Rezension über:

Eckard Lefèvre: Philosophie unter der Tyrannis. Ciceros Tusculanae Disputationes (= Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Bd. 46), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008, 353 S., ISBN 978-3-8253-5550-0, EUR 40,00
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Rezension von:
Monika Bernett
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Monika Bernett: Rezension von: Eckard Lefèvre: Philosophie unter der Tyrannis. Ciceros Tusculanae Disputationes, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/16959.html


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Eckard Lefèvre: Philosophie unter der Tyrannis

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Im März 45 v.Chr. ermahnte Atticus seinen Freund Cicero, die gewohnte Lebensweise wieder aufzunehmen und sich nicht weiter derart gehenzulassen. Cicero parierte, es sei schon lange seine Gewohnheit gewesen, die res publica zu betrauern, nur weniger heftig, weil er noch einen Ruhepunkt - außerhalb der Politik - gehabt hätte. Jetzt habe er auch den verloren und suche Trost per litteras, wenigstens nicht ganz erfolglos: Die Traurigkeit habe er vermindern können, den Schmerz nicht, und wenn er es hätte bewirken können, hätte er es gar nicht gewollt (Att. 12, 30.2 ed. Kasten). Cicero hochdepressiv? So einfach wird man es nicht sehen dürfen. Zwar verdichteten sich häuslich-familiäre Übel, schmerzvolle Trauer und Entsagungsstimmungen in Ciceros Leben seit 46 v.Chr. [1] Nichtsdestotrotz begann er in dieser Zeit eine geplante (Orator 148) philosophische Gesamtschau und führte sie bis 44 v.Chr. auch in acht Hauptwerken aus, in denen er Themen und Auffassungen der einzelnen Schulen diskursiv und kritisch darstellte (ohne Naturphilosophie). Die "Erörterungen in Tusculum", verfaßt im Sommer/Herbst 45 v.Chr., behandeln dabei, wie eine vita beata zu erreichen sei.

Die Tusculanen galten lange als schwieriges, wenig integriertes Werk, bei dem die Forschung über Fragen nach Quellenvorlagen und philosophischen Kernbotschaften kaum hinausgekommen ist. Dies hat sich seit 2006 geändert. Außer dem hier anzuzeigenden Werk gibt es zwei weitere Monographien [2], die mit neuen Fragestellungen die anthropologischen und politischen Sinnbezüge der Tusculanen herausarbeiten. E. Lefèvres erklärtes Ziel ist es, "die persönliche Grundierung" der Schrift "herauszustellen und die Art, in der sich Cicero der 'griechischen Weisheit' bedient, deutlich zu machen" (9).

Teil I der Studie ("Analyse", 29-178) führt den über weite Strecken überzeugenden Nachweis, dass die fünf Bücher der Tusculanen nach den Regeln forensischer Rhetorik aufgebaut und inhaltlich disponiert wurden. Da es sich um einen nicht mehr sorgfältig überarbeiteten Text handele, erklärten sich gleichermaßen logische Einheitlichkeit in der Struktur wie Redundanzen und unausgeführte Vorgriffe. All dies wird von Lefèvre beim Durchgang durch die einzelnen Bücher genau herausgearbeitet. Zur Struktur des 5. Buchs gibt es eine Sonderthese, die unten noch besprochen wird.

Teil II "Tableau" (179-336) widmet sich dem persönlichen und politischen Kontext des Abfassungszeitraums, untergliedert in: "Situation" (179-191), "Persönliche Problematik" (193-212), "Politik" (213-239), "Philosophie" (241-266), "Rhetorik" (267-281), "Quellen" (283-323), "Genese" (325-332), "Ausblick: Die Entwicklung zu De officiis" (333-336). Die jeweiligen Perspektiven erarbeiten den Gehalt der Tusculanen als sehr persönliche, situationsgebundene sapientia-Literatur eines hochgebildeten Redners und derzeit verhinderten Politikers. Als Fortschritt ist die Verlagerung des Schwerpunkts weg vom streng philosophischen Gehalt zu sehen. Drei wichtige Thesen dieses aus souveräner Textkenntnis heraus geschriebenen zweiten Teils sind hervorzuheben:

(1.) Ciceros "Originalität": Aufgrund der rhetorischen Struktur der Bücher zielen Fragen nach (ausgeschriebenen) Vorlagen aus Lefèvres Sicht ins Leere; Cicero verdichte die Wirkung von Einzelargumenten durch rhetorische Effekte und führe auf diese Weise persuasiv die Gedanken des Zuhörers. Er schöpfe hierbei vor allem aus seinem Bildungsgedächtnis und selbst verfassten Texten oder akzentuiere aufgefrischte Lektüre (vgl. bes. 26. 267-281. 285 mit der Detailuntersuchung 285-323). Diese Beobachtungen stellen gewiss die alte Kompilationsfrage auf eine neue, fruchtbare Grundlage. Ergänzend könnte man hinzufügen, dass ein ganzer Teil der Oberschicht in dieser Zeit solche Abhandlungen verfasste und auf diesem Gebiet miteinander konkurrierte. Die Themen und Werke wurden brieflich und bei Gastmählern diskutiert, so dass Cicero Teil eines Kommunikationsfeldes war und nicht ein vereinzelt und verzweifelt Schaffender.

