Rezension über:

Jan Friedrich Richter: Claus Berg. Retabelproduktion des Spätmittelalters im Ostseeraum, Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft 2007, 407 S., ISBN 978-3-87157-218-0, EUR 89,00
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Rezension von:
Ebbe Nyborg
Nationalmuseum Kopenhagen
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Ebbe Nyborg: Rezension von: Jan Friedrich Richter: Claus Berg. Retabelproduktion des Spätmittelalters im Ostseeraum, Berlin: Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 2 [15.02.2009], URL: https://www.sehepunkte.de
/2009/02/13609.html


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Jan Friedrich Richter: Claus Berg

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Im Zentrum dieses umfassenden Werks steht der aus Lübeck gebürtige Claus Berg, der um 1507 von der dänischen Königin Christine nach Odense gerufen wurde, um ihr prächtiges Grabmal in der dortigen Franziskanerkirche zu errichten. Die Kirche wurde später abgebrochen, doch das Grabmonument für sie, König Hans und den Sohn Franz überführte man in den Dom von Odense, zusammen mit dem riesigen, prächtigen Altarretabel von etwa 1514 bis 1523 mit den Stifterbildnissen der königlichen Familie.

Seit der grundlegenden Monografie des dänischen Kunsthistorikers V. Thorlacius Ussing (1922) galt Berg als der Bildschnitzer, der den bewegten und fülligen Stil von Veit Stoß aus Süddeutschland in den Norden brachte. Berg sollte Geselle in der Werkstatt von Stoß gewesen sein. Eine große Anzahl von Werken wurde Berg und seiner Werkstatt zugeschrieben. Bei weitem die meisten finden sich in der Nähe von Odense, was gut zu den Angaben in einer kleinen Biografie passt, die der Enkel Bergs 1591/92 schrieb, in der er unter anderem berichtet, dass der Großvater eine sehr große Werkstatt in Odense hatte mit zwölf beschäftigten Gesellen, die alle in feinstes Tuch gekleidet gingen.

Richter ändert nicht viel Wesentliches an diesem Bild. Aber das Material erfährt eine gründliche Neubehandlung und die Perspektive wird auf die gesamte zugehörige Retabelproduktion im Ostseeraum ausgeweitet. Wurde Berg früher als ein bedeutender Vermittler gesehen, fasst Richter ihn nun eher als einen "Hofkünstler" auf, der nicht exportierte, sondern für seine Region arbeitete. Die Künstler, die an erster Stelle den süddeutschen Stil im Ostseeraum verbreiteten, waren Bergs zeitgenössische Kollegen in Lübeck, was bislang in der Forschung wenig beachtet wurde.

Die einleitende Forschungsstandübersicht ist auffällig kurz und gilt nur Claus Berg. Man kann nicht sagen, dass das Kapitel "Historischer Kontext" das historische, geografische und politische Fundament schafft, das wünschenswert wäre. Der Verfasser geht von modernen politischen Einheiten aus, woraus teilweise Missverständnisse herrühren, die sich durch das ganze Buch ziehen.

Der Rest des Werkes widmet sich vor allem Zuschreibungsfragen, bei jedem Werk ergänzt durch Ausführungen zur Ikonografie, zu den Stiftern usw. Der erste Teil des Buches behandelt nur Claus Berg. Er beginnt mit dem Fürstengrabmal in Odense, der einzigen Arbeit, die direkt mit Bergs Namen verbunden ist (dank der Biografie). Danach kommen Werkzuschreibungen an Berg in Dänemark und Deutschland, gefolgt von den Abschnitten "Assoziierte Bildschnitzer", "Schulwerke" und "Tafelmalereien". Hierbei ergeben sich gerade durch die Behandlung der Malerei neue Einsichten. Der dann folgende Teil des Buches analysiert den "stilistischen Kontext", erst in Süd-, dann in Norddeutschland und Skandinavien. Am wichtigsten dabei ist die Hervorhebung, dass zwei Schüler von Tilman Riemenschneider zu Bergs Zeit in Lübeck je eine Werkstatt gründeten, nämlich der "Meister der Lübecker Burgkirchensippe" und der "Meister des Prenzlauer Hochaltars". Allein von Letzterem soll es fünf Schüler gegeben haben, die Richter gegeneinander abgrenzt.

