Rezension über:

Francisco Pina Polo: The Consul at Rome. The Civil Functions of the Consuls in the Roman Republic, Cambridge: Cambridge University Press 2011, X + 379 S., 2 s/w-Abb., ISBN 978-0-521-19083-1, GBP 65,00
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Rezension von:
Wolfgang Blösel
Fachgruppe Geschichte im Fachbereich 5, Universität Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Blösel: Rezension von: Francisco Pina Polo: The Consul at Rome. The Civil Functions of the Consuls in the Roman Republic, Cambridge: Cambridge University Press 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 1 [15.01.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/01/19660.html


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Francisco Pina Polo: The Consul at Rome

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Die zivilen Aufgaben der römischen Konsuln werden ungeachtet ihrer Vorrangstellung in der republikanischen Ämterhierarchie in der althistorischen Forschung kaum kontrovers diskutiert. Dabei beschäftigt das Verhältnis von ziviler zur militärischen Macht der Konsuln sie schon lange: So hat Giovannini Mommsens Theorie einer strikten Trennung der Wirkungsräume der Konsuln und folglich ihrer jeweiligen Rechtsgrundlagen, zwischen einem imperium militiae und einem imperium domi, grundsätzlich in Frage gestellt. [1]

Diese theoretischen, verfassungsrechtlichen Fragen des Konsulats will das Buch von Pina Polo nicht lösen, es hat vielmehr "an entirely empirical [...] approach, [...] to determine which functions were assigned to the consulship in political practice" (2). Es geht ihm dabei nicht um eine umfassende Beschreibung aller Tätigkeiten eines römischen Oberbeamten, wie sie T. Corey Brennan für die Prätur vorgelegt hat [2], sondern Pina Polo konzentriert sich auf die zivilen Aufgaben des Konsulats. [3]

Nach der Einleitung mit einer konzisen Forschungsübersicht gliedert sich die Abhandlung in zwei Großabschnitte: Der erste behandelt die Zeit von der Einführung des zweistelligen Oberamtes durch die Leges Liciniae Sextiae 367/6 bis zur Diktatur Sullas, der zweite die Jahre bis 50 v.Chr. Beide Abschnitte sind in sich thematisch nach den jeweiligen konsularischen Aufgabenfeldern symmetrisch strukturiert. Die zahlreichen Fallanalysen werden durch umfangreiche Sach-, Quellen- und Personenregister (358-379) einem schnellen Zugriff erschlossen.

Das 1. Kapitel beschäftigt sich mit dem Amtsantritt der Konsuln, der im Laufe der Jahrhunderte immer weiter von den Kalenden des Mai bis zu denen des Januar vorgeschoben wurde. Im 2. Kapitel stehen die umfangreichen religiösen Aufgaben der Konsuln als Bewahrer der pax deorum im Fokus wie die Entsühnung von Vorzeichen, die Leitung der feriae Latinae wie auch der ludi oder das Einschlagen des Jahresnagels. Das 3. Kapitel versteht die Konsuln als Sprecher des Senats im diplomatischen Austausch mit anderen Gemeinwesen. Die Kommunikationsformen der Konsuln mit dem Volk werden im 4. Kapitel beleuchtet: Ihre Edikte betrafen - ähnlich wie die contiones - in der Mehrzahl Fragen der Heeresaushebung oder religiöse Anweisungen. Pina Polo setzt in Kapitel 5 Sandbergs [4] These von der Beschränkung der konsularischen Gesetzesinitiative auf den militärischen Sektor die wohlbegründete Deutung entgegen, dass die Konsuln als Antragsteller von leges vom Senat dann ausersehen wurden, wenn diesen besondere Autorität verliehen werden sollte, wie Luxusgesetzen, Maßnahmen gegen Korruption oder einer Neuordnung der Gerichte. Das 6. Kapitel betont die Beschränkung der Rechtsprechung der Konsuln als quaesitores auf außergewöhnliche Verbrechen wie die Bacchanalien. Das 7. Kapitel stellt die weitreichenden Aktivitäten der Konsuln bei den öffentlichen Arbeiten wie dem Straßen- und Aquäduktbau sowie der Errichtung neuer Tempel dar. Das 8. Kapitel ist der Rolle der Konsuln bei der Landverteilung sowie der Gründung von Bürgerkolonien, das kurze 9. Kapitel der Diktatorenernennung gewidmet. Im 10. Kapitel über den konsularischen Vorsitz bei den Wahlen der Obermagistraten widerlegt Pina Polo überzeugend die verbreitete Annahme, der zuerst gewählte Konsul habe diese Aufgabe übernommen, und erweist primär praktische Gründe wie die räumliche Nähe zu Rom und Abkömmlichkeit des jeweiligen Konsuls von seinem Kriegsschauplatz als entscheidend.

Das 11. Kapitel exemplifiziert den typischen Jahresablauf der vorsullanischen Konsuln am Beispiel von Livius' Bericht für das Jahr 190 v.Chr. Dass allerdings auch noch im 2. Jahrhundert v.Chr. die meisten Konsuln primär mit Kriegführung beschäftigt waren, wie Pina Polo (211 u.ö.) behauptet, ist zu bezweifeln; je weiter das 2. Jahrhundert fortschritt, desto häufiger erhielt nur noch ein Konsul die Gelegenheit, militärischen Ruhm in den Provinzen zu erwerben, während sein Kollege zwar formal Italien als provincia erloste, wo jedoch damals keine veritablen Kriege mehr zu führen waren. [5]

