Rezension über:

Sandrine Dubel: Lucien de Samosate. Portrait du sophiste en amateur d'art (= Études de Littérature Ancienne; 22), Paris: Éditions Rue d'Ulm 2014, 240 S., ISBN 978-2-7288-0506-8, EUR 25,00
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Rezension von:
Heinz-Günther Nesselrath
Seminar für Klassische Philologie, Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Heinz-Günther Nesselrath: Rezension von: Sandrine Dubel: Lucien de Samosate. Portrait du sophiste en amateur d'art, Paris: Éditions Rue d'Ulm 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 4 [15.04.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/04/25026.html


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Sandrine Dubel: Lucien de Samosate

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Das vorliegende Buch präsentiert aus dem Œuvre des Sophisten und Satirikers Lukian von Samosata diejenigen Werke und Werkauszüge, in denen es um bildende Kunst geht, in der französischen Übersetzung von Eugène Talbot (vgl. u.).

Das "Préface" (9-16) bietet eine Übersicht über die präsentierten Texte sowie Bemerkungen zu den Beziehungen zwischen bildender Kunst und Rhetorik und hebt Lukian als einen Autor hervor, der sich als "véritable connaisseur" für die "facture des œuvres d'art" (15) interessiere, während es vielen anderen (z.B. Philostrat) nur um die dargestellten Themen gehe.

Folgende Lukian-Werke werden in Gänze präsentiert: "Lukians Traum" (Somnium); "Lobrede auf einen schönen Saal" (De domo); "Hippias oder Das Bad"; die Einführungsvorträge (Prolaliai) "Zeuxis oder Antiochos", "Herodot oder Aëtion", "Der gallische Herakles"; schließlich die Dialoge "Die Bilder" (Imagines) und "Verteidigung der Bilder" (Pro Imaginibus). Ferner bietet das Buch Auszüge (in denen es um Werke der bildenden Kunst geht) aus folgenden Schriften: "Über die Verleumdung" (De calumnia), Kap. 1-6 (über Apelles und seine allegorische Darstellung der Verleumdung), "Über die Syrische Göttin" (De Dea Syria), Kap. 1, 10, 30-40 (der Haupttempel von Hierapolis und seine Statuenausstattung), "Die Lügenfreunde" (Philopseudeis), Kap. 18-21 (die Statuen im Haus des reichen Eukrates), "Der tragische Zeus" (Jupiter Tragoedus), Kap. 6-12 und 33 (die Statuen der Götter, die sich bei Zeus versammeln, und der Hermes Agoraios von der athenischen Agora) und schließlich noch die Kapitel 5-18 (Besichtigung der berühmten Aphrodite von Knidos) aus dem von einem Lukian-Nachahmer verfassten Dialog "Gespräch über die Liebe" (Amores).

Diesen Texten und Textauszügen ist eine informative Einführung vorangestellt; zu den Übersetzungen selbst gibt es detaillierte erläuternde Anmerkungen, und in einigen Fällen (bei "Lukians Traum", bei "Zeuxis oder Antiochos" und beim "Gallischen Herakles") folgen Appendices, die Motive der jeweiligen Schrift weiterverfolgen. Im Folgenden einige Bemerkungen zum Dargebotenen.

"Lukians Traum" wurde wohl deswegen an den Anfang gestellt, weil diese sich autobiographisch gebende Schrift zumindest suggeriert, schon der junge Lukian habe ein Interesse an bildender Kunst gehabt. Bemerkenswert ist hier Dubels These (21), die Beschreibung der personifizierten Paideia sei nicht nur positiv, sondern erinnere an die anderswo von Lukian dargestellte schlechte Rhetorik, und die personifizierte Steinmetzkunst nicht nur negativ, sondern zeige Übereinstimmungen mit der Aretê in der in Xenophons Memorabilien (II 1, 21-34) nacherzählten Geschichte des Prodikos von "Herakles am Scheidewege".

Bei "Hippias oder Das Bad" bezweifelt Dubel, dass es sich bei der beschriebenen Anlage um ein reales Gebäude handelt; sie erwägt sogar, in diesem kurzen Text eine "critique du goût romain pour ces soins" oder eine "pièce satirique à clef" zu sehen (58); das bleibt fraglich. Auch bei "Zeuxis oder Antiochos" äußert Dubel Zweifel an der Realität des beschriebenen Gemäldes (65). Die Appendix zu diesem Text bietet eine kommentierte Übersetzung des Bildes "Kentaurinnen" aus den Imagines (II 3) des älteren Philostrat und der Beschreibung des "Kentauren" aus den Ekphraseis des Kallistratos (nr. 12). Diesen Autor setzt Dubel ins 4. Jahrhundert n. Chr., doch gehört er vielleicht ins frühe 5. Jahrhundert (vgl. dazu B. Bäbler / H.-G. Nesselrath, Ars et Verba. Die Kunstbeschreibungen des Kallistratos, München / Leipzig 2006, 3-5 - eine kommentierte zweisprachige Ausgabe, die Dubel nicht kennt). Bei der Schrift "Über die Verleumdung" bezeichnet Dubel die Frage, ob es das Verleumdungs-Bild des Apelles wirklich gab, als letztlich unlösbar (87); nach den Erörterungen von B. Borg (Bilder zum Hören - Bilder zum Sehen: Lukians Ekphraseis und die Rekonstruktion antiker Kunstwerke, Millennium 1, 2004, 26-51 - in Dubels Bibliographie zitiert, aber offenbar nicht benutzt) spricht viel dafür, dass es sich um eine brillante Fiktion handelt.

