Rezension über:

Tom Boiy: Late Achaemenid and Hellenistic Babylon (= Orientalia Lovaniensia Analecta; 136), Leuven: Peeters 2004, XX + 385 S., 11 pl., ISBN 978-90-429-1449-0, EUR 72,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Peter Franz Mittag
Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Peter Franz Mittag: Rezension von: Tom Boiy: Late Achaemenid and Hellenistic Babylon, Leuven: Peeters 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/7947.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Tom Boiy: Late Achaemenid and Hellenistic Babylon

Textgröße: A A A

Boiy's Vorhaben, "a general survey of the city of Babylon from the Late Achaemenid period onwards based on all available sources" (5) zu zeichnen, darf als geglückt gelten. Ausgehend von allen verfügbaren Quellen gelingt es Boiy, die Geschichte Babylons in dieser Epoche zu rekonstruieren und verschiedene Bereiche des kulturellen, religiösen und politischen Lebens der Stadt zu beleuchten. Hervorgegangen ist die vorliegende Arbeit aus einer Dissertation zum "Laatachaemenidisch en hellenistisch Babylon. Portret van een Mesopotamische stad in een cultureel spanningsveld".

Boiy präsentiert zunächst die Quellen (8-54), die er ausführlich kommentiert, und so auch dem Nicht-Orientalisten einen Zugang zu den überwiegend keilschriftlichen Zeugnissen ermöglicht. Vor allem diese keilschriftlichen Dokumente und die Ergebnisse der Grabungen dienen ihm im Folgenden zu einer Rekonstruktion der topografischen Gegebenheiten (55-98), wobei er die Kontinuität betont, die sich zwischen der neubabylonischen, achaimenidischen und seleukidischen Zeit nachweisen lässt. Erst in parthischer Zeit veränderten sich die Siedlungsstrukturen, als eine Reihe öffentlicher Bauten aufgelassen und einer privaten Nutzung zugeführt wurden.

Den politischen Rahmen skizziert Boiy im folgenden Abschnitt (99-192). Hier diskutiert er eine Reihe chronologischer Fragen, die er jedoch nach Abschluss des Manuskriptes zum Teil selbst revidierte (s. corrigenda VIII). Unter den verschiedenen interessanten Detailbeobachtungen seien seine Überlegungen zu den Ereignissen anlässlich des zweiten Besuchs Alexanders des Großen hervorgehoben. Die Berichte der klassischen Autoren von einem Fremden, der sich auf Alexanders Thron niedergelassen habe, deutet Boiy überzeugend als babylonisches Substitutionsritual, mit dessen Hilfe drohendes Übel vom König abgewendet werden sollte (112 f.). Auch in anderen Bereichen kann Boiy die Berichte der klassischen Autoren präzisieren, erklären oder korrigieren. So wendet er sich gegen die bei den klassischen Autoren stets wiederholte Behauptung eines signifikanten Niedergangs Babylons als Ergebnis der Gründung von Seleukeia am Tigris, indem er den topischen Charakter dieser Berichte herausstreicht (s. etwa 189-192).

Die Kontinuität von der neubabylonischen zur seleukidischen Zeit arbeitet Boiy im folgenden Abschnitt, der sich den Institutionen des hellenistischen Babylon widmet, nochmals stärker heraus (193-225). Nach Boiy's Auffassung war Babylon in hellenistischer Zeit nahezu ebenso autonom wie eine griechische polis. Der Priester des Haupttempels Esagil (šatammu) verkörperte nicht nur die höchste religiöse Autorität, die sich über das Esagil hinaus auch auf andere Tempel erstreckte (275 f.), sondern auch die höchste politische Gewalt. Ihm zur Seite stand ein Rat (kiništu), der üblicherweise immer zusammen mit dem šatammu genannt wird. Boiy erklärt erst hier die Bedeutung dieser beiden zentralen Organe, die er aber bereits in den vorangegangenen Kapiteln immer wieder erwähnt, was das Verständnis der ersten Abschnitte unnötig erschwert.

Während der šatammu und der kiništu bereits in vorhellenistischer Zeit existierten, lassen sich der pāḫāt Bābili (Gouverneur) und die in Babylon wohnenden politai erst ab dem zweiten Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Der pāḫāt Bābili wurde vom König ernannt und war nach Ansicht Boiy's nicht identisch mit dem epistates. Boiy wendet sich dezidiert gegen die übliche Ansicht, die politai seien in der Zeit Antiochos' IV. institutionalisiert worden, und vermutet, sie hätten bereits unter Antiochos III. bestanden (207 f.). Er schließt dies aus einer Erwähnung des pāḫāt Bābili im Jahr 187 v. Chr. (AD 2 -187A: 'rev. 9'-10'), der dort nicht allein handelte, sondern von nicht erwähnten Personen unterstützt wurde. Boiy vermutet dahinter die politai. Diese "Beweisführung" überzeugt nicht.

Auch das Amt des zazakku wurde in hellenistischer Zeit neu geschaffen, allerdings griff man dabei auf neubabylonische Verhältnisse zurück. Der zazakku war in neubabylonischer Zeit ein königlicher Beauftragter für die Tempelfinanzen. Die einzige Erwähnung aus hellenistischer Zeit stammt aus der Herrschaft Antiochos' IV. (AD 2 -168A: 'rev. 12'-20'). Dieser König ernannte den Bruder des šatammu, der damals stellvertretend für den šatammu agierte, zum zazakku. Boiy vermutet, Antiochos IV. habe damit eine größere Kontrolle über das Tempelvermögen erlangen wollen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Bruder des šatammu eine rechtlich abgesicherte Position benötigte, um den šatammu - aus übrigens unbekannten Gründen - langfristig vertreten zu können.

