Rezension über:

Kevin Dougherty: Civil War Leadership and Mexican War Experience, Jackson: University Press of Mississippi 2007, xi + 207 S., ISBN 978-1-57806-968-2, USD 50,00
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Rezension von:
John Andreas Fuchs
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
John Andreas Fuchs: Rezension von: Kevin Dougherty: Civil War Leadership and Mexican War Experience, Jackson: University Press of Mississippi 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/14488.html


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Kevin Dougherty: Civil War Leadership and Mexican War Experience

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Kevin Dougherty beansprucht für sich, dass kein anderes Werk so detailliert und gründlich auf die Biografien der Kommandeure des amerikanischen Bürgerkriegs, die bereits auch im Krieg gegen Mexiko gedient hatten, eingeht. Der pensionierte Lieutenant Colonel der US Army und Historiker an der University of Southern Mississippi setzt so selbst die Meßlatte für "Civil War Leadership and Mexican War Experience" hoch an. Sein Ziel ist es, die Einflüsse des amerikanisch-mexikanischen Krieges von 1846-48 auf die Entscheidungen der Offiziere im amerikanischen Bürgerkrieg nicht auf der Makro-Ebene, sondern personalisiert auf der Mikro-Ebene darzustellen (VIII). Darüber ist bisher wenig publiziert worden, und Dougherty möchte mit seiner ausgewogenen Analyse der Entscheidungen von jeweils dreizehn Unions- und dreizehn Konföderations-Offizieren jeder Kommandoebene eine Lücke schließen. Um die Tragweite des mexikanisch-amerikanischen Krieges zu unterstreichen, findet sich im Anhang eine Liste aller 336 Bürgerkriegs-Kommandeure beider Seiten, die im Mexiko-Krieg von 1846-48 ihre ersten Erfahrungen sammelten.

Dougherty gliedert sein Werk in vier Teile. Den beiden Analysen der je dreizehn Kommandeure stellt er eine allgemeine Zusammenfassung militärischer Taktiken voran. Von den Grundlagen der amerikanischen Taktik, geprägt durch Napoleon und Baron de Jomini (1f.), schließt er den Bogen zum technologischen Fortschritt und zur Rolle der Politik sowie ihrer jeweiligen Bedeutungen für die Kriegsführung (7, 14). Hierbei ordnet er einzelnen Punkten bereits die später genauer betrachteten Offiziere zu: McClellans Erfahrungen unter General Scott als Erklärung seiner Abneigung gegenüber der Politik im Allgemeinen und Lincoln im Besonderen (19), Lees Erfahrungen in der Aufklärung im Mexiko-Krieg als Grundlage seines Einsatzes der Kavallerie als Augen und Ohren der Armee im Bürgerkrieg (29f.) und Grants Quartiermeistertätigkeit unter Scott als Leitfaden für seine Nachschuborganisation im Vicksburg-Feldzug (25). Etwas befremdlich wirkt hier anfangs Doughertys kontinuierliches Zitieren aus dem "Field Manual" der US Army, was sich aber aus seinem persönlichen Werdegang erklären lässt, und sich gut in seinen unkonventionellen, mit zahlreichen Anekdoten angereicherten Schreibstil einfügt. Abschließend fasst er nochmals die gelernten Lektionen - "Summary of Lessons Learnt" (184) - auf drei Seiten zusammen.

