Rezension über:

Hans Dickel (Hg.): Zeichnen vor Dürer. Die Zeichnungen des 14. und 15. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Erlangen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2009, XX + 443 S., ISBN 978-3-86568-469-1, EUR 69,95
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Rezension von:
Manuel Teget-Welz
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Manuel Teget-Welz: Rezension von: Hans Dickel (Hg.): Zeichnen vor Dürer. Die Zeichnungen des 14. und 15. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Erlangen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/18197.html


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Hans Dickel (Hg.): Zeichnen vor Dürer

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Die Graphische Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg kann mit ihren rund 1700 Zeichnungen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert zu den weltweit bedeutendsten ihrer Art gezählt werden. Das umfangreiche Zeichnungskonvolut wurde 1805 aus der Ansbacher Schlossbibliothek an die Erlanger Universitätsbibliothek überwiesen. 1784 werden die Handzeichnungen erstmals im Besitz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach erwähnt. Damals waren sie - zusammen mit Druckgrafik - in 11 Klebebänden versammelt. Diese so genannten Ansbacher Bände wurden vermutlich von Markgraf Johann Friedrich (1654-1686) für seine Kunstkammer aus Nürnberg erworben, wo sie wahrscheinlich von bekannten Sammlern wie Willibald Imhoff (1519-1580) zusammengestellt worden waren. Bei den hier vereinten altdeutschen Zeichnungen dürfte es sich im Ursprung um einen hauptsächlich in den Nürnberger Künstler-Werkstätten des ausgehenden Mittelalters über Generationen gewachsenen Fundus an Musterblättern, Skizzen usw. handeln, was die Erlanger Sammlung wiederum weltweit einzigartig macht.

Ein erster Bestandskatalog wurde 1929 von Elfried Bock, dem damaligen Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, vorgelegt. Seit dieser noch immer beachtenswerten Publikation erfuhren die Erlanger Zeichnungen vielfach weitere wissenschaftliche Bearbeitung, beispielsweise im Rahmen mehrerer Ausstellungsprojekte (zuletzt 2008 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, kuratiert von Rainer Schoch). Zudem hat sich das Blickfeld bei der Erforschung von Zeichnungen erheblich erweitert und sind Fragen nach der Funktion und deren Auswirkung auf Form und Technik in den Vordergrund getreten. Dem hieraus erwachsenen Desiderat einer Neubearbeitung der Erlanger Zeichnungen hat sich Hans Dickel, Professor am Institut für Kunstgeschichte der Universität Erlangen-Nürnberg, angenommen. Ein erstes ab 2006 angegangenes Projekt war den Erlanger Blättern des 14. und 15. Jahrhunderts gewidmet. Die Förderung übernahmen die Getty Foundation, Los Angeles, und die Staedler Stiftung, Nürnberg. Die wissenschaftliche Bearbeitung besorgten Stephanie Buck und Guido Messling, unterstützt von Iris Brahms.

Die Ergebnisse liegen jetzt in Form eines über 440 Seiten starken Bestandskatalogs vor, erschienen im Michael Imhof Verlag. Die darin besprochenen 154 Zeichnungen sind durchweg in Farbe, möglichst maßstabsgetreu und in brillanter Druckqualität wiedergegeben. Die Katalognummern liefern, neben den obligatorischen technischen Daten und dem Verzeichnis der Literatur, ausführliche Kommentare. Ausgehend von präzisen Beschreibungen werden die Blätter stets gut begründet verortet - wobei Vergleichsobjekte zumeist abgebildet sind - und ihrer kunsthistorischen Stellung nach gewürdigt. Dabei lassen die Autoren ebenso große Kennerschaft wie wissenschaftliche Sorgfalt und sprachliche Prägnanz erkennen. Ein einleitender Essay sowie ein Anhang mit den Abbildungen der Wasserzeichen runden den Prachtband sinnvoll ab.

