Rezension über:

Dieter Storz: Der Große Krieg. 100 Objekte aus dem Bayerischen Armeemuseum (= Kataloge des Bayerischen Armeemuseums Ingolstadt; Bd. 12), Essen: Klartext 2014, 459 S., zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-8375-1174-1, EUR 22,95
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Rezension von:
Peter Keller
Evangelisch-Theologische Fakultät, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Peter Keller: Rezension von: Dieter Storz: Der Große Krieg. 100 Objekte aus dem Bayerischen Armeemuseum, Essen: Klartext 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 12 [15.12.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/12/25853.html


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Dieter Storz: Der Große Krieg

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Gedenkjahre sind Ausstellungsjahre. Wer wüsste das besser als die Kuratoren der historischen Museen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, interessante Präsentationskonzepte zu ersinnen, aussagekräftige Exponate auszuwählen, anschauliche Objektbeschreibungen zu verfassen und anspruchsvolle Begleitprogramme zu planen, um für das aktuelle Weltkriegsjubiläum gerüstet zu sein?

Bekanntermaßen sind Ausstellungsjahre aber immer auch Katalogjahre. 2014 bildet hier keine Ausnahme. Mit wachsender Bereitschaft, den in Deutschland lange vergessenen Weltkrieg museal aufzubereiten, steigt, so scheint es, auch das Bedürfnis, die Ergebnisse dieser Bemühungen in Wort und Bild festzuhalten. Entsprechend lang und prominent besetzt ist der Reigen der Einrichtungen, die in diesem Jahr derartige Begleitbände vorgelegt haben: Das Deutsche Historische Museum findet sich hier, das Militärhistorische Museum der Bundeswehr - und nun auch das Bayerische Armeemuseum.

Also noch ein Weltkriegskatalog? Freilich, der Umstand, dass ein Armeemuseum während eines Gedenkjahrs ein Buch zur Epochenschwelle von 1914/18 präsentiert, ist auf den ersten Blick nur wenig aufsehenerregend. Doch hieran Kritik zu üben, wäre kleinlich und ginge am Kern der Sache vorbei. Denn der von Dieter Storz zusammengestellte Band ist anders als vergleichbare Publikationen. Einerseits ist das natürlich darauf zurückzuführen, dass es sich bei der Ingolstädter Weltkriegsausstellung nicht um eine Sonder-, sondern um eine Dauereinrichtung handelt; wohlgemerkt aber einer der größten ihrer Art in ganz Europa. Umso reichhaltiger war der Fundus, aus dem ausgewählt werden konnte und ausgewählt werden musste. Doch daneben unterscheidet sich sein Katalog auch konzeptionell deutlich von den konkurrierenden Veröffentlichungen. Die abgebildeten Artikel wurden von Storz nämlich nicht nur detail- und wissensreich beschrieben, sondern durch eine gehaltvolle Auswahl aus den umfangreichen Fotographie- und Gemäldebeständen des Armeemuseums überdies so geschickt ergänzt und eingerahmt, dass es dem Leser nun möglich ist, sich im wahrsten Sinne des Worts selbst ein Bild von ihrem tagtäglichem Gebrauch und ihrer kultureller Bedeutung zu machen.

Storz spannt dabei einen weiten, hundert Kapitel, beziehungsweise hundert Objektbeschreibungen umfassenden Bogen. Anders, als man es bei einem Weltkriegskatalog vielleicht erwarten würde, setzen seine weitgehend chronologisch geordneten Darlegungen schon mit dem Krieg von 1870/71 ein und beinhalten in Folge die langen Friedensjahre des zweiten deutschen Kaiserreichs. Und ganz egal, ob es sich um eine Büste Wilhelms II, den Uniformrock eines sächsischen Einjährig-Freiwilligen, die Pickelhaube oder das Gewehr 98 handelt: Überall erfährt der Leser durch aussagekräftige Illustrationen mehr über die materielle und immaterielle Bedeutung der abgebildeten Gegenstände. Wo immer es ging, hat Storz hierbei Abbildungen ausgewählt, die einfache Menschen bei der Handhabung der fraglichen Objekte zeigen. Sogar abstrakte Themen wie Kaiserkult, Wehrverfassung, Militarismus oder Heeresrüstung werden auf diese Weise personalisiert und damit beinahe schon physisch greifbar gemacht.

Seine eigentliche Wucht entfaltet der Katalog allerdings während der Kriegsjahre. Hier präsentiert Storz eine interessante Alltags- und Gebrauchsgeschichte militärischer Gegenstände, wie man sie in dieser Form bislang viel zu selten sieht. Seine Ausführungen beschränken sich dabei bei weitem nicht nur auf die bayerische Armee. Denn Feldpistolen, Tornister, Kochgeschirr Verbandspäckchen und vieles mehr waren selbstverständlich auch bei den Soldaten der übrigen deutschen Kontingente zu finden. Besonders spannend sind Storz Erläuterungen immer dann, wenn es ihm gelingt, auf Fotographien Verwendung und Inszenierung einzelner Objekte gegeneinander auszuspielen. So etwa im Fall der Gasmaske, die einerseits lebensnotwendiger militärischer Ausrüstungsgegenstand, andererseits aber auch ein auf privaten Abbildungen gerne vorgezeigtes Symbol für Frontkämpfertum war (274 f.).

Stellenweise gibt der Katalog aber auch Anlass zur Kritik. Heimat und Heimatfront spielen in Storz' Buch eine vergleichsweise geringe Rolle. Jenseits von patriotischem Wandschmuck, von Kriegsanleihen, Zeitungsmeldungen und Propagandaplakaten erfährt man nur wenig darüber, wie Frauen, Kinder, Alte und Kranke die Jahre von 1914 bis 1918 erlebten. Sicherlich: Das Sammlungsprofil eines Armeemuseum legt dem Bearbeiter hier von vornherein natürliche Grenzen auf. Aber musste der Blick auf die zivile Bevölkerung tatsächlich derart schmal geraten?

Erstaunlich knapp wird auch die Revolutions- und Nachkriegszeit abgehandelt. Ihr werden gerade einmal sechs Kapitel eingeräumt; wenig, wenn man sich vor Augen hält, dass der Vorkriegszeit immerhin fünfzehn Exponate zugestanden wurden. Einige wichtige Fragen werden dadurch erst gar nicht angerissen: Was geschah mit der bayerischen Armee nach Ende des Krieges? Was wollten die Soldatenräte? Wie erinnerte man sich innerhalb und außerhalb des Militärs an den Krieg? Lange Rede, kurzer Sinn: Vielleicht hätte bei der Auswahl der Objekte die ein oder andere Ermessensentscheidung anders ausfallen können.

Doch das kann und soll Storz' Verdienste nicht schmälern. Wer über diese marginalen Schwachstellen hinwegsehen kann, wird mit einem in sich stimmigen Kompendium belohnt, dessen fachlicher Mehrwert weit über die Ingolstädter Weltkriegsausstellung hinausreicht. Dieter Storz ist es gelungen, ein ebenso instruktives wie lehrreiches Buch vorzulegen. Möge es viele Leser finden.

Peter Keller