So erfrischend Doughertys lockerer Stil unter Einbeziehung auch populärer literarischer Beispiele ist (William Faulkner 167f., Michael Shaara 182), so kritisch muss sein lockerer Umgang mit Belegen für seine Analysen hinterfragt werden. Obwohl er einige Generäle, besonders ausgiebig Ulysses S. Grant, in Form ihrer Memoiren direkt zitiert, verweist er sonst fast ausschließlich auf Sekundärliteratur. Hinzu kommt, dass viele der zitierten Autoren, u.a. der Journalist und Populär-Historiker Bruce Catton, ebenfalls keine Angaben zu Primärquellen machen. Auch die Auswahl der Sekundärliteratur bietet Anlass zur Nachfrage, so wird James MacPhersons Standardwerk zum Bürgerkrieg überhaupt nicht berücksichtigt und auch die aufschlussreichen militärhistorischen Arbeiten Brian H. Reids finden keine Erwähnung. [1] Dies führt zu einigen Ungenauigkeiten: Unter Berufung auf Catton behauptet Dougherty unter anderem, Lincoln habe John Pope das Kommando im Felde über die Potomac-Armee übertragen (54), was nicht korrekt ist. Später stellt er dann richtigerweise fest, dass Pope am 26. Juni 1862 das Oberkommando über die Virginia-Armee übernahm (73). Bei der fraglichen Kommandoübernahme sollten einige Einheiten von McClellans Potomac-Armee Popes Truppen bei der Schlacht von Second Bull Run (28. August-30. August 1862) unterstützen. Hier unterläuft Dougherty nicht nur ein Fehler, er vergibt auch die Chance, auf ein weiteres Beispiel für die politischen Lehren McClellans aus dem Mexiko-Krieg hinzuweisen: Sein Misstrauen gegenüber Lincoln verleitete McClellan dazu, Pope die volle Unterstützung durch die Potomac-Armee bei der zweiten Schlacht von Bull Run zu versagen. Wie Lincoln später selbst feststellte: "McClellan wollte, dass Pope versagt." Als Folge von Second Bull Run wurden die Armeen von Virginia und vom Potomac unter McClellans Kommando vereint. McClellan selbst musste dieses am 7. November 1862 aufgrund Lincolns wachsender Unzufriedenheit mit seinem widerspenstigen Oberkommandeur an Ambrose Burnside abgeben. [2]

Auf die größte Schwäche seiner Arbeit weist Dougherty in seiner Einleitung selbst hin: In vielen Fällen gebe es nicht genügend Beweise für die Zusammenhänge zwischen den Erfahrungen aus dem Mexiko-Krieg und den daraus resultierenden Handlungen im Bürgerkrieg (VIII). In einigen Fällen sei der Einfluss Mexikos spekulativ, aber sicher plausibel (IX). Hier irrt Dougherty. Dass der Unions-General Jefferson Davies seinen Vorgesetzten erschoss, weil er im Mexiko-Krieg einen ähnlichen Zwischenfall miterlebte, scheint angesichts der Tatsache, dass Dougherty keine Quellen zu Davies Sicht des Zwischenfalls aus dem Mexiko-Krieg liefert, weit hergeholt. Dougherty überspannt häufig den Bogen und klammert sämtliche Erfahrungen und Einflüsse der dreizehn Jahre zwischen den beiden Kriegen komplett aus. Bei einigen Beispielen stellt sich zudem die Frage der Relevanz. Zweifellos bestehen Ähnlichkeiten zwischen George Picketts Sturm auf Chapultepec und "Pickett's Charge" von 1863 bei Gettysburg. Beides waren jedoch keine Kommandoentscheidungen Picketts. Ähnliches gilt für General Slidell; seine diplomatischen Missionen waren jeweils schon vor Beginn zum Scheitern verurteilt, wie Dougherty selbst bemerkt (146). Und auf General Pillows militärische Unfähigkeit hatten weder der Mexiko-Krieg, noch der Bürgerkrieg Einfluss. Lewis Armisteads Freundschaft zu General Hancock hielt ihn nicht davon ab, am Angriff auf Hancocks Truppen bei Gettysburg teilzunehmen. So tragisch die Geschichte dieser Freundschaft aus dem Mexiko-Krieg ist, muss man doch fragen, welche Lektion hier gelernt wurde?

Kevin Doughertys "Civil War Leadership and Mexican War Experience" schwankt zwischen überzeugenden und nicht so überzeugenden Beispielen für die Erfahrungen junger Offiziere im mexikanisch-amerikanischen Krieg und deren Auswirkungen auf Entscheidungen im amerikanischen Bürgerkrieg. Es hinterlässt trotz der flüssigen und unterhaltsamen Darstellung einen blassen Eindruck, da die Bedeutung des Mexiko-Kriegs für das Verständnis des Bürgerkriegs (VIII) bereits seit längerem bekannt ist und es sein eigentliches Ziel der detaillierten und gründlichen Darstellung der Biografien der Akteure beider Kriege verfehlt. Die Konzentration auf einige wenige aussagekräftige Beispiele, wie Lee oder Grant, und deren tiefer gehende Analyse unter Einbeziehung der Primärquellen und der Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes hätte weiter geführt. So ist "Civil War Leadership and Mexican War Experience" bestenfalls als Anregung für weitergehende Forschungen zu empfehlen.


Anmerkungen:

[1] James McPherson: Battle Cry of Freedom, Oxford 2003; Brian H. Reid: The American Civil War and the Wars of the Industrial Revolution, London 1999; Brian H. Reid: The Origins of the American Civil War, London 1996.

[2] McPherson, a.a.O., 525, 528f., 533, 569.

John Andreas Fuchs