Rezension über:

Kurt A. Raaflaub / Josiah Ober / Robert W. Wallace: Origins of Democracy in Ancient Greece, Berkeley: University of California Press 2007, xi + 242 S., ISBN 978-0-520-24562-4, GBP 22,95
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Kurt A. Raaflaub / Josiah Ober / Robert W. Wallace: Origins of Democracy in Ancient Greece, Berkeley: University of California Press 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/10/12709.html


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Kurt A. Raaflaub / Josiah Ober / Robert W. Wallace: Origins of Democracy in Ancient Greece

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Vor einem Jahrzehnt hat Eric Robinson darauf hingewiesen, dass in einer Reihe von griechischen Poleis Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. das Gemeinschaftsleben von breiteren Schichten der Bürger getragen wurde, wenn auch unterschiedliche Regeln für die Teilnahme an der Entscheidungsfindung sowie für die Besetzung der Ämter bestanden und das "kleisthenische System" singulär war. [1] Hieran anknüpfend erläutert Kurt A. Raaflaub im ersten Kapitel des vorliegenden Buches die Intentionen der Verfasser der einzelnen Beiträge (1-21): Die Entwicklung der Demokratie in Athen soll zwar im Zentrum ihrer Ausführungen stehen, doch ist beabsichtigt, das Thema auf breiter Basis zu erörtern und hierbei auch das unterschiedliche Tempo der Entwicklung in den einzelnen Regionen zu berücksichtigen.

In Kapitel 2 (22-48) suchen Raaflaub und Robert W. Wallace gemeinsam zu zeigen, dass die aus ihrer Sicht erstmals um 460 v. Chr. deutlich erkennbare demokratische Verfassung Athens eine lange Vorgeschichte hat und spezifisch demokratische Einrichtungen und Regelungen wie Volksversammlungen, Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung in öffentlichen Organen, Ablehnung der Dominanz der Reichen, persönliche Unabhängigkeit und Gemeinsinn bereits in frühen schriftlichen Zeugnissen in der griechischen Welt bezeugt sind. Als Beispiel nennen sie das zwischen 650 und 600 beschlossene "Gesetz" der Polis Dreros, das Sanktionen vorsah, wenn einer der als Kosmoi bezeichneten höchsten Beamten vor Ablauf einer Zehnjahresfrist erneut diese "Magistratur" bekleidete. Es bleibt freilich offen, welcher Personenkreis "die Polis" Dreros bildete. Ferner weisen die beiden Verfasser auf Indizien für die frühe Entwicklung eines institutionell geregelten Gemeinschaftslebens hin. Sie betonen, dass der Demos bereits in den homerischen Epen im Kampf und in der Versammlung eine beachtliche Rolle spielt und Hesiod in der Theogonie (79-93) die Redekunst eines Basileus in der Agora rühmt. Ihre weitere These, dass in der Großen Rhetra (Plutarch, Lykurgos 6) gleichsam protodemokratische Züge in der Ordnung Spartas aufscheinen, ist zwar sehr pointiert; das Ergebnis ihrer Überlegungen, dass die Voraussetzungen für die Entwicklung der Demokratie in griechischen Poleis in den sozialen Verhältnissen der durchweg kleinräumigen Gemeinschaften der archaischen Zeit zu sehen sind, wird hierdurch aber nicht beeinträchtigt. Wallace thematisiert im folgenden Aufsatz (49-82) die Neuerungen im solonischen Athen sowie auch generell institutionelle Veränderungen im archaischen Griechenland. Er hebt als Fortschritt der Gesetzgebung Solons hervor, dass dessen Thesmoi keine Unterschiede für Hoch und Niedrig kennen. Bereits im Gesetz Drakons ist in dem erhaltenen Teil freilich nicht davon die Rede, dass im Fall einer Anklage wegen unvorsätzlicher Tötung eines Atheners "Standesunterschiede" bei der Beurteilung des Täters geltend gemacht werden können. Zu der Verhaltensweise der Mächtigen vor den Reformen Solons verweist Wallace auf Solon Fragment 4c 2 (West), wo es heißt, dass sich die Reichen "an vielen Gütern gesättigt" haben. Wallace bezeichnet die kritisierten Personen als Eupatriden (49). Das Wort wird indes bei Solon nicht erwähnt und ist erst Mitte des 6. Jahrhunderts in einer Grabinschrift belegt (Inscriptiones Graecae I3 1513).

