Rezension über:

Thomas A.C. Reydon / Helmut Heit / Paul Hoyningen-Huene (Hgg.): Der universale Leibniz. Denker, Forscher, Erfinder, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, 189 S., ISBN 978-3-515-09072-8, EUR 32,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Hartmut Rudolph
Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Rudolph: Rezension von: Thomas A.C. Reydon / Helmut Heit / Paul Hoyningen-Huene (Hgg.): Der universale Leibniz. Denker, Forscher, Erfinder, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/17653.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Thomas A.C. Reydon / Helmut Heit / Paul Hoyningen-Huene (Hgg.): Der universale Leibniz

Textgröße: A A A

So wie Königsberg mit dem Namen Immanuel Kants verbunden ist, kann sich Hannover auf Leibniz beziehen. Seit 2005 bzw. 2006 tragen die hier ansässige Landesbibliothek und die Universität den Namen des sicherlich größten Sohnes der Stadt, und erst vor wenigen Wochen hat ein Leibnizforscher die an Universität und Stadt neu eingerichtete Leibniz-Stiftungsprofessur angetreten. Der vorliegende Band verdankt sich diesem Prozess der Selbstfindung Hannovers als einer Leibnizstadt. Er dokumentiert eine Ringvorlesung, die im Sommersemester 2007 einen Einblick in die universale Gelehrsamkeit des neu gewonnenen Namenspatrons bieten sollte.

Dem einleitenden Überblicksartikel "Leibniz: Ein aktueller Philosoph" von Werner Eisner zufolge sollen die Beiträge des Bandes nicht weniger als "das Arbeitsspektrum von Leibniz in seiner vollen Breite abdecken" (9). Die Herausgeber (sie melden sich in dem Band nur in einem kurzen Vorwort) haben ausgewiesene Spezialisten gewinnen und so in der Tat einen beachtlichen Teil des "universalen Leibniz" zur Darstellung bringen können, die Historiographie durch Carl-Hans Hauptmeyer, wichtige Gesichtspunkte der Theologie und Philosophie durch Wilhelm Schmidt-Biggemann und Hubertus Busche, Bereiche der Politik durch Hans-Peter Schneider, Rolf Wernstedt und Eberhard Knobloch, schließlich die Mathematik und Technik durch Herbert Breger und Erwin Stein sowie mit einer diesem Zusammenhang zugeordneten Studie von Peter Schlobinski zu Fragen der Sprachlogik und künstlichen Sprache. Allen diesen Beiträgen vorangestellt ist eine vom Leibniz-Biographen Eike Christian Hirsch erstellte Betrachtung und generelle Bewertung des "wahrscheinlich ... intelligenteste[n] Menschen seiner Epoche" (38).

Schon die Herausgeber und Autoren dürften sich weiterer Themenfelder bewusst gewesen sein, die im vorliegenden Band ausgespart werden. Eisner selbst gibt dies indirekt zu erkennen, wenn er seinem mit großer Klarheit geschriebenen Überblick über die Aufsätze des Bandes noch Hinweise auf Leibniz' Beitrag zur Entwicklung der Physik sowie seine Theorie der Bewegung und der Bestimmung von Raum und Zeit als relationalen Größen anfügt (18-20). Diese in ihrer Relevanz, wie Eisner zeigt, noch von der Physik des 20. Jahrhunderts wahrgenommenen Thesen werden indirekt auch in Hubertus Busches der Metaphysik geltendem Beitrag berührt. Der Grund hierfür wird schon in Leibniz' frühen Schriften (1671) erkennbar, nämlich die Überzeugung, dass die Physik einer metaphysischen Begründung bedarf.

Vor allem aber wäre hier der neben und mit der Mathematik wirkungsgeschichtlich wohl bedeutendste Bereich der Logik und Erkenntnistheorie des Hannoveraner Gelehrten zu nennen. Auch wenn ihm kein gesonderter Beitrag gewidmet wurde, ist das Thema doch an mehreren Stellen präsent, vor allem in Peter Schlobinskis Diskussion der Leibnizschen Idee einer "Characteristica universalis" (139ff.), also der Berechenbarkeit von Sprache und Denken mit Hilfe einer, wie Erwin Stein sie dann paraphrasiert, "logisch widerspruchsfreie[n] universellen Wissenschaftssprache für alle Disziplinen" (155). Stein zeigt auf, wie sehr Leibniz' technische Erfindungen neben analytischen Untersuchungen auf logischen Überlegungen basieren und die erfolgreiche Realisierung nur an den damals noch unzureichenden handwerklich-technischen Mitteln scheiterte (171).

