Rezension über:

Nikolaus Böttcher: Monopol und Freihandel. Britische Kaufleute in Buenos Aires am Vorabend der Unabhängigkeit (1806-1825) (= Beiträge zur Europäischen Überseegeschichte; Bd. 94), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, 198 S., ISBN 978-3-515-09185-5, EUR 39,00
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Rezension von:
Volker Barth
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Volker Barth: Rezension von: Nikolaus Böttcher: Monopol und Freihandel. Britische Kaufleute in Buenos Aires am Vorabend der Unabhängigkeit (1806-1825), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 2 [15.02.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/02/14938.html


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Nikolaus Böttcher: Monopol und Freihandel

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Die hier anzuzeigende Publikation nimmt die beiden englischen Invasionen von Buenos Aires in den Jahren 1806 und 1807 zum Ausgangspunkt einer Abhandlung, die politische Bedingungen von Handelsnetzwerken britischer Kaufleute in Buenos Aires im Rahmen einer atlantic history untersucht. Die beiden erfolglosen Eroberungsversuche sind nicht nur deswegen von Bedeutung, da sie seit langem als wichtige Vorstufe für die kurz darauf beginnende Loslösung des südamerikanischen Kontinents von der spanischen Kolonialherrschaft gelten. Für Nikolaus Böttcher sind sie vor allem deswegen aussagekräftig, weil sie eine "neue Epoche der britischen Außen- und Wirtschaftspolitik gegenüber Hispanoamerika" (10) einleiteten. Die britischen Kaufleute vor Ort, zu denen der Autor "privat finanzierte Handelsunternehmen, Sklavenhändler und andere Einzelkaufleute" (10) zählt, waren zentrale Akteure, die Buenos Aires zur Schnittstelle zwischen iberischer Welt und britischer Hemisphäre im Südatlantik transformierten. Gerade durch sie, als Repräsentanten der wichtigsten weltweiten Handelsmacht, stieg die Stadt am Rio de la Plata innerhalb kurzer Zeit zur interkontinentalen Handelsmetropole auf.

Böttcher unterstreicht immer wieder, dass es ihm um eine Geschichte globaler Verflechtungen geht, die er anhand eines wichtigen Knotenpunktes und seiner lokalen Charakteristika aufzeigen will. Damit erteilt er national zentrierten Erzählungen ebenso eine Absage wie einer Geschichte der Globalisierung, die sich allein auf wirtschaftlichen und militärischen Imperialismus beschränkt, obwohl Militär und Wirtschaft für seine Darstellung den chronologischen Ausgangspunkt und das zentrale Untersuchungsfeld darstellen. "Es gab keine kolonisierende und kolonisierte Welt, keine angelsächsische und iberische Welt, sondern eine Realität kognitiver Interaktion als Folge des Aufeinandertreffens und Vermischens verschiedener Kulturen." (16) Böttcher geht es um die Kompaktheit des atlantischen Raums, für welche die von ihm thematisierten merkantilen Netzwerke eine zentrale Rolle spielen. Mit dieser Form der atlantischen Geschichtsschreibung will er nicht nur nationale, sondern auch kontinentale Grenzen überwinden.

Allerdings kann Böttcher der Versuchung schließlich doch nicht widerstehen, die ihn beschäftigenden Wirtschaftsbeziehungen als besonders wirkmächtig auszugeben. "Es entstanden kulturelle, religiöse und intellektuelle Netzwerke, aber keines war so dicht und umfassend wie die Handelsnetzwerke transatlantischer Kaufleute." (18) Auf dieser Grundlage postuliert er den Ausgang des aufgrund der Befreiungsbewegungen der 1810er und 1820er Jahre 'langen' lateinamerikanischen 18. Jahrhunderts zur "Blütezeit der Atlantischen Geschichte" (18).

