Rezension über:

Thomas Morlang: Askari und Fitafita. 'Farbige' Söldner in den deutschen Kolonien (= Schlaglichter der Kolonialgeschichte; Bd. 8), Berlin: Christoph Links Verlag 2008, 204 S., ISBN 978-3-86153-476-1, EUR 24,90
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Rezension von:
Joel Glasman
Institut für Afrikanistik, Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Joel Glasman: Rezension von: Thomas Morlang: Askari und Fitafita. 'Farbige' Söldner in den deutschen Kolonien, Berlin: Christoph Links Verlag 2008, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 11 [15.11.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/11/14506.html


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Thomas Morlang: Askari und Fitafita

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In den letzten Jahren wuchs das Interesse der Historiographie für jene Kategorien der Kolonialherrschaft, die zwischen Beherrschenden und Beherrschten das kolonialstaatliche Projekt implementierten und den Alltag kolonisierter Bevölkerungen prägten: Bürokraten, Dolmetscher und Soldaten erhielten zunehmend Aufmerksamkeit. [1] Während Kolonialsoldaten in den französischen und britischen Kolonien schon längst in den Blickwinkel der Forschung geraten waren, blieb die Berufsgruppe der Soldaten und Polizisten in den deutschen Kolonien bisher weitgehend unerforscht. [2] Es ist deshalb zu begrüßen, dass Thomas Morlang, freier Publizist, Bilddokumentar und Mitarbeiter am Projekt "Digitale Bilddatenbank" im Fotoarchiv des Ruhr Museums in Essen, sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Lücke zu schließen.

Im kurzem Vorwort definiert Morlang den Gegenstand seiner Forschung: Im Mittelpunkt dieser Studie stehen die sogenannten "Söldner", die für die deutschen Kolonialherrscher arbeiteten, d.h. solche Männer, die sich "nicht aus 'Vaterlandsliebe' sondern allein wegen des vergleichsweise hohen Lohns und der Aussicht der Beute" für den Militärdienst rekrutieren ließen. In den rund 30 Jahren seiner kolonialen Geschichte stellte Deutschland "zwischen 40000 und 50000 Afrikaner, Asiaten und Ozeanier als Soldaten" ein (7). Nachdem Morlang erfolgreich die Bedeutung dieser Soldaten für die Kolonialgeschichte demonstriert, weist er auf die problematische Quellenlage zum Thema hin, denn aufgrund der Autorschaft der Quellen könne "die Perspektive der nichtweißen Soldaten nur sehr selten berücksichtigt werden" (9). Deshalb beruht diese Studie auf bereits vorhandenen Studien sowie eigenen Quellenrecherchen des Autors.

Morlang zeichnet nach, wie sich Privatarmeen der Schutzbriefgesellschaften langsam zu staatlichen Kolonialtruppen wandelten. Dabei hatte Deutsch-Ostafrika eine Vorbildsfunktion inne, seitdem die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) die sogenannten "Karavanen-Askaris" einstellte, um den militärischen Schutz ihrer Expeditionen zu gewährleisten. Die ersten methodischen Pläne zur Rekrutierung einheimischer Soldaten kamen auch aus Deutsch-Ostafrika, wo der deutsche Offizier Hermann Wissmann eine Kolonialtruppe nach britischem und französischem Vorbild aufstellen wollte. In Togo und Kamerun dagegen musste das Reich vom Anfang an die Ordnungserhaltung selbst übernehmen. In den 1880er und 1890er Jahren musste die Verwaltung oft Sklaven kaufen, um die unzureichende Rekrutenkohorte zu ergänzen. Weitere Formen der Zwangsrekrutierung stellten die Lieferung von Rekruten durch besiegte Völker dar, und sogar die Wehrpflicht, die in Mikronesien eingeführt wurde. Später konnte sich die Verwaltung jedoch in den meisten Fällen auf einer Mehrzahl von Freiwilligen stützen.

Besonders prägnant ist die Darstellung der "Meutereien", die Morlang als "eine Art von Streik" analysiert (93). In einigen Fällen nahmen sie dramatische Züge an. In Kamerun etwa hatte 1893 eine Gruppe von etwa 50 Sklaven rebelliert, weil sie in der Truppe keinen Lohn erhielten, im Unterschied zu den anderen Soldaten. Nachdem sie versucht hatten, friedlich ihre Interessen zu verteidigen, jedoch dafür bestraft wurden, griffen sie ihre deutschen Vorgesetzten an und übernahmen in kurzer Zeit die Kontrolle über die Hauptstadt. Die Episode endete mit der Deportation und dem Erhängen der Meuterer. Im letzten Kapitel geht Morlang genauer auf das Schicksal der Soldaten nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit ein. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mussten diese Männer alternative Beschäftigungen finden. Manche hatten nicht bis zum Ende des Krieges gewartet: selbst die "angeblich so treuen Askaris" (147) waren zahlreich desertiert. Einige nahmen die Siegermächte gefangen, andere stellten die britischen und französischen Kolonialtruppen ein.