Die ursprünglich 1857 erschienenen Lukian-Übersetzungen Talbots wurden für diesen Band revidiert, erscheinen aber immer noch gelegentlich korrekturbedürftig. So ist ein Satz in De domo 22, Perseus' Rettung der Andromeda sei "un épisode de sa lutte aérienne contre les Gorgones", recht irreführend wiedergegeben; im Original steht, diese Rettung sei ein "Nebenprodukt seines Fluges gegen die Gorgonen" gewesen. Mit dem Elektron, aus dem feine Ketten in Hercules 3 bestehen, kann nicht Bernstein ("ambre", 96), sondern muss die Metall-Legierung Elektron gemeint sein; und der Kreter Talos in Philops. 19 ist kein Sohn ("fils", 119) des Minos, sondern dessen roboterartiger "Diener", wie übrigens auch die Anm. 16 auf der gleichen Seite klarmacht.

Auch die Erläuterungen sind gelegentlich verbesserungs- oder ergänzungsbedürftig. In dem auf S. 29 abgebildeten Vasenbild ist die rechts stehende Frau falsch als "Korê" identifiziert; es handelt sich um Demeter. Der 36 Anm. 77 mit Fragezeichen dem Eupolis zugewiesene Komödienvers aus Prom. es 2 ist jetzt fr. adesp. 461 K.-A. Dass Lukian als Sophist in Gallien aufgetreten sei (93 Anm. 2), steht nicht in De mercede conductis, sondern in Apologia 15. Die Schwierigkeiten, die zur Versammlung im "Tragischen Zeus" eintreffenden Götter nach den Materialien ihrer Statuen zu ordnen, werden nicht "§ 13 à 18" (123), sondern Kap. 7-12 geschildert. Eine bessere Erklärung des Hasses des misogynen Kallikratidas auf Prometheus in Am. 9 als die 138 Anm. 13 gegebene (weil Prometheus den Menschen das Feuer gab, habe Zeus Pandora als die erste Frau erschaffen lassen) wäre ein Verweis auf den echten Lukian, der in seinem Dialog Prometheus diesem direkt vorwerfen lässt, er habe die Frauen erschaffen (Prom. 3); vgl. ferner Menander fr. 508 K.-A., zitiert in Kap. 43 dieses Dialogs. Die Episode, in der Hera den Zeus überlistet, ist nicht in Ilias 19,91-94 (163 Anm. 59), sondern 19,95-133 erzählt. Dank Papyrusfunden haben wir inzwischen wieder größere Teile einer Reihe von Stesichoros-Gedichten und nicht nur "quelques fragments" (169 Anm. 80), vgl. M. Davies / P. Finglass, Stesichorus: the poems, Cambridge 2014. Ein Pindar-Fragment wird 157 Anm. 33 nach der maßgeblichen Ausgabe von Snell zitiert, 171 Anm. 83 dagegen nach Bowra (239 = 74 Snell).

Der Band schließt mit einem langen Essay (177-210) von Jackie Pigeaud zum Thema "Lucien et l'ecphrasis", doch hat dessen Inhalt nur wenig mit seiner Überschrift zu tun, denn der Autor benutzt diese nur als Ausgangspunkt, um in sehr assoziativer Form eigene Thesen auszubreiten, in denen Lukian kaum eine Rolle spielt. Er endet mit dem Hinweis, dass man Lukian wie Jorge Luis Borges einen "esprit fabulateur" zuschreiben könne; zu dieser Erkenntnis hätte es freilich der vorausgehenden 33 Seiten kaum bedurft.

Es folgen noch einige nützliche Anhänge: eine Übersicht über die von Lukian erwähnten bildenden Künstler und Werke (215f.), eine sehr detaillierte Bibliographie (217-233 und ein Register, das Namen, zitierte Werke und Stellen sowie Sachbegriffe in sich vereinigt (235-240).

Dem Buch sind 21 Abbildungen beigegeben; manche davon (z.B. die Kentaurenbilder, die die Prolalia Zeuxis illustrieren) sind hilfreiche visuelle Erläuterungen, bei anderen fragt man sich, warum sie eingefügt wurden (z. B. der "Alte Fischer/Seneca" zur Einleitung des Textauszugs aus den "Lügenfreunden").

Fazit: das Buch wird allen, die der französischen Sprache mächtig sind, Lukians bemerkenswertes Interesse an bildender Kunst näherbringen können, auch wenn man sich bei einigen Details mehr Präzision und gelegentlich auch Information gewünscht hätte.

Heinz-Günther Nesselrath