Rezension über:

Dirk Maczkiewitz: Der niederländische Aufstand gegen Spanien (1568-1609). Eine kommunikationswissenschaftliche Analyse (= Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas; Bd. 12), Münster: Waxmann 2005, 336 S., ISBN 978-3-8309-1521-8, EUR 34,80
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Rezension von:
Holger Kürbis
Historisches Institut, Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Holger Kürbis: Rezension von: Dirk Maczkiewitz: Der niederländische Aufstand gegen Spanien (1568-1609). Eine kommunikationswissenschaftliche Analyse, Münster: Waxmann 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/11940.html


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Dirk Maczkiewitz: Der niederländische Aufstand gegen Spanien (1568-1609)

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Die von Dirk Maczkiewitz vorgelegte Dissertation beschäftigt sich aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive mit dem Aufstand der Niederlande, einem Thema also, das für die europäische Geschichte der Frühen Neuzeit von wesentlicher Bedeutung und für die Geschichtsschreibung immer noch von großem Interesse ist. Der Autor versucht in seiner Arbeit einen Brückenschlag zwischen Fernand Braudels "longue durée" und system- und kommunikationstheoretischen Ansätzen.

Das erste Kapitel beschreibt die natürlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten, die langfristigen historischen und politischen Strukturen der Niederlande vor dem Beginn des Aufstandes. Deutlich wird dabei das Bemühen des Autors, sich an Braudels Mittelmeerbuch [1] zu orientieren, indem der er versucht, die politischen Ereignisse durch die Analyse lang- und mittelfristiger Prozesse zu erhellen. Bereits in diesem Kontext greift er auch auf systemtheoretische Kategorien zurück. In diesem Zusammenhang zeigt sich jedoch ein zentrales Darstellungs- und Definitionsproblem. Der einleitende Abschnitt thematisiert die natürlichen und historischen Grenzen der Niederlande. Die "Grenze" ist aber gleichzeitig ein zentraler Begriff der Systemtheorie, welcher die Differenz zwischen einem System und seiner Umwelt beschreibt. Nun geht es aber bei der Differenz zwischen sozialen Systemen und ihrer jeweiligen Umwelt nicht um physische, wie im vorliegenden Fall beschrieben, sondern um sinnhafte Grenzen. Das muss auch der Autor einräumen, wenn er bemerkt, dass die Niederlande auch Beziehungen zu Systemen unterhielten, mit denen sie keine territorialen Grenzen verbanden (64 f.).

Das zweite Kapitel widmet sich der Darstellung der sozialen Systeme in den Niederlanden und deren Entwicklung im Vorfeld des Aufstandes. Der Fokus liegt hierbei auf den politischen, konfessionellen und wirtschaftlichen Systemen. Dass es sich in allen diesen Fällen um soziale Systeme handelt, stellt der Autor zwar an verschiedenen Stellen fest, gleichwohl führt die Verwendung der unterschiedlichen Begrifflichkeiten mehr zur Verwirrung des Lesers, als dass sie für Klarheit sorgt.

Die Kapitel drei und vier beschäftigen sich mit den Kommunikationssystemen in den Niederlanden. Während sich das dritte Kapitel in einer allgemeinen Perspektive mit den einzelnen Erscheinungsformen und Mechanismen der Kommunikationssysteme befasst, geht es im vierten Kapitel um die Rolle derselben während des Aufstandes.

Die zentralen Begriffe, an denen sich die vorliegende Studie orientiert, sind "System" und "Kommunikation". Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis verdeutlicht das. Kaum ein Gliederungspunkt kommt ohne einen der beiden Begriffe aus, oft sind beide vertreten. Diese vermeintliche theoretische Durchdringung findet allerdings nicht ihre Entsprechung in der methodischen Reflexion, was gerade im Hinblick auf die Systemtheorie problematisch ist, handelt es sich doch hierbei um einen Ansatz, der allein schon aufgrund seiner Terminologie einer deutlichen und differenzierten Darstellung bedarf. Literaturhinweise reichen in diesem Fall nicht aus. Dass die Systemtheorie bei der Anwendung auf konkrete historische Geschehnisse darstellerische Probleme birgt, muss der Autor auch selbst eingestehen, etwa bei der präzisen Unterscheidung von System und Umwelt (54, Anm. 151).

