Rezension über:

Walter Krüssmann: Ernst von Mansfeld (1580-1626). Grafensohn, Söldnerführer, Kriegsunternehmer gegen Habsburg im Dreißigjährigen Krieg (= Historische Forschungen; Bd. 94), Berlin: Duncker & Humblot 2010, 742 S., ISBN 978-3-428-13321-5, EUR 98,00
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Rezension von:
Max Plassmann
Historisches Archiv der Stadt Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Stellungnahmen zu dieser Rezension:
Empfohlene Zitierweise:
Max Plassmann: Rezension von: Walter Krüssmann: Ernst von Mansfeld (1580-1626). Grafensohn, Söldnerführer, Kriegsunternehmer gegen Habsburg im Dreißigjährigen Krieg, Berlin: Duncker & Humblot 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 1 [15.01.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/01/18963.html


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Walter Krüssmann: Ernst von Mansfeld (1580-1626)

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Längst ist die noch vor Jahrzehnten wissenschaftlich totgesagte Biographie wieder auf dem Vormarsch, insofern bedarf es keiner besonderen Rechtfertigung, warum eine bedeutende oder wenigstens einflussreiche Person zum Thema einer Biographie gemacht wird. Krüssmann hält sich folgerichtig gar nicht erst mit einer Begründung dafür auf, warum Ernst von Mansfeld Gegenstand seiner Kölner Dissertation wurde. Recht unvermittelt beginnt diese mit der Darstellung des in der Tat bislang völlig ungenügenden Forschungsstandes: Eine moderne Biographie liegt nicht vor, und die älteren sind so sehr einer durch konfessionelle und politische Wahrnehmungsmuster des 19. Jahrhunderts geprägt, dass sie aus heutiger Sicht mehr als ungenügend sind. Die Tatsache, dass hier eine Lücke besteht, reicht Krüssmann als Fundament seiner Arbeit aus.

Damit liegt er letztlich keineswegs falsch. Mansfeld war auf jeden Fall eine Persönlichkeit, die eine nähere Betrachtung lohnt. Als illegitimer Spross einer letztlich verarmten Linie des Mansfelder Grafenhauses wurde er 1580 in eine prekäre Situation hineingeboren, musste er doch sowohl um seinen Grafentitel als auch um ein Erbe beziehungsweise ein Einkommen kämpfen, das einen standesgemäßen Lebenswandel ermöglichte. Beides gelang nicht, obgleich sein Vater im Dienst der spanischen Habsburger in Luxemburg an sich die Chance gehabt hätte, seinem Sohn dort Patronage zu verschaffen. Der Versuch, im habsburgischen Militärdienst Fuß zu fassen, scheiterte jedoch letztlich, und Mansfeld wechselte die Seite zur protestantischen Union. Das Lager der Habsburggegner vermochte er danach niemals zu verlassen. Im Dienst der Union, der böhmischen Stände, des Kurfürsten von der Pfalz, der Niederlande, Englands, Frankreichs und Venedigs wurde er als Kriegsunternehmer zu einer prägenden Person des beginnenden Dreißigjährigen Kriegs.

Das System, angesichts mangelhafter finanzieller Ausstattung seiner Truppen durch die verschiedenen Kriegsherrn auf eine Besoldung und Ernährung aus den besetzten Gebieten zurückzugreifen und gleichzeitig immer neue Geldquellen bei immer neuen Dienstherren zu erschließen, wurde in mancher Hinsicht prägend für den Krieg. Es war aber in vielerlei Hinsicht nicht zukunftsfähig im Vergleich zu den Heeren Wallensteins, Tillys, Gustav Adolfs oder Frankreichs, die bei allen finanziellen und logistischen Schwierigkeiten doch einen festeren Rückhalt in ihren Dienstherren besaßen als Mansfeld. Dieser war daher eine Erscheinung des Übergangs vom freien Kriegsunternehmertum zum "stehengebliebenen" Heer der Zeit nach 1648 und ist als solche von hohem Interesse. Er entwickelte viele Techniken zur Kriegsfinanzierung, aber auch zum Erhalt einer einmal aufgestellten Armee, die in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickelt und modifiziert wurden, insgesamt aber viel zum Wesen der Kriegführung des 17. Jahrhunderts beigetragen haben. Ein genauer Blick auf Mansfelds Leben kann also lohnend sein und wesentlich zum Verständnis des Militärwesen seiner Zeit, zu den Mechanismen der Staatsbildung und nicht zuletzt zu Patronage und den Folgen fehlender Patronage bei der Absicherung eines adeligen Lebensstils beitragen. All dies ist so eng mit der Persönlichkeit Mansfelds verbunden, dass eine Biographie an sich mehr als gerechtfertigt erscheint.