(2.) Das - der Forschung schon lange Kopfzerbrechen bereitende - fünfte Buch könnte aus Lefèvres Sicht "Keimzelle" der Tusculanen darstellen (329). Hier werde die zentrale Frage der Autarkie der virtus (von äußeren Umständen und Gütern), durch die eine vita beata realisiert werde, umfassend diskutiert. Deshalb käme auch Epikurs Position (5, 88b-118) ohne die sonst übliche Polemik zur Geltung und werde von Cicero vom Gehalt her, wenn auch mit stoischen Argumenten, unterstützt (199f.). Cicero soll ursprünglich vorgehabt haben, einen Dialog De vita beata zu publizieren, in dem zuerst ein Epikureer, dann Cicero als Stoiker argumentiert hätten. Beim Durcharbeiten des Textes habe Cicero jedoch erkannt, dass diverse Aspekte der weiteren Ausführung bedürften (Umgang des Weisen mit Tod, Schmerz, seelischem Kummer, Leidenschaften), denen er bei der Neukonzeption (= Tusculanae Disputationes) ein eigenes Buch widmete und seinen alten stoischen Teil aus kompositorischen Gründen an den Anfang des 5. Buchs stellte. Daraus würde sich die Unausgewogenheit der inhaltlichen Diskussion erklären. Die genetische Erklärung harmoniert im Grunde nicht mit der rhetorischen Strukturthese Lefèvres, da die Gegenläufigkeit der Thesen fehlt, sondern sich bei Cicero in Tusc. 5 alle Schulen zu einer Wahrheit zusammenfinden. Dies passt meines Erachtens eher zu einem persuasiven Abschluss des Gesamtthemas.

(3.) Die Tusculanen enthielten kritische Anspielungen auf Caesar als Tyrannen, der weder Staatsmann noch glücklich (und damit in Besitz von virtus) zu nennen sei (161; 163) und die res publica zerstört habe (225). Griechische Tyrannisbeispiele könnten auf Caesar gemünzt werden, Heldenexempla praktizierter virtus (auch Catos) mahnten zur virtus-geleiteten Selbstbehauptung unter den Bedingungen der Alleinherrschaft (vgl. das Kapitel B III 213ff.). Lefèvre hat hier Gedankengänge Strasburgers weitergeführt [3], geht aber nicht so weit wie Gildenhard in seiner politischen Lesart der Tusculanen [4]. Bei Lefèvre leitet Ciceros "Philosophie unter der Tyrannis" als Trostliteratur zur Individualethik Senecas über (260-266).

Es stellt sich allerdings die Frage, ob es wirklich der Trostgehalt der Literatur alleine war, der für Cicero ein gutes Aushalten - wohl kein "glückliches Leben" - unter widrigen Bedingungen bewirkte. Die Briefe aus den Jahren 46 und 45 v.Chr. dokumentieren nämlich sehr schön die Effekte von Ciceros "Selbsttherapie" in düsteren Zeiten. Mit seiner literarischen Tätigkeit band er Zeit und Energie, richtete sein Beziehungsnetz neu aus (da Politik und Gerichtswesen im Bürgerkrieg unfrei und somit unattraktiv geworden waren) und erlangte neue Bedeutung in der Oberschicht, etwa durch Verteilung von Widmungen und Besetzung von Dialogrollen (vgl. Att. 13, 24-37 ed. Kasten). Die Kommunikation über die häuslichen Angelegenheiten, auch über große Trauer und tiefen Schmerz, hielt Beziehungen aufrecht und wurde entsprechend stilisiert (man denke an die Erfindung der Textsorte Consolatio und die Totenklage um Cato). Insofern sollte man sich in diesen Jahren kein in Depression erstarrtes, vereinzeltes Individuum, sondern einen um Lebenskunst und kommunikative Anerkennung ringenden Senator und Konsular vorstellen. Die neuen Ansätze in den Untersuchungen zu Ciceros philosophischen Schriften leisten zur Erkenntnis dieses Wandels in der Oberschichtkultur, wie er sich im Übergang von der späten Republik zum Frühen Prinzipat vollzog, einen relevanten Beitrag. E. Lefèvre hat in diesem Kontext eine wichtige Neubewertung der Tusculanen und ihres Autors vorgenommen.


Anmerkungen:

[1] Die (teure) Scheidung von Terentia; die fehlgeleitete Heirat mit Publilia (Trennung März 45); die Scheidung der schwangeren Tochter Tullia vom Caesaranhänger Dolabella (November 46), der Tod Tullias im März 45 im Kindsbett (und bald darauf des Säuglings); der Streit mit Sohn Tullius, zunächst über dessen geplantes Engagement im Bürgerkrieg auf Seiten Caesars, dann über den aufwendigen Lebensstil in Athen (statt sich ernsthaft philosophischen Studien hinzugeben); die Ehekrise des Bruders Quintus.

[2] B. Koch: Philosophie als Medizin für die Seele. Untersuchungen zu Ciceros Tusculanae Disputationes, Stuttgart 2006; I. Gildenhard: Paideia Romana. Cicero's Tusculan Disputations, Cambridge 2007. E. Lefèvre hat von diesen Darstellungen im wesentlichen nur noch Kenntnis nehmen und da und dort auf sie verweisen können. Mit beiden Autoren teilt Lefèvre die Frage nach einer selbsttherapeutischen Funktion (Koch) und politischen Absicht (Gildenhard) der Tusculanen.

[3] H. Strasburger: Ciceros philosophisches Spätwerk als Aufruf gegen die Herrschaft Caesars, in: ders., Studien zur Alten Geschichte III, hg. v. G. Strasburger, Hildesheim / New York 1990, 407-498.

[4] Bei Gildenhard (s.o. Anm. 2) sind die Tusculanen Teil eines subversiven, neuen Bildungskonzepts Ciceros für den politischen Nachwuchs, das sich von den Traditionen der maiores abwendet und mit dem sich diese Gruppe für die Zeit nach dem Fall des Tyrannen auf ihre Führungsaufgaben vorbereiten soll.

Monika Bernett