Von Universalität ist bei Leibniz nicht bloß im Blick auf die Vielfalt der Disziplinen zu reden, in denen er für seine Zeit Außergewöhnliches geleistet hat, sondern sie bestimmt auch die Zielrichtung seines Denkens und seiner politischen Bemühungen. Am deutlichsten wird dies von Rolf Wernstedt herausgestellt, der mit mehreren Zitaten belegt, dass Leibniz sein Engagement als Wissenschaftler und seine Tätigkeit als Politikberater als eine "auff perfectionem Generalem der Menschlichen Wissenschafften und gemeines beste gerichtet[e]" Arbeit ansah (103). In dieser Zielsetzung zeigt er sich als ein Zeuge des Jahrhunderts, dem Francis Bacon 1620 die Hoffnung auf einen Fortschritt der Wissenschaften "ad usum vitae" vorgegeben hatte, sodass sie als Instrument der "großen Erneuerung" - Leibniz spricht von der "Vervollkommnung" der ganzen Menschheit - wirken könnten. Dies bildet auch den Hintergrund von Leibniz' juristischem Konzept und seiner Arbeit als Rechtsreformer, wie sie im Beitrag von Hans-Peter Schneider herausgearbeitet werden. Die als universal verstandene Rechtswissenschaft gründet Leibniz auf seine - platonisch-christliche - Auslegung des Naturrechts: Gerechtigkeit als "Liebe des Weisen". So geht die Jurisprudenz eine unlösliche Verbindung mit Religion und Philosophie ein und wird, wie Schneider schreibt, zur "Rechtstheologie" (86). Hinweise darauf, dass auch die innovatorische Arbeit des Wahrscheinlichkeits- und Versicherungsmathematikers Leibniz jener generellen praktischen Zielsetzung eingeordnet werden kann, gibt Eberhard Knobloch in seinem Beitrag (vgl. 112 und 120).

Auf andere Tätigkeitsfelder ausweiten ließe sich zudem Schneiders Feststellung, dem Bemühen des "Rechtsreformers" und "Justizpolitikers" Leibniz, vor allem zur Vereinheitlichung des Reichsrechts und zur Effizienzsteigerung des Prozessrechts, sei der Erfolg versagt geblieben - eine "uns Heutigen nahezu unverständliche Tragik der Erfolglosigkeit" (90). Ein ähnliches Resümee ziehen Wernstedt im Blick auf den Politiker Leibniz (107) und Erwin Stein hinsichtlich mancher technischer Erfindungen (182). Den Grund sehen diese Autoren zumeist in der genialen Anachronizität der Ideen von Leibniz: Er war seiner Zeit weit voraus. In ähnliche Richtung, jedoch erkennbar zurückhaltender argumentiert Carl-Hans Hauptmeyer über den "in vielen Bereichen modern anmutenden" Historiker Leibniz als einen, wie schon Werner Conze ihn nannte, Vorläufer des Historismus (47).

Am eindrucksvollsten erweist sich in diesem Sinne der Mathematiker Leibniz, den Herbert Breger anhand mehrerer Beispiele von Entdeckungen und Beweisen beschreibt, die sich im handschriftlichen Nachlass finden, jedoch erst im späteren 18. und im 19. Jahrhundert von anderer Seite vollzogen wurden. Leibniz ging "verschwenderisch" - man könnte im Blick auf seine Publikationspraxis auch umgekehrt sagen: sparsam - mit seinen mathematischen Ideen und Projekten um, so dass er angesichts deren Fülle "gar keinen Anlass sah, jede neue Idee gleich zum Druck zu bringen" (134). Indem Breger Leibniz' Grundlagen der Infinitesimalrechnung präzise darlegt (131-134), entkräftet er später erhobene kritische Einwände gegen das von Leibniz entwickelte neue Kalkül und das darin eingeführte Kontinuitätsprinzip.

Vergleichbare Bezugspunkte zur Gegenwart werden sich in den äußerst anregenden Beiträgen zur Leibnizschen Metaphysik, die man mit Leibniz auch als natürliche Theologie bezeichnen könnte, kaum finden lassen. Gegliedert nach den Haupttopoi der christlichen Dogmatik skizziert Wilhelm Schmidt-Biggemann die rationalistisch konzipierte Theologie von Leibniz, die an seines Erachtens grundlegenden Punkten nicht widerspruchsfrei bleibe, bzw. in einen dilemmatischen Konflikt mit dem "Traditionschristentum" gerate, das in dem Beitrag möglicherweise doch zu eng eingegrenzt wird. Der Rahmen dieser Rezension erlaubt weder hiermit noch mit dem anderen Beitrag von Hubertus Busche zur "präetablierten" (vgl. zu diesem Begriff 64) Harmonie und Monadologie die erforderliche detaillierte Auseinandersetzung. Busche sieht den letzten Erklärungsgrund der Leibnizschen Substanzmetaphysik und des Verhältnisses von Monade und körperlicher Welt in einer Ätherstromhypothese. Man könnte fragen, ob eine solche kosmologisch-naturphilosophische Herleitung dem rationalistisch-metaphysischen Anliegen und Argumentationshintergrund vollständig gerecht wird.

Die in der Mehrheit von Hannoveranern in den Band eingebrachte Leibnizkompetenz nötigt gewiss jeden Respekt ab, ist es mit den zumeist akribisch argumentierenden Einzelbeiträgen doch gelungen, einen Eindruck von der Universalität des Leibnizschen Geistes und in manchen Bereichen dessen bis in die jüngere Vergangenheit anhaltender Aktualität zu vermitteln.

Hartmut Rudolph