Eine sehr gute Idee ist es, in zwei großen Abschnitten die Beziehungen zwischen Berg und seinem künstlerischen Umfeld zu behandeln. Dies ermöglicht es dem Autor, überraschende Beobachtungen zu machen und viele Querverbindungen zu entdecken. Richter kann auffallend gut beschreiben und charakterisieren, vielleicht weil er auch Fotograf ist und deshalb die Werke mit kräftigen Lampen gesehen hat. Er kommt damit wesentlich weiter als seine Vorgänger V. Thorlacius Ussing, Francis Beckett und Max Hasse. Aber methodisch hält er sich - fast zu loyal - auf dem von diesen beschrittenen Pfad.

Denn man mag sich fragen, ob Richter das Mittel der Stilkritik nicht über Gebühr strapaziert. Dabei sind nicht seine Zuschreibungen und "Händescheidungen" an sich das Problem. Es ist vielmehr die absolute Art, wie er zwischen eigenhändigen Werken des Meisters, Werkstattarbeiten, Arbeiten der "Schule" und Werken eines größeren "Umkreises" unterscheidet, und wie er seine Ergebnisse als neue abgesicherte Anhaltspunkte nimmt. Daraus ergibt sich dann ein mächtiges Zuschreibungsgebäude, das den Verfasser auch dazu verführt, die einzelnen Werke unrealistisch dicht in einen Zeitraum von nur fünf Jahren oder noch weniger zu datieren.

Richter hat sich - mit anderen Worten - nicht inspirieren lassen von Forschern wie Erik Moltke, Jan von Bonsdorff, Margarete Kempff oder Peter Tångeberg, die in den letzten Jahrzehnten den Meister- und Werkstattbegriff bezogen auf die hansische und skandinavische Kunst, zum Beispiel durch Schriftquellen, problematisiert haben. In Anbetracht der bescheidenen schriftlichen Aussagen über Berg ist es auffallend, wie leichtfertig und unkritisch der Verfasser damit umgeht. So bezieht sich Richter gar nicht auf den recht aufschlussreichen Hinweis des Enkels, dass Claus Berg selbst nicht an dem Altarretabel in Odense gearbeitet habe, "sondern beschäftigte Gesellen dafür". Dies lässt eine Möglichkeit erkennen, die zumindest erörtert werden müsste: Könnte Berg nicht "Designer" gewesen sein, der sich damit begnügte, Zeichnungen und Modelle zu liefern, derweil die als führend betrachtete Bildschnitzerhand dem fähigsten Gesellen gehörte? Die Annahme, Claus Berg sei vor allem Bildschnitzer gewesen, passt nämlich auch gar nicht so gut dazu, dass er (vermutlich) zweimal in den Hofhaltungsrechnungen der Königin Christine als "Claus Maler" genannt wird.

Der "Apparat" des Buches ist ausgezeichnet und benutzerfreundlich. Er gibt eine Zeittafel, eine ganze Anzahl hervorragender Farbtafeln, drei Übersichtskarten, ein Werkverzeichnis für Claus Berg, ein Werkverzeichnis der anonymen Meister, eine Quellensammlung (mit der Biografie des Enkels in Altdänisch und deutscher Übersetzung), ein Literaturverzeichnis sowie ein Register. Ganz vorn vor dem Titelblatt steht in Großbuchstaben "Denkmäler deutscher Kunst" - ein Logo, das wohl eher selbst ein Denkmal geworden ist.

Ebbe Nyborg