außerdem noch eine Zeittafel, ein Verzeichnis der angeführten Quellen, ein Glossar, ein Personenverzeichnis und eine Bibliografie enthält. Das Buch stellt ein höchst wertvolles Arbeitsinstrument dar, welches nachhaltig geeignet ist, einen konzentrierten Ersteinstieg in die Krisenepoche der Römischen Republik zu ermöglichen.

Claudia Tiersch