Zunächst thematisiert Böttcher die politische, wirtschaftliche und soziale Ausgangsposition. Nachdem die Portugiesen 1680 auf der anderen Seite des Rio de la Plata den Handels- und Militärstützpunkt Colonîa do Sacramento gegründet hatten, konnten die Briten von dort und allgemein wichtiger von Rio de Janeiro aus immer mehr Waren ins spanische Südamerika schmuggeln. Hatten 1744 gerade einmal neun Engländer in Buenos Aires gewohnt, erlebte die Stadt nach ihrer Erhebung zur Hauptstadt des 1776 neu gegründeten Vizekönigreiches Rio de la Plata einen spektakulären Aufschwung. Denn von nun an wurde u.a. geprägtes Silber nicht mehr über Lima, sondern eben über Buenos Aires nach Europa verschifft. Schließlich verband die innerkontinentale Flussschifffahrt den Atlantikhafen direkt mit den Dank anhaltender kolonialer Ausbeutung immer noch sprudelnden Silberquellen von Potosi. Nachdem die Spanier 1778 den imperialen Freihandel legalisiert hatten (31), steigerte sich der atlantische Warenverkehr von und nach Buenos Aires um stolze 86%.

Dies war der Ausgangspunkt für die Bildung einer neuen städtischen Elite, die ihrerseits nicht nur den Waren- sondern auch den Sklavenhandel beständig ausweitete. Die 15.000 Sklaven, die 1810 in Buenos Aires lebten, entsprachen immerhin 27% der Bevölkerung (36). Die ansässigen Kaufleute organisierten sich zunehmend in Interessenverbänden. Deren wichtigster, das Real Consulado, wurde 1794 gegründet; sein erster Direktor war der liberale Kreole und spätere argentinische Unabhängigkeitsheld Manuel Belgrano. Er war bereits zu diesem Zeitpunkt eine Symbolfigur, in der sich übergreifende Entwicklungen seiner Zeit konzentrierten. Denn das ausgehende 18. Jahrhundert war geprägt durch den sich beständig intensivierenden Kampf zwischen peninsularen spanischen Unternehmern, die beharrlich auf ihre Monopolstellung pochten, und der aufsteigenden Elite der criollos, welche mit der Idee des Freihandels die Hoffnung auf wirtschaftliche Prosperität und politische Einflussnahme verbanden. Damit intensivierte sich eine Diskussion, die Lateinamerika bis heute beschäftigt. Letzten Endes plädierten die Kreolen indirekt auch für die Offizialisierung des britischen Handels, der den Kaufleuten allerdings erst 1809 gestattet wurde. Der Autor sieht darin nichts Geringeres als die Aufhebung des "kolonialen Handelssystems" (44).

Im zweiten Kapitel interpretiert Böttcher die britischen Militäraktionen von 1806/07 als Resultate vorangegangener atlantischer Veränderungen. Deren wichtigste war der britische Verlust der nordamerikanischen Kolonien und damit einhergehende Entschädigungsszenarien. Nachdem Spanien 1784 allen ausländischen Schiffen verboten hatte, im Hafen von Buenos Aires einzulaufen und sich England und Spanien seit 1796 zudem erneut im Kriegszustand befanden, war eine diplomatische oder handelspolitische Regelung in weite Ferne gerückt. Die britische Regierung sah ihre Interessen in Südamerika primär auf wirtschaftlichem Terrain und war nicht bereit, sich auf konkrete Besatzungsaktionen einzulassen. Folgerichtig beruhte der Militärschlag von 1806 auf der Eigeninitiative eines gewissen Sir Home Popham (50), der sich nicht zuletzt die britische Wiedereinnahme der Kapkolonie im selben Jahr zum Vorbild genommen hatte.