Bereits in der Einleitung zeigen sich erste Schwachstellen der Arbeit. Neben den angesprochenen Problemen der methodischen Reflexion betrifft das in erster Linie die Überlegungen zum Forschungsstand und die Ausführungen zu den der Arbeit zugrunde liegenden Quellen. Im Hinblick auf den Forschungsstand erfolgt im entsprechenden Abschnitt (15-21) kaum eine angemessene Diskussion der relevanten Literatur. Diese findet man verkürzt für einzelne Beispiele in den Ausführungen zur Fragestellung (21-24). Einer unangemessenen und nicht begründeten Kritik werden hier etwa die Arbeiten Geoffrey Parkers [2] unterworfen, zu denen Maczkiewitz lediglich anmerkt, sie würden in Detailfragen und im Hinblick auf die Differenzierung Abstriche hinnehmen müssen (22). Die Kritik an Martin van Gelderens Darstellung [3], diese würde sich "ausschließlich auf den staatstheoretischen Bereich und auf gedruckte Quellen" (23) beschränken, ist ungerechtfertigt, da sie die Intention des Autors nicht berücksichtigt. Ein Blick in das Quellenverzeichnis der vorliegenden Studien führt den expliziten Vorwurf zudem ad absurdum, haben doch die aufgeführten Archivalien nur mittelbar mit dem Thema zu tun. In den Ausführungen zur Quellenlage (28-30) sucht man vergeblich nach einem Hinweis auf die bearbeiteten Quellen. Der Leser bleibt über die Kriterien der Auswahl ebenso im Unklaren wie über die Kategorien der Auswertung.

Wie verhält es sich nun aber mit der Fragestellung? Es geht dem Autor um die Rekonstruktion spezifischer Mentalitäten Einzelner und von Gruppen, die durch Medien angesprochen werden konnten und um eine entsprechende Veränderung dieser mentalen Einstellungen (22). Weiterhin gilt sein Augenmerk der Beschreibung des oder der Kommunikationssysteme in den Niederlanden (24). Nicht zuletzt will er sich mit den Abläufen der Kommunikationsprozesse befassen, die zum Erfolg des Aufstandes beigetragen haben: "Es geht letztlich darum, mit Hilfe kommunikationswissenschaftlicher Modelle die 'Structure' des Aufstandes zu erhellen." (27)

Die für die vorliegende Arbeit zentralen Fragen werden keineswegs zur Zufriedenheit des Lesers beantwortet. Dass eine spezielle Mentalität in den Niederlanden vorhanden war, wird zwar mehrfach betont, worin diese aber tatsächlich bestand, bleibt unklar. Ganz ähnlich verhält es sich im Hinblick auf die unterschiedlichen Kommunikationssysteme. Die so genannten traditionellen Kommunikationssysteme, zu denen der Autor die physische, visuelle und orale Kommunikation rechnet, werden beschrieben. Mit Ausnahme der visuellen Kommunikation, hier bezogen auf Architektur und Malerei, sind die Ausführungen aber allgemeiner Natur und stellen keinen konkreten Bezug zu den Niederlanden oder zum Aufstand her. Der analytische Nutzen der Trennung zwischen historischen und soziologischen Kommunikationssystemen wird kaum deutlich, auch scheint die Zuordnung einzelner Systeme zu denselben fragwürdig. So lässt sich etwa die "Schwarze Legende", hier als ein soziologisches Kommunikationssystem definiert, keinesfalls allein den Aufständischen, ja nicht einmal ausschließlich den Protestanten zurechnen. Auf der anderen Seite ließe sich das hier als historisch klassifizierte "calvinistische Kommunikationssystem" sehr wohl als ein abgrenzbarer Kreis von Kommunikatoren und Rezipienten beschreiben, der sowohl über den Ausschluss sozialer Systeme als "Outgroup" (255) als auch den integrativen Aspekt als "Ingroup" (275) definiert werden könnte, oder eben als soziologisches Kommunikationssystem.

Etwa die Hälfte der Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der geographischen, wirtschaftlichen, historischen und politischen Verhältnisse der Niederlande vor und während des Aufstandes. Diese Ausführungen, sieht man einmal von der theoretischen Aufladung ab, stützen sich zum größten Teil auf hinreichend bekannte Forschungen. Für den Historiker ergeben sich keine neuen Erkenntnisse etwa hinsichtlich der Ursachen des Aufstandes oder konkreter Abläufe. Dass es beispielsweise eine Gemengelage aus wirtschaftlichen, politischen und konfessionellen Elementen (hier Systemen) war (85 f.), die letztlich die Ausgangsbasis des Aufstandes bildeten, ist lange bekannt, ebenso, dass die Ursprünge des Konfliktes in die Zeit Karls V. zurückreichten. Offen bleibt auch die Frage nach der konkreten Wirkung und Rezeption der Kommunikation -und dies ist für eine kommunikationswissenschaftliche Arbeit tatsächlich ein Problem. Es ist eine Sache, vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich das Kommunikationssystem der Aufständischen durchsetzte, diesen Erfolg festzustellen. Es tatsächlich anhand der Quellen nachzuweisen ist eine andere. Natürlich kann man von einer Rezeption etwa der Flugschriften ausgehen, aber wie sich diese konkret gestaltete und wie damit das oder die Kommunikationssysteme funktionierte(n), das klärt diese Arbeit nicht.


Anmerkungen:

[1] Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II., 3 Bde., Frankfurt am Main 1990.

[2] Geoffrey Parker: Der Aufstand der Niederlande, München 1979. Ders., The Army of Flanders and the Spanish Road 1567-1659, 2nd ed., Cambridge 2004.

[3] Martin van Gelderen: The political thought of the Dutch revolt. 1555-1590, Cambridge 1992.

Holger Kürbis