Es gelingt Morlang, ein breites Panorama der Polizei- und Schutztruppengeschichte in den deutschen Kolonien anzubieten. Die Stärke des Buchs liegt eindeutig im Vergleich der verschiedenen Kolonien. Vor allem im ersten und im letzen Kapitel, in denen jeweils die ersten und die letzen Jahre der Soldaten der Schutz- und Polizeitruppen geschildert werden, kann Morlang Parallelen und Unterschiede zwischen den einzelnen Kolonien stringent aufzeigen. Auch geht er zahlreichen Beispielen ideeller und materieller Transfers zwischen den Kolonien nach. Insbesondere seine Beschreibung der Transportpläne von Soldaten zwischen den verschiedenen Kolonien demonstriert den Wert einer Geschichtsschreibung, die über die klassische Darstellung der Kolonien als geschlossene "Containers" hinaus geht. Ferner tragen die in Kästen präsentierten Kurzbiographien einzelner kolonialer Soldaten dazu bei, die Vielfalt der kolonialen Situation wiederzugeben. Auch die Illustrationen - vor allem Fotographien, aber auch Karten, schriftliche Quellenstücke (118, 143), Werbeplakate (159) und Briefmarken (161) machen das Buch attraktiv. Man hätte sich dennoch für die Ikonographie eine Analyse gewünscht, doch dienen sie hier als bloße Illustration.

Morlang liefert eine sehr detailreiche Studie, in der jedoch die Definition von "Kultur" und "Ethnizität" etwas essentialistisch bleibt. Dies führt zum Teil zu vereinfachten Betrachtungen der kulturellen Praktiken kolonialer Soldaten. Konflikte zwischen zwei Rekrutengruppen werden hier oft allein auf vermeintliche "Mentalitäten beider Völker" (75) zurückgeführt, die Aneignung europäischer Essgewohnheiten durch afrikanische Soldaten mit der lapidaren Feststellung erläutert, dass "[v]ielen Männern diese Lebensmittel so gut [schmeckten], dass sie ihre traditionellen Essgewohnheiten änderten" (106). Schließlich hätte der Begriff "Söldner", der im Mittelpunkt der Arbeit steht, einer kritischen Erläuterung bedurft. Zwar wird der Begriff sowohl in den Quellen als auch in der Forschung verwendet, die Vielfalt an Rekrutierungsmaßnahmen (u.a. der Zwangsrekrutierungen, die Morlang treffend beschreibt) aber weist darauf hin, dass der Begriff "Söldner" keine einheitliche Gruppe meint. Darüber hinaus wären an einigen Stellen aktuellere Literaturangaben wünschenswert gewesen. Für die Interpretation des Militärputschs in Togo etwa verlässt sich Morlang auf eine Arbeit aus den 1960er Jahren, die etwas überholt ist. Insgesamt wird das Fehlen einer theoretischen Einleitung und eines zusammenfassenden Schlussteils spürbar. So hätte es sich angeboten, in einem ausführlichen Fazit auf die Ambivalenz der Soldatenposition im kolonialen Kontext einzugehen, anstatt sich auf eine Auflistung widersprüchlicher Situationen (etwa den Gegensatz zwischen denen, die ein "komfortables Leben" (56) führen, und denjenigen, die "häufig schlecht behandelt werden" (64)) zu beschränken.

Insgesamt jedoch liefert das Buch von Thomas Morlang einen soliden und fundierten Überblick zur Geschichte der Kolonialsoldaten im deutschen Kolonialreich. Sein Verdienst ist es, die erste Gesamtdarstellung zu den Kolonialsoldaten des deutschen Imperiums vorzulegen und damit die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, dass sowohl Regionalwissenschaftler als auch Kolonialhistoriker interessieren sollte, denn es wirft ein Licht auf den Kolonialismus, der über die klassische binäre Opposition zwischen "Beherrschenden" und "Beherrschten", hinaus geht.


Anmerkungen:

[1] Andreas Eckert: Herrschen und Verwalten. Afrikanische Bürokraten, staatliche Ordnung und Politik in Tansania, 1920-1970, München 2007; Emily Osborn / Richard Roberts / Benjamin Lawrance (eds.): Intermediaries, Interpreters and Clerks: African Employees and the Making of Colonialism in Africa, Madison 2006; Brigitte Reinwald: Reisen durch den Krieg : Erfahrungen und Lebensstrategien westafrikanischer Weltkriegsveteranen der französischen Kolonialarmee, Berlin 2005.

[2] Zu den französischen und britischen Kolonien: Nancy E. Lawler: Soldiers of Misfortune. Ivoirien Tirailleurs of World War II, Athens, Ohio University Press, 1992; Gregory Mann: Native Sons: West African Veterans and France in the 20th Century, Duke University Press 2006. Timothy H. Parsons: The African Rank and File. Social Implications of Colonial Military Service in the King's African Rifles, 1902-1964, London 1999. Zu den Soldaten in deutschen Kolonien, siehe: Stephanie Michels: Treu bis in den Tod? Vom Umgang der Deutschen mit ihren schwarzen Soldaten, in: Marianne Bechhaus-Gerst / Arendt Reinhard Klein (Hgg.): AfrikanerInnen in Deutschland und schwarze Deutsche Geschichte - Geschichte und Gegenwart, Münster 2004, 171-186.

Joel Glasman