Herausragend unter den Erlanger Blättern des frühen 15. Jahrhunderts ist das wohl in Böhmen entstandene Musterblatt mit elf Händen und einem Handschuh (Kat.-Nr. 3). Buck vergleicht hier - neben Tafelmalerei - mit Skulptur, konkret der Schönen Madonna von Krumau. Ergänzend darf für die Haltung der zweiten Hand von oben in der linken Reihe des Musterblatts auf die berühmte Madonna von Šternberk verwiesen werden. Die im Katalog vertretene spannende These, es könnte sich vielleicht um die Zeichnung eines Bildhauers handeln, hat daher einiges für sich.

Die farbenprächtige Pinselzeichnung einer zankenden Vogelschar wurde von Franz Winzinger dem Meister der Spielkarten zugeschrieben (Kat.-Nr. 38r/v). Dank u.a. minutiösem Vergleich der beiden behelmten Köpfe auf der Verso-Seite mit der Kreuzigungsszene vom Hochaltar der Breslauer Elisabethenkirche kann das Blatt Hans Pleydenwurff zugeordnet werden. Die Attribution an Frankens großen Bahnbrecher vor Albrecht Dürer überzeugt, ebenso wie die einer stattlichen Zahl weiterer Erlanger Blätter an dessen Werkstatt bzw. Umkreis. Damit wird Pleydenwurffs prägende Rolle für den süddeutschen Kunstraum des Spätmittelalters weiter erhellt und der Katalog zugleich zu einer willkommenen Ergänzung für Robert Suckales Pleydenwurff-Monografie.

Die reizvolle Landschaftszeichnung mit Flussvedute hat schon eine wahre Zuschreibungs-Odyssee hinter sich, u.a. galt sie Gertrud Otto als eine Arbeit des Memmingers Bernhard Strigel (Kat.-Nr. 95). Messling weist das Blatt im Vergleich mit einem Marienbild im Metropolitan Museum, New York, dem bis 1516 in Nürnberg tätigen Tafelmaler Hans Traut zu, welcher mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter dem Meister des Nürnberger Augustiner-Altars steht. Dass Dürer diesen Vertreter seiner Lehrergeneration schätzte, belegt die von ihm persönlich beschriftete Traut-Zeichnung mit dem hl. Sebastian (Kat.-Nr. 90). Es bleibt eine dringende Aufgabe der Forschung zur deutschen Kunst um 1500, Hans Traut mit einer aktuellen Monografie verlässlich greifbar zu machen. Der Erlanger Katalog lässt diese schmerzliche Lücke noch einmal deutlich werden.

Die Kopie nach der Mitteltafel des Mérode-Altars wird jetzt nach Süddeutschland lokalisiert und ins späte 15. bzw. frühe 16. Jahrhundert datiert (Kat.-Nr. 100). Zusammen mit der vielleicht von einem flandrischen Künstler angelegten detailgetreuen Kopie des ersten Menschenpaars auf Jan van Eycks Genter Altar (Kat.-Nr. 139) ist das Blatt ein faszinierendes Dokument für den Kulturtransfer im ausgehenden Mittelalter und belegt das über mehrere Künstlergenerationen anhaltende Interesse an den großen Vertretern der niederländischen Ars Nova; eine Blickrichtung, die nicht zuletzt Pleydenwurff vorgegeben hat und die noch auf Dürer wirkte.

Insgesamt lässt sich der Erlanger Bestandskatalog als elementarer und mustergültiger Baustein für die Erforschung der deutschen, insbesondere der fränkischen Zeichenkunst vor 1500 klassifizieren. Jeffrey Chipps Smith würdigte den Band jüngst als "an intellectual and visual fest". [1] Diesem Urteil kann sich der Rezensent nur anschließen.

Geplant wird aktuell ein zweiter Erlanger Bestandskatalog, welcher die Zeichnungen Dürers sowie die von dessen Zeitgenossen, darunter Albrecht Altdorfer, Hans Burgkmair d.Ä. und Hans Baldung Grien, umfassen soll (exklusive Lucas Cranach d.Ä.). Es bleibt zu wünschen, dass dieses ca. 400 Blätter umfassende Zeichnungskonvolut auf ebenso hohem Niveau bearbeitet und publiziert wird.


Anmerkung:

[1] Jeffrey Chipps Smith: Rezension Zeichnen vor Dürer, in: Renaissance Quarterly 63 (2010), 1400-1402, hier 1401.

Manuel Teget-Welz