Buenos Aires hatte der britischen Übermacht zunächst nicht viel entgegen zu setzten. Obwohl sich der einheimische Widerstand unmittelbar organisierte, beschloss London nach dem Erfolg des Militärschlags, ähnlich wie bei der Eroberung Havannas 1762 und Trinidads 1797, die spanische Kolonialadministration zunächst im Amt zu belassen. Der entscheidende Fehler lag laut Böttcher darin, dass es die Briten damit versäumten, die aufstrebende kreolische Schicht auf ihre Seite zu ziehen (56). Auch deswegen war der militärische Gegenschlag relativ schnell erfolgreich. Während die britische Regierung im September und Oktober 1806 Buenos Aires zum internationalen Freihafen erklärte, waren ihre Landsleute schon im August desselben Jahres aus der Plata-Metropole wieder vertrieben worden.

Sie zogen sich jenseits des Flusses nach Montevideo zurück und wurden dort trotz der angespannten Lage - insbesondere nach der napoleonischen Invasion Spaniens - zu wichtigen Handelspartnern. Insbesondere der zweite gescheiterte Invasionsversuch von 1807 führte zu einem "neuen Selbstbewusstsein" (67), das zum Ausgangspunkt der im nächsten Kapitel behandelten kreolischen Unabhängigkeitsrevolution wurde. Die Ausweisung aller Ausländer aus Buenos Aires durch den letzten spanischen Vizekönig Cisneros erwies sich auch deswegen als hilfloser Versuch, da die Stadt im Folgenden von der "wirtschaftlichen Übermacht der britischen Überseehändler überrollt" (80) wurde. So reisten argentinische Unterhändler bereits 1810 nach London, um die Aufnahme diplomatischer Kontakte einzuleiten, was sich als langwieriges Problem erweisen sollte. Die Verhandlungen dauerten bis ins Jahr 1825 - dem Endpunkt der vorliegenden Abhandlung - als der erste britische Konsul seinen Dienst in Buenos Aires antrat und ein weit reichendes Handelsabkommen zwischen den beiden Nationen unterzeichnet wurde.

Böttcher widmet sich erst im letzten Kapitel den im Untertitel angekündigten britischen Kaufleuten. Diese bildeten für ihn allerdings weder eine "einheitliche Schicht" noch eine "soziale Klasse" (95). Kein Wunder, lebten doch 1807 gerade einmal sechs britische Untertanen am Rio de la Plata. Ihre zahlenmäßige Überschaubarkeit hielt sie allerdings nicht davon ab, 1810 das Committee of British Merchants in Buenos Aires und damit die erste ausländische Kaufmannsvereinigung zu gründen (106). Bis 1831 stieg die britische Gemeinde, die überwiegend aus Kaufleuten bestand, auf knapp 5.000 Seelen an. Böttcher konstatiert im Anschluss an die beiden gescheiterten Militärinvasionen eine ausgesprochen erfolgreiche "commercial penetration" (113), im Zuge derer die britischen Kaufleute ein in Buenos Aires konkurrenzloses, globales Netzwerk etablierten (119). Erst im Laufe der 1820er Jahre eroberten die Kreolen peu à peu auch die wirtschaftlichen Führungspositionen.

Böttchers Darstellung ist in Bezug auf die internationale politische Situation rund um die entstehende argentinische Metropole im frühen 19. Jahrhundert die wohl beste im deutschsprachigen Raum. Sie verdeutlicht exemplarisch, dass die Geschichte Südamerikas ohne ihre atlantische Dimension nicht zu verstehen ist. Die britischen Kaufleute bleiben allerdings etwas blass; Einzelschicksale werden kaum thematisiert. Ihre numerische Marginalität weckt teilweise Zweifel an dem ökonomischen Einfluss, der ihnen vom Autor zugeschrieben wird. Nichtsdestotrotz ist diese knappe Abhandlung ausgesprochen informativ und sorgfältig recherchiert. Sie ist als Syntheseleistung zu würdigen und ermöglicht jedem an Buenos Aires interessierten Leser einen guten Einstieg in ein Thema, das sich eben gerade nicht auf Argentinien beschränkt.

Volker Barth