Rezension über:

Guido Treffler (Bearb.): Julius Kardinal Döpfner. Konzilstagebücher. Briefe und Notizen zum Zweiten Vatikanischen Konzil (= Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising; Bd. 9), Regensburg: Schnell & Steiner 2006, LI + 730 S., ISBN 978-3-7954-1771-0, EUR 19,90
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Rezension von:
Karl-Joseph Hummel
Kommission für Zeitgeschichte, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Joseph Hummel: Rezension von: Guido Treffler (Bearb.): Julius Kardinal Döpfner. Konzilstagebücher. Briefe und Notizen zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Regensburg: Schnell & Steiner 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/11324.html


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Guido Treffler (Bearb.): Julius Kardinal Döpfner

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Nach jahrelangen europaweiten Vorarbeiten ist - zunächst in italienischer Sprache - zwischen 1995 und 2001 unter der maßgeblichen Verantwortung des kürzlich verstorbenen Giuseppe Alberigo die erste zusammenfassende Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959-1965) erschienen. Bei der Lektüre der beiden ersten der insgesamt fünf Bände, die zwischen 1997 und 2000 in deutscher Übersetzung erschienen sind, fiel auf, dass die deutschen Konzilsväter darin eine deutlich geringere Rolle spielten als nach dem tatsächlichen Verlauf des Konzils zu erwarten gewesen wäre. Die Erklärungsversuche dafür endeten immer wieder mit dem Verweis auf zwei entscheidende Unterschiede zwischen den Forschungsbedingungen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten: Im Unterschied zu Italien oder Belgien sei die Konzilsforschung in Deutschland nicht an eine oder sogar mehrere Institutionen angebunden, sondern bleibe der freien Initiative einzelner Forscher überlassen. Außerdem hätten die Theologen und Zeithistoriker bei ihren Recherchen in der ganzen Welt die Türen zu den Archiven unterschiedlich weit geöffnet gefunden. In der Bundesrepublik Deutschland seien die das Konzil betreffenden Bestände in den 1990er Jahren nur ausnahmsweise zugänglich gewesen. Diese Zugangsunterschiede zu den Quellen hatten weitreichende Auswirkungen auf die Darstellung der Konzilsgeschichte. Wer keine Archivquellen zur Verfügung stellt, darf sich nicht beklagen, wenn er in der Darstellung der Geschichte nicht oder nur marginal vorkommt.

Diese Erfahrung hat in manchen Diözesen zu einer deutlichen Änderung der Archivpolitik und zu einer vorzeitigen Freigabe von bestimmten Teilbeständen geführt. Die Öffnungspolitik war freilich heftig umstritten, nicht nur in Rom, wo der damalige Kardinal Ratzinger die Initiative ergriff und das Inquisitionsarchiv der Glaubenskongregation für wissenschaftliche Forschungen öffnete. Auf einem Kolloquium anlässlich der Öffnung des Kardinal-Döpfner-Konzilsarchivs am 16. November 2001 in München z. B. war unübersehbar, dass die Diskussion zwischen den Anhängern und den Kritikern noch lange nicht beendet ist, obwohl die Entscheidung zugunsten der Forschungsinteressen bereits gefallen war. Die Forderung, primär die schutzwürdigen Interessen noch lebender Zeitgenossen zu achten, war nicht so leicht zurückzuweisen. Mittelfristig setzte sich im Erzbistum München und Freising aber die von Friedrich Kardinal Wetter mit großem persönlichen Engagement unterstützte Öffnungsinitiative durch.

2004 und jetzt 2006 veröffentlichte das Erzbischöfliche Archiv in seiner Schriftenreihe zwei beachtenswerte Dokumentationen, die den Zugang zu den neu geöffneten Beständen möglich machen und durch detaillierte Angaben erleichtern. 2004 erschien die von Guido Treffler und Peter Pfister erarbeitete Publikation "Erzbischöfliches Archiv München - Julius Kardinal Döpfner. Archivinventar der Dokumente zum Zweiten Vatikanischen Konzil", 2006 legte Treffler die hier zu besprechende Auswahl aus den Konzilstagebüchern, Briefen und Notizen Julius Kardinal Döpfners zum Zweiten Vatikanischen Konzil vor.

Diese vorbildliche Dokumentation für die Jahre 1959 bis 1967 bezieht acht Tagebücher (1-56) aus den Jahren 1962-1966 sowie 474 Briefe und Notizen (59-714) aus dem Erzbischöflichen Archiv München, dem Diözesanarchiv Berlin (1959/1960) und dem Vatikanischen Geheimarchiv ein, die grundsätzlich vollständig und in lateinischer, französischer, italienischer oder deutscher Originalsprache wiedergegeben werden. Der Bearbeiter präsentiert in seiner Einleitung einen knappen Überblick über die Forschungsgeschichte im Hinblick auf das II. Vatikanische Konzil und geht anschließend auf die Tätigkeit Kardinal Döpfners von der Ankündigung des Konzils am 25. Januar 1959 bis zur Mitgliedschaft in der nachkonziliaren Zentralkommission ein, die nach ihrer zweiten Sitzung am 23./24. Mai 1966 ihre koordinierende Tätigkeit bereits wieder beendete.

Die Dokumentenköpfe enthalten Angaben über den Fundort sowie über den Absender und Empfänger, den Entstehungsort und das Datum des Dokuments. In einem Kurzregest wird der Leser inhaltlich auf die Lektüre hingeführt. Der knapp gehaltene Kommentar enthält neben kurzen Erklärungen nützliche Biogramme zu den zahlreichen in den Döpfner-Dokumenten erwähnten Personen des deutschen Katholizismus und der Weltkirche. Die Dokumentation lässt unschwer erkennen, warum und wie Julius Döpfner sich zu einem einflussreichen Konzilsvater entwickelt hat, und gestattet die Differenzierungen, die für das Porträt einer gewichtigen Persönlichkeit unverzichtbar sind. Der Leser erhält gleichzeitig einen Einblick in die Krisen- und Erfolgsgeschichte des Konzils selbst und damit eine notwendige Ergänzung zu der Darstellung des Alberigo-Handbuchs.

Im Übrigen liest man sich mit Freude in diese Veröffentlichung ein, die so sorgfältig lektoriert worden ist, dass man schon bewusst suchen muss, bis man endlich eine formale Unebenheit entdeckt. Wenn Augustin Kardinal Bea in einer Neuauflage im Personenregister auch noch den Hinweis auf seine Mitgliedschaft im Jesuitenorden "SJ P." erhält, lässt sich überhaupt nichts mehr bemäkeln.

Nachdenklich könnte freilich die Erfahrung machen, dass selbst diese hilfreiche Einladung ins Archiv bisher nicht dazu geführt hat, dass die Zahl der an einer Erforschung des Zweiten Vatikanischen Konzils interessierten Forscher erkennbar zugenommen hätte. Die begrüßenswerte Öffnung der einschlägigen Archive war dringend notwendig, ist aber offensichtlich noch nicht hinreichend, um die Konzilsforschung in Deutschland auf das Niveau einiger romanischer Länder zu heben.

Karl-Joseph Hummel