Allerdings fehlen fast gänzlich solche Quellen, die einen Blick auf Mansfelds Persönlichkeit und persönliche Bestrebungen und Haltungen erlauben würden. Eine Biographie im klassischen Sinne ist daher von vornherein nicht möglich, denn vieles muss notgedrungen Spekulation bleiben, sofern Mansfelds eigentliche Beweggründe und Absichten ermittelt werden sollen. Dieses methodische Problem diskutiert Krüssmann jedoch nicht. Seine reichhaltige Verwendung des Konjunktivs zeigt jedoch, dass ihm bewusst war, auf welcher schmalen Quellenbasis er seine Schlussfolgerungen gründete. Insgesamt erstaunt überdies, wie wenig er auf archivische Quellen zurückgegriffen hat. Im Quellenverzeichnis tauchen nur das Staatsarchiv Turin, das Bayerische Hauptstaatsarchiv sowie die Staatsbibliothek München auf, jedoch auch diese wurden nur spärlich genutzt. Ansonsten verlässt sich Krüssmann weitgehend auf edierte Quellen und zeitgenössische Drucke. Nun ist zwar zuzugestehen, dass zum Dreißigjährige Krieg vergleichsweise viele Quellenpublikationen vorliegen, aber als alleinige Basis für eine Biographie sind diese doch zu schmal. Zum einen konzentrieren sie sich auf den diplomatisch-politischen Bereich, zum anderen handelt es sich teilweise um Publikationen, die einem bestimmten politischen Zweck dienten und daher mit großer Sorgfalt ausgewertet werden müssen. Der umfangreiche Gebrauch der in den von Krüssmann selbst als unwissenschaftlich charakterisierten Mansfeld-Biographien des 19. Jahrhunderts abgedruckten Quellen hätte in jedem Fall eine Prüfung anhand der Originale erfordert.

Sicher ist dabei zu berücksichtigen, dass Zeugnisse zu und von Mansfeld in Archiven in halb Europa verstreut liegen müssen, weil er mit halb Europa verhandelte. Hinzu kommen die regionalen Archive in weiten Landstrichen Mitteleuropas, die seine Armee durchzog. Diese sicher gestörte und nicht mehr vollständige, weit verstreute Quellenbasis zu sichten und auszuwerten mag von einem einzelnen Forscher zu viel verlangt sein. Es fragt sich dann aber, ob eine Selbstbeschränkung auf einen quellenmäßig besser zu fassenden Teilbereich der Biographie Mansfelds angezeigt gewesen wäre. Möglicherweise hätte es sich auch angeboten, anhand der reichhaltig vorliegenden zeitgenössischen Flugschriftenliteratur eine Geschichte der Wahrnehmung Mansfelds zu schreiben. So, wie Krüssmann sein Werk angelegt hat, kann es jedenfalls die Ansprüche an eine moderne Biographie nicht erfüllen, zumal seine antiquierte Wortwahl bisweilen Zweifel an der Modernität seines Ansatzes aufkommen lässt, beispielsweise die häufige Bezeichnung Mansfelds als "Reichsächter". Auch das "Feld der Ehre" (544) ist stilistisch eher vergangenen Zeiten zuzuordnen.

Bei aller Kritik bleibt doch die auch ohne Archivreisen eindrucksvolle Leistung Krüssmanns, die verstreute, disparate ältere Literatur und die vorhandenen Quellenpublikationen zu einer Lebensbeschreibung Mansfelds zusammengefasst zu haben, die kommende Forschungen stark erleichtern wird.

Max Plassmann