Rezension über:

Sabine Hering (ed.): Social Care under State Socialism (1945-1989). Ambitions, Ambiguities, and Mismanagement, Leverkusen: Barbara Budrich 2009, 268 S., ISBN 978-3-86649-168-7, EUR 28,00
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Rezension von:
Christina Klenner
Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Christina Klenner: Rezension von: Sabine Hering (ed.): Social Care under State Socialism (1945-1989). Ambitions, Ambiguities, and Mismanagement, Leverkusen: Barbara Budrich 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/20220.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Sabine Hering (ed.): Social Care under State Socialism (1945-1989)

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Sabine Hering hat als Herausgeberin zusammen mit 22 weiteren Autorinnen und Autoren einen Sammelband vorgelegt, der Sozialfürsorge, soziale Arbeit und Sozialpolitik in allen ehemals staatssozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas unter unterschiedlichen Aspekten beleuchtet. Die Beiträge wurden meist von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der jeweiligen Länder verfasst. Der Band basiert auf einer langjährigen Zusammenarbeit im Rahmen des Network of Historical Studies on Gender and Social Work und vereinigt Beiträge zu einem breiten Themenspektrum (soziale Arbeit im engeren Sinne zum Schutz von Kindern, Mütterfürsorge, Erholung, Sozialpädagogik, Familienpolitik bis hin zu einigen grundsätzlicheren Abhandlungen über die Systeme sozialer Sicherheit und Sozialfürsorge), wobei nicht jedes Feld für jedes Land angesprochen werden kann.

Dabei besteht - darauf weist die Herausgeberin gleich zu Beginn hin - eine grundsätzliche Schwierigkeit darin, die Widersprüchlichkeiten in diesem Feld adäquat zu erfassen: der Widerspruch zwischen dem proklamierten umfassenden sozialen Anspruch dieser Länder, der nicht nur über Sozialpolitik verwirklicht werden sollte, sowie den bemerkenswerten Ergebnissen sozialer Absicherung großer Teile der Bevölkerung auf der einen Seite und den grundsätzlichen wie partiellen Defiziten der sozialen Absicherung für bestimmte Bevölkerungsgruppen sowie in bestimmten Bereichen auf der anderen Seite. Von großem Nachteil war zweifellos, dass die Traditionen sozialer Arbeit und die dementsprechenden Berufe und fachlichen Qualifikationen der Sozialfürsorge, die bereits vor 1945 entwickelt waren, nicht adäquat weitergeführt wurden, so dass bedürftige und benachteiligte Gruppen oft nicht die erforderliche professionelle Hilfe erhalten konnten. Andererseits wurden nicht selten Aufgaben der sozialen Arbeit von anderen Berufsgruppen mit übernommen (wie sozialpädagogische Aufgaben von den Instrukteuren der Arbeiter- und Bauernfakultäten, vergleiche den Beitrag von Ingrid Miethe), oder diese Aufgaben wurden an Massenorganisationen delegiert.

Der Hintergrund für die Defizite bestand zum einen darin, dass die Existenz einer ganzen Reihe von Problemen nicht anerkannt wurde, wie etwa Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, sexueller Missbrauch, Alkoholismus, später auch AIDS, und auf sie folglich auch nicht angemessen reagiert werden konnte. Dies entsprang auch der sozialistischen Ideologie von der grundsätzlichen Übereinstimmung gesellschaftlicher, kollektiver und individueller Interessen, nach der eine Art "Reparaturbetrieb" des Gesellschaftssystems, der persönliche Notlagen und Probleme hätte bearbeiten können, nicht nötig und auch abzulehnen sei. Soziale Arbeit und Fürsorge wurde als Begleiterscheinung des sterbenden Kapitalismus angesehen (93), die sich mit dem sozialistischen Aufbau selbst überflüssig machen würden. Diese Vorstellung ging insoweit auf, als die Arbeitslosigkeit überwunden und über das Recht, aber auch die Verpflichtung zur (bezahlten) Arbeit der Zugang der Mehrheit der Menschen zu sozialen Rechten gesichert wurde. Umfassende Maßnahmen wurden in Bezug auf die Familienpolitik, die Förderung der Frauenerwerbstätigkeit und die Betreuung von Kindern verwirklicht. Andere Probleme dagegen, die sich nicht im Rahmen der Befähigung zur Erwerbsarbeit lösen ließen, wie beispielsweise die Integration von Menschen mit schweren Behinderungen, wurden dagegen kaum politisch angegangen.