Josiah Ober vertritt die Auffassung (83-104), dass 508/07 v. Chr. der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Demokratie in Athen erfolgte, die bisherige Führungsschicht der Polis aber nicht ihre dominierende Rolle in der Gestaltung der Politik verlor. Er versucht zu zeigen, dass in Athen die Demokratie im Sinne einer politischen Identitätsfindung der Bürgerschaft und ihrer Bereitschaft zu großen gemeinsamen Aktionen die Voraussetzung für die Realisierung des Flottenbauprogramms vor der Invasion des Xerxes sowie auch für die athenische Thalassokratie nach der Abwehr der Perser war. Die athenische Herrschaft ("empire") sei insofern ein "Produkt" der Anfänge der Demokratie in Athen. Obers Argumentation setzt allerdings einen sehr weit gefassten Demokratiebegriff voraus.

Die enge Verflechtung der Innen- und Außenpolitik der Athener in der Pentekontaëtie betont mit Recht Raaflaub in seinen Überlegungen zum "Durchbruch der Demokratie" (105-154), den er im Unterschied zu Ober um 460 ansetzt. Er geht davon aus, dass die Athener in der Gestaltung ihrer inneren Ordnung nur geringe Fortschritte über die "Isonomie" des Kleisthenes hinaus gemacht hätten, wenn die Operationen gegen die Perser 479 eingestellt worden wären. Dass die Athener nicht abrüsteten, sondern ihre Hegemonie im Seebund zu einer Herrschaft umgestalteten, war nach seiner Auffassung eine wesentliche Voraussetzung für die Einbindung der Theten in die Polisordnung. Zu berücksichtigen ist jedoch auch, dass die Theten längst an den Tagungen der Ekklesia teilnehmen und Funktionen als dikastai in der Heliaia ausüben konnten.

Paradigmatisch für eine gewisse Neuorientierung der althistorischen Forschung in der Beurteilung der Ursprünge der Demokratie ist der Beitrag von Paul Cartledge (155-169), der betont, dass die Demokratie bei den Hellenen nicht nur ein politisches System, sondern auch ein soziales Phänomen und geradezu eine "Kultur" gewesen sei. Er vermisst in der Forschung noch eine genauere Analyse der Diskrepanz zwischen Rhetorik und politischer Realität. Als Beispiel verweist er auf die Formulierung Herodots (5,66,2), dass Kleisthenes "den Demos zu seiner Anhängerschaft hinzugefügt" habe (proshetairizetai). Da hetairia eine "kleine Gruppe von hetairoi" bezeichnet, habe proshetairizetai hier metaphorische Bedeutung. Das betreffende Verb sei eine Übertragung aus dem "aristokratischen" Sprachgebrauch. Kleisthenes habe nach Herodot Methoden aristokratischer "Fraktionskämpfe" übernommen, indem er erstmals dem Demos eine zentrale politische Rolle zugewiesen habe. Die Konstituierung der Demokratie sei faktisch eine "Revolution" gewesen, die einer fundamentalen "Transformation" des politischen Lebens gleichgekommen sei. Es fragt sich allerdings, ob ohne die spezifischen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sich in Athen und Attika in einer langen Entwicklung seit den "Dunklen Jahrhunderten" herausgebildet hatten und durch die Tyrannis nicht zerstört worden waren, die Reformen des Kleisthenes überhaupt möglich gewesen wären.

Cynthia Farrar resümiert im letzten Beitrag (170-195) die in diesem Band vorgetragenen Thesen und vergleicht die demokratische Praxis im antiken Athen und in modernen Staaten. Ihr Fazit lautet, dass ein tiefgreifender Wandel der politischen Strukturen vielleicht nur in einer Reaktion auf starken äußeren Druck in Verbindung mit einer als Wagnis empfundenen Überwindung innerer Zwietracht erfolgen kann. Mit ihrem abschließenden Urteil wird aber die Interaktion verschiedener Faktoren im Verlauf epochaler Veränderung schwerlich hinreichend erfasst.

In dem vorliegenden Buch wird gleichwohl deutlich, dass jede monokausale Erklärung der Entstehung demokratischer Systeme im antiken Griechenland verfehlt ist.


Anmerkung:

[1] Eric W. Robinson: The First Democracies: Early Popular Government outside Athens, Stuttgart 1997.

Karl-Wilhelm Welwei