Der zweite Abschnitt über die Zeit nach Sulla beginnt mit dem 12. Kapitel über Sullas angebliche lex Cornelia de provinciis, auf die ganze Forschergenerationen ein Verbot für die Konsuln und Prätoren, Rom vor Ende ihrer Amtszeit zu verlassen, zurückführten. Dieses Kapitel bietet mit seiner dichten Beweisführung den argumentativen Höhepunkt des Buches. In Anlehnung an Giovannini gelingt Pina Polo für die einzelnen Konsuln der Jahre 80 bis 53 v.Chr. der Nachweis der Nichtexistenz dieses Gesetzes, da Caesar als einziger von den Konsuln, die überhaupt in eine Provinz abgegangen sind, dies erst nach dem Ende seines Amtsjahres getan hat. Allerdings ist Pina Polos Behauptung, die zahlreichen Konsuln, die keine Provinz übernommen haben, hätten für deren Ablehnung die Zustimmung des Senats benötigt (240f.), nicht nachweisbar und nach Meinung des Rezensenten zudem unwahrscheinlich. Dasselbe gilt für sein Postulat eines Senatsbeschlusses aus Sullas Diktatur, der festgelegt hätte, die Konsuln sollten den Großteil ihres Amtsjahres in Rom selbst verbringen, um den angeblich grundlegenden Unterschied zu den vorsullanischen Oberbeamten zu erklären, für welche die Kriegsführung noch im Mittelpunkt gestanden habe (247f.). Doch dieser Wandel war keineswegs so abrupt, sondern schon seit der Mitte des 2. Jahrhunderts im Gange.

Das umfangsreiche 13. Kapitel zeigt auf, wie die Konsuln nach Sulla infolge ihrer stark vermehrten Präsenz in Rom immer mehr Zeit auf ihre zivilen Aktivitäten aufwandten, so im diplomatischen Feld wie auch besonders für das Einbringen von Gesetzen, den Auftritt in contiones, die Abfassung von Edikten oder auch die Teilnahme an der Tagespolitik, gerade als Leumundszeugen in Prozessen. Das 14. Kapitel stellt den üblichen Jahreslauf der nachsullanischen Konsuln auf Basis von Ciceros Selbstzeugnissen für das Jahr 63 v.Chr. dar.

In der kurzen Zusammenfassung betont Pina Polo einerseits die hohe Kontinuität der unterschiedlichen zivilen Aufgaben der Konsuln vom 4. bis zum 1. Jahrhundert v.Chr. und andererseits ihr enormes zeitliches Anwachsen auf Kosten der militärischen Aktivitäten nach Sulla. Er erklärt diese Entwicklung mit der Politisierung der Konsuln, deren Führungsqualitäten angesichts der gehäuft auftretenden innenpolitischen Krisen vom Senat und der Gesellschaft insgesamt eingefordert worden seien (246f.; 332-334). Wenn er dabei die Konsuln durchgängig - von der Ausnahme Caesar einmal abgesehen - als Ausführungsorgan des Senats gerade in der Rogation von Gesetzen sieht (317; 330), so postuliert er nach Auffassung des Rezensenten angesichts von der keineswegs senatskonformen Politik der Konsuln von 55, Pompeius und Crassus, und anderer [6] doch eine allzu weitgehende Harmonie zwischen beiden Institutionen.

Eine alternative Erklärung für die Verschiebung der konsularischen Aufgaben vom militärischen auf den zivilen Sektor könnte ein Blick auf diejenigen Konsuln nach Sulla liefern, die nicht nur für ihre Amtszeit, sondern auch für die Zeit danach die Übernahme einer Territorialprovinz abgelehnt haben. Da sowohl für diese Konsuln wie auch die zeitgleichen Prätoren, die ebendies taten, ein Anteil zwischen einem Drittel bis zur Hälfte von allen Oberbeamten erschlossen werden kann, scheint die Übernahme eines militärischen Imperiums im 1. Jahrhundert v.Chr. deutlich unattraktiver geworden zu sein als in früheren Jahrhunderten. Dies lässt sich zum einen mit den drastisch gesunkenen Gewinnmöglichkeiten als Statthalter der schon befriedeten Provinzen und zum anderen durch ein schon im 2. Jahrhundert einsetzendes und fortschreitendes Desinteresse der nobiles am Militär, mithin ihre Demilitarisierung erklären. [7]

Dessen ungeachtet bildet Pina Polos akribische Abhandlung mit ihren zahlreichen neuen Erkenntnissen zu den einzelnen Aufgabenfeldern eine verlässliche Ausgangsbasis für alle weiteren Forschungen zum republikanischen Konsulat.


Anmerkungen:

[1] A. Giovannini: Consulare Imperium, Basel 1983.

[2] T.C. Brennan: The Praetorship in the Roman Republic, 2 vol., Oxford 2000.

[3] Eine Übersicht über die zivilen Aufgaben der Konsuln, Prätoren und Diktatoren liefert das Handbuch von W. Kunkel: Staatsordnung und Staatspraxis der römischen Republik, Teil 2: Die Magistratur (Handbuch der Altertumswissenschaften; X 3.2.2), München 1995, 311-330.

[4] K. Sandberg: Magistrates and Assemblies. A Study of Legislative Practices in Republican Rome, Rom 2001.

[5] So überzeugend A.N. Sherwin-White: The Roman Foreign Policy in the East 168 B.C. - A.D. 1, London 1984, 11-13.

[6] So missachteten die beiden Konsuln des Jahres 57 mit ihrer Rogation für die cura annonae des Pompeius offenbar den massiven Protest der meisten principes (Cic. Att. 4,1,6).

[7] Dazu ausführlich W. Blösel: Die Demilitarisierung der römischen Nobilität von Sulla bis Caesar, in: ders. / K.-J. Hölkeskamp (Hgg.): Von der militia equestris zur militia urbana. Prominenzrollen und Karrierefelder im antiken Rom, Stuttgart 2011, 55-80.

Wolfgang Blösel