Zum anderen gehört zu den im Buch herausgearbeiteten Widersprüchlichkeiten, dass der Anspruch, als sozialistische Gesellschaft alle Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, zwar - in den einzelnen Ländern unterschiedlich - relativ breit eingelöst wurde, dass aber bestimmte Bevölkerungsgruppen aus politischen Gründen keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu sozialen Rechten hatten. Das betraf zum Beispiel selbständige Bauern und kleine Handwerker (67), die in der Tschechoslowakei Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre von sozialen Zahlungen ausgeschlossen wurden, um ihren Beitritt zu Genossenschaften zu forcieren. Soziale Rechte und Bevorzugungen wurden eingesetzt, um Arbeitskräfteströme zu steuern oder auch andere Ziele des Staates zu erreichen. So wurden innerhalb der bevorzugten Industriearbeiterschaft wiederum bestimmte Gruppen, zum Beispiel im Bergbau, beim Rentenniveau bevorzugt (75). Ein anderes Beispiel ist die pronatalistische Politik, die in den staatssozialistischen Ländern seit Ende der 1960er Jahre betrieben wurde, um den Rückgang der Geburtenraten zu stoppen, was im vorliegenden Band für Bulgarien (in dem Beitrag von Anelia Kassabova und Ulf Brunnbauer) gezeigt wird. Die komplizierte Konstellation war auch dadurch gekennzeichnet, dass soziale Rechte mitunter im Austausch gegen eine demokratische Mitwirkung des Volkes (vergleiche die Beiträge von Dorottya Szikra sowie Lenka Kalinová) eingesetzt wurden sowie mit Anreizen zu politisch gewolltem Verhalten verknüpft waren, um so ein von der vorgegebenen politischen Richtung abweichendes Verhalten zu verhindern (21).

Vier Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit der DDR. Unter anderem beschreibt Marcel Boldorf, wie das System der Sozialhilfe funktionierte ("social welfare in the narrower sense [...] as individual financial support and [...] payments and services to those in need", 79). Er zeichnet gesetzliche Regelungen nach, verweist auf die Rolle von Massenorganisationen wie Volkssolidarität und Demokratischer Frauenbund Deutschlands sowie das Grundverständnis, Sozialhilfe überflüssig zu machen, indem alle Menschen in Erwerbsarbeit einbezogen werden. Ingrid Miethe analysiert, wie in Arbeiter- und Bauernfakultäten bereits in den 1950er Jahren interessante sozialpädagogische Ansätze praktiziert wurden (auch wenn sie aus ideologischen Gründen nicht so genannt werden durften), die sich insbesondere den Lernschwierigkeiten von jungen Menschen aus bildungsfernen Familien zuwandten. Damit hat die DDR anerkanntermaßen zu einem frühen Zeitpunkt soziale Ungleichheit im Bildungssystem verringert.

Bemerkenswert ist die Differenziertheit des Buches. Im umkämpften Terrain der Historiografie über den Staatssozialismus werden hier keine pauschalen Urteile verkündet, sondern soziale Errungenschaften der betreffenden Länder anerkannt, aber ebenso ihre Widersprüchlichkeit und die generellen Defizite in diesem Bereich im Einzelnen benannt. Facette um Facette wird Historisches frei gelegt, auch wenn einige Beiträge in ihrem stark beschreibenden Charakter nur als erste Annäherung an eine umfassende Geschichtsschreibung anzusehen sind.

Christina Klenner