Auch die beiden nachweisbaren babylonischen Gerichtshöfe, denen sich Boiy anschließend zuwendet, geben nicht so viele Hinweise auf das Verhältnis zwischen Babylon und den Königen, wie wünschenswert wäre. Das so genannte "Tempelgericht" (bestehend aus šatammu und kini>štu) war für kleinere Delikte zuständig, während das so genannte "königliche Gericht" für Mord und Rebellion zuständig war und als Appellationsgericht diente. Ob die vom König eingesetzten Mitglieder dieses Gerichtshofes aus dem Kreis der Babylonier oder aus anderen Städten stammten, bleibt jedoch unklar. Boiy weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in Sippar der oberste Priester gleichzeitig Vorsitzender des "königlichen Gerichtes" war (219).

Die Institutionen Babylons und deren Entwicklung vergleicht Boiy anschließend mit denen in Jerusalem und stellt dabei weitgehende Übereinstimmungen fest (220-225).

Im Folgenden wendet sich Boiy den sozio-ökonomischen Verhältnissen zu und trägt alle Informationen über Bevölkerungszahlen, Familienstrukturen und wirtschaftliche Verhältnisse zusammen (226-263). Dabei wendet er sich deutlich gegen die üblichen Schätzungen für die Bevölkerungszahl und glaubt, dass diese in hellenistischer Zeit 50.000 nicht überstiegen habe (233).

Seine prosopografischen Studien, die er nach Berufsgruppen gliedert (economic life: 237-263), werden dadurch erschwert, dass die meisten Informationen aus Keilschrifttexten abgeleitet werden müssen, die aus Tempelarchiven stammen und - wenn überhaupt - nur das Patronymikon angeben, aber keine weiteren Verwandtschaftsbeziehungen (241). Dadurch unterscheidet sich die Situation in Babylon wesentlich von der in Uruk, wo vor allem private Archivbestände ausgewertet werden können, die sehr viel mehr Familiendaten preisgeben. Die unterschiedliche Herkunft der Texte hat aber auch Auswirkungen über die Rekonstruktion von Familienverhältnissen hinaus. So finden sich in Uruk viel mehr griechische oder griechisch-akkadische Doppelnamen als in Babylon. Das könnte dadurch zu erklären sein, dass die aus Tempelarchiven stammenden Texte vornehmlich die zumeist theophoren - und damit überwiegend auf Bel bzw. Marduk bezugnehmenden - akkadischen Namen nennen. Auf diese quellenspezifischen Differenzen hätte Boiy deutlicher hinweisen können - insbesondere auch angesichts seiner Überlegungen zu Kultur und Wissenschaft in Bayblon (288-303).

Hinter den lediglich zehn bekannten griechischen Namen verbergen sich anscheinend einige Griechen bzw. Makedonen und nur in zwei Fällen sind akkadisch-griechische Doppelnamen bekannt (290: Marduk-erība=Heliodoros/Uballissu-Bēl und Aristeas=Ardi-Bēlit). Im Gegensatz zu diesen wenigen griechischen Namen sind verhältnismäßig viele iranische Amtsbezeichnungen überliefert (213 und 294), ein Hinweis auf deutliche strukturelle Veränderungen in achaimenidischer Zeit, die bis in seleukidische Zeit Bestand hatten.

All dies führt Boiy zu der Überzeugung, dass Babylon während der hellenistischen Zeit letztlich "Babylonian with some Greek elements" gewesen sei (296). Zwar weist Boiy in diesem Zusammenhang auf das sehr eingeschränkte Spektrum an überlieferten Texten hin, zieht daraus aber nicht die notwendigen Schlüsse für seine Gesamtbewertung. Da die Texte - wie bereits betont - vornehmlich aus Tempelarchiven stammen, ist damit zu rechnen, dass in ihnen traditionelle Strukturen besonders deutlich hervortreten und Kontinuität betont wird. Die wenigen Neuerungen (etwa die politai) sind dagegen nur aus anderen Textgattungen (v. a. den astronomischen Tagebüchern) bekannt. Angesichts der von Boiy vorgenommenen starken Fokussierung auf die Texte aus Tempelarchiven, kann er letztlich nur zu dem von ihm präsentierten Ergebnis gelangen. Dass die bisherige Forschung den Niedergang und die Hellenisierung Babylons stärker betonte, liegt andererseits daran, dass man das Augenmerk fast ausschließlich auf die klassischen Texte und die wenigen griechischen Inschriften aus Babylonien gelenkt hat. Boiy lässt sich von dem verständlichen Wunsch, dieses traditionelle Bild zu relativieren, zuweilen zu weit forttragen. Vielleicht hätte ein stärkerer Vergleich mit Uruk dazu beitragen können, dem Bild weitere Tiefenschärfe zu verleihen.

Davon abgesehen argumentiert Boiy jedoch mit großer Umsicht, präsentiert jeweils die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten und mahnt immer wieder zur Vorsicht. Seine vorliegende Arbeit bietet daher nicht nur einen schnellen Zugang zu sämtlichem - im Übrigen auch neuem - Quellenmaterial, sondern darüber hinaus einen guten Überblich über die bisherigen Forschungsergebnisse und spannende Anregungen zu Detailfragen.


Anmerkung der Redaktion:

Der Text dieser Rezension enthält Sonderzeichen, die nur von einigen Browsern (z.B. Mozilla Firefox) korrekt dargestellt werden. Sollten einige Zeichen bei Ihnen nicht lesbar sein, nutzen Sie bitte die PDF-Fassung.

Peter Franz Mittag